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Leo Roepert: Die konformistische Revolte

Rezensiert von Johannes Schillo, 27.10.2022

Cover Leo Roepert: Die konformistische Revolte ISBN 978-3-8376-6272-6

Leo Roepert: Die konformistische Revolte. Zur Mythologie des Rechtspopulismus. transcript (Bielefeld) 2022. 254 Seiten. ISBN 978-3-8376-6272-6.
Reihe: Sozialtheorie.

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Thema

Das Buch thematisiert das politische Projekt des Rechtspopulismus, wie es etwa in den USA durch Trumps Neuformierung der Republikaner oder in Europa durch Parteien wie AfD, RN oder Fidesz in Erscheinung tritt. Beabsichtigt ist eine allgemeine Klärung dieser „konformistischen Revolte“ (eine Formulierung, die Roepert von Max Horkheimer übernommen hat); die Beispiele und auch die herangezogene Literatur erläutern dies aber meist anhand der deutschen und europäischen Verhältnisse.

Autor

Der Autor, dessen Publikation auf eine Anfang 2022 eingereichte Dissertationsschrift zurückgeht, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Sozialökonomie der Universität Hamburg und zählt u.a. das Thema Rechtspopulismus zu seinen Forschungsschwerpunkten.

Aufbau

Das einleitende Kapitel skizziert den Aufstieg des Rechtspopulismus seit der Finanzkrise 2008ff, benennt weitere krisenhafte Stationen bis hin zur Corona-Pandemie (deren Rolle in der rechtspopulistischen Agitation das Buch sonst nicht weiter behandelt) und gibt einen Überblick über den folgenden Argumentationsgang. Das zweite Kapitel charakterisiert die sozialwissenschaftliche Debatte anhand der fünf Elemente Volk, Elite, Fremde, Geschlechterverhältnisse sowie „Rationalität, Wahrheit, Affekt“, wobei der letzte Punkt zum – für den Autor zentralen – Mythosbegriff hinführt. Es folgt eine Kritik an gängigen Erklärungsansätzen. Das dritte Kapitel zeichnet, ausgehend von den genannten Elementen, die Struktur des rechtspopulistischen Weltbildes nach und arbeitet die zugrunde liegende Logik des Rassismus heraus. Diese hält der Autor für entscheidend – und ihre Missachtung für das Hauptdefizit bisheriger Erklärungen. Das vierte Kapitel will dieses Defizit beheben, indem es vor allem auf die „Dialektik der Aufklärung“ von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zurückgreift und das prekäre, „dialektische“ Verhältnis von Mythos und Aufklärung zum Ansatzpunkt macht, um den Rechtspopulismus als mythologische Krisendeutung und -verarbeitung zu erklären. Ein resümierendes Abschlusskapitel hält noch einmal die Mängel bisheriger Erklärungsversuche fest, insbesondere den Übergang auf eine abstrakte Metaebene, wo mit einem allgemeinen Populismusbegriff die disparatesten politischen Strömungen erfasst werden sollen.

Inhalt

Der erste Teil des Buchs ist der Kritik gängiger sozialwissenschaftlichr Erklärungen gewidmet. Das angesprochene Problem der Abstraktionsebene – dass mit einem übergeordneten, links wie rechts anzutreffenden Populismus der spezifische politische Inhalt des jeweiligen Standpunkts aus dem Blickfeld gerät –, wiederholt sich laut Roepert auch da, wo eine Konzentration auf den Rechtspopulismus erfolgt.

Wenn mit einer ökonomischen Erklärung die Modernisierungsverlierer oder mit einer politologischen die Politikverdrossenen als Hauptträger und -triebkräfte des Rechtstrends herausgestellt werden, greife das zu kurz. Es bleibe weiter erklärungsbedürftig, warum diejenigen, die nicht von der Globalisierung profitieren oder die sich einer „Krise der Repräsentation“ ausgesetzt sehen, gerade nach rechts tendieren, statt die vielfältigen Angebote wahrzunehmen, mit denen der demokratische Pluralismus die Unzufriedenheit der Bürger aufgreift bzw. stimuliert.

