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Christoph Schleer, Marc Calmbach: Berufsorientierung Jugendlicher in Deutschland

Rezensiert von Gisa Stich, 25.09.2023

Cover Christoph Schleer, Marc Calmbach: Berufsorientierung Jugendlicher in Deutschland ISBN 978-3-658-38590-3

Christoph Schleer, Marc Calmbach: Berufsorientierung Jugendlicher in Deutschland. Erwartungen, Sorgen und Bedarfe. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2022. 93 Seiten. ISBN 978-3-658-38590-3. D: 60,74 EUR, A: 66,81 EUR, CH: 72,00 sFr.
Reihe: SINUS-Studien.

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Thema

Das Buch „Berufsorientierung Jugendlicher in Deutschland. Erwartungen, Sorgen und Bedarfe“ zeigt die Ergebnisse einer qualitativen Onlinebefragung von 1223 Jugendlichen im Alter von 14 bis 20 Jahren zu Themen wie Berufsorientierung, Zukunftsvorstellungen und Unterstützungswünschen. Am Ende werden Handlungsempfehlungen für passgenaue Hilfestellungen bei der Berufswahlorientierung für Jugendliche ausgesprochen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat 93 Seiten und gliedert sich in neun Kapitel, die im Folgenden näher beschrieben werden.

In der Einführung werden die Forschungsfragen, die angewandte Methode und die Struktur der Stichprobe erläutert. Aufgrund der aktuellen Probleme bei der Fachkräftegewinnung müssen Ausbildungsbetriebe selbst aktiv werden und mit Schulen kooperieren, um Schüler*innen bereits frühzeitig einen Einblick in unterschiedliche Berufe geben zu können und so einen Anteil an deren Berufsorientierung nehmen zu können. In dieser Studie sollen nun die Jugendlichen und deren Ansprüche an die Berufswelt ebenso wie ihre Bedürfnisse erforscht und dargestellt werden. In einer Onlinebefragung wurden 1223 zufällig ausgewählte Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 14 und 20 Jahren zu verschiedenen Themen, wie der „Future Readiness“ oder die Ansprüche an zukünftige Ausbildungsbetriebe/​Arbeitgeber*innen, befragt. Die Erhebung fand zwischen dem 16.08.2021 und 06.10.2021 statt und wurde im Online-Access-Panel von respondi durchgeführt. Die Stichprobe wurde repräsentativ nach Geschlecht, Alter, Schulabschluss und Nielsen-Gebieten quotiert und basiert auf soziodemografischen Stammdaten der Panelteilnehmer*innen. Die Rekrutierung der Panelteilnehmerinnen erfolgte ausschließlich online über verschiedene Kanäle wie Affiliate-Netzwerke, klassische Display-Kampagnen, soziale Netzwerke oder exklusive Kooperationen.

Die vorliegende Studie weist folgende demografische Struktur auf: 47 % der Befragungsteilnehmenden sind weiblich, 52 % sind männlich, und 1 % gab an, sich als „divers“ zu identifizieren. Bezüglich des Alters sind 23 % der Teilnehmer*innen 14 oder 15 Jahre alt, 32 % sind 16 oder 17 Jahre alt, und 45 % sind zwischen 18 und 20 Jahren. Hinsichtlich der formalen Bildung haben 12 % eine niedrige Bildungsstufe (Schulform: Haupt- und Förderschulen, Werkrealschule; höchster (angestrebter) Schulabschluss: kein Schulabschluss, Hauptschul- oder Werkrealschulabschluss), 30 % haben ein mittleres Bildungsniveau (Schulform: Realschule; höchster (angestrebter) Schulabschluss: Mittlere Reife) und 58 % verfügen über ein hohes Bildungsniveau (Schulform: Gymnasium; höchster (angestrebter) Schulabschluss: (Fach-)Hochschulreife).

Im nächsten Kapitel wird das SINUS-Lebensweltenmodell für Jugendliche ausführlich dargestellt. Das SINUS-Institut hat dieses Lebensweltenmodell 2008 entwickelt, um zu untersuchen, wie sich Jugendliche abseits von demografischen Merkmalen zu werthomogenen Gruppen zusammenschließen. Es berücksichtigt Werthaltungen sowie verschiedene alltäglich Aspekte wie Freizeitverhalten, Familie, Schule, etc. Damit können unterschiedlichste Lebenswelten und soziale Milieus Jugendlicher abgebildet werden. Diese Gruppierungen zeichnen sich besonders durch gemeinsame Wertvorstellungen und Kommunikationsformen aus, die ihre Ideen eines zufriedenstellenden Lebens prägen. Aus dem qualitativen Erhebungsverfahren lassen sich sieben Lebenswelten Jugendlicher ermitteln und voneinander abgrenzen.

