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Anja Cantzler: Schätze finden statt Fehler suchen

Rezensiert von Alexandra Großer, 25.04.2023

Cover Anja Cantzler: Schätze finden statt Fehler suchen ISBN 978-3-451-39666-3

Anja Cantzler: Schätze finden statt Fehler suchen. Herausforderndes Verhalten verstehen in Kita, Krippe und Kindertagespflege. Verlag Herder GmbH (Freiburg, Basel, Wien) 2023. 112 Seiten. ISBN 978-3-451-39666-3. D: 15,00 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 21,90 sFr.

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Thema

Kinder mit herausfordernden Verhalten fordern pädagogische Fachkräfte und bringen sie an ihre eigenen Grenzen. Doch was steckt hinter dem herausfordernden Verhalten? Jedes Kind hat einen guten Grund für sein Verhalten. Diesen gilt es herauszufinden. Anja Cantzler zeigt anhand von Praxisbeispielen auf, welche guten Gründe Kinder für ihr Verhalten haben können. Sie geht mit den Leser*innen auf Entdeckungsreise, um die Ressourcen, Kompetenzen und Schätze der Kinder zu finden und entwickelt anhand fachwissenschaftlicher Hintergründe alternative Handlungsmöglichkeiten.

Autorin

Anja Cantzler ist Diplom Sozialpädagogin, Coach (DGfC), Supervisorin (DGSv), freiberufliche Referentin in der Weiterbildung für pädagogische Fachkräfte und Autorin. Sie publiziert in ihrem eigenen Blog und veröffentlicht auf ihrem YouTubeKanal regelmäßig ihre KitaTalks.

Aufbau

An die Einleitung schließen sich 13 Kapitel an. Das Buch endet mit einer Danksagung und dem Literaturverzeichnis. Die Kapitel selbst enthalten farblich abgesetzte Kästen mit Exkursen zum Thema, Fallbeispielen, Definitionen, Theorie- und Reflexionsimpulsen. Jedes Kapitel wird mit einem Fallbeispiel eingeleitet, welches die Autorin analysiert. Zudem erfahren die Leser*innen, was die pädagogische Fachkraft in dem Beispiel stattdessen hätte tun können.

Inhalt

Im ersten Kapitel „Auf die Haltung kommt es an“ definiert die Autorin was unter herausfordernden Verhalten zu verstehen ist. In ihrer Definition nimmt sie das Verhalten des Kindes sowie die pädagogische Fachkraft als auch die Situation in den Fokus. Es geht um die Fragen, was möchte das Kind mit seinem Verhalten zeigen, also welcher gute Grund steht dahinter und weshalb fühlt sich die pädagogische Fachkraft durch das Verhalten des Kindes herausgefordert.

Anja Cantzler unterscheidet zwischen der Ursache und dem Auslöser. Während die Ursache oft im Innern des Kindes liegt, ist der Auslöser, der zum Verhalten des Kindes führt, im Außen zu suchen. Dies kann am äußeren Rahmen oder am Verhalten einer Person liegen. In diesem Zusammenhang geht die Autorin auf die fünf psychischen Grundbedürfnisse von Menschen ein, bevor sie erklärt, was Stress im Gehirn von Kindern auslöst. Am Ende des Kapitels lädt die Autorin dazu ein, das eigene Bild vom Kind zu reflektieren, denn dieses beeinflusst unser Verhalten, welches sich dann auf das Verhalten des Kindes auswirkt.

Mit dem zweiten Kapitel „Kommunikation will gelernt sein“ erklärt die Autorin anhand eines Beispiels zum Thema Beißen, welche Kommunikationsmöglichkeiten beziehungsweise, welche guten Gründe, hinter diesem Verhalten des Kindes stecken. In der Analyse wird deutlich, was zu diesem Verhalten beim Kind führt und wie die pädagogische Fachkraft das Kind achtsam begleiten kann.

