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Susanne Leitner, Ramona Thümmler (Hrsg.): Die Macht der Ordnung

Rezensiert von Joachim Köhler, 09.01.2023

Cover Susanne Leitner, Ramona Thümmler (Hrsg.): Die Macht der Ordnung ISBN 978-3-7799-6471-1

Susanne Leitner, Ramona Thümmler (Hrsg.): Die Macht der Ordnung. Perspektiven auf Veranderung in der Pädagogik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. 234 Seiten. ISBN 978-3-7799-6471-1. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.

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Thema und Herausgeber*innen

Susanne Leitner und Ramona Thümmler greifen mit ihrem Band den Diskurs um die machtkritische Reflexion der Erziehungswissenschaft auf und fokussieren hierbei die Sonderpädagogik als ein Feld, in welchem junge Menschen bisher noch immer mehrheitlich als „schwierig“ etikettiert werden (S. 8) und hierdurch machtvoll eine Veranderung erfahren. Mit einem kritischen Blick würdigen sie und die anderen Autor*innen, die Pädagogik in Theorie, Praxis und Forschung und besprechen hierbei Möglichkeiten der Spiegelung und des Nachdenkens über die eigene Position und Wirkmacht im professionellen und disziplinären Handeln.

Susanne Leitner arbeitet als Juniorprofessorin für Pädagogik und Didaktik im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung an der Hochschule Ludwigsburg.

Ramona Thümmler ist Erziehungswissenschaftlerin sowie Jugendlichenpsychotherapeutin. Sie lehrt und forscht an der Technischen Universität Dortmund im Bereich der sozialen und emotionalen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.

Aufbau und Inhalt

Nach einem einleitenden Essay gliedert sich das Buch in vier Cluster, welche sich nach den Perspektiven auf die Veranderung in der (Sonder-)Pädagogik richten. Exemplarisch wird im Folgenden je ein Artikel zu jedem Cluster vorgestellt.

Den ersten Beitrag im ersten Themenkomplex ­- machtkritische Perspektiven auf verandernde Theoriebildung – leistet der Artikel „not quite/not white“ von Martina Tißberger. Er bezweckt, anhand der Critical Whiteness Studies die weißen* Normativitäten in der Rehabilitationspädagogik zu dekonstruieren. Hierfür wird zunächst das in der Epoche der Aufklärung etablierte Menschenbild beleuchtet, in welchem Whiteness – die Darstellung weißer* Menschen als „normal“ aufgrund von unterstellten Wertigkeiten – als Widerspruch zu emanzipatorischen Werten wie Gleichheit, Freiheit und Demokratie aufscheint. So wird ein Einblick über die Philosophie der Aufklärer*innen zum Nationalsozialismus hin zur rassistischen Diskriminierung anhand der Intelligenz und schlussendlich den migrationskontrollierenden Maßnahmen der Sonderpädagogik gegeben und aufgezeigt, wie stereotyp-rassistische Annahmen durch Pädagog*innen reproduziert und strukturell verankert werden. Das dies gerade im Feld der Rehabilitationspädagogik geschieht, in welchem soziale Ungleichheit bekämpft und schlussendlich überwunden werden soll, nimmt die Autorin zur zum Anlass, eindringlich auf die kritische Reflexion des Weißseins* der Fachkräfte hinzuweisen.

Den Artikel „Zur institutionellen Versagung von Persönlichem im schulischen Kontext“ von Stine Albers im Komplex „Machtkritische Perspektiven auf verändernde Systeme und Strukturen“ leitet ein Auszug aus einer Beobachtung innerhalb eines Morgenkreises einer Grundschule ein, um sich daran orientierend mit der Problematik der Schüler*innenkonstruktion durch Lehrkräfte zu widmen. Es wird besprochen, wie die Institution Schule mit ihren gesellschaftlichen Funktionen der Reproduktion, Enkulturation, Qualifikation und Allokation (Fend nach Albers: 137) Ansprüche an die Person des Kindes richtet, nach welchen dieses in der Rolle als Schüler*in den genannten Funktionen gerecht werden soll.

