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Werner Schönig: Innovation bei Koopkurrenz in Netzwerken der Sozialwirtschaft

Rezensiert von Dr. Christian Geyer, 14.11.2022

Cover Werner Schönig: Innovation bei Koopkurrenz in Netzwerken der Sozialwirtschaft ISBN 978-3-7799-6495-7

Werner Schönig: Innovation bei Koopkurrenz in Netzwerken der Sozialwirtschaft. Produktive Balance in Bewegung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 120 Seiten. ISBN 978-3-7799-6495-7. D: 21,95 EUR, A: 22,60 EUR.

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Thema

Der Titel verdeutlicht das kombinatorische Anliegen dieser Publikation. Es werden die Phänomene Innovation, Netzwerke und Koopkurrenz im Hinblick auf die Sozialwirtschaft zusammengedacht und nach dem Management von koopkurrenten Innovationsnetzwerken in der Sozialwirtschaft gefragt. 

Autor

Werner Schönig ist Professor für Sozialökonomik und Konzepte der Sozialen Arbeit an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Köln. In seinen Veröffentlichungen hat er sich sowohl mit der Koopkurrenz in der Sozialwirtschaft (Schönig 2015) als auch mit der Netzwerkorientierung in der Sozialen Arbeit (Schönig/Motzke 2016) auseinandergesetzt.

Aufbau

Das Buch ist in sechs Kapitel untergliedert. Die Kapitel im Einzelnen:

  1. Einleitung (S. 11 – 13)
  2. Grundfragen der Koopkurrenz in Innovationsnetzwerken (S. 14 – 60)
  3. Folgerungen für das Management koopkurrenter Innovationsnetzwerke (S. 61 – 83)
  4. Übertragung auf die Sozialwirtschaft und die Soziale Arbeit (S. 84 – 105)
  5. Empfehlungen zum Management koopkurrenter Innovationsnetzwerke (S. 106 – 110)
  6. Zusammenfassung (S. 111 – 112)

Inhalt

In der Einleitung geht Werner Schönig von der These aus, dass angesichts des „verstärkten Innovationsdruck[s]“ (S. 11) und der „zunehmenden Netzwerkorientierung“ in der Sozialwirtschaft die Kombination der beiden Phänomene, also Innovationsnetzwerke, eine geeignete Antwort auf diese Entwicklungen darstellen. Für das Innovationsnetzwerk wählt der Autor einen koopkurrenten Ansatz und unterscheidet diesen von einem kooperativen Laboransatz.

Was mit Koopkurrenz in Innovationsnetzwerken gemeint ist, entfaltet der Autor im zweiten Kapitel, das den Grundlagen gewidmet ist. Koopkurrenz wird als „die Gleichzeitigkeit von Kooperation und Konkurrenz“ (S. 15) definiert, die zunächst ein lebensweltliches und zugleich paradoxes Phänomen darstellt. Im Folgenden wird vornehmlich das präkompetitive Netzwerk als Gestalt von koopkurrenten Innovationsnetzwerken beschrieben.

Unter einer Innovation wird etwas Neues und Nützliches gefasst, das es so vorher noch nicht gab und zugleich anschlussfähig, riskant und formbar ist (vgl. S. 29). Werner Schönig unterscheidet technische und Verfahrensinnovationen, die in Netzwerken deshalb besonders gut entwickelt werden können, weil diese durch Kooperation Risiken minimieren, notwendige Ressourcen effektiv und effizient nutzen, Kommunikationsräume zur Verfügung stellen sowie eine Zusammenarbeit mit politischen Entscheidungsträgern organisieren (vgl. S. 32–33). Schließlich werden die beiden Stränge (Koopkurrenz und Innovation) verknüpft und als koopkurrente Netzwerke im Innovationsprozess reflektiert (S. 36–60).

In diesem Abschnitt geht Werner Schönig implizit von organisierten und nicht von lebensweltlichen Netzwerken aus (vgl. Schubert 2018:7), die als Innovationsnetzwerke in keine Netzwerk-Typologie eingeordnet werden. Vielmehr wird ausführlich der Frage nach den Beziehungsqualitäten (starke/​schwache Bindung) nachgegangen. Dabei steht der Innovationsprozess (Invention, Innovation, Diffusion) im Fokus, sodass Koopkurrenz eindimensional, nämlich bezogen auf die Prozessphasen, diskutiert wird.

