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Petra Focks: Erziehung und Bildung jenseits von Geschlechterstereotypen

Rezensiert von Prof. Dr. Barbara Ketelhut, 09.03.2023

Cover Petra Focks: Erziehung und Bildung jenseits von Geschlechterstereotypen ISBN 978-3-17-037190-3

Petra Focks: Erziehung und Bildung jenseits von Geschlechterstereotypen. Identitäten, Sexualitäten, Verhalten. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2022. 146 Seiten. ISBN 978-3-17-037190-3. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.
Reihe: Praxiswissen Erziehung.

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Thema

Petra Focks geht der Frage nach, inwiefern die Lebenswelten von Kindern geschlechtsspezifisch strukturiert sind? Und fragt weiter: „Wie können sich Eltern den Idealbildern der >perfekten Eltern< entziehen und die Entfaltungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen fördern, jenseits von Geschlechterstereotypen und der Macht der digitalen Bilder?“ (S. 9) Hierbei geht sie davon aus, dass Geschlecht die Gesellschaft strukturiert (vgl. S. 10).

AutorIn

Dr. Petra Focks ist Professorin für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin.

Inhalt

Im 1. Kapitel beschreibt sie, wie „vor allem drei Ebenen, die … miteinander verknüpft [sind] das Leben von Eltern beeinflussen“ (S. 15): die „Ebene der gesellschaftlichen Idealbilder und Geschlechterstereotype“, die Ebene der gesellschaftlichen Strukturen und die „Ebene der eigenen Identitätsvorstellungen und Selbstverständnis als Eltern“ (S. 16 f.).

In Kapitel 2 geht Petra Focks auf den „Einfluss von Idealbildern“, vor allem der Vorstellung von der „Frau als versorgende Ehefrau und Mutter“ und dem „Mann als Ernährer der Familie“ ein, beginnend mit einem sehr kurzen historischen Abriss über die Entstehung dieser aktuell immer noch relevanten Vorstellungen davon, wie Mütter und Väter zu sein haben, was erst im späten 19. Jahrhundert begann (S. 20). Somit seien insbesondere Mütter bis heute mit widersprüchlichen Anforderungen konfrontiert: Beruf und Familie strikt zu trennen, aber dennoch zu vereinbaren, „die Bedürfnisse des Kindes über die eigenen … zu stellen“, Überforderungen zu kompensieren und bei alldem immer gut auszusehen (vgl. S. 22). Auch mit der Entwicklung der Vorstellung des „neuen Vaters“ seit den 1980er Jahren sei immer noch die Erwartung an die Väter verknüpft, dass sie auch als Familienernährer fungieren sollen.

Der Einfluss gesellschaftlicher Strukturen werde (so Petra Focks in Kapitel 3) nicht nur an den geschlechtsspezifischen Arbeitsteilungen sondern auch an der Orientierung am „heteronormativen Kleinfamilienmodell“ deutlich (S. 31). Weitere Benachteiligungen von Frauen zeigten sich u.a. im Gender Pay Gab, wonach erwerbstätige Frauen in Deutschland 2019 brutto ca. 20 % weniger die Stunde verdienten als Männer sowie in der Teilzeitarbeit von Frauen um Kindererziehung und Erwerbstätigkeit vereinbaren zu können. Das habe entsprechende Folgen für die später geringe Höhe der Alterssicherung. Familienpolitischen Maßnahmen wie das Ehegattensplitting trügen ebenso zur Benachteiligung von Frauen bei (vgl. S. 32 ff.).

In Kapitel 4 geht Petra Focks auf das Selbstverständnis von Eltern ein, worin widersprüchliche gesellschaftliche Anforderungen individuell ausgetragen werden müssten, wie die Vereinbarung von Erwerbs- und Erziehungsarbeit mit den aktuellen Leitbildern von Mutterliebe (vgl. S. 37 ff.).

Daran anschließend entwickelt die Autorin (in Kapitel 5) Praxistipps, wie sich Eltern von „überhöhten Anforderungen“ abgrenzen können, indem sie gesellschaftliche Strukturen als solche wahrnehmen, über Geld (z.B. Alterssicherung) sprechen, Netzwerke, wie z.B. Eltern-Kind-Gruppen initiieren, konkurrenzhafte Vergleiche in Bezug auf die kindliche Entwicklung vermeiden, ihre Kinder zu Problemlösungen ermutigen sowie Zeit und Raum für „sich selbst“ (d.h. ohne Kinder) einzuplanen (vgl. S. 43 ff.).

Petra Focks beschreibt (in Kapitel 6), wie die geschlechtsspezifische Sozialisation von Mädchen und Jungen in den verschiedenen Stadien ihrer Entwicklung vonstatten geht. Kinder so die Autorin werden in „eine Kultur der Zweigeschlechtlichkeit hineingeboren“ (S. 58) und eignen sich diese über Symbole, Verhaltensweisen usw. aktiv an. Im Rahmen eines lebenslangen Prozesses kristallisiere sich ein männlicher oder weiblicher Habitus (wie ihn Pierre Bourdieu definiert hat) heraus. Sie erläutert nicht nur einen aktuellen Sozialisationsbegriff (vgl. S. 58) sondern auch Definitionen von Geschlechtsidentitäten jenseits der Zweigeschlechtlichkeit, wie trans, inter oder nicht-binär (vgl. S. 69). Petra Focks betont wiederholt (in Anlehnung u.a. an Hannelore Faulstich-Wieland), wie schwierig es ist, nicht-geschlechtsspezifisch zu erziehen, sodass sich die Erziehenden immer wieder auch unbewusst an tradierten Geschlechterbildern orientieren (vgl. S. 75). Anders als in der Literatur zur Kinder- und Jugendarbeit fehlen ihrer Meinung nach Konzepte dafür, wie eine „geschlechterreflektierende Erziehung von Eltern gestaltet werden kann“ (S. 78).

