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Rainer Hornung, Judith Lächler: [...] Grundwissen für Gesundheits- und Krankenpflegeberufe

Cover Rainer Hornung, Judith Lächler: Psychologisches und soziologisches Grundwissen für Gesundheits- und Krankenpflegeberufe. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2005. 9., vollst. überarbeitete u. aktualis. Auflage. 372 Seiten. ISBN 978-3-407-55127-6.
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Autoren

    Rainer Hornung ist Soziologe und Hochschullehrer am Psychologischen Institut der Universität Zürich. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind Gesundheits- und Krankheitsverhalten, Prävention, Gesundheitsförderung und Evaluation.
  • Judith Lächler ist Dipl.-Psychologin (FH), NLP-Lehrtrainerin und war Krankenschwester. Frau Lächler arbeitet im Bereich der psychologischen Beratung und der Erwachsenenbildung.

Zur 9. Auflage

Das Lehrbuch erschien erstmals 1982. Die 9. Auflage wurde komplett überarbeitet, neu strukturiert, aktualisiert und grafisch neu gestaltet. Abbildungen und Fotographien. Definitionen, Wichtiges, Fragen zur Wissensprüfung, Fallbeispiele und Fragen zum persönlichen Bezug werden mittels Kästchen sichtbar hervorgehoben; sie ermöglichen dem Leser eine schnelle Orientierung.

Bezüge und Themen

Die wissenschaftlichen Bezüge dieses Buches stammen aus der Medizinischen Psychologie, Medizinischen Soziologie, Gesundheits-, Emotions-, Entwicklungs- und Sozialpsychologie. Einen besonderen Wert legt das Autorenteam auf Themen, Konzepte und Modelle, welche für das Erfassen und Verstehen im Klinikalltag sehr bedeutsam sind:

  • Bewältigungsverhalten,
  • Emotion und Einstellung
  • Förderung der individuellen und sozialen Handlungskompetenz
  • Gruppe
  • Interaktion und Kommunikation
  • Konflikt
  • Lernen und Motivation
  • Psychohygiene
  • Rollen
  • Salutogenese
  • Stress

Ziele, Zielgruppe und die Einordnung in Literatur zum Thema

Etwa 20.000 junge Menschen beginnen ihre Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege pro Jahr in Deutschland. Und jeder von ihnen benötigt soziologisches und psychologisches Grundwissen in seiner Arbeit mit kranken Menschen in der Klinik.

Ausgerichtet am Curriculum der Ausbildung für Gesundheits- und Krankenpflegeberufe behandeln die Autoren psychosoziale Themen; sie sind für die alltägliche Berufspraxis im Krankenhaus von besonderer Bedeutung; sie werden anhand zahlreicher Fallbeispiele aus dem Klinikalltag und anhand typischer Probleme der Pflegepraxis veranschaulicht. Fragen zur Wissensprüfung sowie zu persönlichen Einstellungen und Erfahrungen am Ende jedes Kapitels ermöglichen eine Vertiefung des Stoffes. Das wesentliche Lernziel ist "(...) die Erhöhung der individuellen und sozialen Handlungsfähigkeit der Pflegenden (S. 13).

Aufbau

Medizintheoretisch orientiert sich das Werk an der Vision eines bio-psycho-sozio-Modells von Gesundheit. Salutogenetische Grundgedanken des Lernens von Gesundheit im Kontext der Verstehbarkeit, Bewältigung und Sinnhaftigkeit gesundheitlichen Handelns durchziehen das Lehrbuch. Gegliedert ist das Buch in acht Hauptkapitel:

  1. Gesundheit und Krankheit in unserer Gesellschaft
  2. Gesund sein und bleiben, krank werden, Patient werden, sterben
  3. Emotionen, Motivationen und Konflikte in der Pflege
  4. Eine Persönlichkeit werden und sein
  5. Die Rolle der Pflegenden
  6. Beziehungen in der Pflege
  7. Pflegende in Arbeitsgruppen, Teams und Institution
  8. Zur psycho-physischen Gesundheit der Pflegenden

Im I. Teil und II. Teil kommen gesundheitswissenschaftliche, medizinpsychologische und medizinsoziologische Fragen nach der Gesundheit und Krankheit in unserer Gesellschaft - und bezogen auf den Patienten - zur Sprache.

Im III. und IV. Teil werden die psychologischen Grundlagen für die Gesundheits- und Krankenpflegeberufe gelegt mit Blick auf Emotionen, Motivationen, Konflikte, Persönlichkeit, Sozialisation und Lernen.

Im V. bis VIII. Teil stehen die Pflegenden als Berufsgruppe mit Blick auf die Psychologie und Soziologie im Zentrum der Analyse.

