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Besl Leonhard: Die liebe Familie

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 16.11.2022

Cover Besl Leonhard: Die liebe Familie ISBN 978-3-7565-1615-5

Besl Leonhard: Die liebe Familie - Dekonstruktion der sozialen Wirklichkeit. epubli (Berlin) 2022. 5. Auflage. ISBN 978-3-7565-1615-5. 17,99 EUR.

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Wir leben in falschen Gegensätzen

„Familie“, der natürliche, entstandene Zusammenschluss einer menschlichen Gemeinschaft, erhält im anthropologischen, humanen Diskurs eine besondere Zuweisung. Philosophisch wird „oikia“ als „die für das gesamte tägliche Leben bestehende Gemeinschaft“ verstanden (Aristoteles-Lexikon, S. 388f). Und in der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Deklaration wird festgestellt: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“; und in Artikel 12 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte kommt zum Ausdruck: „Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder rechtswidrigen Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden“. Die Definition des Begriffs wird natürlich, kulturell, moralisch, emotional und gesellschaftspolitisch vollzogen: „Blut ist dicker als Wasser!“ – „Blutverwandtschaft“ – „Keimzelle der Gesellschaft“ – „Blutrache“… Familiengeschichten sind im individuellen und kollektiven Bewusstsein der Menschen Analysen, Abhandlungen und Abrechnungen. Sie reichen von der Frage: „Wer bin ich?“ (Immanuel Kant), bis hin zu: „Wenn ja, wie viele?“ (Richard David Precht). 

Familiale Wirklichkeiten

Die traditionellen, selbstverständlichen, gottgewollten und von den dominanten Mächten diktierten familialen Auffassungen geraten in den Zeiten der individuellen, lokalen und globalen, gesellschaftlichen Veränderungen ins Wanken. Das Bewusstsein vom „Ich“, vom „Wir“ und von den „Anderen“ bedarf, um Ego-, Ethnozentrismen zu verhindern und zu ganzheitlichem, solidarischem, humanem Denken und Handeln zu kommen, eines Perspektivenwechsels, auch im familialem Wissen. Der beim Amt der Salzburger Landesregierung als Kulturreferent tätige Leonhard Besl, hat 2020 die Dissertation „Die Familie. Neuinterpretation einer traditionellen Form sozialer Organisation“ vorgelegt (Kovač-Verlag, www.socialnet.de/rezensionen/26716.php). Im Eigenverlag bringt er das Essay „Die liebe Familie: Dekonstruktion der sozialen Wirklichkeit“ heraus. Er diagnostiziert den egoistischen und verantwortungslosen Umgang der Menschen mit der Biosphäre und verdeutlicht anhand der Veränderungen (auch) der Familie, dass die „Menschheit vor der Herausforderung steht, umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren“ (siehe dazu auch: Weltkommission „Kultur und Entwicklung“, 1995). Gefordert ist eine neue Kultur des Zusammenlebens.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert die Studie, neben der einleitenden Frage „Bin ich ein Mensch?“, und der anthropologischen, evolutionären Nachschau darüber, wie wir Menschen in der kosmischen Existenz geworden sind, wie wir sind: „Am Anfang war…“, in weitere Teile. Er fragt nach dem „Heimat“- Begriff, im Zusammenhang mit Dominanz-, autochthonen und Migrationsprozessen. Am Beispiel des „Hambacher Festes“ (1832) diskutiert Besl die Aufbruchstimmungen und Veränderungen, die sich als aufgeklärtes, selbstbewusstes Denken und Fordern auch auf das Familienbewusstsein ausgewirkt haben, als konservative und fortschrittliche, als althergebrachte und moderne Einstellungen und Gesellschafts- und Moralvorstellungen, als „rechtes“ und „linkes“ Denken. Es sind Fragen nach individueller und kollektiver Gerechtigkeit und Sicherheit, die Hierarchien und Autoritäten einer Kritik unterziehen, aber gleichzeitig individualistische Ideen hinterfragen. Es ist die Kompetenz, die anarchistische Macht erkennt, faschistische Entwicklungen stoppt „und mehr Klarheit in das Verhältnis zwischen Autorität, Macht und Herrschaft“ zu bringen vermag. Staats- und Weltbürgerlichkeit, das sind individuelle und zivilgesellschaftliche Sozialisationsformen und Lösungsansätze: „Für die Eröffnung eines solchen Raumes der Möglichkeiten unterliegt eine demokratisch wie rechtsstaatlich verfasste Gesellschaft einer zweifachen Begrenzung, nämlich für sich und gegenüber dem anderen“. Der Ausblick beim familialen Diskurs ist: „männlich, weiblich, queer“. Es sind die Ansprüche, wie sie sich z.B. in der Gedichtstrophe – „Lass mich Ich sein, damit du Du sein kannst!“.

