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Caroline Wenzel: Vom Traum zum Trauma. Psychische Gewalt in Partnerschaften

Rezensiert von Henny Isabella Spiesberger, 13.03.2024

Cover Caroline Wenzel: Vom Traum zum Trauma. Psychische Gewalt in Partnerschaften ISBN 978-3-7776-3089-2

Caroline Wenzel: Vom Traum zum Trauma. Psychische Gewalt in Partnerschaften. Hirzel Verlag (Stuttgart) 2022. 272 Seiten. ISBN 978-3-7776-3089-2. 24,00 EUR.

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Thema

Jährlich veröffentlicht das Bundeskriminalamt die aktuelle Statistik zur Partnerschaftsgewalt in Deutschland. Die Zahlen geben die registrierten Fälle, das s.g. Hellfeld bekannt. Es wird von einem deutlich größeren Dunkelfeld ausgegangen. Insbesondere subtilere Formen häuslicher Gewalt, wie psychische und soziale Gewalt, bleiben hierbei häufig unberücksichtigt. In der Regel handelt es sich hierbei um ein über lange Zeiträume aufrechtgehaltendes System von Macht und Kontrolle, das juristisch kaum greifbar ist und häufig auch von den Betroffenen und deren Umfeld schwer zu fassen ist. Die Auswirkungen psychischer Gewalt sind jedoch weittragend und eine Basis für emotionale Abhängigkeiten innerhalb gewaltbelasteter Beziehungen, sodass eine Trennung deutlich erschwert wird. Das Werk befasst sich eingehend mit diesem bisher wenig beleuchteten Thema.

Autorin

Caroline Wenzel ist Fernsehjournalistin und Diplom Psychologin mit den Schwerpunkten Klinische Psychologie und Kriminologie. Seit 1997 arbeitet sie als Redakteurin und Filmautorin für den Südwestrundfunk, ARD und Arte. Ihre Werke umfassen zahlreiche Fernsehdokumentationen und -reportagen sowie mehrere Buchpublikationen.

Aufbau und Inhalt

Das gebundene Buch umfasst 272 Seiten. Nach einem kurzen Vorwort folgt der erste Abschnitt mit drei Fallbeispielen, ein Kapitel zum Stückwerk in der Hilfelandschaft, in der Forschung und Politik leitet den zweiten Abschnitt mit Beiträgen von Expertinnen und Experten ein. Das Buch schließt mit einem Nachwort der Autorin und Angaben zu den Endnoten, ein Literaturverzeichnis und eine Auflistung von Anlaufstellen für Betroffene.

In der Einleitung wird das Thema psychische Gewalt in Partnerschaften eingeführt und die Bedeutung und Verwendung relevanter Begriffe erläutert.

Die Fallbeispiele folgen einem festen, sich in allen Fallbeispielen wiederholender Aufbau. Aus der Ich-Perspektive erzählt die von der Gewalt betroffenen Person zunächst rückblickend von einer eskalierenden Sequenz aus der Beziehung, die schließlich zur Trennung führte. Anschließend folgt eine Biografie der betroffenen Person und beschreibt verkürzt den Lebensweg mit dem Fokus auf die Herkunftsfamilie, das soziale Umfeld, die Persönlichkeitsentwicklung, Bildung und Berufslaufbahn sowie die früheren Partnerschaften. Anschließend folgt ein längerer Teil, in dem die Anbahnung der Beziehung, deren Entwicklung bis hin zu den gewaltbelasteten Situationen und Dynamiken sowie deren Ende und die anschließende Bewältigung und Verarbeitung der traumatischen Erlebnisse. Jedes Fallbeispiel schließt mit einem kurzen Kommentar zu dem jeweils beschriebenen Thema ab.

Im ersten Fallbeispiel beschreibt eine Frau ihre von psychischer Gewalt geprägten Ehe und den Kreislauf von Gewalt, der nach einer intensiven Verliebtheitsphase folgt und sich immer weiter zuspitzt. Im letzten Abschnitt des Kapitels ordnet die Autorin die Erzählung der betroffenen Frau fachlich ein und benennt die typischen Elemente und Dynamiken psychischer Gewalt sowie deren Tücken und Auswirkungen.

