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William S. Breitbart: Sinnzentrierte Psychotherapie für Patienten mit einer Krebserkrankung

Rezensiert von Prof. Dr. habil. Gisela Thiele, 08.11.2022

Cover William S. Breitbart: Sinnzentrierte Psychotherapie für Patienten mit einer Krebserkrankung ISBN 978-3-17-038382-1

William S. Breitbart: Sinnzentrierte Psychotherapie für Patienten mit einer Krebserkrankung. Bedeutung und Hoffnung im Angesicht des Leidens finden. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2022. 588 Seiten. ISBN 978-3-17-038382-1. 49,00 EUR.
Reihe: Supplement: ISBN: 9783170383869.

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Thema und Autoren

Die Sinnzentrierte Psychotherapie verbessert nachweislich das Sinnerleben, das psychische Befinden und die Lebensqualität von Krebspatienten. Damit stellt sie eine innovativere Intervention für die psychotherapeutische Versorgung von Krebspatienten und anderer Gruppen chronisch kranker Menschen dar. Dieses Buch informiert umfassend über die Inhalte und Anwendungsbereiche der Sinnzentrierten Psychotherapie bei verschiedenen Gruppen krebserkrankter Menschen. Es zeigt praktische Hilfestellungen auf für typische Herausforderungen im klinischen Alltag mit unterschiedlichen Zielgruppen in der Einzel- und Gruppentherapie.

Herausgeber ist William S. Breitbart, Professor für klinische Psychologie in New York.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist neben einem Geleitwort, einem Vorwort und einer Einleitung in 14 Kapitel unterschiedlicher Autoren gegliedert ist.

Im „Geleitwort“ wird betont, dass Sinnzentrierte Interventionen Menschen mit Krebs oder anderen schweren Krankheiten helfen können, existentielle Lebensfragen zu reflektieren und neue Lebensperspektiven zu erarbeiten.

Im „Vorwort“ wird festgestellt, dass dieser Ansatz der Sinnzentrierten Intervention auch für andere Personenkreise wertvoll sein kann, wie z.B. für pflegende Angehörige, trauernde Menschen oder andere Zielgruppen in Krisensituationen.

Die „Einleitung“ ist mit dem Titel überschrieben „Angesichts des Leidens einen Sinn finden: Eine persönliche Reise auf der Suche nach dem Sinn“. Die Evidenz und die klinische Erfahrung unserer Forschung hätten gezeigt, wie wichtig es ist, das Gefühl der Sinnhaftigkeit zu erhalten, um auch im Angesicht des Todes noch den Mut und den Willen zum Leben zu haben. Es wurde auf das Konzept von Frankl zur humanistischen Psychologie zurückgegriffen, das darin besteht, das Bewusstsein für die spirituelle Komponente und die zentrale Bedeutung von Sinn als treibende Kraft in der Psychologie zu schärfen.

Das erste Kapitel setz sich mit dem Thema „Der existenzphilosophische und-psychologische Rahmen der Sinnzentrierten Psychotherapie“ auseinander und wurde vom Herausgeber, William S. Breitbart verfasst. Es handle sich um Menschen, die mit Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Leiden in einem von der Zeit begrenzten Leben konfrontiert seien. Was vielen schwerfalle, ist der Umstand damit, in diesem Raum zwischen jetzt und dem Tod zu sein.

Es folgt Kapitel zwei mit der Überschrift „Sinnzentrierte Gruppenpsychotherapie für Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung“. Die Autoren sind William S.Breitbart,Allison J. Applebaum und Melissa Masterson. Studien hätten gezeigt, dass Religion und Spiritualität eine positive Rolle bei der Bewältigung von Krankheiten spielten (S. 61). Danach werden zentrale Themen und das Format der Sinnzentrierten Intervention in einem Gruppentherapieformat (SGPT) vorgestellt. Es sei eine achtwöchige psychotherapeutische Gruppendiskussion, die in acht Sitzungen über eigene sinnhafte Ereignisse durchgeführt wird.