Das dritte Kapitel widmet sich den Konsequenzen für das Netzwerkmanagement sowohl auf einer politischen Ebene (Verfassung des koopkurrenten Innovationsnetzwerks, vgl. S. 61) als auch auf einer kulturellen Ebene („rationales, instrumentelles Vertrauen“, S. 69) und einer regulatorischen Ebene (Governance, vgl. S. 70). Im Anschluss an die Resonanztheorie von Hartmut Rosa plädiert Werner Schönig für eine strukturelle und operative Öffnung und Offenheit der Netzwerke, die als „Spielwiese“ (S. 77) Raum für möglichst vielfältige Echos, Antworten, Schwingungen (kurz: Resonanzen) geben. Die Resonanztheorie führt zu der Feststellung, dass solche Netzwerke „nicht im engeren Sinne gemanagt, sondern höchstens koordiniert und moderiert“ (S. 77) werden. Was das für ein Management im engeren oder weiteren Sinne bedeutet, bleibt offen.

Die Übertragung der bisherigen Erörterungen auf das Feld der Sozialwirtschaft, und ausdrücklich auch der Sozialen Arbeit, erfolgt im vierten Kapitel. Zunächst werden grundsätzliche Erwägungen über soziale Innovationen und Innovationen in der Sozialen Arbeit diskutiert. Die Studie zeichnet ein kritisches und skeptisches Bild von Innovationen in der Sozialen Arbeit und führt ökonomische, mentale, professionelle, ethische, rechtliche, kulturelle und infrastrukturelle Hemmnisse an (vgl. 89 f.). Für die Sozialwirtschaft, so die These der Publikation, ist von einer „Konkurrenz der Kooperationspartner“ und nicht von einer „Kooperation von Konkurrenten“ in Innovationsnetzwerken auszugehen (S. 97), sodass der Stressor Koopkurrenz weniger stark wirksam ist. Insofern muss es nach Ansicht von Werner Schönig in der Sozialwirtschaft um eine Balance der Spannungsfelder und eine intensivere Fokussierung der komplementären Rolle der sozialwirtschaftlichen Akteure im koopkurrenten Wertenetz (vgl. Nalebuff/​Brandenburger 1996, 28 ff.) gehen.

Wie das konkret ausgestaltet werden kann, wird nicht weiter ausgeführt. Das fünfte Kapitel stellt in einer Art Zusammenfassung die Ergebnisse der Studie in zehn sog. „Sensibilitäten“ pointiert dar, die das Management von koopkurrenten Innovationsnetzwerken adressieren, wenngleich dadurch keine anwendungsorientierten Empfehlungen für die Gestaltung abgeleitet werden können. Nach Auffassung des Autors geht es um eine Innovations-, Koopkurrenz-, Netzwerk-, Adäquanz-, Hierarchie-, Personal-, Handlungsfeld-, Spannungsfeld-, Prozess-, und Ausbeutungssensibilität (vgl. S. 106 – 110).

Schlussendlich wird im sechsten Kapitel ein Fazit formuliert, dass folgendermaßen wiedergegeben werden kann: Koopkurrente Innovationsnetzwerke bieten gute Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, um Innovationen zu generieren und zu implementieren. Diese anspruchsvolle Aufgabe gelingt „durch eine produktive Balance von Struktur und Prozess, Offenheit und Schließung, Kooperation und Konkurrenz“ (S. 111).

Diskussion

Die Studie von Werner Schönig ist ein komplexes Unterfangen auf wenig Raum. Auf nur knapp über 100 Seiten stellt sich der Autor der Aufgabe, die Themenfelder Innovation, Netzwerk und Koopkurrenz in der Sozialwirtschaft hinsichtlich der Schnittmengen, Unterschiede und Wechselwirkungen zu untersuchen und zugleich aufzuzeigen, dass eine Kombination der Phänomene Neues und Neuartiges hervorbringt, das an den Forschungsdiskurs und die sozialwirtschaftliche Praxis anschlussfähig ist, unsicher bleibt und gestaltet werden kann. Die Studie löst diesen hehren Anspruch (vgl. S. 9) nicht ein. Und zwar deshalb nicht, weil die Kombination der Themenfelder weder neu noch neuartig ist. Sie ist den Phänomenen immanent. Das zeigt die Studie eindrücklich und beschreibt so das eigentliche Potenzial dieser kombinatorischen Perspektivierung: eine differenzierende Analyse und Deutung sowie eine multirationale Gestaltung von Innovationsnetzwerken (in der Sozialwirtschaft). So ist es zwar eine triviale, aber zugleich komplexe Erkenntnis, dass organisierte Netzwerke (Kooperationsgeflechte) gleichzeitig immer auch vom Steuerungsmodus der Konkurrenz beeinflusst sind. Diese Erkenntnis ist wertvoll und handlungsleitend für die Gestaltung der Netzwerke. Das Verdienst dieser Studie liegt darin, diese Perspektivierung einzunehmen und das Potenzial, das in der Balancierung von Kooperation und Konkurrenz für Innovationsprozesse in Netzwerkstrukturen liegt, deutlich zu machen.