Albers zeigt auf, wie diese institutionelle Trennung von „Kind“ und „Schüler*in“ eine Veranderung der Person des Kindes im Sinne der Schule bewirkt und dies schließlich auch dazu führt, dass gesellschaftliche Klassenverhältnisse und Diskriminierungen reproduziert werden. Letztlich zeige sich dies auch gerade in den Leistungsmessungsverfahren, die spätestens seit PISA einen deutlichen Zulauf haben und mit angestrebter Objektivität die Leistungen von Schüler*innen adressieren, also eine Trennung der Rollen forcieren. Schlussendlich wirft dies auch weiterhin die Problemlage auf, dass die Rollenkonstruktion der*des Schülers*in in Konflikt zu den Interessen und Bedürfnissen des Kindes steht.

Im dritten Cluster „Machtkritische Perspektiven auf verändernde schulische Praxis“ erläutern Jonas Becker und Michael Urban im Artikel „Emotionale und soziale Entwicklung zwischen den Prozesslogiken von Inklusion und Leistung“ anhand dreier Fälle aus einer sechsten Klasse an einer Integrierten Gesamtschule sowie einer achten Klasse an einem Gymnasium, wie Leistung und Verhalten im schulischen Kontext versubjektiviert werden.

Die besprochenen Daten entstammen einer größeren Studie, in welcher an vier Schulen (zwei Gesamtschulen und zwei Gymnasien) teilnehmende Beobachtungen und episodische Interviews mit Schüler*innen, Lehrer*innen und weiteren Fachkräften durchgeführt wurden. Ausgewertet wurde das Material in Orientierung an die Grounded Theorie Methodologie sowie die Situationsanalyse.

Als theoretischen Ausgangspunkt beziehen sich Becker und Urban maßgeblich auf die Subjektivierungskonzepte von Foucault und Butler, die zum einen danach fragen, wie Organisationen und die in ihnen befindlichen Akteur*innen Subjektformen hervorbringen und wie zum anderen die Subjekte sich innerhalb dieses Prozesses positionieren (Becker & Urban: 142). Leistung und Verhalten werden hier als institutionell vorgegebene Erwartungshaltung verstanden, welche mit bewertender Absicht an die so konstruierten Schüler*innen herangetragen wird und diese sich dementsprechend dazu verhalten und stellen. Hierin liegt nun auch der Übergang zur sonderpädagogisch markierten Verhaltensstörung, die, immer im sozialen Kontext gedacht, eine Abweichung vom Erwarteten darstellt.

Durch die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention und der damit einhergehenden rechtlichen Verankerung von Inklusion an Schulen würde das Leistungsprinzip nun in Frage gestellt, da die Fokussierung von Leistung vormals Differenzen betonte und durch Inklusion im Sinne der Bildungsgerechtigkeit diesem Fokus entgegenwirke.

In der Falldarstellung werden drei unterschiedliche Deutungsmuster von Lehr- und Fachkräften bezogen auf die Verhaltensänderung bei Schüler*innen besprochen. Es wird festgehalten, dass auf unterschiedliche Weisen – die Intervention einer psychiatrischen Klinik sowie innerschulische Disziplinierung durch einen Lehrer und eine Psychologin ­­- in jedem der Fälle die Verhaltenserwartung an den Schüler*innen exekutiert und von diesen versubjektiviert werden. Die Fälle stehen damit exemplarisch für von Fachkräften als störend identifiziertes Verhalten, welches durch die Anpassung der Schüler*innen an die leistungsorientierten Erwartungen korrigiert wird. Das zentrale Interesse ist hierbei der gelingende Unterricht im Sinne einer „gymnasialen Arbeitsweise“ (ebd.: 151) und die damit einhergehende „Zersetzung von Devianz“ (ebd.: 152) im Schüler*innensubjekt.

In ihrem Beitrag „Die Bedeutung des ‚Ich‘ in der Lehrer*innenbildung für eine machtkritische Perspektive auf die Sonderpädagogik“ in Themenkomplex vier ­-Machtkritische Perspektiven auf veranderungssensible Lehrer*innenbildung – wirft Susanne Leitner, eine der Herausgeber*innen des Bandes, die Problematik der Kaschierung der Reflexion-auf-sich, also des „Ich“, auf. Diese Kaschierung gehöre in weiten Teilen der wissenschaftlichen Community noch immer zum Standard.