  1. Die traditionell-bürgerliche Lebenswelt ist geprägt durch eine konservative Grundorientierung und eine Wertschätzung traditioneller Werte, Normen und Rollenbilder geprägt. Jugendliche in dieser Lebenswelt legen oft großen Wert auf Stabilität, Sicherheit und bewährte gesellschaftliche Strukturen. Sie orientieren sich an traditionellen Vorstellungen von Familie, Beruf und gesellschaftlicher Verantwortung. Bildung und ein gehobener sozialer Status sind in dieser Lebenswelt häufig von Bedeutung. Die Werte und Werthaltungen der traditionell-bürgerlichen Jugendlichen können als eher konservativ und konventionell beschrieben werden.
  2. Die adaptiv-pragmatische Lebenswelt zeichnet sich durch eine pragmatische und anpassungsfähige Grundorientierung aus. Jugendliche in dieser Lebenswelt zeigen eine offene Haltung gegenüber Veränderungen und sind bereit, sich neuen Situationen anzupassen, wobei die Familie der Ort ist, an dem man Sicherheit und Zuspruch erfährt. In dieser Lebenswelt stehen praktische Lösungen und der individuelle Nutzen im Einklang mit den geltenden Gesetzen und gesellschaftlichen Normen im Vordergrund. Jugendliche mit adaptiv-pragmatischen Orientierungen sind in der Regel zielorientiert und suchen nach realisierbaren Möglichkeiten, um ihre persönlichen Ziele zu erreichen. Es geschieht eine Abgrenzung zu weniger leistungsbereiten Personen, denn die adaptiv-pragmatischen Jugendlichen glauben an das Leistungsprinzip und sind davon überzeugt, sich damit ein finanziell abgesichertes Leben im Rahmen der Normalbiografie aufbauen zu können.
  3. Die prekären Jugendlichen können unter verschiedenen Belastungen leiden, wie finanzieller Unsicherheit, sozialer Benachteiligung, familiären Problemen oder Bildungsdefiziten. Sie haben möglicherweise mit schwierigen Lebensbedingungen zu kämpfen und stehen vor Hindernissen beim Zugang zu Bildung, Arbeit oder angemessener Gesundheitsversorgung, sind sich dieser Herausforderungen aber oft bewusst und darum bemüht, diese Umstände zu verbessern. Dennoch fühlen sie sich häufig von den Chancen und Möglichkeiten, die andere Lebenswelten bieten, abgeschnitten. Anstrengungen in Richtung weiterführender Schulen werden aufgrund dieser Ausschlusserfahrungen mit dem Gedanken, dass sich Leistung ohnehin nicht lohne, nicht unternommen, viel mehr soll die Schule so schnell wie möglich verlassen werden. Ihr Familienbild ist idealisiert, ihre Zukunftsvorstellungen sind konservativ und stimmen mit ihren eigenen Erfahrungen häufig nicht überein. Obwohl sie den Wunsch haben dazuzugehören und auch einmal Erfolge in irgendeinem Bereich zu erzielen, fällt es ihnen schwer, sich im Alltag zurechtzufinden; ihr Freizeitverhalten bewegt sich zudem manchmal „am Rande der Legalität – häufiger als in den anderen Lebenswelten, vereinzelt auch schon darüber hinaus“ (S. 12).
  4. Jugendliche in der Lebenswelt der Konsum-Materialist*innen heben Konsum und materielle Güter als wichtige Werte hervor und orientieren ihr Leben stark an Konsumtrends und dem Streben nach materiellem Besitz. Für sie spielt das Image eine bedeutende Rolle, und sie sind oft bereit, ihren sozialen Status durch den Besitz von Markenprodukten und angesagten Gegenständen zu demonstrieren. Sie legen großen Wert auf äußere Erscheinung und den Konsum von Lifestyle-Produkten, um sich von anderen abzuheben und Anerkennung zu erhalten. Sie erlangen zu meist niedrigere Bildungsabschlüsse und wollen die Schule so schnell wie möglich verlassen. In ihrer Freizeit sind sie gesellig, feiern gerne und trinken Alkohol, weil es soziale Gewohnheit ist. Ihre Vorbilder sind oftmals aus prekären Verhältnissen, haben sich aus eigener Kraft hochgearbeitet und sind berühmt und reich geworden. Die konsum-materialistischen Jugendlichen orientieren sich am traditionellen Familienmodell, das oftmals von den Eltern vorgelebt wird und schreiben der Familie insgesamt eine große Bedeutung zu.
