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Yvonne Grüner, Petra Stolle: Zwickmühlensituationen im elementarpädagogischen Alltag

Rezensiert von apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting, 30.11.2022

Yvonne Grüner, Petra Stolle: Zwickmühlensituationen im elementarpädagogischen Alltag. Kopiervorlagen mit Lösungsansätzen für sozialpädagogische Ausbildungsgänge. Verlag Handwerk und Technik GmbH (Hamburg) 2022. 96 Seiten. ISBN 978-3-582-04716-8. 34,95 EUR.

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Thema

Einer der Schwerpunkte der Erzieher:innenausbildung liegt spätestens seit ihrer Strukturierung in Aufgabenfelder auf der Diskussion von Dilemmata. Meistens kommen sie als Fallgeschichten daher, sollen zu kasuistischem Lernen motivieren und die Vernetzung der einzelnen Aufgabenfelder sinnfällig machen. Des Weiteren bieten sich solche „Zwickmühlensituationen“ an, um Aspekte elementarpädagogischer Theorie zu verdeutlichen, zu vertiefen und auf die praktische Arbeit zu beziehen. Im Idealfall emergiert nun ein auf dem hermeneutischen Zirkelschlag beruhender Kreislauf, den es über die Ausbildung hinaus zu wiederholen und im Hinblick auf lebenslanges Lernen zu funktionalisieren gilt.

Autorinnen

„Nach der Ausbildung zur Erzieherin übernahm Yvonne Grüner mehrere Jahre die Gruppenleitung in einer Kindertagesstätte“, dann studierte sie Sozialpädagogik, arbeitete in einer Wohngruppe für Menschen mit Beeinträchtigungen, bevor sie Deutsch studierte und Berufsschullehrerin wurde. Sie unterrichtet „die Fächer Deutsch, Pädagogik und Theaterpädagogik“ (S. 2).

Petra Stolle ist ausgebildete Kinderpflegerin. Sie arbeitete in verschiedenen Kinderheimen, studierte dann Sozialpädagogik, „gründete eine Pflegefamilie, ehe sie die Gruppenleitung in einem Kindergarten und dann die Gesamtleitung […] übernahm.“ Petra Stolle „unterrichtet Pädagogik, Theaterpädagogik und begleitet die Praxis der Studierenden.“ (S. 2).

Entstehung

Immer wieder, so betonen die Autorinnen, seien sie beim Unterrichten mit herausfordernden Praxissituationen ihrer Studierenden konfrontiert gewesen. Neben lebhaften Diskussionen hätten die Berichte über diese Situationen erkennen lassen, dass in der sozialpädagogischen Praxis „kein allgemeingültiges Rezept“ (S. 3) existiere. So seien gerade die „Zwickmühlensituationen“ dazu angetan, zu demonstrieren, dass es mehr als eine Lösungsmöglichkeit für problematische Situationen gebe. Außerdem könnten sie dazu beitragen, die Handlungskompetenz der Studierenden zu stärken.

Aufbau und Inhalt

Das Buch im DIN-A-4-Format stellt insgesamt achtzehn Situationen aus der elementarpädagogischen Praxis dar. Alle folgen demselben Schema.

Bericht über die Situation mit sieben Aufgaben, die sich auf die folgenden Punkte beziehen:

  • Beschreibung der Zwickmühlensituation,
  • Analyse der Situation unter Einbeziehung der unterschiedlichen Positionen der beteiligten Personen,
  • Begründung des eigenen Standpunkts zur Situation,
  • Aufzeigen von Handlungsoptionen für die beteiligten Personen,
  • Verknüpfung der Situation mit „wissenschaftlichem Theoriewissen“,
  • Wahl und Begründung einer Handlungsoption,
  • Zusammenfassung der gewonnenen Erkenntnisse und offene Fragen.

Exemplarische Lösungen der einzelnen Aufgaben, Ideen für die weitere Unterrichtsgestaltung.

Während die Printfassung mit den Lösungen bestückt ist, lassen sich im begleitenden E-Book sowohl die leeren als auch die ausgefüllten Arbeitsblätter hervorklicken.

In den Zwickmühlensituationen als solchen geht es etwa in der ersten Situation um eine „gesprengte Angebotsdurchführung“ (S. 7 ff.), konkret um eine „Bilderbuchbetrachtung“, während der die Kinder von der Abbildung einer Höhle zum Bau einer eigenen inspiriert werden und sich nicht mehr auf das Buch konzentrieren.

