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Thomas Buchholz, Ansgar Schürenberg: Lebensbegleitung alter Menschen

Cover Thomas Buchholz, Ansgar Schürenberg: Lebensbegleitung alter Menschen. Basale Stimulation in der Pflege alter Menschen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2003. 285 Seiten. ISBN 978-3-456-83296-8. 34,95 EUR, CH: 59,90 sFr.

Unter wiss. Begleitung von Andreas Fröhlich und Christel Bienstein.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-456-84111-3 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Zur Thematik und Vorgeschichte des Buches

Zu Beginn der Arbeit wird ausgeführt, dass die basale Stimulation vor ca. 25 Jahren von einem Heilpädagogen (Andreas Fröhlich) zur Förderung schwer- und mehrfachbehinderter Kinder "begründet" und vor 15 Jahren von einer Krankenschwester und Diplom-Pädagogin (Christel Bienstein) für die Pflege "entdeckt" wurde. Über 400 ausgebildete Multiplikatoren, Kurs- und Praxisbegleiter der Basalen Stimulation arbeiten gegenwärtig in den verschiedenen Bereichen der Pflege (Altenpflege, Intensiv- und Hospizpflege u. a.).

Bei den Autoren handelt es sich um Krankenpfleger, die überwiegend als freiberufliche Dozenten im Kontext dieses Ansatzes arbeiten.

Inhalt

Das Buch ist in 10 Kapitel unterteilt, die sowohl die theoretischen Ausführungen als auch ganz praktische Anwendungen der verschiedenen Vorgehensweisen der basalen Stimulation zum Inhalt haben. Eine Vielzahl von Abbildungen (Fotos und schematische Skizzen) zur Verdeutlichung ist in den Text eingefügt.

In Kapitel 1 werden kurz das Konzept und die Leitgedanken der Basalen Stimulation in der Pflege alter Menschen einleitend dargestellt.

Im zweiten Kapitel stehen kritische Ausführungen über die Pflegebedürftigkeit im Kontext der gegenwärtigen Situation der Altenpflege in Deutschland und die Grundlagen des menschlichen Lebens (Bewegung, Atmen, Wahrnehmung etc.) im Mittelpunkt der Ausführungen.

In Kapitel 3 werden die konzeptionellen Grundlagen des Ansatzes Basale Stimulation entfaltet und hieran anschließend anhand der Körperpflege (Waschen, Baden, Lagern) konkret das praktische Vorgehen dieses Ansatzes beschrieben.

Kapitel 4 befasst sich mit den Aspekten der Biografie alter Menschen, der so genannten "Sensobiografie" (Ermittlung der sinnlichen Gewohnheiten des Menschen), den verschiedenen Formen der Sicherheit und den Aspekten der vibratorischen und vestibulären (gleichgewichtsbezogenen) Wahrnehmungen mitsamt den entsprechenden stimulierenden konkreten Angeboten hierbei.

Kapitel 5 beinhaltet die Bedeutung des Rhythmus' beim Positionswechsel (der Lagerung) und der Atem stimulierenden Einreibungen mit konkreten Handlungsanweisungen.

In Kapitel 6 werden die Formen der Wahrnehmung und Erfassung der konkreten Umwelt (Zimmer, Bett, Gegenstände) und eine Reihe von Angeboten der visuellen, oralen, olfaktorischen und auditiven Stimulierung dargestellt.

Kapitel 7 bis 10 thematisieren u. a. die Aspekte Beziehungen aufnehmen und gestalten, Sinnhaftigkeit des Lebens, selbstbestimmtes Verhalten und alters- und krankheitsbezogene Veränderungen der Sinnesleistungen und die entsprechenden kompensatorischen Interventionsformen.

Im Anhang werden Fragen zur Sensobiografie des alten Menschen angeführt.