  5. Für die Experimentalist*innen steht die persönliche Entwicklung und Entfaltung im Mittelpunkt. Sie sind bestrebt, sich selbst kontinuierlich weiterzuentwickeln und neue Erfahrungen zu sammeln. Dabei sind sie nicht zwingend an materiellen Gütern interessiert, sondern eher an immateriellen Werten und Erfahrungen, wie Spaß, Freiheit, Genuss. Die Experimentalist*innen suchen nach Inspiration und neuen Impulsen, um sich kreativ auszuleben und individuelle Lebenswege zu gestalten. Sie haben oft eine positive Einstellung zur Vielfalt und Offenheit für verschiedene Lebensentwürfe und Kulturen und lehnen traditionelle Werte wie Fleiß, Pünktlichkeit und Ordnungssinn ab. Jugendliche in dieser Lebenswelt zeichnen sich durch Offenheit für Neues, Kreativität und Experimentierfreude aus, die auch vor der „Gestaltung“ des eigenen Körpers keinen Halt macht. Sie sind aufgeschlossen gegenüber Veränderungen und haben den Mut, traditionelle Grenzen zu durchbrechen und unkonventionelle Wege zu gehen. In Bezug auf die Familie können Jugendliche in der Lebenswelt der Experimentalist*innen das Bedürfnis nach Freiheit und Selbstbestimmung betonen, haben aber das Bedürfnis „nach stabilen sozialen Beziehungen und Geborgenheit“ (S. 14). Sie möchten ihre eigenen Entscheidungen treffen und sich in ihrer Persönlichkeit frei entfalten, auch wenn dies manchmal zu Konflikten mit traditionellen Familienwerten führen kann. Schulisch performen sie dann gut, wenn es Themen sind, die sie interessieren; für den Rest, machen sie, so viel wie nötig.
  6. Für die Postmateriellen stehen nicht nur materieller Besitz und Konsum im Vordergrund, sondern auch immaterielle Werte wie Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz und persönliche Entwicklung. Sie setzen sich aktiv für gesellschaftliche und ökologische Themen ein und engagieren sich für eine bessere Welt. Die Postmateriellen heben Gemeinschaft und Zusammenhalt hervor und sind oft in sozialen Projekten und ehrenamtlicher Arbeit involviert. Schule und Bildung haben einen hohen Stellenwert in ihrem Leben, da sie hier die Grundlagen für ihre zukünftigen beruflichen Perspektiven legen, zeigen aber sie „eine gelassene Distanz zur Schule, insbesondere gegenüber ihren Mitschüler*innen“ (S. 15). Sie haben ein starkes Bewusstsein für globale Zusammenhänge und setzen sich für eine gerechtere und nachhaltigere Gesellschaft ein. Sie wollen dennoch nicht verzichten und konsumieren gerne – dies jedoch nachhaltig und achtsam.
  7. Die Expeditiven sind häufig aktiv und unternehmungslustig, aber auch sehr wettbewerbsorientiert und leistungsbereit. Routinen und starre Strukturen können sie eher einschränken, da sie die Freiheit schätzen, ihr Leben selbst zu gestalten. Sie unternehmen große Anstrengungen, sich vom Mainstream zu distanzieren und begründen dies aus ihrer „intellektuellen und stilistischen Überlegenheit“ (S. 17). In dieser Lebenswelt haben Jugendliche oft eine klare Vorstellung von ihren Wünschen und Träumen, sie werden angezogen von pulsierenden Metropolen und Menschen, die anders sind. Sie selbst sehen sich als „weltoffene ‚Hipster‘“ (ebd.) und lieben es, sich entsprechend darzustellen und zu inszenieren. Für Außenstehende kann das leicht als arrogant eingeschätzt werden. In Bezug auf die Familie legen Jugendliche in der Lebenswelt der Expeditiven Wert auf Unterstützung und Offenheit. Sie können eine enge Bindung zu ihren Familienmitgliedern haben und schätzen ein familiäres Umfeld, das sie in ihren Unternehmungen ermutigt und unterstützt, streben aber eine baldige Ablösung vom Elternhaus an.