Das dritte Kapitel „Der herausfordernde Weg zur Autonomie“ ist der Autonomiephase von Kindern gewidmet. Die Autonomiephase stellt einen Meilenstein in der Entwicklung der Ich-Identität dar. „Das Kind hat seinen eigenen Willen entdeckt und versucht nun im Sinne der Selbstwirksamkeit, etwas damit zu bewirken. Dazu gehören viel Neugierde, Mut, Risikobereitschaft und Durchsetzungsvermögen“ (S. 35). In der Autonomiephase geht das Kind seinem eigenen Willen nach. Im pädagogischen Alltag führt dies oft zu Konflikten. Im Anschauungsbeispiel eskaliert die Situation zwischen Kind und pädagogischer Fachkraft. In der anschließenden Analyse wird nicht nur der Blick auf den guten Grund des Kindes und seiner Bedürfnisse gerichtet, sondern auch auf die Anteile, die die pädagogische Fachkraft an der Situation hatte und welche äußeren Reize, die Erfahrungswelt des eigenen inneren Kindes der pädagogischen Fachkraft dabei ansprechen. Das Kapitel endet mit Reflexionsimpulsen zur biografischen Selbstreflexion.

Im vierten Kapitel „Spielerische Aggression als Übungsfeld“ behandelt Anja Cantzler mit dem einleitenden Praxisbeispiel das Thema Kämpfen und Waffen in der Kita. In der Kita kommt es immer wieder vor, dass Jungs miteinander Raufen. Oft gehört dies zu ihrem Spiel dazu. Was von außen vermeintlich gefährlich aussieht, folgt meist vereinbarten Regeln und in gegenseitigem Einvernehmen. Im Spiel jagen und verfolgen sich Jungs gegenseitig, kämpfen miteinander, spielen „Videospiele und Serien nach. Dabei nutzen sie gerne Monster-Figuren, Action-figuren oder jegliche Form von Waffen oder Gegenständen, die eine Waffe symbolisieren. Diese Spielutensilien dienen unter anderem als Intermediärobjekt (Übergangsobjekt).

Mit diesen Objekten drücken die Kinder Gefühle oder Dinge aus, über die sie noch nicht sprechen können oder wollen. Vor allem Gefühle wie Angst und Ohnmacht können so im Spiel bewältigt werden (vgl. Schneider 2017)“ (S. 42). Die Autorin plädiert dafür, das Spiel der Kinder, die miteinander Kämpfen, zu beobachten und erst einzugreifen, wenn Anzeichen zu erkennen sind, wie Wut, Verbissenheit, Angespanntheit auf der eine Seite und „Angst, Abwehr und Fluchtabsichten“ (ebd.) auf der anderen Seite. Der Exkurs dazu beschäftigt sich mit der Verarbeitung des Themas Krieg im Spiel.

Das fünfte Kapitel „Eine andere Form der Entschuldigung“ beschäftigt sich mit dem „subdominanten Lächeln“ (S. 51), welches „eine klassische Verlegenheits- bzw. Beschwichtigungsgeste“ (ebd.) bezeichnet, „vergleichbar mit anderen Gesten dieser Art wie sich klein machen, sich leicht wegdrehen, den Kopf schief halten und den Blick senken“ (ebd.). Das subdominante Lächeln kann leicht als Provokation verstanden werden. Die Frage ist jedoch, ob das Kind tatsächlich willentlich provoziert oder ob sich „Erwachsene durch das Verhalten des Kindes provoziert fühlen“ (S. 53). In der Analyse des Praxisbeispiels fordert die Autorin dazu auf, erst einmal die eigenen Gefühle wahrzunehmen, um dann die Perspektive des Kindes einzunehmen, als auch die Entwicklung des Kindes zu berücksichtigen. Denn eine bewusste Provokation ist erst mit etwa vier bis sechs Jahren möglich, wenn das Kind über „ausreichend Empathie verfügt und sich in die Gedanken- und Gefühlswelt eines anderen einfühlen kann“ (S. 55). Das Kapitel schließt mit einer Übung ab.

Im sechsten Kapitel „Konflikte gehören zum sozialen Miteinander“ klärt Anja Cantzler über die verschiedenen Konfliktmotive in der Entwicklung von Kindern auf, und weshalb es wichtig ist Kinder in Konfliktsituationen zu begleiten und zu unterstützen. Im Exkurs sensibilisiert sie für das Thema Mobbing. Des Weiteren stellt sie zur konstruktiven Lösung von Konflikten den Ablauf einer Mediation vor.

