socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Rainer Strätz, Helga Demandewitz: Beobachten und Dokumentieren in Tageseinrichtungen [...]

Cover Rainer Strätz, Helga Demandewitz: Beobachten und Dokumentieren in Tageseinrichtungen für Kinder. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2005. 5., vollst. überarbeitete u. aktualis. Auflage. 191 Seiten. ISBN 978-3-407-56248-7. 19,90 EUR.

Bis zur 4. Aufl. u.d.T.: Strätz, Rainer: Beobachten.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Einführung

Das Beobachten und Dokumentieren stellt für Erzieher/innen in Kindertagesstätten keine neue, unbekannte Aufgabe dar. Es wird jedoch durch die Bildungspläne und Bildungsempfehlungen der Bundesländer stärker in den Mittelpunkt gestellt. Anhand vielfältiger Beispiele stellen die Autor/innen dar, wie Beobachten und Dokumentieren in der Praxis aussehen können. Im Buch stehen die Methoden der Beobachtung und die Beschreibung des Gewinns, der für die erzieherische Praxis daraus resultieren kann, im Mittelpunkt.

Zu den Autor/innen

  • Rainer Strätz ist stellv. Leiter des Sozialpädagogischen Instituts NRW. Seine Arbeitsschwerpunkte: soziale Beziehungen, Beobachten, Ausbildung von Erzieher/innen, Qualitätsmanagement und Bildungsprozesse
  • Helga Demandewitz ist Dipl.-Pädagogin, Systemische Therapeutin (DGSF) und Supervisorin (DGSv). Sie ist in der Fortbildung, Beratung und konzeptionellen Begleitung sozialpädagogischer Fachkräfte tätig.

Entstehungshintergrund

Die erste Auflage des Buches ist 1987 erschienen. Da inzwischen fast alle Bundesländer in ihren Bildungsplänen bzw. -empfehlungen das Beobachten und Dokumentieren als Pflichtaufgabe festgeschrieben haben, hat sich den Autor/innen eine Wiederauflage des Buches angeboten. Gleichzeitig wollen die Autor/innen der Arbeit mit schematischen Beobachtungsrastern, was diese als gegenwärtigen Trend der Literatur ausmachen, entgegenwirken. Das Buch soll ein Beitrag dazu sein, mit Begeisterung Kinder in ihrem Tun zu beobachten, und dies nicht als lästige Pflichtaufgabe zu empfinden.

1 Beobachtung als Alltagsphänomen

Anhand von zwei scheinbar nebensächlichen Situationen wird demonstriert, wie sehr das Beobachten ein wichtiger Bestandteil des erzieherischen Alltags ist.

2 Beobachtung von verschiedenen Seiten betrachtet

Im ersten Abschnitt des zweiten Kapitels wird dafür geworben, beim Beobachten bewusst die Perspektive zu wechseln und dabei gezielt nach dem Ausschau zu halten, was bisher nicht beobachtet werden konnte und weniger nach Bestätigungen für bisherige Eindrücke zu suchen. Beim Einnehmen der Perspektive der Kinder besteht z. B. die erzieherische Aufgabe vor allem darin, herauszufinden, was für ein Kind bedeutsam ist und was nicht.

Die Bedeutung von Beobachtungen wird besonders herausgestrichen durch die Beschreibung des Verlaufsmodells pädagogischen Handelns: Einer zufälligen Situationsbeobachtung muss eine Situationsanalyse anhand gezielten Beobachtens folgen, damit dann Ziele bestimmt werden, die in Praxishandeln münden, welches später durch Beobachtung reflektiert wird.

Unter ethischen Gesichtspunkten wird vor allem unterstrichen, dass es bei Beobachtungen nicht um das "Erfassen" der Kinder gehen kann, sondern um das Bemühen, ressourcenorientiert die Fähigkeiten und Bedürfnisse der Kinder zu verstehen. Es geht also darum, dem Kind eine "tiefe Aufmerksamkeit" zu schenken.

