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Jürgen Müller: Sonderpädagogik als Profession

Rezensiert von Prof. Dr. Roland Stein, 05.10.2023

Cover Jürgen Müller: Sonderpädagogik als Profession ISBN 978-3-339-13066-2

Jürgen Müller: Sonderpädagogik als Profession. Wissen - Können - Haltung : subjektive Theorien zur sonderpädagogischen Professionalität im Arbeitsfeld Förderschule mit dem Förderschwerpunkt sozial-emotionale Entwicklung. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2022. 480 Seiten. ISBN 978-3-339-13066-2. D: 139,80 EUR, A: 143,80 EUR.
Schriftenreihe Studien zur Berufs- und Professionsforschung - Band 41.

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Thema

Fragen der Sonderpädagogik als Profession wurden und werden viel diskutiert und sind essentiell für die Ausrichtung, aber auch die Weiterentwicklung eines Faches, das sich seiner selbst vergegenwärtigt. Allerdings gibt es wenig Studien, die sich mit der Frage des Selbstverständnisses von Sonderpädagogen in der Praxis auseinandersetzen – auch, um von hier aus zurückzufragen zur grundsätzlichen, auch wissenschaftlich gestützten Sicht einer dahinter stehenden Sonderpädagogik als Profession selbst. Der Autor setzt sich mit dieser Thematik für den sonderpädagogischen Teilbereich der Pädagogik bei Verhaltensstörungen bzw. – schulisch – im Förderschwerpunkt emotional-soziale Entwicklung auseinander.

Autor

Über den Autoren Jürgen Müller finden sich weder im Buch noch auf den Verlagsseiten oder im Internet Hinweise. Aus dem Vorwort ergibt sich, dass der Autor knapp ein Jahr als Pflegehelfer in einer psychiatrischen Einrichtung und dann zwölf Jahre als Erzieher im Gruppendienst verschiedener Einrichtungen der Erziehungshilfe tätig war. Er absolvierte ein erstes Staatsexamen für das Lehramt an Realschulen und ein Diplom in Pädagogik/​Erziehungswissenschaften.

In Analogie zum vorliegenden hier rezensierten Buch hatte Jürgen Müller anhand von 11 Interviews das berufliche Selbstverständnis von sozialpädagogischen Fachkräften in der Heimerziehung untersucht (Müller 2006). Mit diesem Buch und zwei anderen Teilen wurde er 2005 an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg zu Fragen disziplin- und professionsorientierter Wissensformen in der Heimerziehung promoviert.

Entstehungshintergrund

Das Buch entstand aus dem persönlichen Interesse des Autors am Berufsverständnis der untersuchten Lehrergruppe, der er, wie sich aus dem Vorwort ergibt, wohl als Mitglied angehörte bzw. angehört, sowie deren sonder- bzw. „förderpädagogischer“ Qualifizierung. Ihn interessierten hier Motivation, Selbstverständnis, Intentionen sowie methodisches Repertoire, welche diese Lehrkräfte mitbrachten und mit welchen sie arbeiteten – gestützt durch eine eigene nicht nur praktische, sondern eben auch wissenschaftliche Orientierung. Die Interviews wurden im Winter 2008/2009 durchgeführt.

Parallel zu diesem Buch ist, auch 2022, eine andere Arbeit desselben Autors erschienen: „Von Beruf FörderschullehrerIn. Motivation, Selbstverständnis, schul- und unterrichtsbezogene subjektive Theorien im Arbeitsfeld Förderschule“, Universitätsverlag Winter, Heidelberg. Beide Bücher sind über weite Bereiche identisch, bis in wortgleiche lange Textpassagen hinein, und sie beziehen sich auf denselben, zugleich sehr analog ausgewerteten Datensatz – sie weisen jedoch auch kleinere und im Theorieteil größere Unterschiede auf, dahingehend, was die Stoßrichtung der Analyse der eigenen Daten angeht. Im Gesamtbild legt der Verfasser damit einen Textkorpus von etwa 1.000 Seiten vor. Ein direkter Vergleich beider Bücher ist nicht Thema dieser Rezension.

Aufbau und Inhalt

Nach einem knappen Vorwort und einer ausführlicheren Einleitung ist das Buch in vier Hauptteile gegliedert: theoretische Rahmung, methodologische Grundlagen, empirische Befunde (der eigenen Untersuchung) sowie Schlussbetrachtung.

