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Anne Häußler: Der TEACCH Ansatz zur Förderung von Menschen mit Autismus

Rezensiert von Dr. Richard Hammer, 24.10.2022

Cover Anne Häußler: Der TEACCH Ansatz zur Förderung von Menschen mit Autismus ISBN 978-3-8080-0924-6

Anne Häußler: Der TEACCH Ansatz zur Förderung von Menschen mit Autismus. Einführung in Theorie und Praxis. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2022. 240 Seiten. ISBN 978-3-8080-0924-6. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 48,50 sFr.

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Thema

Der Name „TEACCH“ steht für „Treatment and Education of Autistic and related Communication handicapped CHildren“ und ist die Bezeichnung für das staatliche Autismus-Programm im US-Bundesstaat North Carolina. Dahinter verbirgt sich ein Netzwerk aus Einrichtungen, die in enger Zusammenarbeit mit den Familien von Betroffenen und anderen Dienstleistungsträgern eine lebenslange Förderung und Begleitung von Menschen mit Autismus bereitstellen. Die Aufgaben des TEACCH Programms umfassen neben Diagnostik, Förderung und Beratung auch wissenschaftliche Forschung sowie die Ausbildung von Fachleuten, die im Autismusbereich arbeiten.

Die Anfänge des TEACCH Programms gehen in die 1960er Jahre zurück; seit 1972 existiert es als feste Institution in North Carolina. Auch in Deutschland findet dieser ganzheitliche, pädagogisch-therapeutische Ansatz zunehmend Verbreitung, was zum großen Teil der Verdienst von Anne Häußler ist.

Autorin

Anne Häußler ist Diplompädagogin, Diplompsychologin (USA) und TEACCH® Certified Advanced Consultant. Sie absolvierte nach ihrem Pädagogikstudium (Schwerpunkt Heil- und Sonderpädagogik) eine zweijährige Ausbildung in einem TEACCH-Zentrum in North Carolina und schloss ihr Studium der Psychologie mit Promotion an der Universität von North Carolina in Chapel Hill in Zusammenarbeit mit dem TEACCH-Programm ab.

Seit mehr als 35 Jahren ist sie tätig im „Arbeitsfeld Autismus“, wobei ein besonderer Schwerpunkt bei der Entwicklung, Anwendung und Verbreitung des TEACCH®-Ansatzes liegt, was durch Vielfache Veröffentlichungen von Büchern und Fachartikeln zu diesen Themen belegt wird.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch ist ein Ergebnis der Begeisterung, die Anne Häußler während ihres Studiums in North Carolina für den TEACCH-Ansatz entwickelt hat. Es war und ist ihr ein Anliegen, diesen Ansatz auch für den deutschsprachigen Bereich zugänglich zu machen. Die Nachhaltigkeit dieses Wunsches wird deutlich in den Vorworten zu den ersten fünf Auflagen dieses Buches, die immer wieder zeigen, wie die Autorin am Thema dran ist und sowohl die Entwicklung von TEACCH, als auch die gesellschaftlichen Veränderungen bei den Neuauflagen berücksichtigt.

Aufbau

Das Buch im DIN A 4 Format umfasst 240 Seiten. Es ist sehr übersichtlich gegliedert, umfasst einen umfangreichen Theorieteil, in dem für die 6. Auflage dieses Buches aktuelle Entwicklungen in Bezug auf das TEACCH® Autism Program in North Carolina aufgegriffen und neueste Studien und Diskussionen zur wissenschaftlichen Fundierung des TEACCH® Ansatzes berücksichtigt werden. Der praktische Teil berücksichtigt viele wichtige Aspekte und Inhalte, die sich in Seminardiskussionen sowie Gesprächen der Autorin mit ihrer Leserschaft als wesentliche praxisrelevante Fragen erwiesen haben. In Anhang finden sich zahlreiche Informationen zu Kontaktadressen, Besuchen und Ausbildungsmöglichketen im TEACCH Autism Programm, sowie eine Checkliste zur Arbeit mit TEACCH, Literaturangaben und ein Stichwortverzeichnis. In dieser Auflage stehen nun auch zusätzlich alle Vorlagen als Download zur Verfügung.

Die Kapitel im Einzelnen:

  1. TEACCH — was hinter dem Namen steckt: Begriffe, die man trennen sollte
  2. Wenn das Gehirn anders arbeitet: Kognitive Unterschiede bei Menschen mit Autismus
  3. Auswirkungen auf das Lernen: Warum „normale“ Pädagogik bei Menschen mit Autismus an ihre Grenzen stößt
  4. Structured Teaching: Strukturierung und Visualisierung in der Förderung von Menschen mit Autismus
  5. Konkrete Hilfen zum Verstehen und Handeln: Die Praxis des Structured Teaching
  6. „Und wie fange ich an?“ — Hilfen und Anregungen für die Entwicklung von Strukturierungshilfen
  7. Strukturierung sozialer Situationen: Die Brücke zum Anderen
  8. Dennis — Skizze einer Förderung nach dem TEACCH Ansatz
  9. Max — Beispiel eines Förderberichts auf der Basis des PEP-3
  10. Die Übertragbarkeit von TEACCH — Eine Herausforderung

