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Heino Stöver: Suchtprävention in der Sozialen Arbeit

Rezensiert von Prof. Dr. Annemarie Jost, 22.12.2023

Cover Heino Stöver: Suchtprävention in der Sozialen Arbeit ISBN 978-3-8487-6678-9

Heino Stöver: Suchtprävention in der Sozialen Arbeit. edition sigma im Nomos-Verlag (Baden-Baden) 2022. 250 Seiten. ISBN 978-3-8487-6678-9. 25,00 EUR.

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Thema und Zielgruppe

Dieses Lehrbuch richtet sich an Studierende und Praktiker:innen der Sozialen Arbeit und zeigt evidenzbasierte Strategien der Verhaltens- und Verhältnisprävention auf. Es zielt darauf ab, Wissen um wirklichkeitsnahe, nachhaltige und effiziente Suchtprävention zu vermitteln und beinhaltet neben grundsätzlichen Überlegungen auch Beispiele guter Praxis, die insbesondere die Zielgruppen der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen fokussieren.

Autor:innen

Heino Stöver ist Professor für sozialwissenschaftliche Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Suchtforschung Frankfurt (ISFF). Larissa Hornig ist Suchttherapeutin (VT) und Doktorandin am ISFF.

Aufbau 

Das Buch enthält neben der Einführung und dem Fazit acht Abschnitte und ein umfangreiches Literaturverzeichnis mit deutschsprachigen und internationalen Quellen.

  1. Grundlagen der Suchtprävention
  2. Präventionskonzepte – Definitionen
  3. Geschichte der Suchtprävention
  4. Evidenzbasierung in der Suchtprävention
  5. Verhältnisprävention
  6. Standards für eine gelingende Verhaltensprävention
  7. Methoden und Handlungsansätze der Suchtprävention – So kann es erfolgreich gelingen
  8. Beispiele guter Praxis

Die einzelnen Abschnitte beginnen mit einer Zusammenfassung und enden mit Reflexionsfragen.

Inhalt

Die Auseinandersetzung mit dem Begriff Sucht hinterfragt zunächst gängige Vorurteile wie „Süchtige bleiben für immer süchtig“ oder „Süchtige können sich nicht mehr aus eigener Kraft von der Sucht befreien“ und beginnt dann mit den gesamtgesellschaftlichen Folgen des Tabakrauchens und der Bereitschaft und den Fähigkeiten Rauchender, den Konsum zu reduzieren bzw. zu beenden. Die Autor:innen werfen einen kritischen Blick auf stigmatisierende Sprachgewohnheiten und kommen danach ausführlicher auf das bio-psycho-soziale Modell der Suchtentstehung zu sprechen. Es folgt direkt ein Bezug zu theoretischen Konzepten der Sozialen Arbeit wie Empowerment, Lebensweltorientierung und Lebensbewältigung. Ein wiederkehrendes Thema ist die kritische Auseinandersetzung mit dem Abstinenzparadigma (ab dem Alter von 16 Jahren) und die Erläuterung alternativer Zielstellungen wie Harm Reduction, Safer Use und Konsumkontrolle.

Im Abschnitt zu den Definitionen der Präventionskonzepte geht es um Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention, um universelle, selektive und indizierte Prävention, um Risiko- und Schutzfaktoren, um Verhaltens- und Verhältnisprävention sowie um Unterschiede zwischen Gesundheitsförderung und Prävention. Ausführlicher vertiefen die Autor:innen dann Drogenkonsumräume, Harm-Reduction Maßnahmen, Take-Home Naloxon sowie Opioidsubstitutionsbehandlungen. Danach thematisieren sie wieder in allgemeinerer Form ein aktuelles Mehrebenenmodell von Präventionsindikatoren der Unterarbeitsgruppe Präventionsindikatoren der AG Gesundheitsberichterstattung, Prävention, Rehabilitation und Sozialmedizin der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden.

Bei der Analyse der Geschichte der Suchtprävention geht es um die Abkehr von abschreckungsorientierter Suchtprävention hin zu Konsumkompetenz, Drogenmündigkeit und akzeptanzorientierter Suchtprävention. Die Medizinalisierung der Suchthilfe und Prävention wird aus Sicht der Sozialen Arbeit kritisch hinterfragt.

Im Abschnitt zur Evidenzbasierung betonen die Autor:innen, dass diese nicht gleichzusetzen sei mit der Erstellung von bloßen Wirksamkeitsnachweisen, sondern auf der Nutzung der gegenwärtig bestmöglichen theoretisch und empirisch ermittelten wissenschaftlichen Erkenntnisse als auch des Praxiswissens und der Perspektiven der Zielgruppen basiere. Diese Erkenntnisse müssten in Planung, Implementierung, Evaluation und Weiterentwicklung verhaltens- und verhältnispräventiver Maßnahmen systematisch Eingang finden.