Unter dieser Hauptrahmung finden sich sechs Hauptkapitel:

  1. Der Teil theoretische Rahmung besteht aus dem gleichnamigen Kapitel. Hier werden zunächst grundlegende Begriffe bestimmt, insbesondere Profession, Professionalität und Professionalisierung, um dann spezifisch Lehrerprofessionalität zu betrachten, aus einer „Rekonstruktion der Anforderungsstruktur des Unterrichtens“ heraus. Hier geht es vorwiegend um Handlungskompetenz im Hinblick auf unterrichtliche Anforderungen sowie Unterrichtsplanung. Schließlich wird Lehrerprofessionalität ausführlich aus einer strukturtheoretischen Perspektive beleuchtet. Hier finden sich starke Bezüge auf Oevermann und Helsper.
  2. Auch der zweite Hauptteil besteht aus einem Kapitel, in dem es um methodologische Vorüberlegungen und Verfahrensweisen für die eigene Untersuchung geht. Diese wird im qualitativen Paradigma verortet, unter besonderem Bezug auf das Forschungsprogramm subjektive Theorien, in der Folge allerdings ergänzt durch qualitative Inhaltsanalyse. Das Forschungsdesign wird vorgestellt, orientiert an Leitfadeninterviews sowie im Hinblick auf die Datenanalyse an Struktur-Lege-Verfahren sowie – wiederum – qualitativer Inhaltsanalyse und subjektiver Theorie, indem fall-, kategorien- und typenorientiert vorgegangen werden soll. Auch Feldzugang und Stichprobenauswahl werden hier vorgestellt.
  3. Im dritten Hauptteil finden sich die eigenen Befunde. Dieser ist in drei Hauptkapitel gegliedert. Im dritten Hauptkapitel der Arbeit geht es um eine fallbezogene Analyse des Datenkorpus, indem alle 16 erhobenen Profile vorgestellt werden. Das vierte Hauptkapitel repräsentiert den kategorienbezogenen Zugang zu den Daten. Es bietet zwei Fokussierungen: zum einen Wege in den Beruf, zum anderen konzeptionelle Elemente professionellen Handelns. In diesem Rahmen werden folgende Fragen gestellt: zum einen Motivation, Beruf oder Berufung, Relevanz des Studiums – zum anderen Wissen und Können, Beziehungsarbeit-Arbeitsbündnis-Fallverstehen, Berufsethik. Im fünften Hauptkapitel findet sich der typenbildende Zugang zu den Daten. Hier erfolgt die Strukturierung entlang der Felder motivationale Orientierung-berufliches Selbstverständnis, Professionswissen-Zielorientierung sowie Wertorientierung-Berufsethik. Dies wird abschließend strukturtheoretisch analysiert und interpretiert.
  4. Schließlich besteht der vierte Hauptteil wiederum aus nur einem Kapitel: der Schlussbetrachtung, die gleichsam Rück- wie Ausblick bieten soll. Hier werden Fragen der Disziplin und der Profession betrachtet, um dann die zentralen eigenen Befunde nochmals zusammenzufassen und ein knappes Resümee zu ziehen.

Dem Buch werden neben einem Literatur- auch ein Abbildungs- und ein Tabellenverzeichnis beigefügt.

Diskussion

Mit diesem Buch stellt sich der Verfasser einer wichtigen, bisher deutlich zu wenig beleuchteten Aufgabenstellung: das berufsbezogene Selbstverständnis von Lehrkräften für Sonderpädagogik in der Praxis zu untersuchen. Die Arbeit zeugt von großem Engagement und die Daten sind grundsätzlich interessant.

Im Grundlagenteil wird einiges an relevanter Literatur zusammengetragen und dargestellt. Dabei wird zugleich viel referiert, und der Leser hätte sich mehr eigenständige Erarbeitung und Kondensierung gewünscht. Die Rezeption etlicher Quellen erfolgt sehr ausführlich und eng am Original und hat oft eher aufzählenden Charakter. Zugleich bleibt manches eher oberflächlich, und Quellen werden teilweise auch anhand von Zusammenfassungen dieser dargestellt. Insgesamt wird hier Wichtiges zusammengetragen, aber der Textkorpus hätte durch eigenständigere Verbindungen und Reflexionen deutlich gerafft und nach vorne gebracht werden können. Auch ist bedauerlich, dass der Verfasser kaum Literatur nach 2009 aufgenommen hat, mit der Begründung, dass die Interviews bis 2009 durchgeführt wurden – wenngleich das Buch 2022 erschienen ist. Dem ist möglicherweise auch geschuldet, dass die Disziplin, in den letzten 20 Jahren kaum noch üblich, als „Verhaltensgestörtenpädagogik“ bezeichnet wird. – Dennoch ergibt sich insgesamt ein solides Bild des Theorie- und Forschungsstandes bis 2009. Auch die Reflexion methodologischer Grundlagen hätte gezielt kondensiert werden können, erweist sich jedoch zugleich als ausgesprochen differenziert und als sehr gute Grundlage für die eigene Untersuchung.