Kritische Würdigung

Der Rezensent ist nun zum wiederholten Mal mit einem "eigenständigen" Konzept oder Modell konfrontiert, das die typischen Attribute dieses Genres besitzt: eingetragenes Warenzeichen, Schwerpunkt auf mehrstufige Fortbildung mit meist eigenen Instituten und Zertifikaten, Entwicklung eines eigenen Ideenkonstruktes mitsamt entsprechender Terminologie und selbst entwickelten Formen der Anwendung und Interpretation jedoch ohne Bezug zum Stand der Forschung und der Erfahrungen auf dem jeweiligen Gebiet (siehe hierzu u. a. auch Validation und Kinästhetik).

Aus verschiedenen Bereichen der angewandten Psychologie (Therapie, Beratung u. a.) sind dem Rezensenten seit Jahrzehnten ähnliche Entwicklungen bekannt, die u. a. dazu geführt haben, dass mittlerweile eine unübersehbare Zahl von Modellen in dem doch eigentlich recht sensiblen Bereich der psychischen Unterstützung miteinander konkurrieren, ohne den Nachweis der Effektivität und Schadensfreiheit erbracht zu haben. Eine Vielzahl der Ansätze hat bereits die Grenze zur Esoterik und Subkultur überschritten (astrologische Psychologie u. ä.).

Zur Basalen Stimulation sind folgende kritischen Anmerkungen zu machen:

Der Ansatz beruht auf einem recht eigenartigen Konstrukt der Dopplung von körperlicher und geistiger Wahrnehmung. Begriffe wie "Körper-Biografie", "Körper-Ich", "Pflegediagnose 'körperlich desorientiert'" verweisen auf duale oder parallele Seinsweisen einer körperlichen und geistigen Wahrnehmung und Erfassung der Umwelt. Dies führt sogar soweit, dass ständig mit Körperkontakt kommuniziert oder "gesprochen" wird: "Scheuen Sie sich nicht bei passender Gelegenheit dem Bewohner (Seite an Seite oder hinter ihm Rücken an Brustkorb) direkt "anzusprechen" bzw. in ihn "hineinzusingen"." Und "Wenn auch Sie und Ihre Knochen "zuhören", können Sie intensive "Antworten" erfahren." (Seite 117).

Dieser Ansatz mag zwar als Begründung und Erklärung für die diversen Formen der Berührung, Streichungen ("sternförmiges Ausstreichen zu den Lippen hin" - Seite 175) und Massagen bei der Pflege herhalten, er entspricht nur leider nicht dem Stand der Forschung. Seit vielen Jahren gilt in der Neurophysiologie und Neurobiologie die Erkenntnis, den Dualismus "Gehirn - Geist" durch überprüfbare Untersuchungen falsifiziert zu haben. Konkret heißt das, dass jedwede geistige Aktivität auf hirnphysiologische Prozesse zurückgeführt werden kann. Dies schließt jedwede sensorische oder "körperliche" Wahrnehmung mit ein.

Doch auch aus der Praxis der Pflege Demenzkranker in den Heimen sind dem Rezensenten Erfahrungen mitgeteilt worden, dass die basal stimulierende Pflege die Betroffenen teils noch weiter in Unruhe und Verwirrung versetzt. Dies lässt sich leicht damit erklären, dass die Demenzkranken einfach soviel "Körperkontakt" nicht gewohnt sind.

Fazit

Es gilt ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass Homo sapiens sapiens über ein äußerst "soziales Gehirn" verfügt, das ihn mittels Intuition, Einfühlungsvermögen und Sensibilität zu mannigfaltigen Kontakten, Interaktionen und Kommunikationsformen verbaler und nonverbaler Art befähigt. Es gilt eigentlich nur, sich dieser angeborenen Kompetenzen u. a. durch Reflexion zu vergewissern.


Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.svenlind.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 05.08.2003 zu: Thomas Buchholz, Ansgar Schürenberg: Lebensbegleitung alter Menschen. Basale Stimulation in der Pflege alter Menschen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2003. ISBN 978-3-456-83296-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/299.php, Datum des Zugriffs 04.03.2021.


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