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René Reichel (Hrsg.): Beratung. Psychotherapie. Supervision

Cover René Reichel (Hrsg.): Beratung Psychotherapie Supervision. Einführung in die psychosoziale Beratungslandschaft. Facultas Verlag (Wien) 2005. 283 Seiten. ISBN 978-3-85076-729-3. 19,90 EUR.
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Einführung in das Thema, Hintergründe und Autor

Wenn Landschaften unübersichtlich werden, ist es gut, eine detailgetreue Landkarte in der Hand zu haben, um sich orientieren zu können. Was Reichel mit dem Stichwort "psychosoziale Beratung" (oder, noch weiterreichend, "biopsychosoziale Beratung", S. 70) umreißt, ist solch eine unübersichtliche Landschaft. Eine Landkarte bietet, im analogen Sinn, der Einband des Buches. Die "Flurnamen": Sinn-Wald, Jammertal, Depressions-Schluchten, Manische Alpen, Reflexionsebene, Suchtsümpfe. Die Straßen: Schneller Ratweg, Reiki-Pfad, Lösungsweg, Wendekreis. Eine schöne Idee! Dementsprechend versucht der Band Orientierung zu geben im "Coachingland" und "Seminarreich".

Der Herausgeber, René Reichel, ist Psychotherapeut und Supervisor. Er ist Lehrgangsleiter für pychosoziale Beratung an der Donau-Universität Krems sowie Ausbilder für Supervision und Coaching. In Deutschland ist er mit einer Reihe von Veröffentlichungen der "Arbeitsgemeinschaft für Gruppenberatung" (AGB) bekannt geworden, z.B. "Kreativ beraten", "Das ist Gestaltpädagogik", "Das Methoden-Set" etc. Etliche AutorInnen sind, ausgehend von unterschiedlichen Grundprofessionen, SupervisorInnen in der "Österreichischen Vereinigung für Supervision" (ÖVS), andere sind Psychotherapeuten und/oder Fachärzte für Psychiatrie, so dass Reichel ein kenntnisreiches und erfahrenes Autorenensemble präsentieren kann.

Der Band hat drei Teile: in einem ersten skizziert Reichel die Beratungslandschaft, in einem zweiten kommen "spezielle Themen aus der Beratungslandschaft" zum Tragen, in einem dritten werden "Arbeits- und Berufsfelder in der Beratungslandschaft" gezeigt.

1 Die Beratungslandschaft

Der allgemein orientierende erste Beitrag von René Reichel beginnt mit Definitionen dessen, was unter "psychosozialer Beratung" zu verstehen ist sowie mit einer ersten Skizze der "Landschaft". Im Folgenden wird deren Entwicklung nachgezeichnet: Welche Faktoren haben dazu beigetragen, dass sich überhaupt eine eigene "Beratungslandschaft" entwickelt hat? Welche Vorläufer gab es? Auf welche Bedürfnisse antwortet ein differenziertes Beratungsangebot? Zusammenfassend heißt es: "Je komplexer und differenzierter die Themenstellungen sind, desto höher ist der Bedarf nach kommunikativer Unterstützung." (S. 43) Die Beratungsszene hat sich aber nicht nur gebildet, sie hat sich auch professionalisiert. Reichel reflektiert die Kriterien für Professionalität im Beratungsbereich - und das durchaus kritisch. So widmet er einen Absatz dem Thema "Die - vor allem sprachliche - Inszenierung der Professionaltät" - es ist vor allem der Jargon, der den Profi vom Laien unterscheidet, aber: "Spätestens bei der Verwendung von Sprache wird deutlich, dass Professionalität etwas mit Macht zu tun hat, das heißt auch mit Machtmissbrauch." (S. 55). Einen wichtigen Beitrag stellt auch der Abschnitt "Zwischen Beraten und Behandeln - Zum Unterschied von Beratung und Psychotherapie" dar, an den sich der nächste Absatz mit der Frage anschließt: "Gibt es ein "Allgemeingut" in Psychotherapie und Beratung?"

2 Spezielle Themen aus der Beratungslandschaft

Den zweiten Teil des Bandes eröffnet Brigitte Schigl mit ihrem Aufsatz über "Forschung in der Beratungslandschaft". Schigl gehört zu einer Gruppe von ForscherInnen, die sich um die Entwicklung einer angemessenen Forschungsmethodik für die Beratungsforschung bemühen. (Sie ist auch Mitautorin des Bandes von Petzold/Schigl/&Fischer/Höfner, Supervision auf dem Prüfstand, vgl. die Rezension) Reichel gibt im nächsten Kapitel einen Überblick über Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten in Beratung, ihre Voraussetzungen und Schwerpunkte. Leitner beschließt den zweiten Teil mit einem Beitrag zum Thema Evaluation.