Kapitel vier beschäftigt sich mit der „Sinnzentrierten Gruppenpsychotherapie für Brustkrebspatientinnen“; das von Wendy G. Lichtenthal, Kailley E. Roberts, Greta Jankauskaite, Caraline Craig, Dawn Wiatrek, Katherine Sharpe und William S. Breitbart geschrieben wurde. Das Design wurde beibehalten, nur dass es sich um Brustkrebspatientinnen handelte. Es wurden auch hier Fallvignetten vorgestellt (S. 132).

Im Mittelpunkt des folgenden Kapitels über die „Sinnzentrierte Gruppentherapie für Patienten in der Nachsorgephase“ von Nadja van der Spek und Irma Verdonck-de Leeuv steht die Versorgung in der Nachphase. Heutzutage würden mehr als die Hälfte der Krebspatienten in den Industrieländern wieder gesund. Studien hätten gezeigt, dass Sinnfindung mit psychologischem Wohlbefinden, größerer sozialer Anpassung und geringerer psychischer Belastung einhergehe.

Auf die „Sinnzentrierte Psychotherapie für pflegende Angehörige“ von Allison J. Applebaum wird im nächsten Kapitel eingegangen. Über Gesundheitseinbußen wie Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder eine geringere Immunabwehr klagten die meisten Angehörigen. Dazu gehörten auch Ängste, Hoffnungslosigkeit und Stimmungsschwankungen. Es wurden zudem existentielle Ängste als eine besonders wichtige Quelle des Leidens genannt.

Kapitel sieben ist der „Sinnzentrierten Trauertherapie“ gewidmet und wurde von der Autoren Wendy G. Lichtensthal, Stephanie Napolitano, Kailley E. Roberts, Corinne Sweeney und Elizabeth Slivjak verfasst. Der Verlust eines Kindes ist die schmerzhafteste, intensivste und furchtbarste Art des Verlusts und der Trauer. Trauende Eltern haben ein erhöhtes Risiko für pathologische Trauerreaktionen. Das Gefühl von Sinnhaftigkeit ist bei Eltern untrennbar mit ihrem Identitätsgefühl verbunden. Sie haben nicht nur ihr geliebtes Kind verloren, sondern auch ihre identitätsstiftende Rolle als hingebungsvolle Pflegende, die ihr Kind versorgt haben. Krebs sei die häufigste Todesursache bei Kindern (S. 166).

Das Kapitel neun befasst sich mit der „Adaption der Sinnzentrierten Therapie für die palliative Versorgung“. Autoren sind Melissa Materson, Barry Rosenfeld, Hayley Pessin und Natalie Fenn. So gäbe es nur wenige Interventionen, die sich speziell an Patienten in den letzten Wochen oder Monaten ihres Lebens richten würden. Aufgrund der unregelmäßigen Teilnahme, die der Wirksamkeit der Therapie abträglich sei, wurde die Sinnzentrierte Psychotherapie Palliative Care (SPT-PC) entwickelt, die auf praktische Art und Weise am Bett des Patienten und auf der Palliativstation oder im Hospiz durchgeführt werden kann. Es werden auch hier die einzelnen Sitzungen mit Fallvignetten der Patienten und den Meinungen der Psychotherapeuten detailliert dargestellt.

Es folgt Kapitel zehn „Kulturelle und sprachliche Adaption der Sinnzentrierten Psychotherapie für chinesisch-amerikanische Patienten mit einer schweren Krebserkrankung“, das von den Autoren  Jennifer Leng, Florence Lui, Angela Chen, Xiaoxiao Huang, William S. Breitbart und Francesca Gany geschrieben wurde. Währenddessen Amerikaner lieber zu Hause sterben wollten, will das die genannte Minderheit nicht (S. 222).