An den Beispielen der Postcolonial Studies und der Critical Whitness werden Konzepte vorgeschlagen, um die Konstruktion des i.d.R. weißen, westlichen „Wir“ und die damit einhergehende Konstruktion des „Anderen“ zu hinterfragen. Da das professionelle Verständnis von Pädagog*innen an den Hochschulen maßgeblich dadurch geprägt würde, dass Wissensbestände als objektive, von den Forschenden losgelöste existierten, wirft Leitner die Frage auf, wie diese Lehrkräfte im praktischen Feld die Bereitschaft entwickeln sollten, die eigene Biografie und Konzeptionalisierung von Gesellschaft – schlussendlich also das eigene „Ich“ – zu reflektieren. Als mögliche Antwort wird eine Verwebung von Powersharing und Empowerment an den Hochschulen vorgeschlagen, um die eigene Positionierung nicht nur der Studierenden, sondern gerade der Dozierenden zu reflektieren. Diese Sensibilisierung wäre der erste Schritt zu einer Ermöglichung von Raumnahme vonseiten marginalisierter Gruppen.

Diskussion

Der Herausgeber*innenband knüpft an die hochaktuellen Herausforderungen (nicht nur) in der Sonderpädagogik an und nimmt sich zum Ziel, die Reflexion der eigenen Position von Pädagog*innen und Wissenschaftler*innen innerhalb der sie umgebenen und von ihnen aufrecht erhaltenen Strukturen anzuregen. Hierfür wird ein recht breites Spektrum an Beiträgen geboten, die teils auf theoretischer Ebene, teils mit Beispielen aus der Empirie aufwarten, um diesen Prozess zu unterstützten. Das hierbei das ein oder andere Konzept zur machtkritischen Auseinandersetzung nicht erwähnt wird – so finden beispielsweise Analysemethoden wie die kritische Diskursanalyse nur implizit Erwähnung – ist dem Anliegen der Autor*innen zuzurechnen und stellt für die Absicht einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle innerhalb pädagogischer Hierarchien keinen Mangel dar. Gerade Hinweise auf die partizipative Forschung in den möglichen Bezugswissenschaften der Sonderpädagogik regen hier zur eigenen Auseinandersetzung und der intensiveren Befassung mit Forschungs- und Lehrprozessen an.

Dieser Umstand ist es gleichzeitig, der das vorliegende Buch auf einen dezidierten Personenkreis einengt. Es richtet sich klar an Akademiker*innen, denen die besprochenen Konzepte und Situationen vertraut sind und setzt das Wissen um die Kritik der herrschenden Bemühungen der Sonderpädagogik – das Leistungsprinzip – voraus. Ein Wissen um die gängigen Theorien und deren Umsetzungen ist also vonnöten, auch um die Praxisbeispiele nachvollziehen und verstehen zu können. Die Lektüre des Buches kann also aufgrund der Aktualität und fachlichen Fundiertheit Studierenden in allen Bereichen der Pädagogik sowie bereits praktisch tätigen Pädagog*innen empfohlen werden kann.

Fazit

„Die Macht der Ordnung – Perspektiven der Veranderung in der Pädagogik“ greift ein hochaktuelles Bemühen auf, die Pädagog*innen und ihre Institutionen kritisch auf ihre Machtwirkungen und die Verobjektivierung ihrer Adressat*innen zu reflektieren. Hierfür werden diverse Anhaltspunkte für die Bewusstmachung der eigenen Position angeboten und ein Nachdenken angeregt, wie das eigene, machtvolle Wirken reflektiert werden kann. Für die Aktualität und Relevanz dieses Anliegens sowie die damit verbundenen Herausforderungen stellt der Band einen gewichtigen Beitrag dar.

Rezension von
Joachim Köhler
M.A. Sozialarbeitswissenschaft, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Greifswald sowie freier Hochschuldozent an der Hochschule Neubrandenburg
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Es gibt 1 Rezension von Joachim Köhler.

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Zitiervorschlag
Joachim Köhler. Rezension vom 09.01.2023 zu: Susanne Leitner, Ramona Thümmler (Hrsg.): Die Macht der Ordnung. Perspektiven auf Veranderung in der Pädagogik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. ISBN 978-3-7799-6471-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29814.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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