Die folgende Situation greift Konflikte auf, die entstehen können, wenn zu viele Kinder allein im Außenbereich spielen möchten; Situation Nr. 3 schildert den Fall einer Erzieherin, die Kinder mit Migrationshintergrund – seit nur drei Monaten sind diese in Deutschland – auffordert, Deutsch zu sprechen. In anderen geschilderten Begebenheiten steht die Rolle des:der Erziehers:in als Modell für die Kinder im Zentrum: eine Erzieherin, die Fliegen totschlägt, obwohl ein Projekt zum Thema Insekten den Kindern vor Augen geführt hat, dass Bienen, Wespen und nicht zuletzt Fliegen für die Natur nützlich sind, oder ein Erzieher, der sich freut, dass die Kinder ausgelassen mit Wasser spielen, jedoch nicht hinterfragt, ob Wasser verschwendet wird.

Drohende Konflikte mit Eltern – eine alleinerziehende Mutter, die ihr schniefendes und schließlich fieberndes Kind in die Kita bringt (Sit. 8), Eltern, die einen Ausflug nicht bezahlen (Sit. 12) – oder zwischen Praktikant:innen und Anleitung sind ebenfalls Thema: Ein Erzieher und Mentor überlegt, ob er einer ziemlich unzuverlässigen Praktikantin ein Empfehlungsschreiben ausstellen kann (Sit. 9). In einer wiederum anderen Situation tritt ein Praktikant auf, der sich unsicher ist, ob er einen Erzieher, der mit den Worten „Orhun und seine Eltern feiern ein muslimisches Fest oder so“ (S. 52) eine mitgebrachte Baklava kommentiert, auf die Bedeutung des Zuckerfests hinweisen und eine thematische Vertiefung anregen soll.

Die Frage nach professioneller pädagogischer Haltung bzw. explizit die Themen Nähe und Distanz (Sit. 11), die Geschichte eines Jungen, der Gewaltszenen aus Fernsehserien nachspielt (Sit. 17) und nicht zuletzt der Fall einer Erzieherin, die Schneemänner aus Papier, gestaltet von den Kindern, bewertet und sortiert (Sit. 18), tun neben den hier nicht genannten Situationen ein Übriges, um Studierenden Handlungsdilemmata zu präsentieren.

Im Inhaltsverzeichnis führen die Autorinnen die aus der Situation zu generierenden Themen auf und ein Sachwortverzeichnis am Ende beschließt den Band.

Diskussion

Im Unterricht des ersten Aufgabenfelds der Erzieher:innenausbildung, „Berufliche Identität und professionelle Perspektiven weiterentwickeln“, können die Situationen ausnahmslos eingesetzt werden. Die Verzahnung mit anderen Aufgabenfeldern und die anzustrebende Vertiefung ebendort manifestieren sich adäquat in den jeweiligen Themen.

Sehr zu begrüßen ist, dass die Situationen ein weites thematisches Spektrum umfassen. Ihre grobe Gliederung nach den jeweils vorherrschenden Handlungsebenen wäre indessen absolut wünschenswert.

Für Studierende sind ohne Zweifel die stereotypisierten Aufgaben am Ende des jeweiligen Textes hilfreich. Obgleich diese immer passen und ihre Ausrichtung an der pädagogischen Praxis nicht in Frage zu stellen ist, wäre es sinnvoll gewesen, sie auf einer soliden theoretischen Basis gründen zu lassen. So hätten sich die Autorinnen eventuell an dem dafür sehr geeigneten „Modell der vollständigen Handlung“ von Clifford Geertz orientieren, dieses vorab kurz skizzieren und auf weiterführende Literatur dazu hinweisen können. Die Darstellung des Kreislaufs von der Praxis zur Theorie und erneut zur Praxis, im Einzelnen ein Weg in sechs Etappen – vom Erfassen der Situation (1) hin zu ihrer Analyse (2), von dort zum Formulieren von Zielen, dem Planen und Entscheiden (3), dann zum Ausführen der Handlung (4), zur Reflexion/​Bewertung (5) und Dokumentation (6) und schließlich zurück zu derselben oder einer ähnlichen Situation – hätte der Publikation sehr gutgetan und zudem einen Praxis-Theorie-Kreislauf pointiert.

Die zweite Aufgabe lautet: „Analysieren Sie die Situation, indem Sie versuchen, die unterschiedlichen Perspektiven/​Interessen der beteiligten Personen nachzuempfinden“, die dritte: „Beschreiben und begründen Sie, wie Sie selbst zu dieser Situation stehen“. Hier ist anzumerken, dass „Analysieren“ in der Liste der bundesweit gültigen Operatoren extrem wenig mit „Nachempfinden“ zu tun hat. Vielmehr waltet hier das rational und logisch dominierte Erforschen, das Vertiefen im Theoretischen und Transferieren des Vorgefundenen auf ähnliche Gegebenheiten und Fragen.

„Selbst dazu stehen“ verleiht der an sich gelungeneren Frage drei ein hohes Maß an Subjektivität, das die Aspekte des Beschreibens und Begründens ins Wanken bringt.