Der Titel des nächsten Kapitels nennt sich “Adaption der Sinnzentrierten Psychotherapie im israelischen Kontext. Der Prozess der Anpassung der Intervention und vorläufige Ergebnisse“. Es wurde von Gil Goldzweig, Ilanit Hasson-Ohayon, Gali Elinger, Anat Laronne, Reut Wertheim und Noam Pizem verfasst.. Es gehe darum, die Sinnzentrierte Gruppenpsychotherapie für israelitische Patienten anzupassen. Im Vergleich mit anderen westlichen Ländern sei die israelische Bevölkerung relativ jung, mit einer relativ hohen Kinderzahl pro Familie und einem niedrigen Alter bei der ersten Heirat. Es folgt wieder eine Fallvignette, wo auf die Besonderheit des Namens verwiesen wird, indem sie einen Namen von verstorbenen Familienmitgliedern oder Holocaustopfern zugewiesen bekommen.

Im nächsten Kapitel wird auf das Thema „Sinnsteigerung am Arbeitsplatz und Prävention von Burnout: Die Sinnzentrierte Psychotherapie für Palliativmediziner und Palliativpflegekräfte“ von Lise Fillion, Melanie Vachon und Pierre Gagnon verfasst, verwiesen. Arbeitsbedingter Stress sei mit hohen Abwesenheitsraten verbunden und Fachkräfte in der palliativen Versorgung seien besonders gefährdet, Stress am Arbeitsplatz zu erleben (S. 285ff). Die Teilnehmer der Therapie berichteten, dass sie die neue Fähigkeit entwickelt haben, im Alltag achtsamer zu sein, sie könnten jetzt mehr innehalten, wenn es hektisch werde.

Es folgt ein sehr langer Anhang, der von Seite 309 bis zur Seite 585 reicht, indem Transkriptionen eines vollständigen Verlaufs über die üblichen acht Sitzungen der Sinnzentrierten Gruppenpsychotherapie abgedruckt sind. Weitere drei Transkriptionen folgen.

Diskussion

Mein Urteil fällt zwiespältig aus. Es ist sicher ein großer Verdienst der Forschungsgruppe um Prof. Breitbart, die die Sinnzentrierte Einzel- und Gruppenpsychotherapie entwickelt haben, aber das kommt alles etwas distinguiert daher. Es wird immer wieder darauf hingewiesen, dass das von der Forschungsgruppe als Einzelstellungsmerkmal geschaffen wurde und die Verdienste werden allzu deutlich hervorgehoben. Des Weiteren geht es in fast jedem Satz immer nur um den Lebenssinn, den die Krebspatienten entwickeln und erschaffen sollen. Nur aus diesem einen Grund wurde die Therapie entwickelt, weil es eine nichtmedikamentöse Intervention sein sollte.

Die Sprache ist gut verständlich und nicht allzu sehr akademisch, was angenehm zum Lesen und Verstehen ist. Sehr interessant sind die Transkriptionen im Anhang, wo eine vollständige achtwöchige Sitzungsperiode beschrieben wird, bei der immer abwechselnd der Patient mit seinen Sorgen und Gefühlen zu Wort kommt und der Therapeut diese Meinung aufnimmt und mit der Gruppe bespricht.

Fazit

Die Publikation dürfte einen sehr eingegrenzten Leserkreis finden, geht es doch hier vor allem um klinische randomisierte Studien zur Psychotherapie. Dennoch ist sie theoretisch gut durchdacht und bestens begründet.

Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Es gibt 188 Rezensionen von Gisela Thiele.

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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 08.11.2022 zu: William S. Breitbart: Sinnzentrierte Psychotherapie für Patienten mit einer Krebserkrankung. Bedeutung und Hoffnung im Angesicht des Leidens finden. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2022. ISBN 978-3-17-038382-1. Reihe: Supplement: ISBN: 9783170383869. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29897.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


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