3 "Was habe ich davon?" Der Nutzen von Beobachtungen

Der Nutzen von Beobachtungen ist vielfältig, wie die Abschnittsüberschriften zeigen:

  • Individuelles Eingehen auf jedes Kind
  • Veränderungen und Entwicklungen wahrnehmen
  • Angebote den Interessen und Bedürfnissen anpassen
  • Bedeutungen von Ereignissen und Dingen erkennen
  • Den Umgang mit Regeln erfahren
  • Spielzeug und Material beurteilen
  • Durch Beobachtung lernen
  • Beziehungen verändern sich
  • Theoretisches Wissen veranschaulichen
  • Elterngespräche fundieren
  • Ereignisse einordnen
  • Vor zu frühem oder unnötigem Eingreifen bewahrt werden
  • Kinder in ungewöhnlichen Situationen noch besser kennenlernen
  • Prinzipien des pädagogischen Handelns erläutern

Anhand kleiner praktischer Beispiele wird verdeutlicht, welcher Gewinn aus regelmäßigen Beobachtungen resultieren kann.

4 Gezielt beobachten Schritt für Schritt: Ein Ablaufplan

Eine gezielte Beobachtung unterscheidet sich von der zufälligen unter anderem dadurch, dass sie durch eine Fragestellung oder ein konkretes Anliegen in Gang gesetzt wird und dass ein konkretes Ziel damit verfolgt wird. Darauf aufbauend wird eine Beobachtungsmethode ausgewählt. Nach der Durchführung und Dokumentation der Beobachtung folgen die Auswertung, Reflexion und das Planen pädagogischen Handelns, bevor die Umsetzung der Erkenntnisse in die pädagogische Praxis beginnt.

5 Themen der Beobachtung

Anhand eines Beobachtungsbeispiels wird deutlich, dass eine Genauigkeit und Ausführlichkeit der Schilderung dann erforderlich ist, wenn das Thema der Beobachtung sie erfordert. Die Beobachtungsthemen können prinzipiell in 4 Formen formuliert werden:

  1. Viele/alle Kinder werden beobachtet
  2. ein einzelnes Kind wird beobachtet
  3. Die Aufmerksamkeit wird auf eine allgemeine, grundsätzliche Fragestellung gelenkt
  4. Es wird nach beobachtbaren Unterschieden geforscht.

Dabei sind die ersten beiden Punkte mit jeweils einem der letzten beiden Punkte zu kombinieren. Durch Aufzeigen der Frageliste von Laewen und Andres, welche auf dem Konzept der "multiplen Intelligenzen" beruht, und den "Anregungen zum wahrnehmenden, entdeckenden Beobachten des Kindes/der Kinder" von Schäfer werden weitere Beobachtungsthemen angeregt.

6 Hilfen zur Beobachtung

Es ist günstig, wenn das Beobachten als Teamarbeit verstanden und organisiert wird. Durch verschiedene Perspektiven wird das Ergebnis viel besser, als wenn jede für sich allein beobachtet. In einem nächsten Abschnitt werden elf Tipps für eine anschauliche schriftliche Gestaltung gegeben, die helfen, schriftliche Schilderungen zu verfassen.

Die Autoren empfehlen, ein "Logbuch" zu führen, um alltägliche, kurze Beobachtungen festzuhalten. Dabei werden mit wenigen Worten, die beim Schreiben auf keinen Fall mehr als 5 Minuten in Anspruch nehmen sollten, wichtige Ereignisse des Tages festgehalten. Weiterhin wird auf die dokumentierende und anregende Funktion von Fotos sowie die Erstellung von Videos und Tonbändern eingegangen. Bei der Vorbereitung und bei der Dokumentation und Auswertung von Beobachtungen bieten sich sog. "Mind-Maps" an ebenso sind sie während der Beobachtung anwendbar. Auch mit Kindern lassen sich Mind-Maps entwickeln.

Checklisten zur Beobachtung dienen unter anderem dazu, einem eventuellen Ungleichgewicht bei der Verteilung der Aufmerksamkeit entgegen zu wirken, in dem Namenslisten mit Beobachtungen geführt werden. Zeitraster und Zeitpläne sind nützlich, um gezielt Beobachtungen zu planen. Weitere Möglichkeiten zur Strukturierung von Beobachtungen werden vorgestellt.

