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Solveig Chilla, Sandra Niebuhr-Siebert: Mehrsprachigkeit in der KiTa

Rezensiert von Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner, 01.03.2023

Cover Solveig Chilla, Sandra Niebuhr-Siebert: Mehrsprachigkeit in der KiTa ISBN 978-3-17-041218-7

Solveig Chilla, Sandra Niebuhr-Siebert: Mehrsprachigkeit in der KiTa. Grundlagen - Konzepte - Bildung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2022. 2., überarbeitete Auflage. 238 Seiten. ISBN 978-3-17-041218-7. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.

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Thema

Viele Kinder in Deutschland wachsen mehrsprachig auf. Sie haben ein Recht auf mehrsprachige Bildung. In der KiTa profitieren Kinder in ihren Entwicklungswegen von pädagogischen Fachkräften, die Mehrsprachigkeit optimal unterstützen und fördern. Das Buch trägt dazu bei, das pädagogische und sprachwissenschaftliche Basiswissen zu erweitern (aus dem Klappentext). Es beinhaltet grundlegende Informationen zur mehrsprachigen Entwicklung im Kindesalter und bespricht die konkreten Möglichkeiten, mehrsprachige Bildung in der KiTa zu gestalten.

Autorinnen

Dr. Solveig Chilla ist Professorin für Pädagogik bei Beeinträchtigung von Sprache und Kommunikation an der Europa-Universität Flensburg.

Dr. Sandra Niebuhr-Siebert ist Professorin für Sprachpädagogik und Erzählende Künste an der Fachhochschule Clara Hoffbauer Potsdam.

Aufbau und Inhalt

Im einführenden ersten Kapitel betonen die Autorinnen die mittlerweile sehr große Anzahl an Kindern, die mehrsprachig aufwachsen, und werben für eine konsequent mehrsprachige Perspektive in der Kita.

Im zweiten Kapitel definieren sie die Kita als Ort für eine mehrsprachige Bildung. Die Sprachbildung darf nicht nur am Deutsch als Bildungssprache orientiert sein, sondern sollte auch die heterogenen kulturellen und sprachlichen Voraussetzungen wertschätzen und berücksichtigen. Sie zeigen die Möglichkeiten und Grenzen sprachlicher Bildung im institutionellen Kontext auf. Zum pädagogischen Selbstverständnis muss eine Bereitschaft zur Reflexion der Handlungsmöglichkeiten und zur Weiterbildung gehören, um Lehrarrangements auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse zu gestalten.

Das dritte Kapitel präsentiert zu Beginn Zahlen und Fakten zur Mehrsprachigkeit weltweit sowie über die Anzahl bilingualer Kindergärten in den verschiedenen deutschen Bundesländern. Es wird deutlich, Mehrsprachigkeit ist ein komplexes Konstrukt. Es werden Ergebnisse der Spracherwerbsforschung bei verschiedenen Erwerbskonstellationen (simultan-bilingual und sukzessiv-bilingual) vorgestellt. Die Ergebnisse sind abhängig von Variablen wie dem Beginn des Zweitspracherwerbs, der Erwerbsdauer der jeweiligen Sprache oder Qualität und Frequenz des Inputs und den jeweiligen Zielvariablen (Wortschatz, Grammatik). Bedeutsam ist die Qualität der Sprachanregung; keine einheitlichen Ergebnisse gibt es für die Frage „je früher, desto besser“. Es werden die Besonderheiten bei Mehrsprachigkeit herausgearbeitet und hinsichtlich Sprachdominanz, phonetisch-phonologischem Erwerb, lexikalischem Erwerb, Wortschatz und Grammatik dargestellt.

Diskutiert werden auch die Auswirkungen auf kognitive (Exekutivfunktionen), sozial-emotionale und schulische Leistungen. Die Datenlage ist verwirrend, weil unterschiedliche Ausgangslagen vorliegen und die Funktionen mit vielen anderen Variablen korrelieren; insgesamt aber überwiegen die Vorteile bilingualer Entwicklung. Auch bei Vorliegen einer Behinderung oder anderer Entwicklungsprobleme gibt es keinen Grund von einer bilingualen Erziehung abzusehen.

Im vierten Kapitel geht es um Prinzipien interkultureller Frühpädagogik. Förderung erfolgt meist nur für die Zweitsprache Deutsch; mehrsprachliche Bildung verlangt aber die institutionelle Unterstützung aller Sprachen. Wichtig sei die Anerkennung von und Respekt vor kultureller Diversität. Die Autorinnen gehen kurz auf die Bildungspläne der Bundesländer ein und stellen daraus abgleitet die angewendeten Förderprogramme (meist für Deutsch als Zweitsprache) kritisch tabellarisch dar (Dauer, Teilnahmepflicht, Wirksamkeit, etc.). Meist erfolgen sie kurz vor der Einschulung mit dem Ziel „fit für die Schule“. Häufig fehlen Nachweise von Wirksamkeit und Evidenz. Sie werden den Prinzipien einer interkulturellen Frühpädagogik nicht gerecht; es gibt wenig Ansätze zur Förderung von Mehrsprachigkeit.

Die Autorinnen betonen die grundlegende Bedeutung der Haltung von Leitung und Institution. Mehrsprachliche Bildung lebe davon, welche Möglichkeiten die Kita zur Entwicklung aller Sprachen eines Kindes bietet. Mehrsprachigkeit muss institutionell sichtbar sein. Es werden die Rolle und die Aufgaben der Erzieher:innen herausgearbeitet (Beziehung, Wertschätzung) sowie die Bedeutung von Kinderliedern und Versen.

