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Peter Schulz: Kapitalistische Subjektivation

Rezensiert von Sabine Hollewedde, 21.03.2023

Cover Peter Schulz: Kapitalistische Subjektivation ISBN 978-3-8376-6423-2

Peter Schulz: Kapitalistische Subjektivation. Das Subjekt des kybernetischen Kapitalismus zwischen Digitalisierung, Prekarisierung und Autoritarismus. transcript (Bielefeld) 2022. 214 Seiten. ISBN 978-3-8376-6423-2. D: 45,00 EUR, A: 45,00 EUR, CH: 54,90 sFr.
Reihe: Sozialtheorie.

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Thema

Subjektivität und Sozialcharakter sind im Kapitalismus einem Wandel unterworfen. Peter Schulz untersucht, welchen Effekt der ‚kybernetische Kapitalismus‘ auf die Formung der Subjekte hat und macht dies in Abgrenzung zu verbreiteten, an Foucault orientierten Theorien nicht in einem von der Ökonomie abstrahierenden leeren Raum, sondern ist bestrebt, „den Anteil an der Subjektivität, der aus dem Kapitalismus resultiert“, zu bestimmen und so Kontinuität und Wandel der Subjektivität darzustellen. „Damit soll eine Alternative zu poststrukturalistischen Subjektivierungstheorien formuliert werden“. (S. 15 f.) Der Autor stellt sich in die Tradition marxistischer Theorien und der Kritischen Theorie. Der Begriff „Subjektivation“ soll demzufolge auf die Abgrenzung zum Poststrukturalismus aufmerksam machen und betonen, „dass es um die Untersuchung einer spezifischen Subjektform geht, nicht um das Entstehen der Subjektform überhaupt, und dass nicht die Formung der Individuen, also das Subjekt überhaupt, sondern ihre spezifische Gestalt Gegenstand ihrer negativen Kritik ist. Andererseits […] soll so [auf; S.H.] das uneingelöste Versprechen der Subjektivierung […] hingewiesen werden.“ (S. 21) Insgesamt ist die Arbeit getragen von der Perspektive auf Emanzipation. Um ‚praktische Aufhebung‘ der objektiven Grundlage „des subjektivierten Widerspruchs“ (S. 185) geht es dem Autor.

Autor

Dr. Peter Schulz ist derzeit Lehrbeauftragter am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist die überarbeitete Fassung der Dissertation des Autors, mit welcher er 2019 bei Hartmut Rosa und Tilman Reitz am Institut für Soziologie an der Universität Jena promoviert wurde.