Diskussion

Mann, Frau und Divers, Vater und Mutter, Kind und Geschwister, Onkel, Tanten, Omas und Opas, das sind familiäre Bindungsbenennungen. Das Verständnis darüber bestimmt die Wirkung. Mit der theologischen Aufforderung „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ wird das Primat der Zuneigung zu anderen Menschen verbunden mit der Liebe zu sich selbst und damit eine Verbindung hergestellt, dass Liebe immer etwas zu tun hat mit Menschlichkeit und mit der Anerkennung der Menschenwürde des Anderen. In den Zeiten der populistischen, globalistischen und individualistischen Entwicklungen eines „Ich-will-alles-und-das-sofort!“ – Denkens und Handelns, von soziopathischen Ego-First- und populistischen Fehlleitungen, in der „die Megatrends der Individualisierung, der Globalisierung, Mobilität und Konnektivität“ vorherrschen, zeigen sich immer deutlicher die Defizite und Unbeherrschtheiten sowohl beim partnerschaftlichen, familialen, als auch beim sozialen und gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen. Der Zukunftsforscher und -denker Matthias Horx kommt zu dem Ergebnis: „Liebe ist eine Turbulenz“. Und die emotionale und rationale Tugend ist komplex, und sie lässt sich nur mit dem ganzheitlichen, umfassenden Blick betrachten, analysieren und praktizieren. Weil Liebe menschlich und für ein gutes, gelingendes Leben der Menschen unverzichtbar ist, müssen wir alles tun, damit Liebe in der Welt ist, individuell und kollektiv, politisch, zivilisatorisch, also human. Er ruft zur „Liebesintelligenz“ auf, indem er auf die positiven und negativen, individuellen, lokalen und globalen Entwicklungen schaut und fragt: Wie kann es gelingen, die vielfältigen, förderlichen und kontraproduktiven Emotionen und Rationalitäten zusammen zu bringen? „Geborgenheit und Leidenschaft“ – „die Gesellschaft und das Private“ – „die Selbstverwirklichung und die Hingabe“ – „die Erotik und die Bindung“ – „die Sehnsucht und die Sicherheit“ – „die Freundschaft und die Erotik“ – „das Ich und das Wir“ – „die Fähigkeit, lebenslang zu lieben“ – „Hassen und Lieben“ (Future Love. Die Zukunft von Liebe, Sex und Familie, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22984.php).

Fazit

Das Essay über die Dekonstruktion der sozialen Wirklichkeit der Familie, als natürliche Lebensgemeinschaft, gesellschaftlich konstituierte Bindung und als historisch und kulturell entstandene Institution, greift die Veränderungsprozesse auf, wie sie sich in der Menschheitsgeschichte vollziehen. Die Frage – „Bin ich ein Mensch?“ – ist für ein humanes, gerechtes, friedliches, gleichberechtigtes Zusammenleben der Menschen als Menschheit nur dann richtig gestellt, wenn sie mit „Bin ich dein Mensch?“ ergänzt wird. Es sind die intellektuellen Herausforderungen und Notwendigkeiten, dass sich der anthrôpos bewusst wird, dass er als evolutionäres, endliches, ontogenetisches (Michael Tomasello, Mensch werden. Eine Theorie der Ontogenese, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/27385.php) und gleichzeitig ein soziales Lebewesen ist (Joachim Bauer, Wie wir werden, wer wir sind. Die Entwicklung des menschlichen Selbst durch Resonanz, 2022, www.socialnet.de/rezensionen/29229.php).

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 16.11.2022 zu: Besl Leonhard: Die liebe Familie - Dekonstruktion der sozialen Wirklichkeit. epubli (Berlin) 2022. 5. Auflage. ISBN 978-3-7565-1615-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29791.php, Datum des Zugriffs 02.12.2022.


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