Dasselbe gelte für die kulturellen Erklärungsansätze, denen Roepert im Prinzip zuneigt. Hier werde zwar im Unterschied zu den ersten beiden Varianten die – ausgrenzende, polemische – Rolle der kulturellen Werte, die Idealisierung von Heimat, Familie und sexueller „Normalität“ als „unsere“ Lebensweise, in den Blick genommen. In den sozialpsychologisch orientierten Erklärungen kehre jedoch das theoretische Hauptdefizit wieder.

Im Namen eines abstrakten kulturellen Identitätsbedürfnisses bzw. eines sozialisationstheoretisch begründeten Autoritarismus (wie ihn übrigens die Frankfurter Schule mit der These vom autoritären Charakter populär machte) werde eine leere Bereitschaft zu ausgrenzender Feindseligkeit postuliert, deren spezielle politische Ausrichtung sich dann irgendwie von selbst ergeben soll. Alle drei Erklärungsansätze hätten somit dass Problem, „dass sie das Feindbild der Fremden, das der gängigen Definition zufolge das eigentliche Spezifikum des Rechtspopulismus ausmachen soll, entweder gar nicht oder nicht befriedigend erklären können“ (S. 83, Herv. i.O.). Der Autor hält zudem fest, dass sogar „die Identitätskategorien, mit denen der Rechtspopulismus operiert, häufig weniger analysiert als unkritisch übernommen werden“ (S. 84).

Die Hinwendung zur inhaltlichen Analyse beginnt mit dem Hinweis darauf, dass man die „Misogynie und den obsessiven Antifeminismus“ als „integrale Elemente des Rechtspopulismus“ festhalten müsse (S. 84). Der zweite Teil (der die Kapitel 3 bis 5 umfasst) führt dann das rechtspopulistische Weltbild auf die zugrundeliegende Logik des Rassismus zurück, die sich in den drei Varianten eines liberalen und völkischen Rassismus sowie eines strukturellen Antisemitismus ausdrücke.

Rassismus will der Autor nicht einfach als einen Vorgang der Biologisierung fassen, er sei „kein Naturalismus, sondern argumentiert idealistisch (Herv. i. O.)“ (S. 101). Aber der Determinationsgedanke – dass der Einzelne durch seine Zugehörigkeit zu einem Kollektiv in seinem Wesen „substanziell“ bestimmt und damit auf Lebens- und Handlungsweisen festgelegt ist – bleibt hier erhalten, somit auch die Verbindung zum gängigen Verständnis von Rassismus.

Den Idealismus sieht der Autor darin, dass die gesellschaftliche Konstitution der Subjekte, der wirkliche materielle Produktionsprozess mit seinen immanenten Krisenpotenzialen, nicht in den Blick gerate. Dies hält er für einen mythologischen Grundzug der bürgerlichen Gesellschaft, deren Werdegang er, im Anschluss an die „Dialektik der Aufklärung“, einer materialistischen Analyse unterzieht. Demnach ist die hier herrschende Rationalität selber mythologisch: Sie will die Subjekte aus ihrer Naturbefangenheit befreien, perpetuiert aber mit der wachsenden Naturbeherrschung die Herrschaft über Menschen. Diese seien den undurchschauten Verhältnissen ausgesetzt – einer unpersönlichen, abstrakten Herrschaft kapitalistischer Sachgesetze –, für die ihnen Mythen eine Deutung und eine Möglichkeit der Verarbeitung im Blick auf Handlungen, aber auch auf Affekte und persönliche Identitätsfindung lieferten.

Der Rechtspopulismus ist somit als ein Endpunkt üblicher Verarbeitungsformen, mit denen den anwachsenden Krisenerscheinungen begegnet wird, dingfest gemacht: Er steigert „das Eigene“ – das nationale Wir, aus dem die anderen ausgeschlossen werden müssen – und „die Fremden“ – die eine Bedrohung dieses Wir in wechselnden Gestalten repräsentieren – zu überzeitlichen Lebensbedingungen. An diesen Prinzipien, die als substanzielle, unverrückbare Größen, im Fall des binären Geschlechterverhältnisses unmittelbar als Naturkonstanten, gefasst sind, vergreifen sich angeblich die globalistischen, jeder nationalen Verantwortung entledigten Eliten. Im Endeffekt erscheine so in der rechtspopulistischen Elitenkritik der Antisemitismus wieder.