Kritisch setzen sich die Autoren mit Einschätzskalen auseinander. Nachteile solcher Skalen sind z. B., dass sie eher zu einer Beurteilung als zu einer Beobachtung auffordern. Dabei werden als Antworten zusammenfassende Urteile verlangt, die nicht belegt werden können. Als Beispiel für einen anderen Einsatz von Skalen wird die "Leuvener Engagiertheitsskala" beschrieben. Wenn nach Zuständen und nicht nach Entwicklungsprozessen gefragt wird, dann sind Einschätzskalen eher zu akzeptieren.

7 Beobachtung als Prozess

Der Beobachtungsvorgang kann in zwei Richtungen verlaufen, von einem konkreten Ereignis zu einer allgemeinen Fragestellung oder umgekehrt. Innerhalb einer Beobachtungsspirale werden 4 Schritte unterschieden:

  1. Aufsuchen allgemeiner Begriffe oder Etiketten im tatsächlichen Gruppengeschehen
  2. Zurechtrücken, Einordnen in das Gesamtgeschehen
  3. Bewusstes Umkehren der Fragerichtung
  4. Suche nach Ansätzen.

Bei der Schilderung eines Kindes kann auf verschiedene Aspekte, wie Verhalten im Spiel Sprachverhalten u. v. a. m., eingegangen werden.

Bestandteile von Bildungsdokumentationen, die jetzt in einigen Bildungsempfehlungen gefordert werden, können Alltagsbeobachtungen, Sprachprotokolle, gezielte Beobachtungen, kommentierte Kinderzeichnungen und kommentierte Fotos sein.

Wie sich auffälliges Verhalten durch Beobachtungen relativieren lässt und wie man damit umgehen kann, wird an einem ausführlichen Beispiel deutlich. Auch die Nutzung von Material und Räumen lässt sich anhand von Langzeitbeobachtungen belegen. Anmerkungen zu Beobachtungen von Tagesabläufen und zur Beobachtungen einer Spielgruppe schließen das Kapitel ab.

8 Anhang

Das Glossar im Anhang enthält einige Begriffsklärungen und ein ausführliches Literaturverzeichnis.

Diskussion

Obwohl das Buch erstmals 1987 erschienen ist, hat es von seiner Aktualität nichts eingebüßt, im Gegenteil: Es passt in die gegenwärtigen Diskussionen, besonders unter dem Anforderungsdruck der Bildungspläne und -empfehlungen. Mit Hilfe von vielen, vielen Praxisbeispielen wird belegt, wie wichtig die Beobachtung und Dokumentation sind. Schritt für Schritt und in einer gut verständlichen Sprache wird der Leser/die Leserin mit den verschiedenen Aspekten des Themas vertraut gemacht. Das Buch eignet sich besonders zur beginnenden theoretischen Auseinandersetzung mit dem Thema, weil viel Überzeugungsarbeit im Sinne des Beobachtens geleistet und allgemeine Grundlagen dargestellt werden. Durch die Themen- und Beispielvielfalt wird reichhaltig Stoff für Beobachtungen geliefert. Die Gedanken der Autor/innen sind sehr hilfreich bei der Auseinandersetzung, ob Entwicklungsbögen das Mittel der Wahl sind, um der Anforderung nach Beobachtungen und Dokumentationen gerecht zu werden.

Die Illustrationen, Übersichten und Fotos unterstützen das Anliegen, eine Lanze für das systematische und zielgerichtete Beobachten in Kindertagesstätten zu brechen.

Zielgruppe

Lehrende und Studierende, die sich mit der Beobachtung und Dokumentationen von frühkindlichen Bildungsprozessen auseinander setzen, sowie Erzieher/innen und Kita-Leiter/innen.

Fazit

Das in der 5. Auflage erschienene Buch von Rainer Strätz und Helga Demandewitz ist ein grundlegendes Material mit vielfältigen Anregungen für die praktische Gestaltung von Beobachtungen.


Rezensentin
Prof. Dr. paed. Michaela Rißmann
Fachhochschule Erfurt
Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
Professur "Erziehungswissenschaften, Erziehung und Bildung von Kindern"
E-Mail Mailformular


Alle 67 Rezensionen von Michaela Rißmann anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Michaela Rißmann. Rezension vom 21.03.2006 zu: Rainer Strätz, Helga Demandewitz: Beobachten und Dokumentieren in Tageseinrichtungen für Kinder. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2005. 5., vollst. überarbeitete u. aktualis. Auflage. ISBN 978-3-407-56248-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2984.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung