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Gabriele Junkers (Hrsg.): Psychoanalyse leben und bewahren

Rezensiert von Dr. Hans-Adolf Hildebrandt, 14.11.2022

Cover Gabriele Junkers (Hrsg.): Psychoanalyse leben und bewahren ISBN 978-3-8379-3136-5

Gabriele Junkers (Hrsg.): Psychoanalyse leben und bewahren. Für ein kollegiales Miteinander in psychoanalytischen Institutionen. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2022. 241 Seiten. ISBN 978-3-8379-3136-5. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.

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Thema

Das von Gabrielle Junkers herausgegebene Buch ist in der Buchreihe Bibliothek der Psychoanalyse erschienen, deren Anliegen es u.a. ist, „die gemeinsamen Wurzeln der von Zersplitterung bedrohten psychoanalytischen Bewegung zu stärken“ und „das kultur- und gesellschaftskritische Erbe der Psychoanalyse“ wieder zu beleben und weiter zu entwickeln. In diesem Sammelband kommen berufs- und lebenserfahrene Psychoanalytiker aus verschiedenen europäischen und internationalen psychoanalytischen Organisationen und Institutionen zu Wort. Es wendet sich ausdrücklich an „erfahrene analytische Leser.“

AutorIn

Die Herausgeberin ist Psychologin und (Lehr-)Analytikerin und auf die Arbeit mit alten Menschen spezialisiert und hat sich mit dem Älterwerden als Psychoanalytiker beschäftigt.

Entstehungshintergrund

Zum Entstehungshintergrund des Sammelbandes verweist die Herausgeberin auf ein schon seit Jahren bestehendes Unbehagen in der Zusammenarbeit in psychoanalytischen Organisationen. Die Autoren der Beiträge sind ausgewiesen durch Mitgliedschaft und verantwortliche Mitwirkung und -gestaltung in analytischen Organisationen und Institutionen. Hieraus leiten sich auch die Schwerpunkte ihrer Beiträge ab.

Aufbau und Inhalt

Die von den Autoren des Sammelbandes ausgeführte Auseinandersetzung mit der institutionalisierten Psychoanalyse ist so komplex und vielschichtig, dass der Rezensent sich zwangsläufig auf eine subjektive und in gewisser Weise auch willkürliche Textauswahl beschränken muss.

Martin Heising vertritt die Auffassung, dass die Psychoanalyse ohne den institutionellen Rahmen undenkbar ist, dieser aber zugleich im Widerspruch zu den Grundlagen der Psychoanalyse stehe. Zu den wesentlichen Aufgaben der psychoanalytischen Gesellschaft gehört die Weiterentwicklung der Theorie und die Ausbildung der Analytiker-Kandidaten. Diese neutrale Feststellung konnotiert Serge Frisch mit Verweis auf Freud, wonach Analytiker Gefangener ihrer institutionellen Familie sind, Freud sprach in diesem Zusammenhang von Barbarei.

Noch drastischer formuliert es Frisch wenn er die Ansicht vertritt, dass der Psychoanalytiker die psychoanalytische Institution zum Überleben brauche. Die Beziehung zwischen Analytiker und psychoanalytischer Institution scheint eine unauflösbare Bindung zu sein, in der die Institution als Refugium fungiert, die vor der Angst vor der Öffentlichkeit schützt, regressive Tendenzen fördert und ein narzisstisch überhöhtes Selbstbild fördert.

Die destruktive Realität unter Psychoanalytikern, so Harriet Wolfe, aber auch der Vorwurf, die Psychoanalyse sei ein Relikt aus der Vergangenheit gibt Anlaß zu Überlegungen, wie die Psychoanalyse bewahrt und weiter entwickelt werden kann. Zwar vertritt Harriet Wolfe als mögliche Antwort die Auffassung, dass gesellschaftliche Fragen und Gruppenprozesse mithilfe psychoanalytischer Konzepte erklärt werden können, scheut jedoch angesichts kollegialer Einwände, derartige Aktivitäten würden von den eigentlichen Aufgaben der Psychoanalyse ablenken, vor einer eindeutigen Positionierung zurück und scheint dabei zu übersehen, dass nicht nur Klaus Horn daraufhin gewiesen hat, dass die Psychoanalyse ihren Rückzug aus der Politik mit einer zunehmenden Verkümmerung ihrer Sozialpsychologie bezahlt hat.

Auch die von Stefano Bolognini vorgeschlagene vierte Säule der psychoanalytischen Ausbildung zur Verbesserung der kollegialen Kooperation und des wissenschaftlichen Austauschs – in ähnlicher Richtung argumentiert auch Philip Stoke – läßt sich eher als Vermeidung der notwendigen Politisierung der Psychoanalyse verstehen.

Der Beitrag von B.Miguel Levi führt sehr eindrücklich vor Augen, dass bereits in den 40er und 50er Jahren Michael Balint, Siegfried Bernfeld, Martin Grotjahn und später Otto Kernberg die formalisierte Ausbildung kritisiert hatten ohne dass Levi jedoch von dem Dogma der unverzichtbaren Institutionen abrückt. In ihrem abschließenden „Ausblick“ bekräftigt Gabriele Junkers ihre Überzeugung, „dass ein Bewahren der Psychoanalyse nur durch ein Bemühen um wahrhaftig gelebtes kollegiales Miteinander gelingen kann“. Diese Position mutet eher an wie die bekannte Metapher des Pfeifens im Walde angesichts einer scheinbar nicht mehr zeitgemäßen Psychoanalyse.