Andere Kontexte, in denen der Rechtspopulismus zu verorten ist, werden in dem Buch eher kurz abgehandelt. Dem Konservatismus ist ein Exkurs von vier Seiten gewidmet (S. 146–150), wobei der Autor jedoch einen entscheidenden Zusammenhang konstatiert: „Es ist die Krise des bürgerlichen Konservatismus, die die Bereitschaft zur konformistischen Revolte hervortreibt.“ (S. 222).

Der Ideologiebegriff wird dagegen deutlich zurückgewiesen. Roepert betont zwar im Sinne der Kritischen Theorie ideologische Leistungen des rechten Weltbilds, analytisch helfe aber nur der Mythosbegriff weiter, da er sich auf „basale Herrschaftsstrukturen“ (S. 183) beziehe. Expliziert wird dies an einem überraschenden Beispiel aus der Sphäre demokratischer Herrschaft, die sonst hinter den allgemeinen gesellschaftstheoretischen Überlegungen zurücktritt: „Dass in der deutschen Politik der Wille des deutschen Volkes zum Ausdruck kommen solle, ist eine … mythologisch grundierte Aussage, die selbstverständlich ist und nicht zum Gegenstand von Diskussionen werden muss.“ (S. 183). Abschließend merkt der Autor allerdings an, dass „die idealtypische Gegenüberstellung von Ideologien und Mythen … real weit weniger strikt“ ist (S. 184).

Ganz aus dem Blickwinkel gerät der Nationalismus, der nur in einer Fußnote erwähnt wird. Wie der Rassismus kenne er die überzeitlichen Größen von Volk und Nation, gleichzeitig würde aber hier nicht in starren Kategorien gedacht: „Das Verhältnis von Zeit und Ewigkeit, Entwicklung und Statik im Nationalismus und Rassismus ist komplex.“ (S. 200).

Die Rolle der neuen Medien, die in anderen Populismus-Analysen als wesentlich gilt (AfD als erste Internetpartei, Entstehung eines „digitale Faschismus“…), wird nur am Rande gestreift. Die Kulturindustrie, in der Adorno einen entscheidenden Stabilitätsfaktor des Spätkapitalismus sah, habe im Nachkriegsdeutschland eher eine individualisierende Wirkung gehabt, nationale Mythen seien in den Hintergrund getreten (vgl. S. 200). Im Abschlusskapitel heißt es dann lapidar, dass das mythologische Denken nicht aufs Archaische fixiert sei, neuerdings würden nämlich zunehmend „Elemente aus der Popkultur aufgegriffen“ (S. 216).

Diskussion

Der Autor weist treffend auf Mängel bisheriger Erklärungen hin, doch ist seine Fehlerliste überpointiert, so etwa, wenn es um die Leerstelle „Rassismus“ geht. Dazu resümiert er: „Die rechtspopulistische Ablehnung der Fremden scheint für den Großteil der Populismusforschung eine Banalität, über die nachzudenken weder notwendig noch lohnend ist.“ (S. 91). Das lässt sich in dieser Form nicht halten: Hier werden etwa die empirisch orientierten Arbeiten von Wilhelm Heitmeyer, der in seinem menschenfeindlichen Syndrom eine Aufschlüsselung des rechten Feindbildkomplexes versuchte, oder die Studien von Feerk Huisken, die die Verbindungs- und Trennungslinien des geächteten wie geachteten Nationalismus samt den rassistischen Übergängen untersuchen, ausgeklammert. Auch andere Debatten – etwa zum Unterschied von Antirassismus und Rassismuskritik (vgl. Benno Hafeneger u.a., Rassismuskritische politische Bildung, 2019) oder zum „Alltagsrassismus“ (vgl. die gleichnamigen Publikationen von Heidrun Friese u.a. oder Wolfgang Benz aus dem Jahr 2019) – kommen bei Roepert nicht vor. Wie eine kurze Bemerkung zum GMF-Syndrom zeigt, geht es ihm eher darum, seinen eigenen Anschluss an die Kritische Theorie zu verteidigen und konkurrierende Erklärungen (die es gibt) auszuschließen. Die Argumentation verlagert sich dazu aber auf eine allgemeine gesellschaftstheoretische Ebene, was viele neue Fragen aufwirft – bis hin zur Geltung der Freud‘schen Triebtheorie, die Roepert zur Erklärung sozialer Abwehr- und Projektionsmechanismen heranzieht.