Aus der evidenzbasierten Betrachtung ergibt sich die große Bedeutung verhältnispräventiver Ansätze, welche in Deutschland einen verbesserungsbedürftigen Umsetzungsgrad insbesondere im Hinblick auf Tabak- und Alkoholprävention aufweisen. Die Autor:innen gehen in diesem Zusammenhang auf Empfehlungen der WHO und OECD genauer ein und thematisieren im Anschluss noch Aspekte geänderter gesetzlicher Rahmenbedingungen des Risikomanagements am Beispiel von Drug-Checking Projekten. Dies leitet gut zu den Standards für eine gelingende Verhaltensprävention über, welche basierend auf den European Drug Prevention Quality Standards (EDPQS) umfangreich theoretisch eingeführt werden. Im Abschnitt Methoden und Handlungsansätze liegt zunächst ein Fokus auf Peer-Involvement; im Anschluss wird ein Überblick über sehr unterschiedliche Programme gegeben, wobei besonders auch die Unterstützung von Selbstkontrolle und Selbstheilung einen wichtigen Platz einnimmt.

Bei den Beispielen guter Praxis werden folgende Programme umrissen:

  • Be Smart – Don't Start
  • HaLT
  • Trampolin – Unterstützung für Kinder aus suchtbelasteten Familien
  • FreD – Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsument:innen
  • Theater RequiSit (ein Improvisationstheaterprojekt mit ehemals suchtmittelabhängigen Darsteller:innen)
  • Checkpoint C (ein Crystal Meth Präventionsprojekt mit Crystal-App)
  • mehrere interaktive Cannabispräventionskampagnen (auch mit digitalen Bausteinen)
  • sowie einige Kampagnen der BZgA

Diskussion

Das Lehrbuch gibt einen guten Überblick über wissenschaftliche Standards und Erfordernisse und hebt immer wieder die Bedeutung strategischer Planung, der Kombination verhältnis- und verhaltenspräventiver Maßnahmen sowie des Einbezugs der Perspektiven und Ressourcen der Zielgruppen hervor. Der Fokus der Praxisbeispiele liegt stark auf den Zielgruppen der Schüler:innen und jungen Erwachsenen. Die Suchtprävention mit vulnerablen Zielgruppen wird am Beispiel der Kinder aus suchtbelasteten Familien angeschnitten, aber Zielgruppen wie Menschen mit Behinderung (incl. von FASD-Betroffene), Menschen mit traumatischen Migrationserlebnissen oder alte Menschen finden in diesem Lehrbuch keine Vertiefung. Es fehlt eine Auseinandersetzung mit der auffällig unauffälligen Medikamentenabhängigkeit. Kurz erwähnt wird die Prävention des Fetalen Alkoholsyndroms, was meiner Auffassung nach noch deutlicher hätte herausgearbeitet werden können.

Bei der Thematisierung der massenmedialen Kampagnen und des Scheiterns der Abschreckungsdoktrin hätte meiner Auffassung nach ein Bezug zu aktuellen anderen massenmedialen Beeinflussungsstrategien beispielsweise während der Coronapandemie (in denen ja durchaus Angst und Abschreckung einen wichtigen Stellenwert einnahmen) interessante Impulse geben können. Hierbei könnte eine (kritische) Auseinandersetzung mit Behavioral Insights Strategien der Suchtprävention neuartige Impulse geben.

Fazit

Die Autor:innen verknüpfen in diesem kompakten Lehrbuch wissenschaftliche Erkenntnisse und strategische Planungserfordernisse mit aktuellem Praxiswissen und den Perspektiven und Kompetenzen der Zielgruppen. Sie hinterfragen den Stellenwert abstinenzorientierter Vorgehensweisen und stellen zahlreiche Beispiele gelungener Praxis der Tabak-, Alkohol- und Drogenprävention dar, dabei fehlen Beispiele zur Prävention der Medikamentenabhängigkeit. Besonders fokussiert werden u.a. das Zusammenwirken von Verhältnis- und Verhaltensprävention, Peer-Involvement, die Eigenaktivität der Adressat:innen und die Zielgruppen der Schüler:innen und jungen Erwachsenen.

Rezension von
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
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Es gibt 142 Rezensionen von Annemarie Jost.

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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 22.12.2023 zu: Heino Stöver: Suchtprävention in der Sozialen Arbeit. edition sigma im Nomos-Verlag (Baden-Baden) 2022. ISBN 978-3-8487-6678-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29882.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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