Inhalt

Das erste Kapitel beginnt mit der Klärung des Begriffs. TEACCH ist zum einen die Bezeichnung für das staatliche Förderprogramm zur Förderung und Begleitung für Menschen mit Autismus. Mit dem Namen (teach = unterrichten) soll aber auch deutlich gemacht werden, dass der Schwerpunkt der Hilfen im pädagogischen Bereich liegt. TEACCH ist ein komplexer Ansatz, hinter dem auch eine „Philosophie“ steckt, die im weiteren Text deutlich wird. Hinter der „Arbeit nach dem TEACCH Konzept steckt mehr als die Anwendung bestimmter Techniken. Zum TEACCH-Ansatz gehören:

  • eine wissenschaftliche Grundlage
  • eine spezielle Diagnostik
  • individuelle Förderpläne für eine ganzheitliche Entwicklung
  • die Integration verschiedener Methoden zur Entwicklungsförderung und
  • Structured Teaching (S. 29).

Im weiteren Verlauf des Kapitels wirft die Autorin einen Blick auf die Geschichte von „Division TEACCH“ und berichtet darüber, wie alles begann. Es folgt eine aktuelle Skizze des Modellprogramms in North Carolina und die Beschreibung von TEACCH als pädagogisch-therapeutischen Ansatz, der ein umfassendes Konzept zur Förderung von Menschen mit Autismus darstellt. Durch die Darstellung wissenschaftlicher Studien belegt die Autorin, dass es sich bei TEACCH um ein evidenzbasiertes Verfahren handelt, dass es also empirische Befunde für die Bestätigung der Theorie gibt. Antworten auf häufig gestellte Fragen zum TEACCH Ansatz aus dem Kontext von Seminaren und Beratungsgesprächen runden das Kapitel ab.

Im zweiten Kapitel stehen die Besonderheiten der Wahrnehmung bei Menschen mit Autismus im Mittelpunkt. Aus den Besonderheiten beim Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten sowie beim Gleichgewichtssinn entwickelt sich bei Menschen mit Autismus ein eigener kognitiver Stil, also eine andere Art, Informationen zu sammeln, zu verarbeiten und für das Denken und Handeln zu nutzen.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit den Auswirkungen auf das Lernen, geht also der Frage nach, warum „normale“ Pädagogik bei Menschen mit Autismus oft an ihre Grenzen stößt. Ursachen dafür sind: Verarbeitung sprachlicher Informationen, Fähigkeit zur Imitation, verzögerte Reaktionen, Probleme mit der Generalisierung, zeitliche Organisationen (Zeitgefühl), Ablenkbarkeit und die Schwierigkeiten bei der Durchführung komplexer Handlungen. Daraus sind Konsequenzen für die pädagogische Förderung zu folgern, in Bezug auf inhaltliche Aspekte, Art der Anforderungen, Art der Verstärker, Formen der Instruktion und Anleitung und die Gestaltung der Unterrichtssituation.

Im vierten Kapitel macht die Autorin nochmals deutlich, dass der TEACCH-Ansatz pädagogisch orientiert ist, dass also im Vordergrund „nicht die Behandlung einer Störung, sondern die Unterstützung des Menschen mit Autismus beim Lernen (steht)“ (S. 51). Dargestellt werden Grundlegendes zur „Strukturierung“ im Rahmen des TEACCH-Ansatzes, insbesondere der Vorteile der visuellen Informationsvermittlung und die Einsatzbereiche und Grenzen von Structured Teaching in der Entwicklungsförderung, sowie allgemeine Hinweise für die praktische Umsetzung.

Im nächsten Kapitel werden diese allgemeinen Hinweise konkret. Es geht um die Praxis des Structured Teaching. Dazu gehören die Strukturierung des Raumes, die Strukturierung von Zeit und Tagesablauf, die Arbeitsorganisation, Aufgabenpläne und Systeme zur selbstständigen Beschäftigung, die Gestaltung von Material und Strukturierung von Tätigkeiten und schließlich die Routinen als Hilfe zur Strukturierung.

Hilfen und Anregungen für die Entwicklung von Strukturierungshilfen gibt es im 6. Kapitel. Dabei ist es das Anliegen der Autorin „in Bezug auf die einzelnen Ebenen der Strukturierung Denkanstöße zu geben, die bei der konkreten Gestaltung von strukturierenden Hilfen unterstützen sollen“ (71). Hilfreich dafür sind Hinweise sowie Checklisten: zur Aufdeckung von Unklarheiten (bzgl. Raum, Zeit, Arbeitsorganisation, Material, Routinen), zur Raumaufteilung und der Strukturierung des Raumes, zur Erstellung von Plänen, zur Organisation des Arbeitsplatzes, zur Gestaltung des Arbeitssystems, zur Entwicklung einer Arbeitshaltung, zur Überprüfung der Selbstständigkeit des Arbeitsablaufs sowie eine Systematik zur Einordnung von Fähigkeiten im Kontext ausgewählter Aspekte der kognitiven Entwicklung.