Mehrsprachige Bildung erfordert die Kinder behutsam zu begleiten, sie aufmerksam zu beobachten, verantwortungsvoll zu diagnostizieren und zu dokumentieren. Dazu gibt das fünfte Kapitel Anregungen.

Mehrsprachige Bildung erfolgt in der Interaktion, so Kapitel 6. Wichtig ist eine hohe Beziehungsqualität. Konzepte und Methoden der Unterstützung in der Interaktion werden ausführlich besprochen (mehrsprachige Gruppenbildung in der Kita, „Scaffolding“ und stützende Dialoge, handlungsbegleitendes Sprechen, Modellieren der Lernsprachen durch Inputspezifizierung, Übungen, Kontrastierung).

In Kapitel 7 geht es um den Erwerb früher Kompetenzen für den späteren Schriftspracherwerb. Dialogisches Lesen und Erzählen werden ausführlich besprochen und veranschaulicht (z.B. mehrsprachige Vorlesesituation). Besonderheiten der Erzählentwicklung bei mehrsprachigen Kindern werden erläutert.

Das nächste Kapitel hat die Elternarbeit im Fokus. Ausgehend von den Erfahrungen von eingewanderten Familien werden die Anforderungen an die Elternarbeit thematisiert. Es wird verdeutlicht, dass die Eltern Unterstützung brauchen, damit die Familiensprache gefördert und unterstützt wird (wichtig für Eltern-Kind-Beziehung). Es gibt hilfreiche Anregungen für Beratung und Gespräche; so wird beispielsweise ausführlich auf kulturspezifische Aspekte des nonverbalen Kommunikationsverhaltens hingewiesen, um Missverständnissen vorzubeugen. Es gibt eine Sammlung sinnvoller Fragen. Es werden auch Formen der Beteiligung der Eltern, bis hin zur Beteiligung an Festgestaltungen, vorgestellt und ausgewählte Eltern-Projekte und Initiativen erfasst.

Im kurzen neunten Kapitel gehen die Autoren auf die Wichtigkeit von Vernetzung mit anderen Stellen, sei es SPZs, Frühförderstellen oder andere institutionelle Partner ein.

Kapitel 10 thematisiert Übergänge, die wichtige Fixpunkte im Leben eines Kindes und einer Familie darstellen (Übergang von einer Partnerschaft ohne Kinder zur Elternschaft und Aufnahme des ersten Kindes in der Familie, Übergang in die außerfamiliäre Betreuung, Übergang von der Kita in die Grundschule) sowie die Bedeutung der Gestaltung von Übergängen.

In den einzelnen Kapiteln werden immer wieder Aufgaben für das Erzieherteam formuliert, viele Beispiele gegeben und immer wieder zwischendurch ein pädagogisches Fazit gezogen. Jedes Kapitel endet mit einer Zusammenfassung und Literatur zur Vertiefung.

Diskussion

Das Buch wendet sich immer wieder direkt an die MitarbeiterInnen in der Kitagruppe und versucht sie mit häufigen Aufgaben mit einzubeziehen. Es bietet Anregungen zur Reflexion, gibt auch ganz konkrete Vorschläge und Beispiele für konkrete Situationen und Interaktionen mit den Kindern oder den Eltern und ist dadurch sehr praxisnah und praxisrelevant. Wichtig dabei sind die jeweilige Zusammenfassung und das Fazit am Ende der Kapitel.

Ein besonderes Augenmerk wird auf die Spracherwerbs- und Sozialisationssituation von in der Migration aufwachsenden Kindern gelegt.

Kritisch gesehen wird, dass in den Bildungsplänen der Bundesländer Förderprogramme im Kindergarten nur für deutsche Sprache vorgesehen sind, nicht jedoch für die anderen Sprachen.

Das umfangreiche Literaturverzeichnis dokumentiert die intensive Auseinandersetzung mit der aktuellen Literatur. Die vielen Zitierungen im Fließtext beeinträchtigen jedoch die Lesbarkeit und erhöhen die Gefahr, sich beim Lesen ablenken zu lassen und nicht mehr genau zu lesen.

Es werden aber auch die Grenzen der Überarbeitung sichtbar, vor allem wenn sie Randbereiche des Themas betreffen. So werden für die interdisziplinäre Frühförderung alte rechtliche Grundlagen von 2003 zitiert. Richtig wäre an dieser Stelle der Hinweis auf § 46 SGB IX von 2016 und die veränderte Frühförderverordnung (FrühV) von 2016.

Zielgruppen

Pädagogische Mitarbeiter:innen in der Kita

Fazit

Das Buch greift einen wichtigen Aspekt der Frühpädagogik in der Kita auf, die Mehrsprachigkeit. Es werden grundlegende Informationen zur kindlichen Entwicklung und zu diagnostischen Fragen unter der Perspektive Mehrsprachigkeit gegeben, ebenso wie konkrete Anregungen für die pädagogische Gestaltung im Kindergarten, zusammen mit Eltern und weiteren Kooperations- und Förderpartnern. Es ist praxisrelevant und praxisnah geschrieben.

Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
ehem. Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen in Dorfen, Erding und Markt Schwaben im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Es gibt 193 Rezensionen von Lothar Unzner.

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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 01.03.2023 zu: Solveig Chilla, Sandra Niebuhr-Siebert: Mehrsprachigkeit in der KiTa. Grundlagen - Konzepte - Bildung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2022. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-17-041218-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29970.php, Datum des Zugriffs 28.02.2024.


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