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Klaus Sarimski: Handbuch interdisziplinäre Frühförderung

Rezensiert von Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner, 28.02.2023

Cover Klaus Sarimski: Handbuch interdisziplinäre Frühförderung ISBN 978-3-497-03157-3

Klaus Sarimski: Handbuch interdisziplinäre Frühförderung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2022. 2., aktualisierte Auflage. 481 Seiten. ISBN 978-3-497-03157-3. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR.
Reihe: Beiträge zur Frühförderung interdisziplinär - 20.

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Der Autor

Prof. Dr. Klaus Sarimski, Dipl.-Psych., lehrte bis 2021 sonderpädagogische Frühförderung und allgemeine Elementarpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg mit den Arbeitsschwerpunkten: Fragen der sozialen Teilhabe und Umgang mit Verhaltens-auffälligkeiten von Kindern mit unterschiedlichen Behinderungen.

Thema

Das Handbuch soll einen umfassenden Überblick über das Arbeitsfeld der Interdisziplinären Frühförderung geben und Leitlinien für die Praxis abgeleitet werden. Da das System „Frühförderung“ ein System im Wandel ist, braucht es diese aktualisierte Auflage.

Aufbau und Inhalt

Der umfangreiche Stoff des Buches ist in vier Hauptkapiteln zusammengefasst.

Grundlagen und Arbeitsprinzipien der Frühförderung.

Das erste Kapitel beginnt mit einem Überblick über die Entwicklung und den Aufbau der Interdisziplinären Frühförderung. Interdisziplinäre Frühförderung wird als Komplexleistung nach dem SGB IX (und der FrühV) definiert, Organisations- und Versorgungsstrukturen, Leistungsangebote und deren gesetzliche Grundlagen werden erläutert. Anschließend diskutiert Sarimski ausführlich Grundprinzipien der Frühförderung: Resilienzorientierung (soll den unzureichend definierten Begriff der Ganzheitlichkeit ablösen), Familienorientierung, Interaktions- und Beziehungsorientierung. Der Autor geht auch auf Fragen der Kooperation, der Qualitätssicherung und der Evaluation ein. Ein eigenes Unterkapitel thematisiert die ICF-orientierte Diagnostik, gibt einen Überblick über relevante Testverfahren und beschreibt die diagnostischen Arbeitsschritte.

Kernaufgaben der Frühförderung.

Sarimski unterscheidet zwischen Kernaufgaben und Kooperationsaufgaben. Die Kernaufgabe der Frühförderung ist die Förderung von Kindern mit unterschiedlichen Entwicklungsbeeinträchtigungen. In sieben Unterkapiteln bespricht er die Förderung in grundlegenden Bereichen von Entwicklungsbeeinträchtigungen:

  • Beeinträchtigung der kognitiven Entwicklung: globale Entwicklungsbeeinträchtigung, Down-Syndrom und andere genetische Syndrome, Prävention von Lernschwierigkeiten, Aufmerksamkeits- und „Wahrnehmungs“-störungen.
  • Beeinträchtigung der sprachlichen Entwicklung: verspäteter Sprechbeginn, spezifische Sprachentwicklungsstörung, Stottern und Mutismus.
  • Beeinträchtigung der motorischen Entwicklung: Cerebralparesen, umschriebene motorische Entwicklungsstörungen.
  • Beeinträchtigung der sozial-emotionalen Entwicklung: Bindung, frühe Regulationsstörungen, Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen, Störungen des Sozialverhaltens, emotionale Störungen, Autismus-Spektrum-Störungen.
  • Kinder mit einer Hörschädigung
  • Sehbehinderte und blinde Kinder
  • Kinder mit schwerer oder mehrfacher Behinderung

Zu den einzelnen Störungen werden mit unterschiedlichen Schwerpunkten u.a. Diagnostikverfahren, in der Frühförderung gängige Therapiekonzepte und Förderprogramme und Hilfsmittel (auch für unterstützte Kommunikation) vorgestellt und diskutiert. Sarimski bespricht dabei auch Förderplanung und behinderungsspezifische Förderbedürfnisse. Ergeht immer auf die Bedarfe der Eltern und Unterstützungsmöglichkeiten ein, diskutiert in diesem Zusammenhang auch Mythen und umstrittene Therapieansätze und mahnt zur Vorsicht bei alternativen Therapiemethoden (mit Heilungsversprechen). Einen Schwerpunkt bildet auch die Förderung der Schlüsselkompetenzen im Alltag; die jeweiligen Auswirkungen auf die soziale Teilhabe werden erörtert, wobei die Förderung der Teilhabe in der Kindertagesstätte besonders beleuchtet wird.

Kooperationsaufgaben der Frühförderung bei ausgewählten Entwicklungsstörungen.

Neben den Kernaufgaben, wie im zweiten Kapitel besprochen, leisten die Einrichtungen der Interdisziplinären Frühförderungen wichtige Beiträge der Unterstützung, in dem sie mit anderen Hilfesystemen kooperieren. Diese Unterstützungsleistungen in einem vernetzten System haben eine weiterhin wachsende Bedeutung im Arbeitsfeld der Frühförderung und stellen spezifische Herausforderungen an die Fachkräfte.

Besprochen werden die Bereiche:

  • Begleitung von frühgeborenen Kindern,
  • Unterstützung von Kindern in Armutslagen,
  • Unterstützung von Familien mit Migrationshintergrund, Flüchtlinge und Asylbewerber,
  • Kinder mit psychisch kranken Eltern, Alkohol- und Drogenabhängigkeit in der Familie.