Diskussion

Im Kern basieren die Beiträge der Autoren auf der Einsicht, dass sich die Psychoanalyse in einer Krise befindet die sich u.a. darin zeigt, „dass viele Lehrstühle an den Universitäten nicht wieder mit Psychoanalytikern besetzt worden“ sind (Martin Heising), eine der letzten beiden psychoanalytisch ausgerichteten Professuren in Deutschland an der Universität Frankfurt nicht mehr ausgeschrieben wurde und die Psychoanalyse an den Hochschule unübersehbar an den Rand gedrängt worden ist (Frankfurter Allgemeine v. 15.06.22). Wo der Hund begraben liegt ist auch daran zu erkennen, dass der Vorstand des Lou Andreas-Salomè Institutes für Psychoanalyse und Psychotherapie Göttingen Herrn Prof. Ulrich Sachsse im Juli 2013 den Status des Lehranalytikers entzogen hat, weil er die Auffassung vertreten hat, dass das Standardverfahren (unlimitierte, mindestens 3- bis 5-stündige Psychoanalyse im Liegen) als Grundlage einer psychodynamischen Ausbildung inzwischen obsolet geworden ist, da es in der aktuellen Richtlinien-Psychotherapie nur noch eine marginale Rolle spielt. Ausschluss statt kollegiale Auseinandersetzung scheint also die eigentliche Krise der Psychoanalyse zu markieren, deren Überwindung vermutlich nicht durch wohlwollende und harmonisierende gute Absichtserklärungen sondern nur noch durch das Aufsprengen von verkrusteten Strukturen möglich ist.

Man stelle sich vor, dass „die Zukunft der“ – Philosophie (im Original Psychoanalyse) – „als Disziplin – ihr wissenschaftliches Leben und ihre Entwicklung sowie ihre Aus- und Weiterbildung“ die Mitarbeit von (Analytikern) Philosophen in Institutionen und damit in institutionellen Rollen erfordert (D.Tuckett). Ein wahrlich widersinniger Gedanke, jedoch für „Adepten eines Ausbildungssystems mit autoritär-hierarchischen Strukturen“ (Johannes Cremerius) offensichtlich gewollt.

Wenn es nicht bei oberflächlichen und halbherzigen Verweisen auf globale Krisen und Veränderungen in der Welt bleiben soll (Gabriele Junkers) ist eine Besinnung auf die ursprüngliche Psychoanalyse als kritische Kulturwissenschaft zwingend geboten. In dieser Besonderheit ist sie den anderen psychotherapeutischen Verfahren weit überlegen. Vielleicht ist es überspitzt, wenn auch nicht unrichtig, „die Psychoanalyse als ein Verfahren zu definieren, das den Analysanden nach und nach dazu befähigt, das Analysieren in die eigene Hand nehmen zu können“ (Dieter Ohlmeier) und hierzu eine grundlegende Veränderung der aktuellen institutionellen Situation, eine Abspaltung fortschrittlicher Analytiker im Sinne einer vorläufigen Diaspora in Kauf zu nehmen. Allerdings: „Wer zur Veränderung der Psychoanalyse schrieb, resignierte bei der Feststellung, dass bereits die Generation zuvor ähnliche Forderungen begrüßte – und ergebnislos versandete.“ (Michael Buchholz).

Fazit

Aus Sicht des Rezensenten läßt sich die Psychoanalyse nicht „leben und bewahren“ durch „ein kollegiales Miteinander in psychoanalytischen Institutionen“. Die friedlich scheinende Kohabitation der Autoren des Sammelbandes verdrängt, dass „Die Hütte brennt“ (M.B.Buchholz 2022). Die dramatische Gefahr für die Existenz der Psychoanalyse läßt sich nicht durch eine Stärkung der „gemeinsamen Wurzeln der von Zersplitterung bedrohten psychoanalytischen Bewegung“ aufhalten, weil sie von einer technologischen Medizinalisierung der Psychotherapie ausgeht die bereits so weit fortgeschritten ist, dass die Psychoanalyse kurz vor ihrer Zerstörung steht.

Rezension von
Dr. Hans-Adolf Hildebrandt
Diplom-Pädagoge, M.A., Kinder- und Jugendpsychotherapeut ­(bkj, DFT), Gruppenanalytischer Organisationsberater, und Diplom-Supervisor (D3G, DGSv), Gruppenpsychotherapeut (D3G), Forensischer Sachverständiger Familienrecht (IQfSV)
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Es gibt 2 Rezensionen von Hans-Adolf Hildebrandt.

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Zitiervorschlag
Hans-Adolf Hildebrandt. Rezension vom 14.11.2022 zu: Gabriele Junkers (Hrsg.): Psychoanalyse leben und bewahren. Für ein kollegiales Miteinander in psychoanalytischen Institutionen. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2022. ISBN 978-3-8379-3136-5. Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29924.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


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