3 Arbeits- und Berufsfelder in der Beratungslandschaft

Der dritte Teil schließlich fächert das Feld der Beratung auf. Die Darstellung reicht von Psychotherapie (Aull, Reichel)über Supervision und Coaching (Gotthardt-Lorenz, Lorenz), Lebensberatung (Bitzer-Gavornik), Ärztliche Beratung (Rohrhofer), Sozialpsychiatrie (Eichberger), Sozialarbeit (Dvorak), Seelsorge (Panhofer) bis hin zur schulischen Beratung (Tschötschel-Gänger). "Die Stellung der PsychologInnen in der Beratungslandschaft" (Kastner, Schigl) wird in einem eigenen Kapitel reflektiert. Diese Kapitel haben Handbuch-Charakter und geben einen guten Überblick über das Feld, allerdings deutlich in österreichischer Perspektive. Jedes Kapitel bietet eigene, z.T. ausführliche Literaturlisten.

Diskussion

Angesichts der diversen Handbücher, die in diesem Sektor bereits auf dem Markt sind, kann man natürlich nach dem Sinn eines weiteren ähnlichen Buches fragen. In der letzten Zeit sind z.B. Nestmann et.al., Das Handbuch der Beratung ( vgl. zu Band 1 die Rezension und zu Band 2 die Rezension) und Migge, Handbuch Coaching und Beratung (vgl. die Rezension) erschienen. Aber der vorliegende Band setzt eigene Akzente. Erstens einen geographischen: er bildet besonders die österreichische Beratungslandschaft ab. Die ist der deutschen nicht unähnlich, aber dennoch geprägt durch eigene Strukturen, Traditionen und Gesetzeslagen. Für deutsche BeraterInnen ist dieser Blick über die Grenze informativ und bereichernd. Zweitens aber auch einen Akzent auf empirischer Forschung und Evaluation. Dieses Thema hat m.E. einen besonders wichtigen Stellenwert, denn am Ende wird nur die Beratungsform bestehen können, die ihre eigenen Effekte belegen kann. Und einen dritten, hilfreichen Akzent bildet das Thema der Abgrenzung von Psychotherapie und Beratung, das sich durch eine ganze Reihe von Beiträgen zieht und für BeraterInnen unmittelbar relevant ist. Also alles in allem: das Buch ist ein lesenswerter Beitrag zu dem im Titel genannten Themenfeld!

Die Lesbarkeit variiert, wie nicht anders zu erwarten, von Kapitel zu Kapitel, entsprechend den behandelten Themen. Grundsätzlich aber wird in dem Band darauf geachtet, einen exklusiven Jargon zu vermeiden. Das gelingt recht gut - man muss sich nie "durchbeißen". Der Band heißt im Untertitel "Einführung in die psychosoziale Beratungslandschaft" - und auch diesem Anspruch wird er gerecht: er ist auch von Menschen gut zu lesen, die keine bis wenige Vorkenntnisse in psychosozialen Beratungsdiskursen haben, sich aber in dieser Landschaft erste Orientierung verschaffen möchten. Ich könnte mir also auch gut z.B. AusbildungskandidatInnen in diversen Beratungsausbildungen als LeserInnen denken. Die sind auch expressis verbis angesprochen - neben BeraterInnen und TherapeutInnen, Menschen, die noch auf der Suche sind nach der für sie passenden Ausbildung, sowie StudentInnen der Psychologie, Pädagogik, Sozialpädagogik etc. (S. 7f). Der genannte Personenkreis wird bei der Lektüre (auch bei der selektiven!) gewiss auf seine Kosten kommen!

Fazit

Der Band ist informativ und in seiner Themenwahl breit gefächert. Er bietet zahlreiche Anknüpfungsmöglichkeiten und Anregungen und ist im Preis wirklich nicht zu teuer!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 07.03.2006 zu: René Reichel (Hrsg.): Beratung Psychotherapie Supervision. Einführung in die psychosoziale Beratungslandschaft. Facultas Verlag (Wien) 2005. ISBN 978-3-85076-729-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2978.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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