Es wird die jeweilige Problematik und der Förderbedarf dargestellt und die Aufgaben der Frühförderung im Netzwerk (für das Kind, für die Eltern, in der Kindertagesstätte) sowie die eigenen Grenzen der Frühförderfachkraft besprochen.

Neu ist das Unterkapitel zur Zusammenarbeit mit den „Frühen Hilfen“ bei Gefährdung des Kindeswohls. Es werden Anhaltspunkt für eine Kindeswohlgefährdung gegeben, Modellprojekte der Frühen Hilfen zur Prävention dargestellt („Keiner fällt durch's Netz“, „Guter Start ins Kinderleben“). Da die Zielgruppen beider Hilfen eine relativ große Schnittmenge haben, ist eine enge Kooperation für beide Seiten profitabel. Empfehlungen für die Praxis werden formuliert.

In einem eigenen Unterkapitel werden die Aufgaben und die Rolle der Frühförderung in der Beratung in inklusiven Kindertagesstätten thematisiert, wobei die Unterstützung der sozialen Teilhabe und Beratung und Coaching im Vordergrund stehen.

Belastungen und Beratung von Familien mit Kindern mit Behinderungen.

Eltern eines Kindes mit Beeinträchtigungen stoßen im Alltag immer wieder an ihre Grenzen. Deshalb ist es immer Aufgabe der Frühförderung, die familiären Bewältigungskräfte zu stärken. Es gilt das Belastungserleben sowie persönliche und soziale Bewältigungskräfte zu eruieren und zu stärken (Empowerment). Dafür braucht es auch Wissen über sozialrechtliche Hilfen. Abschließend geht Sarimski noch auf die Unterstützungsbedarfe, aber auch auf die Ressourcen durch Väter, Geschwister und Großeltern ein.

Fast jedes Unterkapitel des Buches beginnt mit einem Fallbeispiel, in dem das folgende Thema deutlich wird. Nach jedem Unterkapitel gibt es jeweils eine Zusammenfassung, wichtige Informationen werden in unterschiedlich gestalteten Kästen herausgestellt, wobei Checklisten die konkrete Arbeit unterstützen.

Diskussion

In vier umfangreichen Kapiteln bespricht Sarimski die Essentials der interdisziplinären Frühförderung. Im Zentrum stehen die Kernaufgaben (die Förderung von Kindern mit unterschiedlichen Entwicklungsbeeinträchtigungen) und Kooperationsaufgaben. Im ersten Kapitel werden die Rahmenbedingen und die übereinstimmenden Grundannahmen erläutert. Aber auch die Belastungen der Eltern werden gesehen und besprochen. Wichtig ist für den Autor die wissenschaftliche Fundierung. So stellt er immer den Nachweis der Wirksamkeit für die Therapie- und Fördermethoden heraus und warnt vor umstrittenen Therapieansätzen. Dabei hat er auch die Eltern im Blick, die verständlicherweise große Hoffnungen haben, dass dem Kind geholfen wird und die nichts versäumen wollen. Insgesamt stellt Sarimski viele Untersuchungen vor, überwiegend aus dem anglo-amerikanischen Raum.

Wie bei Sarimski schon gewohnt, besticht das Buch durch die vielen verarbeiteten Informationen, was durch die sehr umfangreiche Literaturliste belegt wird (Leider ist das Sachregister etwas spärlich). Er gibt mit diesem Werk einen fundierten Überblick über das weite Feld der Frühförderung.

Diese Neuausgabe ist ergänzt durch neue Studien, neue Ergebnisse aus Längsschnittstudien, z.T. Studien, für in der ersten Ausgabe nur Pilotstudien vorlagen. Neuere Ergebnisse erfassen auch Deutschland, so neue Ergebnisse aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS). Die Listen der diagnostischen Verfahren sind auf dem aktuellen Stand. Aus meiner Sicht wichtig ist die Einführung des neuen Kapitels zur Kindeswohlgefährdung und der Kooperation mit den Frühen Hilfen.

Eine kritische Anmerkung zum 1. Kapitel: Leider sind die Veränderungen im SGB IX und in der FrühV nicht ausreichend berücksichtigt. Zudem beziehen sich die Kostensätze für die Leistungen der Frühförderung auf die ISG-Studie aus dem Jahr 2008; auch die Sätze, die für Bayern berichtet werden, waren in 2021 schon deutlich höher.

Dies zweite überarbeitete Ausgabe zeigt, dass das Buch zu einem Standardwerk der interdisziplinären Frühförderung geworden ist und seinem Ruf gerecht wird.

Zielgruppen

Fachkräfte in der Frühförderung und integrativen Kitas, Ergo- und PhysiotherapeutInnen, LogopädInnen, HeilpädagogInnen, PsychologInnen sowie Fachkräfte in sozialpädiatrischen Zentren

Fazit

In diesem Handbuch werden die Grundlagen der Interdisziplinären Frühförderung, Kern- und Kooperationsaufgaben sowie die Belastungen und die entsprechende Beratung der Eltern von Kindern mit Entwicklungsauffälligkeiten oder -beeinträchtigungen ausführlich und wissenschaftlich fundiert besprochen. Es gehört zu den wichtigen Standardwerken in der Interdisziplinären Frühförderung.

Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
ehem. Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen in Dorfen, Erding und Markt Schwaben im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Es gibt 194 Rezensionen von Lothar Unzner.

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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 28.02.2023 zu: Klaus Sarimski: Handbuch interdisziplinäre Frühförderung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2022. 2., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-497-03157-3. Reihe: Beiträge zur Frühförderung interdisziplinär - 20. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29915.php, Datum des Zugriffs 22.06.2024.


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