Die Darstellung eigener Befunde folgt systematisch den drei forschungsmethodisch grundlegenden Perspektiven fall-, kategorien- und typenbezogen. Insofern wird der Datenkorpus aus diesen drei Blickwinkeln heraus differenziert analysiert. Damit wird die Darstellung allerdings mit über 250 Seiten extrem ausführlich. Bereichernd sind hier insbesondere Systematisierungen im Rahmen der Typenbildung zu den Aspekten erfahrungs- versus wissen(schaft)sorientiert und Handeln (Praxis) versus Herstellen (Poiesis) sowie der Herausarbeitung von Aspekten des Wissens, des Könnens, der Orientierung und Haltung sowie der jeweiligen Form eines „Professionalitätstyps“. Der Datensatz wird insofern auf dreifache Weise, aus drei Perspektiven heraus intensiv analysiert.

Die Stichprobe ist mit 16 Lehrkräften aus einer speziellen Schule in einem Bundesland, der noch dazu der Autor offenbar als Kollege angehört oder angehörte, sehr eng, und wissenschaftlich bewegt sich der Verfasser damit vermutlich in einer Doppelrolle. Die Untersuchten werden auch durchgängig als „Kollegen“ bezeichnet. Zwar ist bei einer qualitativen Arbeit mit erheblichem Tiefgang in die Daten hinein eine große Stichprobe nicht realistisch, aber auf dieser Basis ist die Repräsentativität und Generalisierbarkeit der Befunde sehr begrenzt. Auch wäre eine stärkere Aufarbeitung einschlägiger Literatur der Fachszene und der sonderpädagogischen Professionsforschung (etwa: Einstellungs- und belief-Forschung) aus den letzten 15 Jahren wünschenswert gewesen. Dennoch bietet die Arbeit sehr interessante Mikro-Einblicke in die Diskussion sonderpädagogischer Professionalität in einem spezifischen, wenig beforschten Feld, und auch die Befunde dazu sind bereichernd und können wichtige Impulse liefern.

In der Schlussbetrachtung baut der Verfasser die Brücke zwischen den eigenen Befunden und der Diskussion um sonderpädagogische Professionalität, spezifisch im adressierten Förderschwerpunkt emotional-soziale Entwicklung beziehungsweise schulischer Erziehungshilfe/Pädagogik bei Verhaltensstörungen. Dabei ist allerdings wiederum die Eingeschränktheit der eigenen Datenbasis zu bedenken. Hier wird auch auf neuere Literatur aus der Fachszene Bezug genommen, jedoch selektiv und eingeschränkt, und es erfolgt nur bedingt eine Rückbildung an die Breite und Aktualität der Fachdiskussion im Kontext Pädagogik bei Verhaltensstörungen, spezifisch bezogen auf schulische Aufgabenfelder der und in speziellen Schulen. Dennoch ergeben sich auch hier interessante Gedanken sowie Impulse und Implikationen für die weitere Diskussion sonderpädagogischer Professionalität, spezifisch im Feld Schule und hier im Bereich des Förderschwerpunkts emotional-soziale Entwicklung. Dabei sind, im Vergleich zum stark rezeptiven Vorgehen im Grundlagenteil, die eigenständigen Interpretationen der Daten bezogen auf sonderpädagogische Professionalität in der Praxis des hier beleuchteten Feldes bereichernd, als Exempel für andere sonderpädagogische Förderschwerpunkte. Diese Impulse gelten anhand des in diesem Feld recht innovativen Vorgehens auch für die weitere methodologische Forschungsdiskussion.

Fazit

Auf Basis des stark referierenden und des dezidierten wissenschaftlichen Charakters wird das Buch es schwer haben, in die Praxis vorzudringen, aber für die sonderpädagogische Professionsforschung, für sonderpädagogische Institute, Lehrstühle und Studienstätten stellt es, wenngleich bei sehr engem Datenkorpus, auf Basis der differenzierten Methodologie, den aspektreichen Analysen und verschiedener interessanter Impulse trotz der stichprobenbezogenen deutlichen Limitationen eine wissenschaftliche Arbeit dar, die in der Fach-, Professionalitäts- und Selbstverständnis-Diskussion unbedingt wahrgenommen und diskutiert werden sollte.

Rezension von
Prof. Dr. Roland Stein
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
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Es gibt 32 Rezensionen von Roland Stein.

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Zitiervorschlag
Roland Stein. Rezension vom 05.10.2023 zu: Jürgen Müller: Sonderpädagogik als Profession. Wissen - Können - Haltung : subjektive Theorien zur sonderpädagogischen Professionalität im Arbeitsfeld Förderschule mit dem Förderschwerpunkt sozial-emotionale Entwicklung. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2022. ISBN 978-3-339-13066-2. Schriftenreihe Studien zur Berufs- und Professionsforschung - Band 41. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29929.php, Datum des Zugriffs 04.03.2024.


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