Das zweite Fallbeispiel beschreibt die ebenfalls langjährigen gewaltgeprägten Ehe aus dem Erleben eines betroffenen Mannes. Er beschreibt die Entwertung durch Worte, das Spiel mit Nähe und Distanz, soziale Isolation, Rollenbilder, Schuldumkehr und seine Angst, darüber zu sprechen. Der Erzähler beschreibt seine Erfahrungen als betroffener Mann mit dem Hilfesystem und was er sich für eine gelingende Intervention gegen Partnerschaftsgewalt wünscht. In dem Fall ist ein gemeinsames Kind von der Gewalt mitbetroffen und so werden auch die Auswirkungen von Gewalt zwischen den Eltern auf ihre Kinder und die Bedeutung der eigenen Erfahrungen in der Herkunftsfamilie thematisiert.

Im dritten Fallbeispiel erzählt eine Frau von ihrer langjährigen Beziehung und Ehe, in der sie psychische und später auch physische Gewalt erleben musste. Auch in diesem Beispiel werden die Muster psychischer Gewalt verdeutlicht. So beschreibt die Erzählerin die intensive Anbahnung der Beziehung und die zunehmenden grenzüberschreitenden Handlungen ihres Partners, die sich mit Schmeicheleien abwechseln. Manipulationen, Entwertungen und Unsicherheiten, die schließlich in eine emotionale Abhängigkeit führen machen das Zusammenleben unberechenbar. Sie beschreibt ihre Gefühle und ihre Versuche, sich aus der Beziehung zu lösen, indem Sie die Gewalt zum Thema macht, sich Menschen von außen anvertraut und sich über Hilfsangebote informiert. Dabei wird aufgezeigt, wie wenig insbesondere erlebte psychische Gewalt, bei Sorge- und Umgangsrechtsangelegenheiten in Familiengerichten Berücksichtigung finden. Auch in der Paarberatung, beim Jugendamt und anderen Behörden macht die Erzählerin häufig die Erfahrung, dass es Lücken im Wissenstand über Gewalt in Partnerschaften gibt und verweist auf die Fachberatungsstellen für Betroffene und Gewaltausübenden, die sich auf häusliche Gewalt spezialisiert haben.

Das Kapitel „Stückwerk in der Hilfelandschaft, in der Forschung und Politik“ bietet den Leser*innen einen umfassenden Überblick zu den aktuellen Interventionsstrukturen gegen häusliche Gewalt in Deutschland. Es wird ausführlich auf die Lücken und Gefahren in der Hilfelandschaft Deutschlands eingegangen: unzureichendes Hilfe- und Beratungsangebot, unqualifizierte Angebote, insbesondere durch s.g. Coaches, ungenügende Bemühungen seitens der Politik und fehlende empirische Untersuchungen zum Thema psychischer Gewalt. Hervorgehoben wird die Notwendigkeit von engmaschigen Vernetzungen und Kooperationen zwischen den involvierten Institutionen und Behörden, die in dem Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt (Istanbul-Konvention) gefordert und von Deutschland 2018 ratifiziert worden ist. Schließlich gibt das Kapitel auch einen Ausblick im Umgang mit psychischer Gewalt in Partnerschaften über die Grenzen Deutschlands hinweg und welche gesellschaftlichen Folgekosten durch häusliche Gewalt entstehen.

Das Expertinnen-Gespräch mit der Ärztin und Psychoanalytikerin Julia Schellong gibt einen Einblick in das Phänomen psychischer Gewalt, ihren Dynamiken und Auswirkungen aus ärztlicher Sicht. Umfassend werden Fragen nach dem Ausmaß, Risikofaktoren, Gewaltformen, Rollenverteilungen, Persönlichkeitsstörungen, Unterstützungsangeboten, Rechtsgrundlagen und den Umgang mit häuslicher Gewalt an den Gerichten thematisiert und anhand von Fachliteratur und Fallbeispielen erläutert.