Aufbau und Inhalt

In fünf Kapiteln, welche wiederum in einzelne Abschnitte unterteilt sind, stellt der Autor seine Theorie der Subjektivation vor. Das erste Kapitel stellt die Einleitung dar. Unter „Der Ausgangspunkt: Digitalisierung und Autoritarismus im Brennglas der Coronakrise“ wird in die Fragestellung eingeführt. Die zugrundeliegende, vor der Corona-Pandemie entstandene Dissertation habe „die Rekonstruktion und Systematisierung der Theorie kapitalistischer Subjektivation zum Gegenstand; ausgehend von den Arbeiten Karl Marx’ bis zur Kritischen Theorie des Instituts für Sozialforschung und darüber hinaus“. (S. 8) Der Autor fokussiert in seiner Arbeit darauf, dass es kapitalistische Kontinuitäten der Subjektivation gebe, welche als grundlegend anerkannt werden müssten, wie aber auch einen Wandel der konkreten Gestalt von Subjektivation im Kapitalismus festgestellt werden müsse. Der Gegenstand seiner Arbeit sei, so Schulz, durch die Pandemie zugespitzt in Erscheinung getreten: „einerseits die Digitalisierung des Arbeits- und Alltagslebens, andererseits de[r] Aufstieg autoritärer, antidemokratischer und irrationalistischer Politik.“ (S. 8) Zudem stellt Schulz hier die Theorien/​Autoren vor, an die er wesentlich anknüpft und die er in eine Diskussion bringt. Zentral sind Andreas Reckwitz und Steffen Mau zu nennen. Die „Zeitdiagnosen“ dieser Autoren seien „von der geteilten These getragen, dass wir es gerade mit einem tiefgreifenden qualitativen Bruch in der Vergesellschaftung zu tun haben.“ (S. 11) Dem von Reckwitz und Mau diagnostizierten Wandel geht Schulz kritisch nach, was den roten Faden im Buch darstellt, und möchte einen „Beitrag zur Aktualisierung der Sozialcharaktertheorie in Bezug auf den gegenwärtigen Kapitalismus und die Prozesse der Digitalisierung leisten.“ (S. 16) Unter „Der Vorschlag: eine Theorie kapitalistischer Subjektivation“ stellt der Autor seine Hauptthese pointiert vor. Der theoretische Rahmen schließe „an die Kritische Theorie in der Tradition Marx’ an“, um so einen „möglichst klare[n] Begriff vom Kapitalismus zum Ausgangspunkt“ zu nehmen. (S. 16) Sein Kapitalismus-Verständnis folgt dabei dem von Rahel Jaeggi und betont die „interne Widersprüchlichkeit des Kapitalismus“ (S. 17), welche zur Grundlage der Subjektivation im Kapitalismus geworden ist. Die Begriffe „Subjekt“ und „Individuum“ werden in diesem Kontext eingeführt und aufeinander wie Form und Inhalt bezogen. Schulz betont, dass seine „Theorie kapitalistischer Subjektivation weder die gesamte Formation des Subjekts erklären soll, […] noch die vorgesellschaftlich-leiblichen Einflüsse und die individuellen Spezifika in der Subjektivität konkreter Menschen geleugnet werden sollen.“ (S. 19) Der Kapitalismus habe einen Anteil an der Subjektivation, erkläre oder determiniere diese aber nicht insgesamt. „Andererseits wird erkennbar, dass Form und Inhalt, Subjekt und Individuum, in einen Gegensatz geraten können […]. Ein Widerspruch, der für die Arbeiten der Kritischen Theorie zentral ist.“ (S. 19) Schulz unterscheidet zwei Dimensionen kapitalistischer Subjektivierung und diese strukturieren auch den Aufbau der Arbeit: In der ersten Dimension geht es um die „Anforderungen kapitalistischer Basisinstitutionen – Tausch, Lohnarbeit und damit zusammenhängend das Recht – denen die Menschen entsprechen müssen“. (S. 20) In der zweiten Dimension geht es um den Sozialcharakter und um die „Passförmigkeit sozialisatorischer Effekte zu den Anforderungen der ersten Dimension“. (ebd.) „Zugleich liefert diese zweite Dimension Antworten darauf, wie Subjekte die Widersprüchlichkeit der Anforderungen aus der ersten Dimension subjektiv bewältigen.“ (ebd.) Die Einleitung schließt ab mit „Das Programm der Arbeit & Danksagungen“.

Im zweiten Kapitel, Kapitalismus heute, knüpft Schulz an soziologische Diagnosen zum zeitgenössischen Kapitalismus von insbesondere Mau, Staab und Reckwitz an. Schulz stellt dabei seine Unterscheidung des Kapitalismus des 20. und beginnenden 21. Jahrhundert in drei Phasen vor, welche „jeweils die dominante Form der Integration der Subjekte in den Kapitalismus begrifflich fassen sollen: organisierter, integrierter und differenzierter Kapitalismus.“ (S. 29) Aktuell schließe eine neue Phase daran an, welche „hier provisorisch kybernetischer Kapitalismus genannt werden soll“. (S. 30) Durch seine Kritik an der Habermas’schen These vom Veraltet-Sein der Kritik der politischen Ökonomie beleuchtet der Autor die Bedeutung von Informatisierung und globaler Arbeitsteilung für den Wandel kapitalistischer Gesellschaften. Daraufhin werden „Pluralisierte Kulturindustrie und Kybernetisierung“ behandelt und es wird die These vertreten, dass gegenwärtig ein Wandel zu einer dritten Phase der Kulturindustrie stattfinde, „zur individualisierten Kulturindustrie III“. (S. 43) Der Begriff der Kulturindustrie wird dabei präzise unter Bezugnahme auf die „Dialektik der Aufklärung“ (Adorno/Horkheimer) eingeführt und dargelegt, wie aktuelle Untersuchungen daran anknüpfen. Im Anschluss an Reckwitz (Reckwitz 2017: 227) sei festzuhalten, „dass digitale Technologien und die auf ihnen basierende ‚Kulturmaschine‘ auf ‚kybernetischen, offenen Maschinen‘ beruhe, ebenso wie Mau den neuen Grad der ‚Reflexivität‘ (Mau 2017: 72) betont, der technisch vermittelt die Gegenwartsgesellschaft prägt.“ (S. 55) Es habe sich eine gesellschaftliche Kybernetik herausentwickelt, welche „Kulturindustrie III“ präge. Zugleich betont Schulz aber, dass „der kybernetische Kapitalismus […] nicht monotendenziell von Informatisierung und Digitalisierung von Arbeit und Konsum von Kulturgüter geprägt ist“. (ebd.) Die Bedeutung affektiver Arbeit und der Landnahme des Sozialen werden im folgenden Abschnitt behandelt, bevor Schulz dieses Kapitel über den gegenwärtigen Kapitalismus abschließend auf „Säkulare Stagnation und verschärfte Verteilungskämpfe“ (S. 60 ff.) zu sprechen kommt.

