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Gudrun Perko, Leah Carola Czollek: Lehrbuch Gender, queer und diversity

Rezensiert von Dr. Franziska Baumbach, 20.01.2023

Cover Gudrun Perko, Leah Carola Czollek: Lehrbuch Gender, queer und diversity ISBN 978-3-7799-3100-3

Gudrun Perko, Leah Carola Czollek: Lehrbuch Gender, queer und diversity. Grundlagen, Methoden und Praxisfelder. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. 2. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. 258 Seiten. ISBN 978-3-7799-3100-3. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR.
Reihe: Studienmodule Soziale Arbeit.

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Thema

Das Buch erscheint in der Reihe Studienmodule Soziale Arbeit und will ein Lehrbuch sein, dass die Dimensionen Gender/​Queer in ein umfassendes, gesellschaftskritisches Konzept von diskriminierungskritischer und diversitätssensibler Sozialer Arbeit einbettet.

AutorInnen

Gudrun Perko ist Professorin für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Gender, Diversity und Mediation an der Fachhochschule Potsdam. Sie ist Mitbegründerin des Instituts „Social Justice und Diversity“. Leah Carola Czollek ist Sozialpädagogin sowie Leiterin und Mitbegründerin des Instituts „Social Justice und Diversity“. Beide entwickelten gemeinsam das Konzept der „diskriminierungskritischen Sozialen Arbeit“.

Entstehungshintergrund

Laut dem Ethikkodex der Sozialen Arbeit sind Sozialarbeiter:innen aufgefordert, sich gegen Diskriminierung zu wenden. Unterscheidungen aufgrund der Kategorie Geschlecht führen zu Diskriminierungsrealitäten in der Gesellschaft (11). Daher müssen Sozialarbeitende über Wissen, Können und Haltung in Bezug auf die Kategorie Geschlecht verfügen. Gudrun Perko und Leah Carola Czollek setzen sich im Buch mit der Frage auseinander, wie eine gender/​queer- und diversitygerechte Soziale Arbeit aussehen kann (12). Sie stützen sich dabei auf das von ihnen entwickelte Konzept „Social Justice and Diversity“, dem es um Anerkennung und Verteilungsgerechtigkeit geht und dabei die radikale Verschiedenheit und Gleichheit der Menschen fokussiert (12).

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sechs Teile aufgeteilt und umfasst neun Lehreinheiten; jede Lehreinheit schließt mit den Herausforderungen für die Soziale Arbeit ab, die sich aus der Darstellung ergeben und Übungen und Literaturhinweisen zum Thema.

Der erste Teil widmet sich den theoretischen Grundlagen in zwei Lehreinheiten. Die erste Lehreinheit beschreibt Geschichte und Inhalt der Gender Studies, der Kritischen Männlichkeitsforschung und der Queer Studies und bezieht diese auf die Soziale Arbeit. Gender Studies sind in der Sozialen Arbeit etabliert (18) und zeigen „die Konstruktion von Gender auf und versuchen andererseits, diese zu dekonstruieren“ (21).

In sozialarbeiterischer Praxis im Sinne der Gender Studies sind Sozialprofessionelle dazu aufgerufen, stereotype Gendervorstellungen aufzubrechen und Alternativen vorzuleben (23). Im Sinne der Kritischen Männlichkeitsforschung können Fragen über den Einfluss hegemonialer Männlichkeit in Bezug auf die Klient:innen ebenso wie auf die Ausführenden Sozialer Arbeit diskutiert werden. Die Queer Studies können helfen, im Sinne einer gender/​queergerechten Sozialen Arbeit der Vielfalt von Genderformen und -performances gerecht zu werden (36).

Die zweite Lehreinheit widmet sich „Social Justice und Diversity“ als handlungsleitendem Prinzip; hier wird historisch und begrifflich die diskriminierungskritische Soziale Arbeit hergeleitet. Darauf aufbauend stellen die Autorinnen ihr eigenes im Jahr 2001 entwickeltes Konzept vor, in welchem die diskriminierungskritische Perspektive um die Einordnung in strukturelle Macht- und Herrschaftskritik erweitert wird (61).

Besonders inklusiv und umfassend ist der Begriff der Systemischen Intersektionalität. Er will fassen, „dass sich sowohl innerhalb der verschiedenen Diskriminierungsformen als auch zwischen ihnen ähnliche Mechanismen und Prozesse aufzeigen lassen, die zu einer Stabilisierung gegenwärtiger Diskriminierungsrealitäten beitragen“ (64). Fundamental ist hierbei ein reflektierender und dialogischer Zugang zur Welt (62), der im Mahloquet (65) mündet, dem dialogischen Streitgespräch, das das Andere, nicht das Eigene sucht.

Mahloquet wird ergänzt durch das Verbündet-Sein, in die „Anliegen der Anderen zu den je eigenen Anliegen werden“ (65). Es geht jedoch nicht nur um die Analyse, sondern auch um gesellschaftliche Konsequenzen hin zu einer „konkreten Gesellschaftsutopie des Radical Diversity“ (67), das explizit Forderungen nach Umverteilung von Ressourcen enthält.

