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Janna Teltemann: Bildungssoziologie

Rezensiert von HS-Prof. Dr. Doris Lindner, 04.01.2023

Cover Janna Teltemann: Bildungssoziologie ISBN 978-3-8487-7320-6

Janna Teltemann: Bildungssoziologie. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2022. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. 215 Seiten. ISBN 978-3-8487-7320-6. 24,00 EUR.

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Thema und Entstehungshintergrund

Die Bildungssoziologie hat sich gegen Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts als eigenständige Wissenschaft, in deren Kern die Auseinandersetzung mit Fragen rund um Bildung und der Institutionalisierung des Bildungswesen im Allgemeinen steht, etabliert. Sie blickt dabei auf eine Vielfalt an Zugängen, Theorien und empirischen Methoden mit Bezügen zu anderen Sozialwissenschaften (vgl. Krais, 1994). Diese abzubilden, ohne jedoch den Anspruch der Vollständigkeit zu vermitteln, ist das Anliegen des vorliegenden Lehrbuchs mit einführendem Charakter in das breite Themenspektrum der Bildungssoziologie. Textgrundlage der einzelnen Kapitel sind der Vorlesung „Einführung in die Bildungssoziologie“ an der Universität Hildesheim entnommen, die primär Studierende im Bachelorstudium mit Lehramtsoption adressiert, die Soziologie als Wahlpflichtfach im Professionalisierungsbereich studieren. Da der Soziologie auch immer wieder vorgeworfen wird, eine Sprache zu verwenden, die kaum zu verstehen ist, wird hier bewusst auf Anschaulichkeit und Lesbarkeit der Texte geachtet, um Studierenden einerseits einen verständlichen Zugang zur Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Bildungsfragen und Bildungsprozessen zu bieten, andererseits auch einen Orientierungsrahmen für das mögliche, zukünftige Arbeits- und Tätigkeitsfeld zu eröffnen. Im Buch werden vor allem zwei Stränge näher beleuchtet: erstens Bildungsungleichheiten, wie sie entstehen und welche Rolle Bildungsinstitutionen in der Reproduktion von Ungleichheiten einnehmen und zweitens, wie Bildung und Bildungsungleichheiten (unter Rückgriff auf Ergebnissen quantitativer Studien) gemessen sowie Leistungen des Bildungssystems bewertet werden können.

Autorin

Janna Teltemann ist Professorin für Bildungssoziologie am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Hildesheim am Fachbereich Erziehungs- & Sozialwissenschaften, wo sie dem Dekanat als Prodekanin angehört. Sie ist darüber hinaus Fachstudienberaterin im Bereich Digitale Sozialwissenschaften, Mitglied des Fachbereichsrat und Mitglied der Kommission für die Vergabe der Senior Lecturer. Sie forscht zu den Themenbereichen Bildungssysteme und migrationsspezifische Bildungsungleichheiten, zur ethnischen Stratifizierung und Segregation im deutschen Sekundarschulbereich und zur ethnischen Segregation in deutschen Großstädten.

Aufbau und Inhalt

Das Studienbuch ist unterteilt in elf Hauptkapitel, die jeweils verschiedene theoretische und empirische Aspekte auf Bildung(sprozesse) verdeutlichen. Jedes dieser Kapitel beginnt mit einer Zusammenfassung der zentralen Inhalte und endet mit „Fragen und Aufgaben zur Wiederholung“, die zur Überprüfung des Gelernten bzw. zur Verständnisklärung dienen.

Im ersten Kapitel führt die Autorin in die „Grundlagen der Bildungssoziologie“ ein. Sie beschreibt dabei zu Beginn Entstehung und Gründung der Soziologie als eigenständige Wissenschaftsdisziplin, ihren Gegenstand und ihre Arbeitsweisen, um anschließend zentrale Fragen der Bildungssoziologie, insbesondere den Gegenstand der Bildungsungleichheit, zu erörtern. Im zweiten Teil des Kapitels findet eine Klärung der Grundbegriffe der Bildungssoziologie, ‚Sozialisation‘, ‚Bildung‘ und ‚Erziehung‘, statt.

Kapitel zwei beleuchtet die Bedeutung von Bildung erstens unter dem Aspekt der Auswirkungen von Bildungsprozessen für das Individuum und seiner Lebensqualität bzw. Lebensführung und zweitens mit Blick auf unterschiedliche Bildungsniveaus und -verteilungen hinsichtlich ihrer Folgen für gesellschaftliche Entwicklungen in unterschiedlichen Bereichen. Dabei werden empirische Befunde vorgestellt und verschiedene Erklärungsansätze, wie zeitliche, soziale und Selektionseffekte, diskutiert. In Bezug auf die gesellschaftlichen Folgen interessiert vor allem die Frage, was Bildung für die Gesellschaft bedeutet. Im letzten Kapitel wird die Zeitdiagnose einer ‚Wissensgesellschaft‘ betrachtet.