Das dritte Kapitel widmet sich der in der Einleitung benannten ersten Dimension kapitalistischer Subjektivation, „Anrufung und Verdinglichung“. Da die gegenwärtige Gesellschaft „(auch)“ als eine „Form des Kapitalismus bestimmt werden“ könne, müsse ebenfalls Subjektivation „(auch) als kapitalistische Subjektivation“ aufgefasst werden. (S. 65) Der Autor betont somit einleitend – und dies ist eine zentrale Aussage seines Beitrags –, dass Subjektivation nicht abstrakt zu behandeln ist, sondern als solche innerhalb eines kapitalistischen Systems überhaupt nur zu bestimmen ist. Im ersten Teil dieses Kapitels, „a. Das Subjekt im Kapitalismus“, legt Schulz die theoretische Verortung seiner Herangehensweise offen. Sowohl von an Foucault anschließende Subjektivierungstheorien als auch von solchen der „zeitgenössischen Kritischen Theorie“, in welchen es vor allem um Entfremdung und Verdinglichung gehe, grenzt der Autor seinen eigenen Vorschlag ab (vgl. S. 65), zeigt aber zugleich auch die Stärken dieser Ansätze jeweils auf. In Anknüpfung an Foucault liege der Fokus zumeist auf der „Produktivität der Subjektivation“ (S. 67), wohingegen mit Begriffen wie Entfremdung und Verdinglichung eher die repressive Seite kapitalistischer Subjektivation beschrieben werde. „Statt also kapitalistische Subjektivation ausgehend von Foucaults Gouvernemantalitätstheorie oder einer Übergriffstheorie der Entfremdung bzw. Verdinglichung aus zu theoretisieren, möchte diese Arbeit eine Lesweise der Subjektivationstheorie bei Marx (und Lukács) vorschlagen, die weder einen emphatischen Bezug auf das Subjekt aufgibt noch seine kapitalistische Subjektivation zu einer bloß sekundären Pathologie erklärt. Gleichzeitig soll so sowohl die produktive Seite der Subjektivation, die die poststrukturalistischen Theorien betonen, wie die repressive Seite, die der Verdinglichungsbegriff fasst, theoretisch eingefangen und in ein Verhältnis zueinander gesetzt werden.“ (S. 74) Dabei entwickelt der Autor seine Position durch Bezugnahme auf Adornos Aufnahme des Lukács’schen Verdinglichungsbegriffs und in Auseinandersetzung mit Althussers Verständnis von ‚Subjekt‘ und Ideologie, womit letzterer „die Theorie der Verdinglichung an einem zentralen Punkt“ korrigiere. (S. 76) Hier bringt Schulz seine Überlegung zur kapitalistischen Subjektivation auf ihre Essenz: „Die kapitalistische Subjektivation verfügt also über eine produktive und eine repressive Seite: Einerseits macht sie die Individuen zu Subjekten, die erst so innerhalb der vorgegebenen Praxisformen handlungsfähig sind […]. Andererseits richten diese Anforderungen die Individuen einseitig zu und beschädigen sie; eine Beschädigung, mit dem Begriff der Verdinglichung thematisiert wird.“ (S. 76) Subjektivation im Kapitalismus bestehe also sowohl aus „produktiver Anrufung“ (Althusser) als auch aus „repressiver Verdinglichung“ (Lukács). (S. 82)

Dieses wird im Folgenden dargestellt für die „Subjektivation und Widerspruch im Tausch“, „Subjektivation und Widerspruch in der Lohnarbeit“ und „Subjektivation und Widerspruch im Recht“, worauf noch ein Abschnitt zu „Identität und Widerspruch“ folgt.

Die zweite Dimension kapitalistischer Subjektivation – Sozialcharakter wird in Kapitel 4 behandelt. In dieser Dimension geht es um die Frage, wie sich die Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft in den Subjekten vermitteln. Unter Bezugnahme auf marxistische Psychoanalytiker wie Fromm und Reich sowie deren Freud-Rezeption wird der Begriff des autoritären Charakters aufgenommen. „Die marxistischen Psychoanalytiker übernehmen Freuds Theorie des Charakters und wenden sie auf gesellschaftstheoretische Fragen an. […] Als zweite Dimension kapitalistischer Subjektivation beschreibt der Sozialcharakter also eine bestimmte Struktur der Psyche, die innerhalb bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse funktional ist, deren Reproduktion von den gesellschaftlichen Verhältnissen begünstigt wird und die von dem Individualcharakter einerseits wie von den biologischen Gemeinsamkeiten der Menschen andererseits abgegrenzt wird“. (S. 110 f.) War laut der Diagnose der Kritischen Theorie im ‚organisierten Kapitalismus‘ der Sozialcharakter des autoritären Charakters besonders funktional, so wandelt sich dies mit dem Übergang in den ‚integrierten Kapitalismus‘. Hier werde der konventionelle und dann narzisstische Charakter zum vorherrschenden Sozialcharakter. Auch auf der Ebene der Ideologien spiegelt sich dieser Wandel der Integrationsform in den Kapitalismus wider. „Für den narzisstischen Charakter wandelt sich die Funktion der Ideologie erneut. Eine in ihren Inhalten einheitliche Ideologie ist unter den Bedingungen des differenzierten Kapitalismus und seiner pluralisierten Kulturindustrie, die Elemente der Gegenkultur aufgenommen hat, nicht mehr möglich und wäre für die egozentrische, scheinbare Selbst-Welt-Verschmelzung auch nicht tauglich. Stattdessen bildet die Ideologie sich anhand von Motiven aus, die verschieden konkretisiert werden können – etwa Authentizität, Differenz und Subversion.“ (S. 122) Dieser Charaktertyp habe wohl weiterhin eine große Bedeutung im heutigen Kapitalismus mit seinen Anforderungen an das Subjekt.

In einer weiteren Hinsicht macht Schulz einen Wandel von Subjektivität aus: im Geschlechtscharakter. Beim weiblichen Geschlechtscharakter ist dieser Wandel vor allem an den geänderten gesellschaftlichen Anforderungen in Familie und Beruf festzumachen. Schulz spricht hier von einer doppelten Vergesellschaftung. „Sie werden einerseits angerufen, den Anforderungen kapitalistischer Subjektivation, die bisher männlich konnotiert sind, zu entsprechen, andererseits aber angerufen, auch die zu diesen gegensätzlichen Anforderungen, die im weiblichen Geschlechtscharakter gefasst waren, zu erfüllen.“ (S. 126) Der weibliche Geschlechtscharakter befinde sich im differenzierten Kapitalismus daher in einer „vertieften Widersprüchlichkeit“ (ebd.), wohingegen hinsichtlich der männlichen Geschlechtscharakters von „Krise und Pluralisierung“ (S. 124) zu sprechen sei. Es werden verschiedene Modelle innerhalb dieser Pluralisierung vorgestellt, welche nebeneinander bestehen, etwa „hedonistische Männlichkeit“ und „sorgende Männlichkeit“. Im Folgenden beleuchtet der Autor den Zusammenhang zwischen jeweiligem Sozialcharakter und dem sozialen Ort, den jemand in der Gesellschaft einnimmt, und bezieht die theoretische Darlegung anschließend auf empirische Befunde zur Verteilung von Sozialcharakteren in verschiedenen sozialen Gruppen.