Festhalten lässt sich, dass zwar alle hier skizzierten Dilemma-Situationen sowohl für das Nachempfinden als auch das „Stehen“ zu ihnen geeignet sind, nicht jedoch in den Anforderungskontexten der Operatoren Analysieren, Beschreiben und Begründen.

Alle Situationen dienen der Professionalisierung, sind daher hervorragend in der Praxis zu verorten, tragen aber im Gegensatz dazu kaum dem Anspruch Rechnung, die Erzieher:innenausbildung zu akademisieren. Desgleichen kann mit allen Texten, obwohl sie in den meisten Fällen viel zu knapp geraten sind, pädagogisches Handeln erläutert und anhand der Lösungsansätze exemplifiziert werden.

Darüber hinaus bleibt leider die Rubrik „Fachwissen“, in der nun die Theorie, die eigentlich schon bei Frage zwei hätte eingefordert werden müssen, hinzukommen soll, oberflächlich. Die Autorinnen begnügen sich mit einer Liste von Begriffen, in der weder Namen noch Quellen erscheinen.

Um dafür zwei Beispiele zu geben: Zu Aufgabe Nr. 5 heißt es bei Situation Nr. 1 unter „möglicher theoretischer Anbindung“:

  • Bilderbuchbetrachtung
  • Angebotsplanung/​Umsetzung von Zielen
  • Bedürfnisse von Kindern
  • Erzieherrolle
  • Bild vom Kind
  • Pädagogisches Handeln (S. 10)

Bei allen Punkten fehlen die Spezifizierungen der Begriffe und die Namen von Theoretiker:innen. Da in der ersten Situation die Bilderbuchbetrachtung zentral ist, hätten Grüner und Stolle zumindest auf die Unterscheidung in „dialogisch“ und „diskursiv“ eingehen sollen.

Die Lösungen zu derselben Aufgabe lauten bei Situation Nr. 6:

  • Werte und Normen in der Natur und Lebenswelt
  • Erzieherverhalten/​Vorbild sein
  • Reflexion des eigenen Handelns
  • Partizipation
  • Ambiguitätstoleranz (S. 35)

Sieht man davon ab, dass in der Natur kaum von „Werte und Normen“ die Rede sein kann und es opak bleibt, welche Lebenswelt gemeint ist (eventuell sollen Werte und Normen für die Natur und die Lebenswelt der Menschen fokussiert werden [?]), bleibt die Reihung der folgenden Schlagworte kontextlos und aussagearm, umso mehr, als am Ende der Publikation noch nicht einmal ein Literaturverzeichnis zu finden ist. Das ist dann doch ein bisschen zu viel Ansatz und zu wenig Lösung.

Eine Frage, die sich aufdrängt, ist ebenso, warum die Autorinnen an keiner Stelle die Begriffe „Dilemma“ oder „dilemmatisch“ gebrauchen. Liegt es ihnen am Herzen, ganz bewusst zu simplifizieren und im Zuge dessen sogar auf Fachbegriffe zu verzichten?

Eine unschöne orthografische Kleinigkeit soll nur am Rand erwähnt werden: es entspricht den Regularien des Dudens, alle Zahlen bis mindestens zwölf in Buchstaben zu schreiben, es sei denn, sie befinden sich in einer numerischen Reihung oder einer Statistik. So etwas wie in Aufgabe 4 (hier die Reihung) sollte vermieden werden: „Zeigen Sie mindestens 2 mögliche Handlungsoptionen […] auf.“ Dennoch: gerade mit dem Aufzeigen der Handlungsoptionen kann die vorliegende Publikation punkten.

Fazit

Mit „Zwickmühlensituationen im elementarpädagogischen Alltag“ erheben Yvonne Grüner und Petra Stolle den Anspruch, ein Praxisbuch vorzulegen, das für die Sozialassistent:innen- und für die Erzieher:innenausbildung gleichermaßen geeignet ist. Während es für die soziale und pädagogische Erstausbildung vollumfänglich empfohlen werden kann, bestehen für die zweite eine Reihe von Einschränkungen. Diese sind allerdings trotz allem zu vernachlässigen, denn entscheidet man sich einmal dafür, mit den Dilemma-Situationen zu arbeiten, dürfte es ein Leichtes sein, ihren Inhalt ad libitum zu erweitern und sie theoretisch zu vertiefen.

Rezension von
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
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Es gibt 37 Rezensionen von Anne Amend-Söchting.

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Zitiervorschlag
Anne Amend-Söchting. Rezension vom 30.11.2022 zu: Yvonne Grüner, Petra Stolle: Zwickmühlensituationen im elementarpädagogischen Alltag. Kopiervorlagen mit Lösungsansätzen für sozialpädagogische Ausbildungsgänge. Verlag Handwerk und Technik GmbH (Hamburg) 2022. ISBN 978-3-582-04716-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29778.php, Datum des Zugriffs 07.02.2023.


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