Im dritten Kapitel steht die Frage nach dem Bildungssystem als gesellschaftliches Teilsystem, das für die Gesellschaft verschiedene Funktionen erfüllt, im Zentrum der Ausführung. Unterschiedliche gesellschaftstheoretische Zugänge, wie der Strukturfunktionalismus, die Konflikttheorie und die Systemtheorie, werden vorgestellt. Es wird darüber hinaus gezeigt, wie sich moderne Bildungssysteme entwickelt haben, wie sie (aus)gestaltet sind und wie sie funktionieren. Ein besondere Fokus liegt hierbei auf den Leistungen, Merkmalen und Effekten sowie auf dem Rollenhandeln und den Interaktionen in Bildungsinstitutionen.

Im Kern von Kapitel vier steht die soziologische Klärung dessen, was Schulen als Organisationen bedeuten, welche Merkmale sie auszeichnen und warum die Produktion von Leistungen darin häufig nicht planmäßig und intendiert abläuft, sondern nach einer ‚hidden agenda’.

Kapitel fünf befasst sich schließlich mit der Messung von Bildung und Bildungsungleichheit. Dazu operationalisiert die Autorin den Bildungsbegriff, um die Ausprägungen der Leistungen, die innerhalb von Bildungssystemen und ihren Einheiten erbracht werden, überprüfen zu können. ‚Niveau‘ gilt dabei als Indikator von Bildung in Bezug auf Leistungen bzw. Kompetenzen und hinsichtlich der Beteiligung an und den Ausschlüssen von Bildungsprozessen innerhalb einer Gruppe bzw. innerhalb der Bevölkerung. Darüber hinaus werden weitere Indikatoren für die Verteilung/​Streuung von Bildung und für den Zusammenhang zwischen Bildung und Herkunftsmerkmalen von Personen und Gruppen bzw. der Bevölkerung vorgestellt.

Kapitel sechs befasst sich mit einem zentralen Gegenstand der Bildungssoziologie, der sozialen Bildungsungleichheit. Im Fokus der Auseinandersetzung steht die Frage nach den Ausprägungen und Ursachen einer schichtspezifischen Bildungsungleichheit und die daraus ergebenden Zusammenhänge zwischen Bildungserfolg und Familie bzw. sozialer Lage. Es werden wesentliche theoretische Ansätze, die schichtspezifische Sozialisation, die Theorie der kulturellen Reproduktion und der rational-choice-Ansatz, vorgestellt sowie Ursachen für soziale Bildungsungleichheit und Bildungsungleichheit verringernde Maßnahmen in Hinblick auf ihre Realisierung beleuchtet. Dabei wird auch danach gefragt, wie Bildungssysteme soziale Bildungsungleichheit beeinflussen.

Während Kapitel sechs soziale Bildungsungleichheit einführend behandelt, wird im Kapitel sieben mit dem Migrationshintergrund eine weitere zentrale Dimension erfasst. Die Autorin gibt zunächst einen Einblick in das Verhältnis zwischen Bildungserfolg von Zugewanderten und der gesamtgesellschaftlichen Integration. Danach wird die Einwanderung nach Deutschland überblicksartig vorgestellt und empirische Befunde zum Bildungserfolg von Personen mit Migrationshintergrund aufgezeigt. Verschiedene theoretische Erklärungsansätze zur Ungleichheit sind dabei leitend. Maßnahmen zur Unterstützung des Bildungserfolgs von Personen mit Migrationshintergrund bzw. zur Verringerung migrationsbedingter Bildungsungleichheit werden abschließend resümiert.

Eine weitere Dimension von Bildungsungleichheit wird mit dem Geschlecht im Kapitel acht näher ausgeführt. Der Fokus der Auseinandersetzung liegt auf den Ergebnissen empirischer Befunde, die überblicksartig in Bezug auf verschiedene Bildungsaspekte vorgestellt werden, zum Beispiel in Bezug auf Schulnoten, auf das Leistungsgefälle in Mathematik und den Naturwissenschaften, den Erklärungsansätzen für geschlechtsspezifische Bildungsungleichheit und den möglichen Maßnahmen zur Verringerung dieser Ungleichheiten.

Kapitel neun befasst sich schließlich mit dem Wandel von Bildungssystemen und damit, welche Rolle die Bildungspolitik in dem Geschehen einnimmt. Dabei liegt der Fokus darauf, wie verschiedene nationalstaatliche Bildungssysteme auf die Herausforderungen der letzten zwanzig Jahre reagiert haben und sich gegenwärtig verändern. Die Autorin bezieht sich in ihren Ausführungen dabei auch auf die Forschungsrichtung ‚Educational Governance‘, die solche Veränderungen mit Blick auf Bildungssysteme und Bildungsergebnissen analysiert und bewertet.

Im anschließenden Kapitel zehn beschreibt die Autorin anhand zentraler Forschungsbefunde „Auswirkungen der Corona-Pandemie“ durch Schulschließungen in Bezug auf Lernzuwächse und Kompetenzen, hinsichtlich der (schichtspezifischen) Ungleichheitsdimension (Ressourcenausstattung des Elternhauses), in Bezug auf Wohlbefinden und hinsichtlich der mentalen Gesundheit. Dabei geht die Autorin auch auf die Folgen für Studierende ein und beleuchtet zudem die Herausforderungen der Wissenschaftsgesellschaft im Allgemeinen (Umgang mit wandelnden Wissen, Einfluss von Expert:innen, politische Entscheidungen).