Erstaunlich ist dabei eine Leerstelle der Erörterungen: die Verbindungslinie zum Nationalismus und zu den Prinzipien demokratischer Herrschaft. Gelegentlich erwähnt der Autor, dass die rechtspopulistische Elitenkritik „nicht ungewöhnlich“ sei, sie bewege „sich im Rahmen der normalen politischen Auseinandersetzung in parlamentarischen Demokratien“ (S. 130). Was er dann als Beispiel für eine populistische Verschärfung anbringt – der an Merkel adressierte Vorwurf der „Herrschaft des Unrechts“ (S. 131), der auf Kriminalisierung ziele –, war aber keine Besonderheit der AfD. Und besonders erstaunlich ist, dass nur ein einziges Mal (S. 115) der von der AfD immer wieder angegriffene „Schuldkult“ der BRD, die Vergangenheitsbewältigung in Sachen NS, erwähnt wird. Das „gesunde Nationalbewusstsein“, das Rechtspopulisten propagieren, könnte man aber durchaus als deren zentralen Programmpunkt bezeichnen. Bei allen anderen Fragen, die das Verhältnis zum Ausland oder die Ausgestaltung der inneren Ordnung betreffen, ist der Rechtspopulismus flexibel. Das zeigen gerade die jüngsten Entwicklungen der AfD in ihren Positionierungen zu Klimawandel, Corona-Pandemie, Inflationsbekämpfung oder Ukrainekrieg. Im Bekenntnis zur Nation sieht diese Partei dagegen ihr Alleinstellungsmerkmal, das ihr dann von den etablierten Parteien bestritten wird, indem sie sich selber als deren wahren Anwalt in Szene setzen.

Roeperts Buch tritt mit einem starken ersten Teil an, der die Mängel dominanter ökonomischer, politischer und kultureller Erklärungsansätze thematisiert. Dies leitet über zu einer – ideologiekritischen – Aufbereitung des rechtspopulistischen Weltbildes, die entscheidende Punkte herausstellt, sich dann aber darauf fixiert, die zugrundeliegende Logik des Rassismus mit dem Mythosbegriff der „Dialektik der Aufklärung“ zu erklären. Die Exegese dieses Grundlagentextes der Kritischen Theorie führt auf zahlreiche Felder, die weitere Debatten notwendig machen. Doch wird hier im Grunde ein allgemeiner gesellschaftstheoretischer Diskurs eröffnet, der die Befassung mit dem Nationalismus und Konservatismus nationalstaatlicher Herrschaft, in deren Umkreis sich der Rechtspopulismus bewegt, an den Rand drängt. Ob Adorno diese Analyse geteilt hätte, ist dabei eine andere Frage. Dessen erst 2019 veröffentlichten „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ (die Roepert nicht erwähnt) lassen eher eine Nähe zur Dimitroff-Doktrin erkennen, also zur traditionellen marxistischen Theorie, die die entscheidenden Rolle des Monopolkapitals herausstellt.

Fazit

Der Autor bietet eine gute Übersicht zum Forschungs- und Diskussionsstand in Sachen Rechtspopulismus. Auf dieser Grundlage entwickelt er – im Anschluss an die Kritische Theorie – einen gesellschaftstheoretischen Erklärungsansatz, der sich auf die Rolle der kapitalistischen Krisenpotenziale konzentriert.

Rezension von
Johannes Schillo
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Zitiervorschlag
Johannes Schillo. Rezension vom 27.10.2022 zu: Leo Roepert: Die konformistische Revolte. Zur Mythologie des Rechtspopulismus. transcript (Bielefeld) 2022. ISBN 978-3-8376-6272-6. Reihe: Sozialtheorie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29816.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


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