Das dritte Kapitel mit dem Titel „Future Readiness und Sorgen im Orientierungsprozess“ untersucht, wie die jungen Menschen ihre Zukunftsaussichten antizipieren. Leichte Unterschiede fallen zwischen Jungen (86 % sehr oder eher optimistisch) und Mädchen (78 %) auf und bei Jugendlichem mit mittlerem/​hohen (81 %/84 %) und Personen mit niedrigerem Schulabschluss (72 %) (S. 19). Am wenigsten optimistisch blicken Jugendliche aus prekären Lebenswelten in die Zukunft, gefolgt von den Experimentalist*innen, die aufgrund der Pandemie ihre Freiheitsorientierung einschränken mussten und nun „ihren Optimismus und ihre Unbekümmertheit zumindest in Teilen verloren haben“ (ebd.). Des Weiteren werden die Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Lebenswelten und der Sorge vor Arbeitslosigkeit bzw. die gefühlte Vorbereitung auf die Arbeitswelt aufgezeigt. Die Ergebnisse werden mit verschiedenen Tabellen und Schaubildern verdeutlicht (vgl. S. 21 f.).

Das vierte Kapitel „Berufswahl – Status der Entschiedenheit und Gründe für Unsicherheiten“ befasst sich mit den Vorstellungen der Jugendlichen über ihre beruflichen Entscheidungen und zeigt, dass ein Großteil der Befragten zumindest schon eine teilweise Richtung weiß; nur ca. 30 % wissen aber schon genau, wo es hingehen soll. Auch in diesen Ausführungen werden die Unterschiede zwischen den einzelnen Lebenswelten, Bildungsaspirationen und den Geschlechtern kurz aufgezeigt und erklärt. Besonders die traditionell eingestellten Jugendlichen und diejenigen mit niedriger Bildung sind häufig besser im Berufsleben und ihren Möglichkeiten orientiert und treffen ihre Berufswahl leichter, als die Jugendlichen mit hoher Bildung und einem hohen Bedürfnis nach Individualität. In diesem Kapitel werden außerdem die Gründe aufgezählt, weshalb den Jugendlichen eventuell eine Berufswahlentscheidung schwerfällt. Anhand eines Schaubildes wird der Zusammenhang von Bildungsniveau und der beruflichen Entschiedenheit veranschaulicht (S. 30).

Im fünften Kapitel geht es um die „Präferenzen für berufliche Tätigkeiten“ und es wird deutlich, dass die Befragten besonders häufig Bereiche wählen, die ihnen ermöglichen, sich selbst einzubringen und mitzubestimmen. Die Tabelle auf S. 40 bildet die Präferenzen der Jugendlichen bei beruflichen Tätigkeiten ab, die anschließende Ergebnisanalyse zeigt Unterschiede zwischen den Bildungsniveaus auf und zwar dergestalt, dass sich Jugendliche mit höherer Bildung eher für Führungsaufgaben und Jugendliche mit niedriger Bildung für Arbeiten an der frischen Luft oder körperlich anstrengende Aufgaben interessieren. Auch bestehende Geschlechterklischees werden in dieser Analyse aufgedeckt. Eine Tabelle auf S. 42 gibt einen Überblick über die Präferenzen für berufliche Tätigkeiten aufgeschlüsselt nach Geschlecht und Bildung, eine weitere auf S. 43 zeigt die lebensweltlichen Schwerpunkte bei den Präferenzen für berufliche Tätigkeiten auf.

Das sechste Kapitel stellt die „Erwartungen an Beruf und Unternehmen“ dar. Die höchste Zustimmungsrate erhält die Aussage nach mehr Fairness in der Arbeitswelt: 89 % der Befragten stimmen voll und ganz oder eher zu. Weitere Themen, die in dem Unterkapitel „Vorstellungen über die Arbeitswelt“ (S. 47–51) erläutert werden sind die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Einflüsse des soziodemografischen/​kulturellen Hintergrunds bzw. des Geschlechts auf den beruflichen Erfolg. Die wichtigsten Kriterien bei der Berufswahl (S. 51–55) und die Erwartungen an den Arbeitgeber (S. 55–61) werden im Anschluss dargestellt. Auf S. 51 ist eine Tabelle abgebildet, die das Ranking der wichtigen Kriterien bei der Berufswahl zeigt, im weiteren Textverlauf und anhand weiterer Abbildungen auf S. 54 und 55 werden die unterschiedlichen Punkte für die jeweiligen Lebenswelten aufgeschlüsselt und die Zusammenhänge kurz erklärt.