Philipp Schmuck und Dirk Geldermann geben im anschließenden Kapitel ihre Erfahrungen als Berater für gewaltbetroffene Männer wieder. Sie diskutieren Unterschiede zwischen Männern und Frauen im Erleben psychischer Gewalt, die gesellschaftlichen Reaktionen auf Männer, die von Partnerschaftsgewalt betroffen sind und beschreiben Hilfsangebote, die den betroffenen Männern zur Verfügung stehen.

Im nächsten Kapitel gibt die Rechtsanwältin und Fachanwältin für Familienrecht Birgitta Brunner ihre jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit betroffenen Frauen wieder. Sie beschreibt die Möglichkeiten in der Gesetzgebung und setzt sich kritisch mit den Lücken im deutschen Rechtssystem beim Umgang mit psychischer Gewalt und der Umsetzung der Istanbul-Konvention auseinander.

Im letzten Kapitel beantwortet der Psychiater und Gerichtsgutachter Reinhard Haller Fragen zur Schuldeinsicht und zu Beratungsangebote für die Gewaltausübenden. Er erläutert den Begriff Narzissmus und beschreibt die Unterschiede zwischen Männern und Frauen beim Erleben psychischer Gewalt in der Partnerschaft.

Diskussion

Die Autorin beschreibt umfassend die Systematik häuslicher Gewalt, die Auswirkungen für die Betroffenen und den Umgang damit. Dabei belässt sie es nicht bei den Auswegen für die Betroffenen, sondern spannt einen Bogen über die aktuellen gesellschaftlichen Gegebenheiten und den rechtlichen Rahmen, um somit ein Verständnis für das schwer greifbare und bisher wenig beschriebenes Phänomen der psychischen Gewalt zu erhalten.

Sowohl Betroffene als auch Expert*innen kommen mit ihren Erfahrungen und ihrer Expertise zu Wort und es werden in einem übersichtlichen Aufbau und einer klaren und verständlichen Sprache alle relevanten Themen benannt, diskutiert und kritisch beleuchtet.

Die Netzwerk- und Kooperationsarbeit in der Interventionskette gegen häusliche Gewalt, die Arbeit mit den Gewaltausübenden, kulturelle Aspekte und die Auswirkungen von häuslicher Gewalt auf die mitbetroffenen Kinder sowie die Weitergabe von Gewalt über die Generationen hinweg werden zwar erwähnt, bleiben in dem Buch im Hintergrund. Eine Vertiefung dieser Themen würden jedoch den Rahmen des Buches sprengen.

Fazit

Das Buch informiert und sensibilisiert sowohl Betroffene, deren Umfeld als auch Menschen, die beruflich mit häuslicher Gewalt in Berührung kommen schnell und klar über die spezielle Form der psychischen Gewalt in Partnerschaftsbeziehungen. In drei Fallbeispielen von gewaltbetroffenen Menschen werden die Dynamiken deutlich und in den folgenden Abschnitten geben Fachkräfte Einblicke in die Auseinandersetzung mit der Thematik aus psychologischer, soziologischer, politischer und medizinischer Sicht sowie Interventionsmöglichkeiten aufgezeigt. Dabei werden alle relevanten Aspekte in einem Blitzlicht kurz angerissen und regen die interessierte Leserschaft an, sich vertiefend mit der Thematik zu befassen.

Rezension von
Henny Isabella Spiesberger
Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit Häusliche Gewalt (BAG TäHG) e.V. und Beraterin und Koordinatorin einer Institution in Berlin, die mit dem Beratungszentrum zum Schutz vor Gewalt in Familien und im sozialen Nahfeld ein Beratungsangebot für gewaltausübende Menschen und für von häuslicher Gewalt mitbetroffenen Kindern und Jugendlichen vorhält (Berliner Zentrum für Gewaltprävention [BZfG] gGmbH).
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Es gibt 1 Rezension von Henny Isabella Spiesberger.

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Zitiervorschlag
Henny Isabella Spiesberger. Rezension vom 13.03.2024 zu: Caroline Wenzel: Vom Traum zum Trauma. Psychische Gewalt in Partnerschaften. Hirzel Verlag (Stuttgart) 2022. ISBN 978-3-7776-3089-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29994.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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