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Martin Schäfer, Nadja Stehlin u.a. (Hrsg.): Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen

Rezensiert von Peter Bechmann, 25.01.2023

Cover Martin Schäfer, Nadja Stehlin u.a. (Hrsg.): Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen ISBN 978-3-96605-200-9

Martin Schäfer, Nadja Stehlin, Christopher Scharfenberger (Hrsg.): Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen. Handbuch für Betroffene und Angehörige. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2022. 216 Seiten. ISBN 978-3-96605-200-9. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.
Reihe: Psychosoziale Arbeitshilfen.

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Thema

Bipolare Störungen oder auch bipolare affektive Störungen (BAS) zählen zu den schweren psychischen Erkrankungen, die das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen massiv beinträchtigen können. Die Erkrankung, die durch die beiden Stimmungs-Extreme der Depression und der Manie gekennzeichnet ist, betrifft über 1 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Herausgebende

Die Herausgebenden sind Martin Schäfer, Nadja Stehlin und Christopher Scharfenberger. In dieser Zusammensetzung stehen sie für das trialogisches Arbeiten: Prof. Dr. Martin Schäfer ist erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V. und leitet die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Suchtmedizin der Kliniken Essen-Mitte. Nadja Stehlin ist erste stellvertretende Vorsitzende und leitet beim DGBS das Referat für Betroffene. Sie arbeitet im Landkreis Peine in der psychosozialen Krisenberatung und als Projektmanagerin und Referentin im Bündnis gegen Depression. Christopher Scharfenberger leitet im DGPS das Referat für Angehörige.

Entstehungshintergrund

Das Buch bezieht sich auf die aktuell gültige S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen“, die 2012 von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychosomatik und Nervenheilkunde erstellt und am 1. März 2019 überarbeitet wurde. Medizinische Leitlinien enthalten „Empfehlungen zur Diagnostik und Behandlung“ sind also daher nicht bindend wie Richtlinien und richten sich vor allem an Behandelnde.

Das vorliegende Handbuch für Betroffene und Angehörige setzt es sich zum lobenswerten Ziel, diese Empfehlungen in Informationen und praktische Tipps für Betroffene und Angehörige umzusetzen.

Eine Besonderheit bei der Erstellung der Leitlinien und in der Konzeption des Handbuchs ist der Trialog, eine Form des Erfahrungsaustausches, der deutschlandweit etwa in Psychose-Seminaren praktiziert und bei der Behandelnden, Betroffene und Angehörige zum Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe zusammenkommen.

Aufbau und Inhalt

Das 216 Seiten starke Handbuch folgt in seinem Aufbau der obengenannten Leitlinie. Es ist in drei einleitende und vier Hauptkapitel plus Anhang aufgeteilt.

In der Einleitung, dem Kapitel Was ist eine S3-Leitlinie und wie ist sie zu bewerten? werden das Thema und der Hintergrund der Entstehung kurz erläutert.

Auch das Kapitel Häufigkeit, Ursachen und Vorbeugung beschränkt sich auf eine knappe Beschreibung der Erkrankung, wobei unter Prognosen Risikofaktoren aufgezählt werden. Am Ende dieses Kapitels begegnen wir zum ersten Mal den Praktischen Hinweisen für Betroffene und Angehörige, die uns auch in den weiteren Kapiteln begleiten werden.

Das nächste Kapitel ist den drei Aspekten Trialog, Wissensvermittlung und Selbsthilfe gewidmet. Hier begegnet der Leser zum ersten Mal der speziellen Systematik der Leitlinien, die die Quelle des Handbuches ist: Empfehlungen und Statements der Leitlinien werden optisch in grünen Kästen mit ihren Empfehlungsgraden vorgestellt. Dazu gibt es Erläuterungen, in denen wichtige Fachbegriffe grün hervorgehoben und im Glossar erklärt werden.

Im ersten Hauptteil „Diagnostik und Früherkennung“ werden nach der Einführung eine Klassifikation und einer Einteilung der bipolaren Störung die verschiedenen Formen der Diagnostik vorgestellt: nämlich dimensionale, Differential-, Verlaufs-, somatische und laborchemische Diagnostik. Auch die begleitenden Aspekte Screening und Komorbidität werden vorgestellt. Die wichtigsten Instrumente der jeweiligen Diagnostik werden kurz aufgeführt, wie zum Beispiel die Selbst- und Fremdbeurteilungsskalen bei der dimensionalen Diagnostik, oder die Risikofaktoren, die für ein Screening ausschlaggebend sind. Bei der Differentialdiagnostik wird zwischen Jugend und Erwachsenenalter unterschieden und Abgrenzungen zu anderen Erkrankungen wie die Zyklothymie oder die schizoaffektive Störung vorgenommen. Im Abschnitt zur somatischen und laborchemischen Diagnostik vor und während einer medikamentösen Therapie werden alle Parameter aufgezählt, die bestimmt werden sollen. Ein Abschnitt zur Früherkennung schließt dieses Kapitel inhaltlich ab.

Erwartungsgemäß ist Behandlung und Therapie mit 110 Seiten das umfangreichste Kapitel des Handbuchs: Nach einem allgemeinen Teil wird auf die phasenspezifische Behandlung der akuten Manie/​Hypomanie und der akuten Depression eingegangen. Dazu gibt es einen Abschnitt zur wichtigen Phasenprophylaxe und einen zu spezifischen Patientengruppen bzw. speziellen Situationen. Die drei Abschnitte zur Behandlung beginnen mit der Medikamentösen Therapie. Hier werden die einzelnen Gruppen und Wirkstoffe kurz vorgestellt und die zugehörigen Empfehlungen aufgeführt und erklärt. Beim anschließenden Punkt Psychotherapie fällt auf, dass er jeweils viel kürzer ist. So gibt es zur Manie 25 Empfehlungen zu Medikamenten aber nur drei zur Psychotherapie. Bei der Depression sind es 31 zu Medikamenten und sechs zur Psychotherapie. Die insgesamt 147 Empfehlungen samt Erklärung belegen nochmals den Schwerpunkt des Handbuches und der Leitlinien auf den Aspekt Behandlung und Therapie. Mit 24 abschließenden Tipps und praktischen Hinweisen ist dieser Teil besonders umfangreich.