Im fünften Kapitel, Subjektivation und Subjektivierung im kybernetischen Kapitalismus, führt der Autor die Erkenntnisse seiner Arbeit zusammen und stellt seine Thesen pointiert zur Diskussion. Der erste Abschnitt „a. Subjektivation heute – nicht neu, aber anders“ betont die für die Arbeit zentrale Erkenntnis, dass zwar zwischen verschiedenen Phasen des Kapitalismus unterschieden werden müsse und dementsprechend auch zwischen verschiedenen Formen der Subjektivation, dass aber insgesamt es sich um kapitalistische Subjektivation handle, die verschiedene Gestalten annimmt. „Die Veränderung der Subjektivation ist dementsprechend graduell, nicht disruptiv, und eher durch Begriffe der Tendenz zu beschreiben – der Untergang des Subjekts, wie es aus dem Fordismus oder Postfordismus bekannt ist, steht durch Prozesse der Kybernetisierung nicht bevor.“ (S. 160) Im daran anknüpfenden Teil „b. Sozialcharaktere im kybernetischen Kapitalismus: Drei Thesen“ resümiert Schulz, was seiner Ansicht nach die dominierenden Sozialcharaktere in der Phase des kybernetischen Kapitalismus seien und was mit diesen Charakteren im kybernetischen Kapitalismus „passieren könnte“. (S. 162) Die Thesen seien insofern „zugegebenermaßen spekulative Thesen“. (ebd.) Er schließt zunächst an Maus Diagnose an und begründet seine erste These, welche „die Annäherung der Form des konventionellen Charakters an die des narzisstischen Charakters bei gleichzeitiger Flexibilisierung der jetzt kybernetischen Konventionen behauptet“. (ebd.) „Die zweite These postuliert einen Wandel des autoritären und konventionellen Charakters. Beide Charaktere übernehmen verstärkt Züge des narzisstischen Charakters; gleichzeitig dehnt sich die Zone des konventionellen Charakters aus.“ (S. 164) „Die dritte These besagt, dass es zu einem Formwandel des autoritären Charakters unter der Bedingung der Differenzierung der Zone, in der er dominant ist, kommt.“ (S. 166) Der autoritäre Charakter ist dominant in Bereichen der Handarbeit. Dementsprechend besagt diese These, dass es unter veränderten Bedingungen der Handarbeit zu sich verändernden Gestalten des autoritären Charakters kommt.

Abschließend stellt Schulz eine „Kritik kapitalistischer Subjektivation“ vor, „die sich nicht auf die Seite der Identität des Subjekts stellt und bloß die Symptome der Widersprüchlichkeit als gesellschaftliche Pathologien kritisiert, sondern sowohl die Widersprüche als auch den Identitätszwang zu ihrem Gegenstand macht.“ (S. 173) Hier macht der Autor zunächst sehr deutlich, was er kritisiert: die in vielfältigen Varianten vorgebrachten Appelle an die Subjekte, sie mögen ‚resilienter‘ werden. Schulz erkennt und kritisiert die entpolitisierende, affirmative Tendenz solcher Appelle: „Dieses Konzept der individuellen Resilienz anstelle der Veränderung der gesellschaftlichen Ursachen ist selbst kybernetisch – es beruht auf der Idee der anpassenden Steuerung in einer nicht kontrollierbaren Umwelt – und stellt somit zwar tatsächlich eine leidärmere Subjektivität im kybernetischen Kapitalismus dar, aber keine Kritik dieser.“ (S. 176) Der auch von Reckwitz verfolgte Ansatz, das Subjekt müsse, um in den Verhältnissen weniger zu leiden, sich diesen anpassen, kritisiert der Autor (mit Verweis auf Stefanie Graefes treffende Kritik; vgl. Graefe: Resilienz im Krisenkapitalismus. Wider das Lob der Anpassungsfähigkeit. Bielefeld 2019). – Gegen solche Versuche, die sich in den Subjekten manifestierenden Widersprüche des Kapitalismus ertragbarer zu machen, hält Schulz daran fest, dass die Seite der Objektivität zu verändern ist. „Nicht das bloße Aushalten der Widersprüchlichkeit, sondern ihre praktische Bearbeitung ist es, was in der vorliegenden Arbeit als Übergang vom widersprüchlichen Subjekt zum Subjekt des Widerspruchs verstanden wird, die praktisch erreicht werden muss.“ (S. 176) Hierzu bedarf es, so schließt Schulz mit Marx’ „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung“ an, nicht mehr Resilienz, sondern einer Enttäuschung, welche eine „unerfreulicher, leidvoller Prozess“ sei. (ebd.) „Die Enttäuschung hat zugleich aber ermöglichenden, produktiven Charakter, da sie die Widersprüchlichkeit nicht nur in das Bewusstsein hebt, sondern zugleich ihre gesellschaftliche Bedingtheit aufklärt.“ (ebd.)