Der zweite Teil widmet sich den rechtlichen Grundlagen, die dritte Lehreinheit stellt die Gesetze vor, die eine gender/​queer- und diversitygerechte Soziale Arbeit relevant sind (UN Menschenrechtscharta, Istanbul-Konvention, Grundgesetz, Sozialgesetze). In der vierten Lehreinheit wird auf Gender Mainstreaming eingegangen, das die tatsächliche Gleichstellung von Männern und Frauen zum Ziel hat und die fünfte Lehreinheit geht auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz ein. Der dritte Teil (Historische Kontexte) und somit die sechste Lehreinheit widmen sich der Frauenbewegung als Wegbereiterin der Theorieentwicklung feministischer Sozialer Arbeit in Deutschland. Der vierte Teil widmet sich in der siebten Lehreinheit spezifischen gender-, queer- und diversitygerechten Methoden Sozialer Arbeit.

In der Einzelfallarbeit ist das „Wissen um Intersektionalität“ (149) von großer Bedeutung ebenso wie die Reflexion des Machtgefälles zwischen Beraterin und beratener Person, die mit ihrem „diskriminierungserfahrungsvollen Rucksack“ (151) in die Beratung kommt. Auf der Ebene der Gruppen- und Gemeinwesenarbeit gilt es „Diversität und Heterogenität … produktiv zu schätzen“ (162).

Im fünften Teil „Schlüsselkompetenzen in der Praxis“ beleuchtet die achte Lehreinheit die spezifischen Kompetenzen diversitygerechter Sozialer Arbeit. Hier sind insbesondere die affirmativ-transformative Anerkennung als ethische Grundhaltung (187), Konflikt- und Dialogkompetenzen (189ff) und Diversitykompetenzen entscheidend.

Der Sechste Teil geht auf die Arbeits- bzw. Praxisfelder der Sozialen Arbeit ein, die neunte Lehreinheit fokussiert somit die Profession als gender/​queer- und diversitygerechte Soziale Arbeit. An Hand verschiedener Praxisfelder (Soziale Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigungen, mit geflüchteten Menschen, Klinische Soziale Arbeit, Soziale Arbeit mit Frauen, Männern und Queers) wird die Herausforderung herausgearbeitet, „nicht den Weg einer Klientisierung einzuschlagen“ (232): „Die Arbeit mit bestimmten Zielgruppen birgt immer auch die Gefahr der Festschreibung von Stereotypen und Vereinheitlichung von Menschen und deren Lebensentwürfen“ (232f).

Diskussion

Gudrun Perko und Leah Carola Czollek begründen entlang handlungsleitender Prinzipien Sozialer Arbeit überzeugend die Notwendigkeit von Gender/​Queertheorien als zentralen Baustein einer Theorie Sozialer Arbeit. Es werden viele praktische Hinweise gegeben, die direkt umsetzbar sind, Begriffe werden erklärt, historisch eingeordnet und in Übersichten zusammengestellt. Zugleich wird das Beschriebende professionsethisch und politisch in aktuelle gesellschaftliche Debatten eingeordnet. Der enge Zusammenhang von Diversity- und Queerstrategien wird aufgezeigt: „Queer als der disziplinenübergreifener Ansatz der Infragestellung von festgelegten, normalisierenden, stereotypen Identitäten favorisiert gerade ‚das Prekäre der Identität’ und der Vielfalt“ (74).

Als Konsequenz für die Soziale Arbeit bedeutet dies, keine Identität zuzuschreiben, sondern die Adressat:innen selbst wählen zu lassen. Das identitätspolitische Dilemma wird klar benannt: „Einerseits geht es um ein Aufmerksam-Sein auf Differenzen und gleichzeitig darum, Menschen nicht auf bestimmte Merkmale oder Verhaltensweisen verallgemeinernd festzuschreiben“ (89). Die Autorinnen schlagen hier eine Praxis von Undoing Identity (89, 196) vor.

Fazit

Das Buch stellt übersichtlich, verständlich und gut begründet alle Argumente zusammen, die Sozialarbeiter:innen brauchen, um sich gegen Diskriminierung und für eine gerechtere Welt zu engagieren. Der Ethikkodex der Sozialen Arbeit ist genauso wie das Konzept der Autorinnen (Social Justice und Diversiy) stets Grundlage und Bezugspunkt für diskriminierungskritische Intervention auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene (173). Daher ist das Buch für Studierende, Lehrende und auch für die Praxis Sozialer Arbeit gleichermaßen geeignet und empfehlenswert.

Rezension von
Dr. Franziska Baumbach
Lehrbeauftragte an der KHSB Berlin und Sozialarbeiterin in der Jugendhilfe in Berlin
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Es gibt 8 Rezensionen von Franziska Baumbach.

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Zitiervorschlag
Franziska Baumbach. Rezension vom 20.01.2023 zu: Gudrun Perko, Leah Carola Czollek: Lehrbuch Gender, queer und diversity. Grundlagen, Methoden und Praxisfelder. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. 2. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-7799-3100-3. Reihe: Studienmodule Soziale Arbeit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29894.php, Datum des Zugriffs 07.02.2023.


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