Inhalt

Im Teil I (S. 15-36) wird das Thema "Gesundheit und Krankheit in unserer Gesellschaft" dreifach  abgehandelt. Besprochen wird das begriffliche Verständnis von Gesundheit und Krankheit als Dichotomie versus Kontinuum, der Einfluss der sozialen Schichtzugehörigkeit auf Gesundheit und Krankheit wie soziale und individuelle Vorstellungen von Krankheit und Gesundheit. Letzteres wird besprochen mit Blick auf Krankheits- und Gesundheitstheorien.

Im Teil II (S. 37-66) untersuchen die Autoren die Bereiche "Gesund sein und bleiben, krank werden, Patient werden, sterben". In drei Kapiteln werden gesundheitsfördernde Kräfte, ressourcenorientierte Pflege, Phasen des Krankheitsverhaltens, die Bewertung von Krankheit mit Blick auf Stigmatisierung und Diskriminierung und der Zusammenhang von Krank sein - Patient werden, besprochen. Weitere Themen sind chronische Krankheiten, Behinderungen, Sterben und Tod.

Im Teil III (S. 67-110) stehen "Emotionen, Motivationen und Konflikte in der Pflege" im Mittelpunkt. Emotionen werden in fünffacher Weise abgehandelt. Zuerst besprechen die Autoren Auslöser, physiologische und kognitive Prozesse beim Erleben von Emotionen, gefolgt von Funktionen, Art und Qualität und die Möglichkeit der Beeinflussung von Emotionen. Abgeschlossen wird das Thema mit Blick auf spezifische Emotionen wie Angst, Trauer, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Scham, Verlegenheit und Schuldgefühle. Zweitens wird die Bedeutung der Motive und Motivation erhellt. Im einzelnen geht es um eine Begriffsbestimmung, Arten und Hierarchie von Motiven und schließlich um die Leistungsmotivation mit intrinsischer und extrinsischer  Motivation. Abgeschlossen wird der III. Teil durch die Erörterung innerpsychischer Konflikte. Dabei geht es um die Arten, Struktur, Wahrnehmung, Ursachen und Bewältigung von Konflikten. Bewältigung meint den Umgang mit Widersprüchen im Sinne der Theorie der kognitiven Dissonanz wie die Strategien im Umgang mit Konflikten.

Im Teil IV (S. 111-158) steht die Persönlichkeit im Mittelpunkt: "Eine Persönlichkeit werden und sein". In dreifacher Weise wird das Thema besprochen.

Erstens geht es um die Entwicklung der Persönlichkeit:

  • Was ist Entwicklung?
  • Wozu Entwicklungspsychologie?
  • Was beeinflusst die Entwicklung?
  • Welche Rolle spielt die Sozialisation?
  • Welche entwicklungsbedingten Herausforderungen gibt es und wie werden sie bewältigt?

Zweitens wird die Persönlichkeit in typologischer, faktoranalytischer, persönlichkeitstheoretischer und sozialkognitiver Weise thematisiert.

Drittens wird die Frage bearbeitet nach der Rolle des Lernens im Sinne des klassischen und instrumentellen Konditionierens, Lernen am Modell oder die Ebenen des Lernens?

Im Teil V (S. 159-186) untersuchen die Autoren die "Rolle der Pflegenden".  Soziologische Aspekte der Rolle der Pflegenden im Wandel der Zeit, die soziale Rolle der Pflegenden, Rollenkonflikte in der Pflege und die Bewältigung der Rollenkonflikte. Die Konfliktbearbeitung wird in vierfacher Form vorgetragen: Konfliktbearbeitung durch Kommunikation, innerpsychische Veränderungen, soziale Veränderungen und durch die Inanspruchnahme von Fremdhilfe.

Im Teil VI (S. 187-228) geht es um die "Beziehungen in der Pflege". Schwerpunkte sind erstens der Einfluss von Wahrnehmung und Einstellungen auf Pflegebeziehungen. Konkret geht es um Wahrnehmungsprozesse und verzerrte Wahrnehmung, Stereotypen und Vorurteile. Zweitens geht es um die Beziehungen im Pflegeberuf. Dargestellt werden die Arten von Beziehungen, die Entwicklung von Beziehungen und die Interaktionen im Pflegealltag:

  • Wege der Kommunikation mit verbaler und nonverbaler Kommunikation
  • Senden und Empfangen von Nachrichten
  • Störungen in der Kommunikation beim Sender, Empfänger und durch Behinderungen der Kommunikationskanäle
  • Gelungene Kommunikation mit Blick auf die kommunikative Kompetenz und der Maßnahmen für eine gelungene Kommunikation