Diskussion

Die Dissertation von Peter Schulz setzt sich produktiv und kritisch mit aktuellen soziologischen Theorien auseinander. Indem er einen klaren Fokus gleich eingangs benennt und diesen systematisch verfolgt, wird die eigene Position konturiert. Schulz legt eine Theorie der Subjektivation vor, welche sich dezidiert von an Foucault anschließenden, in der Soziologie weit verbreiteten Theorien der Subjektivierung abgrenzt. – Und dies mit gutem Grund: Wie der Autor richtigerweise argumentiert, kommen solche poststrukturalistisch orientierten Herangehensweisen zwar darauf, den Neoliberalismus bzw. das neoliberale Subjekt zu kritisieren, aber einen Begriff vom Kapitalismus – der gesellschaftlichen Basis, von der aus Subjektivierung erklärt werden könnte – haben solche Ansätze (wie auch Foucault) nicht. Damit aber können sie ihrem Gegenstand, dem Subjekt, nicht gerecht werden. Verdienstvoll ist es daher, dass Schulz entgegen dem Mainstream in der soziologischen Theorie der Subjektivierung einen andern Fokus wählt und betont: „ein möglichst klarer Begriff vom Kapitalismus [sollte; S.H.] zum Ausgangspunkt genommen werden“. (S. 16) Damit ist eine grundsätzliche Differenz benannt zu jeglichen poststrukturalistischen soziologischen Theorien, eine Differenz, welche im Buch jedoch teilweise hätte schärfer benannt werden können. (So bspw., wenn Schulz im dritten Kapitel seinen Begriff von kapitalistischer Subjektivation als „Anrufung und Verdinglichung“ erläutert; s.u.) Denn es handelt sich dabei letztlich um die zentrale Differenz, mit der Schulz auch sein abschießendes Statement nur begründen kann: „die Bedingungen des subjektivierten Widerspruchs müssen praktisch aufgehoben werden.“ (S. 185 f.) Wenn diese Bedingungen (wie im Poststrukturalismus) gar nicht analysiert werden, dann können sie auch nicht praktisch überwunden werden.

Dass der Autor diesen Ansatz verfolgt, ist im Sinne einer weiterführenden Diskussion um Subjektivität im Kapitalismus zu begrüßen. Zugleich kann sich der/die Leser*in aber fragen, warum „diese Arbeit nicht umfänglich darstellen [kann; S.H.], was Kapitalismus ist.“ (S. 16) Eine ‚umfassende‘ Darstellung wäre sicher nicht im Rahmen einer solchen Abhandlung möglich. Aber die Darstellung anhand von primären Quellen dazu, was unter Kapitalismus verstanden wird (denn hier liegt doch der Hase im Pfeffer), wäre doch eingehender möglich. Der Autor verweist allerdings auf ein längeres Zitat von Rahel Jaeggi, in welchem die „Grundbestandteile“ des Kapitalismus bestimmt sein sollen. Diese sind dem angeführten Jaeggi-Zitat zufolge 1. Privateigentum an Produktionsmitteln, 2. Existenz eines freien Arbeitsmarktes, 3. die Akkumulation von Kapital und 4. der Markt, der Allokation und Distribution koordiniere. Bei Marx ist die kapitalistische Produktionsweise wesentlich dadurch bestimmt, dass es eine „Selbstverwertung“ des Werts zu geben scheint, dass er „die okkulte Qualität erhalten [hat; S.H.], Wert zu setzen, weil er Wert ist.“ (Marx: Das Kapital, Erster Band, MEW 23, S. 169) Der Wert verwandelt sich im Kapitalismus „in ein automatisches Subjekt“ (ebd.) – und dieses zu erklären, ist Inhalt der bei Marx folgenden Kapitel zum Arbeits- und Verwertungsprozess, zur Mehrwertproduktion usw. Daran wäre auch zu entfalten, dass ‚Subjektivation‘ im Kapitalismus stets in Abhängigkeit von dem ‚automatischen Subjekt‘ Wert stattfindet und dieser als „prozessierender Widerspruch“ über die Individuen herrscht, was eine genauere Bestimmung kapitalistischer Herrschaft ermöglichte. Schulz beschreibt den Kapitalismus hingegen als „Gesellschaft der Trennungen, die zugleich Herrschaftsachsen strukturell mit dem Kapitalismus und seiner Reproduktion verkoppeln.“ (S. 79)

