John Locke, Jürgen Overhoff (Hrsg.): Einige Gedanken über Erziehung
Rezensiert von Dr. Monika Wilkening, 07.01.2026
John Locke, Jürgen Overhoff (Hrsg.): Einige Gedanken über Erziehung. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2022. 320 Seiten. ISBN 978-3-608-98633-4. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
Thema
Der englische Philosoph John Locke schreibt 1693 Some Thoughts concerning Education, eine grundlegende Abhandlung über elementare Tugenden, die Locke für das Lernen in einer freien Gesellschaft bedeutsam zu sein scheinen. Sie zeugt von den damaligen empirischen Kenntnissen. Alle folgenden pädagogischen Entwürfe beziehen sich darauf – von der Aufklärung bis zum heutigen Tage. Im Zentrum steht Lockes Ideal des selbstständig Lernenden, der sich aus Neugierde und Freude am lebenslangen Lernen ständig bilden möchte, unterstützt durch gute Lehrer:innen, die ihn dazu geschickt motivieren. Locke zeichnet einen idealen Lernenden, der mit wachem Geist seine Vernunft sinnvoll einsetzt. – Negative Erziehungsmethoden werden auch thematisiert.
Autor:in und Herausgeber:in
John Locke (1632–1704) war englischer Philosoph, Arzt und Vordenker des Bildungsideals der Aufklärung. Jürgen Overhoff, der Herausgeber:in und Kommentator:in von Lockes Erziehungsschrift (in Joachim Kalkas Neuübersetzung), ist Professor für Historische Bildungsforschung an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.
Entstehungshintergrund
Der Klett Verlag druckt zum 125-jährigen Jubiläum ab 2022 zeitlos-aktuelle Werke der Pädagogik und Erziehungsphilosophie.
Aufbau und Inhalt
Einleitung des Herausgeber:in zum Entstehungshintergrund und zu den Hauptthesen, unterteilt in folgende Abschnitte: Aufklärer, Arzt und Pädagoge: „Locke, welch ein Mann!“; Ein Gelehrtenleben: Lockes Bildungsgang; Kinder sind Reisende „in einem unbekannten Land“ – von der Pflicht zur Erziehung; vom Recht auf Freiheit und eine Erziehung ohne Zwang; Von der Begierde zu lernen – das Spiel als Ideal des Unterrichts; Die Besserung der Vernunft als höchstes Bildungsziel; Affektkontrolle, Gefühlserziehung und die Macht der Gewohnheit; „Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“: über reichliche Bewegung und gute Ernährung; Lockes „richtige Methode der Erziehung“: ein undogmatischer Entwurf „genereller Regeln“ für den zivilen „Umgang mit Menschen“
Neu-Übersetzung von John Locke: Einige Gedanken über Erziehung: Einleitung an Herrn Edward Clarke von Chipley vom 7.3.1692 (3 Seiten) mit „Rechtfertigung“ der Veröffentlichung in Bescheidenheitstopoi, gefolgt von § 1–216. § 1 beginnt mit „Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“ … Wer diese beiden hat, der braucht sich nicht viel anderes zu wünschen, und wenn ihm eines von beiden fehlt, wird ihm irgendetwas anderes kaum nützen (S. 47). Es geht zunächst um Sport, Ernährung, Kleidung, Stuhlgang (§ 1–30), dann um den Geist, an oberster Stelle steht hierbei dessen Disziplinierung durch die Vernunft (§ 31–…). Hierbei äußert er sich ausführlich zu Negativbeispielen der Erziehung („böse Kinder“, § 34–37) und schließt: „Das Prinzip aller Tugend und Vorzüglichkeit [liegt] in der Kraft, sich selbst die Befriedigung unserer eigenen Wünsche zu versagen, wo sie nicht von der Vernunft bestätigt werden“ (S. 79). Dies kann durch „sinnvolle“ elterliche Autorität unterstützt werden (§ 69). Dabei äußert er sich auch zu Züchtigungen, Lob und Tadel, Regeln, guten und schlechten Manieren. In § 70 und auch später ab § 88 preist er Erziehung abseits von der elterlichen zur Tugend. In § 71–73 kehrt er zu elterlichen Strafen und Belohnungen zurück, um dann ab § 74 kindliches Handeln nach Neigung näher zu erklären. Immer wieder kommt er auf das Thema Bestrafungen zurück. In § 82 erwähnt er gute Beispiele als Mittel der Erziehung. In § 94 auf S. 147 schreibt er über die zentralen Ziele der Arbeit von Lehrer:innen: Haltung bilden, Geist formen, gute Gewohnheiten einüben, Tugend und Weisheit fördern, einen Blick auf die gesamte Menschheit eröffnen, zur Nachahmung tugendhafter Handlungen animieren; im Folgenden charakterisiert er den idealen Hauslehrer:in. Ab § 95 schreibt er wieder über Aspekte elterlicher Erziehung wie Strenge und Autorität, aber auch Freundschaft, Großzügigkeit, Gerechtigkeit. Negativ äußert er sich zu Fantasie, zu Weinen, zu Feigheit. Vor Angst und Gefahren müssen Jugendliche abgehärtet werden, was auch schmerzvoll sein kann (§ 116). Ausführlich erklärt Locke in § 118–121 und § 128, wie Neugierde gefördert werden kann. Auch geht er ein auf eine Vorstellung von Gott (§ 136–139), danach wieder länger über Erziehungsaspekte, die eher seiner Zeit geschuldet sind. In § 147 erwähnt Locke Wissen als am wenigsten wesentlich für Bildung; Tugend, Weisheit, gute Manieren, Förderung guter Neigungen sind wichtiger. Im Folgenden bezeichnet er Lernen eher als Spiel. Die restlichen Paragrafen handeln über einzelne Unterrichtsfächer.
Anmerkungen: Der Herausgeber:in erklärt aus weiteren Schriften, dass Locke durchaus auch die Erziehung von Mädchen meint. – Zu mehreren Stellen fügt er antike Quellen hinzu.
Diskussion
In den einleitenden 42 Seiten beschreibt der Herausgeber:in Entstehungshintergrund und Inhalte von Lockes Schrift zur Erziehung – eine gute Aufbereitung Lockes wichtigster Thesen aus dem ausgehenden 17. Jahrhundert, die so einflussreich werden sollten –, allerdings ohne sich konkret auf bestimmte Paragraphen aus Lockes Schrift oder auf bestimmte Seiten zu beziehen, die diese Inhalte belegen, also separat vom Ursprungstext, der dann in Übersetzung folgt. Wie man oben sieht, lohnt es sich schon, auch diesen (in Teilen) zu lesen. Zumindest Hinweise auf konkrete Paragraphen wären hilfreich gewesen. Die Anmerkungen zum zeitlichen Hintergrund und zu Bezügen zur Antike sind hilfreich.
Fazit
Die für die Erziehungsgedanken seit der Aufklärung bis heute bahnbrechende Schrift von John Locke wird von dem Herausgeber:in in seinen Hauptthesen gut verständlich im Vorwort dargestellt, ohne allerdings den folgenden Ursprungstext jeweils zu zitieren, der separat hinten angefügt ist.
Rezension von
Dr. Monika Wilkening
Oberstudienrätin i.R., Fortbildnerin und Autorin
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