Das siebte Kapitel handelt von der Strukturierung sozialer Situationen. Dabei werden – auch hier wieder mit hilfreichen Checklisten und Arbeitsblättern – viele konkrete Hilfen zur Beschreibung und Gestaltung einer Partneraktivität gegeben.

Auf 50 Seiten wird im 8. Kapitel die Skizze einer Förderung nach dem TEACCH Ansatz mit dem Kind Dennis beschrieben. Mit Berichten, Förderplänen, Beobachtungsbogen, Gutachten und Protokollen aus der Arbeit mit Dennis wird ein Einblick und ein Gefühl vermittelt, wie die Arbeit mit diesem Ansatz realisiert werden kann. Die Autorin konnte zum Ende der Schulzeit von Dennis eine erneute Förderdiagnostik (TTAP) durchführen, deren Ergebnisse in die aktuelle Auflage mit eingeflossen sind.

Im 9. Kapitel folgt die Darstellung eines Förderberichts auf der Basis von PEP-3 auch hier wieder mit zahlreichen Plänen und Förderbeispielen.

Im 10. Kapitel geht die Autorin der Frage nach, ob und wie das „TEACCH Autism Programm“ in Deutschland umgesetzt werden kann. Sie kommt zum Ergebnis, dass es übertragbar ist, weist jedoch deutlich darauf hin, dass es in Einrichtungen für Menschen mit Autismus nur als Gesamtkonzept realisierbar ist. TEACCH ist keine Therapie, die eine Stunde pro Woche oder nur von einer Betreuungsperson im Team angewendet werden kann. Es geht dabei darum, „für Menschen mit Autismus jeweils die individuell am besten geeigneten Bedingungen zu schaffen, um ihnen ein Verstehen, Handeln und persönliche Entwicklung zu ermöglichen“ (S. 225).

Im Anhang bietet die Autorin eine Checkliste an, die hilft, einen Einstieg in die Arbeit mit TEACCH zu finden.

Diskussion

Dieses Buch bietet einen umfassenden Einblick in den TEACCH® Ansatz und systematisiert dessen Bausteine zu einem Gesamtentwurf. Die Autorin beleuchtet die theoretischen Grundlagen und referiert in der 6. Auflage des Buches die neuesten Forschungsergebnisse zum Thema TEACCH als evidenzbasiertes Verfahren. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf dem praxisbezogenen Teil, den sie mit einem sehr ausführlichen Fallbeispiel lebendig werden lässt.

Ausgehend von der pädagogischen Grundhaltung, die den TEACCH® Ansatz kennzeichnet und den daraus resultierenden generellen Herangehensweisen, gibt die Autorin ganz konkrete Hinweise und Hilfen zur praktischen Umsetzung. Checklisten, Leitfäden, Dokumentations- und Arbeitsblätter erleichtern den Einstieg; praktische Beispiele geben Orientierung und Anregung für die eigene Praxis.

Da TEACCH als Konzept nur dann erfolgreich eingebracht werden kann, wenn die Betreuer*innen auch ein grundlegendes Verständnis von Autismus haben, wird auch diesem Theorieteil viel Raum gegeben – eine gute Grundlage für die Arbeit mit Menschen mit Autismus. Denn „Ausgangspunkt für die Arbeit nach dem TEACCH Ansatz ist ein fundiertes Wissen über Autismus und die damit verbundene Art des Denkens, das sich auf das Lernen und Verhalten auswirkt“ (S. 223).

Der breite Erfahrungshorizont der Autorin wird deutlich mit Blick auf weitere Bücher, die sie zum Thema TEACCH (teilweise mit Co-Autor*innen) veröffentlicht hat:

Fazit

Das „TEACCH® Autism Programm“ besteht nunmehr seit 50 Jahren. Er wurde in den USA entwickelt, findet seitdem auch im deutschsprachigen Raum zunehmend Beachtung in der pädagogischen und therapeutischen Betreuung – hauptsächlich für Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Dies ist ein großes Verdienst von Anne Häußler, die mit dem Buch eine gute theoretische Grundlage anbietet und eine sehr praxisorientierte Hilfestellung für die Arbeit mit TEACCH gibt.

Uns liegt also hier ein wirklich empfehlenswertes Buch vor, für Eltern sowie für pädagogische und therapeutische Fachkräfte, die den TEACCH® Ansatz kennenlernen wollen und alltagspraktische Hilfen für die Begleitung und Förderung ihrer Kinder beziehungsweise von Klientinnen und Klienten im Alltag suchen.

Rezension von
Dr. Richard Hammer
Dipl. Motologe
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Es gibt 18 Rezensionen von Richard Hammer.

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Zitiervorschlag
Richard Hammer. Rezension vom 24.10.2022 zu: Anne Häußler: Der TEACCH Ansatz zur Förderung von Menschen mit Autismus. Einführung in Theorie und Praxis. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2022. ISBN 978-3-8080-0924-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29776.php, Datum des Zugriffs 02.12.2022.


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