Das siebte Kapitel „Ein Hilferuf nach Co-Regulation“ widmet sich Kindern mit impulsiven Verhalten. Kinder zeigen impulsive Verhaltensweisen, wenn sie „aus unterschiedlichsten Gründen unter großem Stress stehen, oder aber … traumatische Erfahrungen gemacht haben“ (S. 72). Neigen Kinder zu „aggressiven Impulsausbrüchen“ braucht es Fachkräfte, die sie bei der Emotionsregulierung unterstützen und begleiten. Die Autorin erinnert in diesem Zusammenhang an den guten Grund für das Verhalten des Kindes, der nicht immer offensichtlich ist. Damit Fachkräfte Kinder in Stresssituationen gut begleiten können, muss die Fachkraft selbst Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen. Denn erst wenn das Kind zur Ruhe kommt, kann mit ihm gemeinsam überlegt werden, was es braucht. Erst wenn das Kind entspannt ist kann mit ihm zusammen überlegt werden, je nach Entwicklungs- und Sprachstand des Kindes, welche Strategien und Hilfsmittel ihm helfen „den aufkommenden Stress … umzulenken“ (S. 75). Im Exkurs geht die Autorin auf posttraumatische Belastungsreaktionen von Kindern ein.

Mit dem achten Kapitel „Angriff als Weg der Verteidigung“ beleuchtet Anja Cantzler anhand des Anschauungsbeispiels die Situation, wenn Kinder nach Erwachsenen treten oder schlagen. In solchen Situationen befinden sich Kinder und Erwachsene im Stress, damit kann es leicht zu einer Wechselwirkung aufschaukelnder Anspannung kommen. Hier brauchen dann Kind und Erwachsener Co-Regulation. In manchen Situationen geraten Kinder in Konflikt miteinander, dabei fühlen sich manche Kinder in solch einer Stresssituation so bedroht, dass ihnen nur die Möglichkeit der Verteidigung bleibt, auch gegen Erwachsene. Die Autorin zeigt Wege auf, wie pädagogische Fachkräfte mit Situationen umgehen können, in denen ein schnelles Eingreifen erforderlich ist, weil die Gefahr besteht, dass Kinder sich gegenseitig körperlich verletzen.

Anja Cantzler greift im neunten Kapitel „Der Wunsch nach Nähe und Autonomie in der Wackelzahnzeit“ die „Wackel-/oder Milchzahnpubertät“ auf. Kinder zwischen fünf und sechs Jahren befinden sich in einer Entwicklungsphase, die vergleichbar ist mit der Pubertät im Jugendalter. In dieser Phase kann es zu heftigen Auseinandersetzungen und Machtkämpfen zwischen Kindern, aber auch zwischen Kindern und pädagogischen Fachkräften kommen. Es ist die Zeit in der die Kinder im letzten Kitajahr sind und in die Schule kommen. Emotionen der Freude, auf die Schule, aber auch der Trauer, Verluste und Verunsicherung spielen eine Rolle, welche eine Achterbahn der Gefühle verursachen. Welche Möglichkeiten des Umgangs es in dieser Phase gibt erläutert die Autorin anhand des Praxisbeispiels. Der Exkurs befasst sich mit Makrotransitionen und den damit verbundenen Veränderungen und Herausforderungen für die Kinder.

Im zehnten Kapitel „Mikrotransitionen überschaubar gestalten“ zeigt die Autorin mittels einer Garderobensituation die Herausforderungen auf, die bei Übergängen im Tagesablauf bewältigt werden müssen. Mit Reflexionsimpulsen lädt die Autorin ein den Tagesablauf und die darin enthaltenen Übergänge genauer zu betrachten sowie diese auf Veränderungen hin zu prüfen, „wenn Kinder sich mit den vielen kleinen Übergängen im Alltag schwertun“ (S. 104).