Im Teil VII (S. 229-268) untersuchen die Autoren den arbeitswissenschaftlichen Teil für die Gesundheits- und Krankenpflegeberufe. Es geht um "Pflegende in Arbeitsgruppen, Teams und Institutionen". Im Mittelpunkt steht die Soziologie der Gruppen. Sechs Aspekte der Gruppenanalyse werden aufgezeigt:

    Gruppen einer Krankenstation mit formellen und informellen Gruppen, Arbeitsteams als eine besondere Art von Gruppen und die Arbeitsgruppen
  1. die Bedeutung von Gruppen für ein Individuum, wie die Kleingruppen bzw. Primärgruppen, größere organisierte Gruppen bzw. Sekundärgruppen, Bezugsgruppen und die Wahrnehmung und Beurteilung eigener und fremder Gruppen
  2. die Entstehung und Entwicklung von Gruppen
  3. die Führung von Gruppen und Teams als ein Interaktionsgeschehen und als ein Thema von Führungsverhalten und Führungsstile - mit demokratischem, leistungsorientiertem und charismatischem Führungsstil
  4. Konflikte in Gruppen, Arbeitsteams und Organisationen
  5. Das Krankenhaus: Eine Institution mit institutionellen und strukturellen Eigenarten

Abgeschlossen wird der Abschnitt mit einer Analyse des Krankenhauses als eine Institution.

Im Teil VIII (S. 269-309) wird das Buch abgerundet mit einer Analyse der "psycho-physischen Gesundheit der Pflegenden". Erstens geht es um die Darlegung und Aufarbeitung der Belastungen und gesundheitlichen Gefährdungen der Pflegenden. Gemeint sind Belastungen durch die Berufsrolle, durch die Arbeit, durch menschliche Beziehungen, durch die Organisation und das Phänomen Mobbing. Erklärungsansätze werden referiert mit Bezug auf das Stressmodell - reizzentiert, reaktionszentriert und transaktional. Auch Phänomene der Überforderung kommen zur Sprache wie das Helfer-Syndrom, das Burnout-Syndrom und die Krise als Risiko und Chance.

Zweitens werden therapeutische Wege zur psycho-physischen Gesundheit der Pflegenden aufgearbeitet:

  • Psychoanalyse
  • Gestalttherapie
  • Gesprächspsychotherapie
  • Verhaltenstherapie
  • Familientherapie

Drittens wird die Bedeutung der Prävention und Gesundheitsförderung in der Pflege vorgestellt. Dabei geht es um das Erfassen stresshafter Arbeitsbedingungen, Maßnahmen zur Verminderung der Arbeitsbelastungen und zur besseren Bewältigung von beruflichen und zwischenmenschlichen Problemen. Schließlich werden Strategien zur Erhöhung der individuellen und sozialen Handlungskompetenz aufgezeigt.

Abgeschlossen wird das Werk mit dem Literaturverzeichnis, ergänzender und weiterführender Literatur, Verzeichnis der Abbildungen, Tabellen und Fotos und einem Register.

Fazit

Mit der 9. Auflage ist das Werk zum Klassiker des psychologischen und soziologischen Grundwissens für Gesundheits- und Krankenpflegeberufe aufgestiegen. Den beiden Autoren ist es gelungen, das Grundwissen der Psychologie und Soziologie systematisch vorzustellen sowie die interdisziplinären Verknüpfungen und Handlungsmöglichkeiten in der Gesundheits- und Krankenpflege aufzuzeigen. Kritisch zu fragen ist, ob das Lehrbuch Pflegeberufe nicht überfordert. Der Stoff bildet einen "Bachelor für Gesundheits- und Krankenpflege" ab. Denn die Lektüre ist nicht nur ein Gewinn für Gesundheits- und Krankenpflegeberufe. Es empfiehlt sich für Pädagogen und Soziologen, die sich mit Gesundheitsfragen befassen wie für Gesundheitswissenschaftler und Mediziner. Auch liegt ein Lern- und Lehrbeispiel für Nachwuchsautoren vor, wie gute Bücher gemacht werden können.


Rezension von
Prof. Dr. Bernhard Mann
MPH Dipl.-Sozialwirt. Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz
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Zitiervorschlag
Bernhard Mann. Rezension vom 03.07.2007 zu: Rainer Hornung, Judith Lächler: Psychologisches und soziologisches Grundwissen für Gesundheits- und Krankenpflegeberufe. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2005. 9., vollst. überarbeitete u. aktualis. Auflage. ISBN 978-3-407-55127-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2992.php, Datum des Zugriffs 21.06.2021.


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