Ein eigenes Kapitel bekommt aus gutem Grund das Thema Suizidalität, die bei dieser Erkrankung besonders hoch ist. Das Thema wird in die Aspekte Ursachen und Wirkung Risikopersonen, Diagnostik, Behandlung und Therapie aufgebrochen. Die Standard-Bezeichnung des Schlussabschnitts „Tipps und praktische Hinweise“ erscheint an dieser Stelle etwas unpassend.

Das Kapitel Versorgung und Versorgungssystem steht am Ende des Handbuchs. Von Voraussetzungen für eine optimale Versorgung wird ein teilweise ernüchternder Blick auf den aktuellen Zustand des Versorgungssystem geworfen, bevor Perspektiven auf die Versorgung aufgezeigt werden, wobei wichtige Themen wie Schnittstellen, Genesungsberatung/​Peerberatung, Soziotherapie und Care und Case Management sowie andere gemeindepsychiatrische Konzepte vorgestellt werden. Die 10 Empfehlungen beziehen sich fast ausschließlich auf den medizinischen Versorgungsaspekt.

Der abschließende Anhang ist mit einem längeren Glossar, einem Abkürzungsverzeichnis und Adressen weniger Webseiten sowie einiger E-Mail-Adressen und Telefonnummern eher knappgehalten.

Diskussion

Als Mensch, der seit seinem 18 Lebensjahr an einer bipolaren Störung erkrankt ist, gehöre ich als Betroffener zum Zielpublikum dieses Handbuches. Als Teilnehmer am Münchner Psychose-Seminars kenne ich die Vorzüge und Bedeutung des Trialogs und kann somit den Ansatz des Buchs nur begrüßen und die DGPS zur Einbeziehung der Betroffenen und Angehörigen in die Erstellung der Leitlinien und des Handbuches nur beglückwünschen. Auch das Vorhaben aus den spröden Leitlinien ein ansprechend layoutetes und übersichtliches Nachschlagewerk zu gestalten verdient allen Respekt und zeugt vom Selbstverständnis dieser Fachgesellschaft, Verantwortung für die Verbreitung der Leitlinien über das medizinische Fachpersonal hinaus zu übernehmen.

Für Angehörige und Betroffene bietet das Buch die Möglichkeit, sich über Medikamente, ihre Wirkungen und Nebenwirkungen zu informieren und trägt somit zur Psycho-Edukation bei. Es kann so für einen effizienteren Austausch und eine bessere Kooperation zwischen Patient, Behandler und Angehörigen sorgen. Zudem vermitteln die Tipps und Hinweise hilfreiches Wissen zu den verschiedenen Aspekten der Erkrankung.

Als Mitarbeiter im Anti-Stigma-Projekt von BASTA-Schulprojekt erzähle ich in Schulen von meiner Erkrankung und dem Leben damit. Deshalb erschrecke ich an etlichen Stellen vor der einseitig-düsteren Perspektive, die das Buch auf Symptome, Krankheitsverläufe und Therapiemöglichkeiten wirft. Die Bedeutung von Aspekten wie Freundschaft, Kreativität und Selbstwirksamkeit kommt für meinen Geschmack zu kurz. Im Bezug auf den Trialog fehlt mir der typische Perspektiv-Wechsel beim Blick auf die Erkrankung, der Bezug zum Innenleben, die Bedeutung der Frühwarnzeichen sowie die Problematik der Dynamik in festen Beziehungen. Es ist durchgehend die Perspektive der Behandler, besonders der Ärzte, die selbst bei den Tipps und praktischen Hinweisen durchscheint.

Fazit

Das Handbuch bietet eine gut gemachte und übersichtliche Umsetzung der medizinischen S3-Leitlinien in verständlicher Form. Es gibt Betroffenen und Angehörigen wertvolle Hilfestellungen im Sinne der Psycho-Edukation. Es hat seinen Schwerpunkt im Bereich der Erläuterungen zu medikamentösen Therapien in den Phasen Manie und Depression, klärt aber auch über andere Therapieformen auf. Das auch sensibilisiert die Leser für die Schwierigkeit der rechtzeitigen und korrekten Diagnose und informiert über die Versorgungssystem in Deutschland. Fraglich ist, ob das Handbuch mit seinen Empfehlungen und Erklärungen für eine erste Begegnung mit dieser psychischen Erkrankung geeignet ist, da die Perspektive der Ärzte dominiert.

Rezension von
Peter Bechmann
Ehrenamtliches Mitglied von BASTA e.V. (Bündnis für psychisch erkrankte Menschen in München)
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Es gibt 2 Rezensionen von Peter Bechmann.

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Zitiervorschlag
Peter Bechmann. Rezension vom 25.01.2023 zu: Martin Schäfer, Nadja Stehlin, Christopher Scharfenberger (Hrsg.): Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen. Handbuch für Betroffene und Angehörige. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2022. ISBN 978-3-96605-200-9. Reihe: Psychosoziale Arbeitshilfen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29851.php, Datum des Zugriffs 07.02.2023.


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