Im folgenden (Kapitel 7) gibt sie eine Reihe solcher Erziehungstipps für Erziehungsberechtigte in der Familie. Die Palette reicht von der Auswahl von Kinderbüchern und Spielmaterialien, die nicht den Geschlechterstereotypen folgen bis hin zu Fördermöglichkeiten körperlicher Ausdrucksformen.

Das Kapitel 8 schließt daran an, indem Petra Focks den Umgang mit Gefühlen thematisiert und entsprechende Praxistipps entwickelt, wenn sie z.B. Eltern rät „Konflikte als notwendige Entwicklungsschritte“ zu sehen (S. 103).

Von der sozialen Konstruktion von Körpern (wie sie z.B. Susie Orbach versteht) und ihren geschlechtsspezifischen Ausprägungen handelt Kapitel 9. Petra Focks geht davon aus, dass sich das Verhältnis zum Körper in den letzten Jahren verändert hat, indem es darum ginge sich an wenigen idealisierten „Körpertypen“ zu orientieren, wobei der Körper zu einem formbaren und zu kontrollierenden Objekt geworden sei (vgl. S. 107). „Weiblichkeit und Männlichkeit wird vor allem über den Körper dargestellt.“ (S. 111) Hieran knüpft sie ihre Praxistipps für Eltern und „Fachkräfte in sozialen Professionen“ (S. 114) an, die im Wesentlichen darauf ausgerichtet sind, Vorbildfunktion zu übernehmen, Bedürfnisse der Heranwachsenden ernst zu nehmen und „[v]ergeschlechtlichte Körperpraktiken“ zu hinterfragen (S. 116).

In Kapitel 10 beschreibt Petra Focks kurz verschiedene Phasen sexueller Entwicklung von Kindern beginnend mit dem Säuglingsalter und endend mit der Pubertät. Anschließend entwickelt sie Vorschläge für den Umgang mit Kindern und Jugendlichen bei Fragen zum Thema Sexualität, die darauf zielen „Körpererfahrungen, Körper- und Selbstwahrnehmung zu fördern“ (S. 129).

Im abschließenden Kapitel 11 fasst Petra Focks ihre Ergebnisse zusammen und betont die Grenzen einer „geschlechterreflektierten Erziehung und Bildung zur Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit“, die u.a. in den „gesellschaftlich-strukturellen Rahmenbedingungen“ (wie z.B. dem Steuersystem und der Teilzeitarbeit) und in den digitalen Medien mit geschlechterstereotypen Darstellungen lägen (S. 133).

Neben einem ausführlichen Literaturverzeichnis enthält der Band Hinweise auf weitere Informationsmöglichkeiten wie z.B. Materialien und Webseiten von Fachstellen und Instituten.

Diskussion

Das Buch stellt eine Mischung aus einem Überblick über Fachliteratur und -studien zum Thema dar und übernimmt die Funktion eines Ratgebers für Eltern und andere an Erziehungsprozessen Beteiligte. Die Autorin arbeitet mit vielen Fallbeispielen, Merkkästen und Wiederholungen.

Wie schwierig es ist, gegen die Kultur der Zweigeschlechtlichkeit zu arbeiten, zeigt sich u.a., wenn Petra Focks dazu rät, „ein liebevoll-konsequentes Erziehungsverhalten“ zu praktizieren, indem Eltern ihre Kinder „akzeptieren, wie sie sind“ (S. 81). Aber an anderer Stelle zeigt sie, wie früh die geschlechtsspezifische Sozialisation wirkt, sodass Kinder bereits im Alter von etwa zwei Jahren beginnen, ihre Geschlechtsidentität zu entwickeln, also früh gelernt haben männlich oder weiblich zu sein (vgl. S. 69).

Obwohl Petra Focks ihre Argumentationen reichhaltig mit Quellenangaben untermauert, fehlen doch hin und wieder Literaturangaben, wenn es z.B. um – für ihr Anliegen – so zentrale Begriffe wie dem der „Sozialisation“ geht, wenn sie lediglich schreibt mit „dem Begriff der Sozialisation bezeichnet man in den Sozialwissenschaften …“ (S. 58). Ähnliches gilt für den Begriff der „Zweigeschlechtlichkeit“ (S. 58 f.). Dennoch ist der vorliegende Band nicht nur empfehlenswert für Eltern sondern auch für Studierende als Einstieg in die Thematik.

Fazit

Ausgehend von einem Bedarf an Konzepten für eine geschlechtergerechte Erziehung von Kindern und Jugendlichen in Familien entwickelt Petra Focks anschaulich sozialwissenschaftlich hergeleitete Praxistipps für Eltern und andere an Erziehungsprozessen Beteiligte. Die von ihr abgedeckten Themenbereiche sind u.a.: gesellschaftliche Strukturen, Selbstverständnis von Eltern, Sozialisation von Kindern und Jugendlichen.

Rezension von
Prof. Dr. Barbara Ketelhut
(im Ruhestand) Hochschule Hannover, University of Applied Sciences and Arts Homepage www.hs-hannover.de E-Mail: barbaraketelhut@aol.com
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Es gibt 17 Rezensionen von Barbara Ketelhut.

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Zitiervorschlag
Barbara Ketelhut. Rezension vom 09.03.2023 zu: Petra Focks: Erziehung und Bildung jenseits von Geschlechterstereotypen. Identitäten, Sexualitäten, Verhalten. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2022. ISBN 978-3-17-037190-3. Reihe: Praxiswissen Erziehung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29858.php, Datum des Zugriffs 17.04.2024.


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