Kinder, die sich wiederholt Angeboten verweigern, sind oft mit den Befürchtungen der pädagogischen Fachkräfte konfrontiert, „dass dieses Verhalten den späteren Schulerfolg behindern könnte“ (S. 106). Mit dem zehnten Kapitel „Verweigerung als Schutz vor Überforderung“ greift die Autorin diese Sorge auf. Es gilt den guten Grund des Kindes herauszufinden, welches sich dem Angebot verweigert. Durch Verweigerung versuchen Kinder sich vor Überforderung zu schützen. Manchmal laufen Kinder dann auch einfach davon. Im Exkurs geht die Autorin auf diese Form der Bewältigungsstrategie näher ein.

Das zwölfte Kapitel „Wenn Kooperation nicht mehr geht“ befasst sich mit Regeln, Regelverstößen und Ausnahmen von Regeln.

Im dreizehnten Kapitel „Die Schätze der Kinder zu finden heißt auch, zu sich selbst zu finden“ lädt Anja Cantzler die Leser*innen ein auf Entdeckungsreise zu den Schätzen der Kinder zu gehen. Sowie den Mut zu haben bei Durststrecken oder Nebeln immer wieder von vorne anzufangen.

Diskussion

Anja Cantzler fordert uns Pädagogen zu einem Perspektivwechsel auf. Indem sie die herausfordernden Situationen in den Blick nimmt, die pädagogische Fachkräfte und Kinder im Alltag miteinander erleben. Diese Situationen und die Verhaltensweisen des Kindes genauer zu betrachten und herauszufinden, „womit das Kind“ (S. 9) die pädagogische Fachkraft „gerade besonders herausfordert“ (ebd.) und „was das Kind ihr mit diesem Verhalten zeigen möchte“ (ebd.). Damit lenkt sie den Blick auf den Kontext in dem Kind und pädagogische Fachkraft sich befinden und deren Wirkungen aufeinander. Es gilt das Konzept des guten Grunds. Dieses Konzept ist der rote Faden, dem sie konsequent in den Analysen der Anschauungsbeispiele nachgeht. Daran und anhand fachwissenschaftlicher Erkenntnisse zeigt sie alternative Handlungsmöglichkeiten für pädagogische Fachkräfte auf.

Die Autorin sensibilisiert mit diesem Perspektivenwechsel für die unerfüllten Bedürfnisse des Kindes. Gleichzeitig regt sie die Leser*innen zur Selbstreflexion an. Denn es geht auch um die eigenen Gefühle und Grenzen, die durch die Verhaltensweisen des Kindes, angesprochen werden. Dies bedeutet nicht nur beim Kind genauer hinzuschauen, sondern auch bei sich selbst, und Verantwortung für die eigenen Emotionen und Bedürfnisse zu übernehmen, um alternative Handlungsmöglichkeiten zu finden. Mit ihrem Buch macht Anja Cantzler Mut aus dem Teufelskreis des Unverständnisses auszusteigen und in die Wohlfühlspirale passender Lösungsangebote einzusteigen. Sich auf Schatzsuche zu begeben. Das ist im oft hektischen Kita-Alltag nicht immer einfach. Anja Cantzler hat dies ebenfalls im Blick. Sie weiß, dass Veränderungsprozesse nicht von heute auf morgen gelingen, sondern Zeit brauchen, und mit Umwegen, Schleifen, Rückkehr zum Ausgangspunkt und Pausen verbunden sind.

Fazit

Das sehr empfehlenswerte Buch, regt zum Nachdenken und zur Reflexion an. Durch die Analyse der Praxisbeispiele erhalten die Leser*innen fachlich und wissenschaftlich fundiertes Hintergrundwissen. Es enthält viele praktische Impulse, die sich in Fallbesprechungen, Teamsitzungen und zur Selbstreflexion eignen sowie in Fort-, Weiter- und Ausbildungen einsetzbar sind.

Rezension von
Alexandra Großer
Fortbildnerin, päd. Prozessbegleiterin, systemische Beraterin
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Es gibt 28 Rezensionen von Alexandra Großer.

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Zitiervorschlag
Alexandra Großer. Rezension vom 25.04.2023 zu: Anja Cantzler: Schätze finden statt Fehler suchen. Herausforderndes Verhalten verstehen in Kita, Krippe und Kindertagespflege. Verlag Herder GmbH (Freiburg, Basel, Wien) 2023. ISBN 978-3-451-39666-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29985.php, Datum des Zugriffs 14.06.2024.


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