Im abschießenden Kapitel elf werden zum einen Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung auf den Bildungsbereich im Zusammenhang mit den Veränderungen von Bildungszielen erörtert, zum anderen werden empirische Befunde in Bezug auf unterschiedliche Aspekte, wie Infrastruktur und Personal, Kompetenzen und Ungleichheit, diskutiert. Ein weiterer Abschnitt befasst sich mit der Bedeutung der Digitalisierung für Hochschulen.

Diskussion

Dass es sich bei diesem Lehrbuch um eine (in aktualisierter Form vorliegende) Einführung in das Themenspektrum der Bildungssoziologie handelt, wird an grundlegenden Fragen und Begrifflichkeiten und entlang zentraler Forschungsbefunde insbesondere zum Phänomen der sozialen Bildungsungleichheit kapitelweise eingelöst. Die Zugangsweise, gewissermaßen zielgruppenspezifisch eine Auswahl jener Aspekte zu thematisieren, zu beleuchten und mit abschließenden Fragestellungen zu reflektieren, die (aktuell) bedeutsame Anforderungen an und Herausforderungen für angemessenes Handeln von (angehenden) Lehrpersonen und Pädagog:innen darstellen, steht hierbei nicht zur Diskussion. Gerade die gewählte Zugangsweise ist ein Gewinn für das Lehrbuch, weil es der Autorin gelungen ist, den Bezug zum zukünftigen Berufs- und Tätigkeitsfeld nicht aus den Augen zu verlieren. Für Lehramtsstudierende und Studierende mit Bezug zu pädagogischen Fächern gehört die Bildungssoziologie zu jenen Disziplinen, die es vermögen, ein umfassendes Wissen über Ursachen, Rahmbedingungen und Auswirkungen von (ungleichen) Bildungsprozessen in der Gesellschaft und innerhalb zentraler Bildungsinstitutionen, wie der Schule, zur Verfügung zu stellen, um Wahrnehmungen und Handlungen nicht nur auf einzelne Akteur:innen zu legen (wie die Pädagogik primär dazu verleitet), sondern zu verstehen und zu reflektieren, inwieweit erstens gesellschaftliche Prozesse Einfluss nehmen auf Bildung, Bildungsgestaltung und Bildungserfolg und zweitens, wie Schule als Teilsystem der Gesellschaft vor allem schichtspezifische und migrationsspezifische Benachteiligungen herstellt und reproduziert. Insofern ist die Lektüre des Einführungswerkes für Verständnis und Reflexion zentraler bildungssoziologischer Fragestellungen hilfreich, weil sie es auch vermag, die oft geforderte (auch eingelöste?) Professionalisierung von Studierenden im Lehramt voranzutreiben. Die Frage, ob es eine ‚Einführung‘ sein muss, oder ob es nicht zum Standard von Lehramtsausbildungen gehören sollte, sich mit bildungssoziologischen Fragestellungen im Studium durchgehend auseinanderzusetzen (was auch eher den Vorstellungen eines Professionalisierungskontinuums entsprechen würde), bleibt eine Diskussion mit offenen Ende. Erfahrungsgemäß trägt auch die teils schwierige Fachsprache und die Fokussierung auf wichtige Vertreter:innen der Soziologie dazu bei, dass vermittelte Inhalte (bildungs)soziologischer Lehrveranstaltungen für Studierende, die Soziologie nicht im Hauptfach studieren, anfänglich meist als unnützes Wissen abgetan wird. Schafft man es aber, wie in dem Lehrbuch aufgezeigt wird, Thematiken so aufzubereiten, dass sie die (zukünftige) Berufsausübung von Studierenden bedeutsam in den Mittelpunkt rücken, gelingt auch der theoretische Transfer in die Praxis.

Fazit

Die Diskussion um Bildung, Bildungserwerb und Bildungserfolg in der Öffentlichkeit trägt dazu bei, dass bildungssoziologische Fragestellungen vermehrt und intensiviert in der Hochschulausbildung diskutiert werden. Das Lehrbuch leistet hierzu eine wertvolle Unterstützung mit einer sicherlich profunden Grundlage und kann daher uneingeschränkt als Einführungsliteratur in die Bildungssoziologie empfohlen werden.

Quelle:

Krais, B. (1994). Erziehungs- und Bildungssoziologie. In H. Kerber & A. Schmieder (Hrsg.), Spezielle Soziologie (S. 556–576). Reinbek: Rowohlt.

Rezension von
HS-Prof. Dr. Doris Lindner
Institut Qualitätsmanagement und Hochschulentwicklung
Private Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien/Krems
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Es gibt 34 Rezensionen von Doris Lindner.

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Zitiervorschlag
Doris Lindner. Rezension vom 04.01.2023 zu: Janna Teltemann: Bildungssoziologie. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2022. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-8487-7320-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29834.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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