Uwe Becker: Deutschland und seine Flüchtlinge
Rezensiert von Stefan Keßler, 14.04.2023
Uwe Becker:Deutschland und seine Flüchtlinge. Das Wechselbad der Diskurse im langen Sommer der Flucht 2015. transcript (Bielefeld) 2022. 285 Seiten. ISBN 978-3-8376-6426-3. D: 29,50 EUR, A: 29,50 EUR, CH: 36,30 sFr.
Reihe: X-Texte zu Kultur und Gesellschaft.
Thema
Das Thema des hier besprochenen Buches sind der Verlauf und die Botschaften des Diskurses in deutschen Medien zur Flüchtlingspolitik vom Frühjahr 2015 bis zum Frühjahr 2016.
Autor
Uwe Becker ist evangelischer Pfarrer und leitete zunächst von 2000 bis 2004 das Sozialwerk des Evangelischen Stadtkirchenverbandes Köln. 2004 wurde er Vorstand des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche im Rheinland. 2013 wurde er zum Vorstandssprecher der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe ernannt. Bereits 2006 hat er in Bochum promoviert, wurde im September 2015 auf die Professur Diakoniewissenschaften an der Evangelischen Hochschule in Bochum berufen und ist seit Oktober 2022 Präsident der Evangelischen Hochschule Darmstadt.
Aufbau und Inhalt
Das Werk beruht auf der Auswertung von rund 200 Artikeln, Kommentaren, Gastbeiträgen und Experteninterviews, die im Wesentlichen zwischen Frühjahr 2015 bis Frühjahr 2016 in der Wochenzeitung DIE ZEIT und deren Internetversion ZEIT ONLINE erschienen sind. Nach einer Einleitung, in der das Anliegen des Autors, die gewählte Methode und der Aufbau des Buches beschrieben werden, erläutert eine „Hinführung“ im ersten Kapitel die diskurs- und erzähltheoretischen Bezugspunkte.
Das zweite Kapitel analysiert drei „Diskursstränge“: In diesen geht es um die häufig thematisierte Figur des „Schleppers“, um die ökonomische Bedeutung von Geflüchteten für den deutschen Arbeitsmarkt und die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme sowie um die zunehmende Wahrnehmung von Geflüchteten als eigentliche Verursacher einer innenpolitischen Krise, in der rechtspopulistische Parteien erstarkten. In Kapitel 3 setzt sich die Diskursanalyse fort mit der Diskussion über die Herstellung eines deutschen Selbstbildes als kulturell offener und humanitären Prinzipien folgender Nation. In diesem Kapitel wird auch der Diskurs über die „Willkommenskultur“ behandelt. Sein letzter Teil widmet sich der Metapher der „Grenze“. Das vierte Kapitel analysiert die Narrative, die nach den Übergriffen an Frauen in der Kölner Silvesternacht 2015 entstanden.
Die Kapitel 2 bis 4 enden jeweils mit einer „Diskursbilanz“, die die jeweils zuvor gewonnenen Erkenntnisse zusammenfassen. Diese werden im fünften Kapitel wieder aufgegriffen und in einen erweiterten soziologischen und kulturtheoretischen Kontext gestellt. Auch behandelt dieses Kapitel eine „Welt jenseits des Diskurses“, nämlich das Engagement Tausender von Menschen zugunsten Geflüchteter. Ein „Epilog“ geht auf die Fluchtbewegungen seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 ein.
Diskussion
Man merkt dem Buch das diakonische Engagement seines Verfassers an. Interessant sind die Ausführungen vor allem da, wo versucht wird, die Perspektive der Geflüchteten selbst einzubringen (zum Beispiel auf der Seite 88), oder wenn es um diskursive Figuren wie den „Schlepper“ geht (Seiten 43 ff.). Wenngleich der Aufbau der einzelnen Kapitel nicht immer ganz nachvollziehbar ist, so ist die Argumentation insgesamt doch schlüssig und stringent. Besonders hilfreich ist die Zusammenfassung der jeweiligen diskurstheoretischen Erkenntnisse am Ende der Kapitel 2 bis 4 und ihr erneutes Aufgreifen in einem größeren soziologischen und kulturtheoretischen Zusammenhang in Kapitel 5. Der interessante „Epilog“ deutet bereits an, dass bei aller Unterschiedlichkeit der medialen Reaktion auf die einzelnen Fluchtbewegungen einige Diskursverläufe aus den Jahren 2015–2016 erneut seit dem Februar 2022 auftauchen.
Gelegentlich treten kleinere sachliche Fehler auf (Ursula v.d. Leyen ist Präsidentin nicht der Europäischen Union, sondern der Europäischen Kommission – vgl. S. 241), aber diese können verschmerzt werden. Problematischer ist vielmehr, dass nur Artikel und andere Beiträge in einem einzigen Medium, nämlich der ZEIT und ihrer Online-Ausgabe, analysiert werden. Zwar werden hin und wieder auch Kommentare zitiert, die etwa in der Süddeutschen Zeitung erschienen sind, aber insgesamt werden andere Medien wie DER SPIEGEL, besagte Süddeutsche Zeitung, die FAZ oder die WELT weitgehend ausgeklammert. Damit fehlt auch eine Analyse des gegenseitigen diskursiven Einflusses der Medien aufeinander (inwieweit haben Darstellung und Diskussion einzelner Sachverhalte etwa im SPIEGEL die Argumentation in der ZEIT beeinflusst?). So gut wie gar nicht angesprochen werden die politischen Auswirkungen des medialen Diskurses: Inwieweit ist die praktische Politik, vor allem die „Kaskade“ von Änderungsgesetzen, die seit dem Frühjahr 2015 auf die Rechtsanwendenden herniederging, zum Beispiel von der Debatte über die angebliche Integrationsunwilligkeit junger Männer aus Nordafrika seit der Kölner Silvesternacht 2015 mitbestimmt worden?
Fazit
Das Buch enthält eine gut lesbare und stringente Analyse der medialen Diskurse zur Flüchtlingspolitik in den Jahren 2015 und 2016. Die Fragezeichen vor allem an der Auswahl der analysierten Medien schmälern nicht seinen Wert, sondern sollten zur Weiterarbeit an diesem Thema anregen.
Rezension von
Stefan Keßler
Jesuiten-Flüchtlingsdienst Deutschland, Referent für Politik und Recht
Website
Mailformular
Es gibt 7 Rezensionen von Stefan Keßler.