Insofern überrascht es, dass keine Unterscheidung von intra-, inter- und supra-organisationalen Netzwerken der Koopkurrenz vorgenommen wird (vgl. z.B. Janssen 2000, 52). Denn koopkurrente Netzwerke können sowohl innerhalb von sozialwirtschaftlichen Organisationen entstehen als auch zwischen Organisationen und ebenso zwischen Organisationen der Sozialwirtschaft und der Sozialadministration und/oder der Wirtschaft. Für das Verstehen der Prozesse und die Gestaltung der jeweiligen Netzwerke wäre das eine hilfreiche Unterscheidung.

Die vorliegende Übertragung dieser Kombination auf die Sozialwirtschaft (Kapitel 4) ist voraussetzungsreich, da sie kursorisch angelegt ist und die Komplexität, die durch die Kombination der Themenfelder gesteigert ist, nur bedingt entfalten kann. Die doppelte Perspektive (Sozialwirtschaft und Soziale Arbeit als Profession) ist aus systematischer und argumentativer Sicht wenig nützlich. Es wäre spannend gewesen, der Autor hätte den kombinatorischen Ansatz auf die argumentative Struktur der Studie selbst angewendet und seine These konsequent sozialwirtschaftlich entfaltet.

Am Rande sei noch bemerkt: Die 27 Abbildungen unterstützen die Ausführungen und dienen dem Verstehen. Dass zahlreiche Literaturbelege, insb. im zweiten Kapitel, keinen Eingang in das Literaturverzeichnis gefunden haben, irritiert hingegen.

Fazit

Die Studie zeigt, dass es lohnenswert ist, die Schnittmengen, Differenzen und Wechselwirkungen der Themen Innovation, Netzwerke und Koopkurrenz in den Blick zu nehmen, tiefergehend zu analysieren und für die Gestaltung von koopkurrenten Innovationsnetzwerken in der Sozialwirtschaft nutzbar zu machen. 

Literatur

Jansen, Stephan A. (2000): Co-opetition. Die Form der Konkurrenz – Typen, Funktionen und Voraussetzungen von paradoxen Koordinationsformen. in: Ders./Schleissing, Stephan (Hrsg.), Konkurrenz und Kooperation. Interdisziplinäre Zugänge zur Theorie der Co-opetition. Marburg: Metropolis-Verlag, 13–63.

Nalebuff, Barry/​Brandenburger, Adam (1996): Coopetition – kooperativ konkurrieren. Mit der Spieltheorie zum Unternehmenserfolg. Frankfurt a.M./New York: Campus.

Schönig, Werner (2015): Koopkurrenz in der Sozialwirtschaft. Zur sozialpolitischen Nutzung von Kooperation und Konkurrenz. Weinheim/​Basel: Juventa Verlag.

Schönig, Werner/​Motzke, Katharina (2016): Netzwerkorientierung in der Sozialen Arbeit. Theorie, Forschung, Praxis. Stuttgart: Kohlhammer.

Schubert, Herbert (2018): Netzwerkmanagement in Kommune und Sozialwirtschaft. Eine Einführung. Wiesbaden: Springer VS.

Rezension von
Dr. Christian Geyer
Fachlicher Vorstand Bathildisheim e.V., Bad Arolsen und Lehrbeauftragter der Hochschule Fulda
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Es gibt 9 Rezensionen von Christian Geyer.

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Zitiervorschlag
Christian Geyer. Rezension vom 14.11.2022 zu: Werner Schönig: Innovation bei Koopkurrenz in Netzwerken der Sozialwirtschaft. Produktive Balance in Bewegung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6495-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29911.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


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