„Das Subjekt im Kapitalismus“ bestimmt Schulz unter Rekurs auf Althusser, welcher eine Korrektur der Verdinglichungstheorie der Kritischen Theorie liefere. Betone die Kritische Theorie mit Adorno die repressive Seite kapitalistischer Subjektivation, so arbeite Althusser mit seinem Begriff der ‚Anrufung‘ deren positive Seite heraus. „Einerseits macht sie die Individuen zu Subjekten, die erst so innerhalb der vorgegebenen Praxisformen handlungsfähig sind […]. Andererseits richten diese Anforderungen die Individuen einseitig zu und beschädigen sie; eine Beschädigung, mit dem Begriff der Verdinglichung thematisiert wird.“ (S. 76) – Fraglich ist, ob sich diese beiden theoretischen Ansätze derart zusammenfügen lassen, wird doch bei Althusser der philosophische Subjektbegriff, wie er für Marx und die Kritische Theorie zentral ist, über Bord geworfen. Wenn es nur Ideologien gibt und das Subjekt Produkt von Anrufungen durch die Ideologien ist (vgl. Althusser: Zum Thema der Ideologie, in: Ders.: Ideologie und ideologische Staatsapparate), dann ist gar nicht zu erklären, wie es hier noch eine diesem Subjekt nicht entsprechende repressive Seite geben sollte und es gäbe auch keine Grundlage für Kritik. Bei Althusser: „Das Individuum wird als (freies) Subjekt angerufen, damit es sich freiwillig den Anordnungen des SUBJEKTS unterwirft, damit es also (freiwillig) seine Unterwerfung akzeptiert und folglich ‚ganz von selber‘ die Gesten und Taten seiner Unterwerfung ‚vollzieht‘. Es gibt Subjekte nur durch und für ihre Unterwerfung.“ Der Subjektbegriff der Kritischen Theorie hingegen bezieht sich auf die Klassische Deutsche Philosophie und ist nicht mit dem Althusser’schen Begriff zusammenzubringen. Die Kritik an vorherrschenden poststrukturalistischen Ansätzen ist produktiv. Wenn der Autor allerdings dazu übergeht, Kritische Theorie und Poststrukturalismus als sich ergänzend zusammenzusetzen, so führt dies in die Irre.

Fazit

Peter Schulz zeigt Kontinuität und Wandel kapitalistischer Subjektivation im ‚kybernetischen‘ Kapitalismus auf. Der Autor knüpft dazu an die Kritische Theorie, insbesondere an Adorno und die marxistische Psychoanalyse an, und diskutiert auf dieser Grundlage aktuelle soziologische Studien und Theorien. Die für dieses Buch grundlegende Abgrenzung von in der Soziologie in Mode sich befindenden poststrukturalistischen Subjektivierungstheorien und die explizite Fundierung in der Kritik der politischen Ökonomie zeichnen diese soziologische, theoretisch versierte Arbeit aus.

Rezension von
Sabine Hollewedde
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Es gibt 24 Rezensionen von Sabine Hollewedde.

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Zitiervorschlag
Sabine Hollewedde. Rezension vom 21.03.2023 zu: Peter Schulz: Kapitalistische Subjektivation. Das Subjekt des kybernetischen Kapitalismus zwischen Digitalisierung, Prekarisierung und Autoritarismus. transcript (Bielefeld) 2022. ISBN 978-3-8376-6423-2. Reihe: Sozialtheorie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29798.php, Datum des Zugriffs 22.05.2024.


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