Kapitel sieben beschäftigt sich mit den „Informationsquellen bei der Berufsorientierung“, d.h. es geht darum, woher die Jugendlichen ihre Informationen beziehen, die ihre Berufswahlentscheidungen beeinflussen. Wie auch in den anderen Kapiteln werden erst allgemeine Ergebnisse aus der Onlinebefragung dazu gezeigt – eine Tabelle auf S. 64 verdeutlicht diese –, um sie dann für die einzelnen Lebenswelten aufzuschlüsseln. Auch hier werden wieder Unterschiede zwischen den Jugendlichen aus den unterschiedlichen sozialen Milieus deutlich, die in der Abbildung auf S. 66 auf einen Blick sichtbar gemacht werden. Es folgt eine Aufschlüsselung danach, wie hilfreich die Jugendlichen die genutzten Informationsquellen fanden (Tabelle S. 68) und eine entsprechende Einordnung der Ergebnisse (S. 66–71).

Das achte Kapitel erörtert die „Bedarfe bei der beruflichen Bildung“ (S. 73–82), d.h. hier werden die Wünsche und Bedürfnisse der Jugendlichen für eine hilfreiche Berufsorientierung deutlich. Zunächst werden die unterschiedlichen Einschätzungen der Jugendlichen bezogen auf ihren Informationsstand für einen gelingenden Übergang ins Arbeitsleben dargestellt und anhand der Abbildungen auf S. 74 auch für ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Lebenswelt verdeutlicht. Daraus wird dann der Wunsch nach Unterstützung entwickelt und wieder auf das Lebensweltmodell (Abb. 8.4, S. 77) der Jugendlichen bezogen, um schließlich konkrete Informationsbedarfe formulieren zu können. In der Befragung wurden die Jugendlichen gebeten, drei der vorgelegten Informationsmöglichkeiten auszuwählen, um so die wichtigsten Bedarfe für die jeweiligen Lebenswelten herausfiltern zu können; die Ergebnisse werden wieder anhand von Abbildungen und Tabellen veranschaulicht.

Im letzten und neunten Kapitel werden aus den generierten Ergebnissen nun Handlungsempfehlungen entwickelt, die zum Ziel haben eine passgenaue und an den Bedarfen der Jugendlichen ausgerichtete Berufsorientierung anzubieten. Der Übergang von der Schule ins Berufsleben ist gesäumt von Unsicherheiten und Misserfolgen, auch Geschlechterstereotype und soziale Disparitäten beeinflussen die Berufswahlentscheidungen. Die gängigen Berufsorientierungsangebote werden von den unterschiedlichen Lebenswelten ebenso spezifisch unterschiedlich bewertet und stellen somit keine „One-Fits-All-Lösung“ dar. Dieses Kapitel spricht Empfehlungen für eine verbesserte Berufsorientierung aus.

Diskussion

Die Studie zeigt die Einstellung zu unterschiedlichen für die Berufsorientierung relevanten Themen aus Sicht der Jugendlichen und schlüsselt die Ergebnisse für sieben unterschiedliche Lebenswelten auf. Es werden Differenzen in der Einstellung zu Anstrengungen bei der Berufsorientierung, den antizipierten Zukunftsaussichten und den Bedarfen bei den Jugendlichen deutlich. Besonders interessant ist die Einschätzung der Jugendlichen der Informationsangebote, denn hier werden populäre Angebote oftmals als nicht sonderlich hilfreich eingeschätzt. Das Einzige, das auch in der Handlungsempfehlung zu kurz kommt, ist das Thema der Geschlechterstereotype und wie man deren Einflüsse auf Berufswahlentscheidungen durch gezielte pädagogische Interventionen abschwächen kann. Das Werk bietet einen interessanten Einblick in die Einstellungen Jugendlicher aus unterschiedlichen sozialen Milieus zum Thema Berufsorientierung. Besonders Personen aus diesem Arbeitsfeld können hiervon profitieren, weil wichtige Aspekte, wie z.B. die Einschätzung des Informationsstands hinsichtlich individueller Berufswahlentscheidungen oder die Wünsche der Jugendlichen an Angebote der Berufsorientierung endlich aus Sicht der betroffenen jungen Menschen aufgezeigt werden.

Fazit

Dieses Werk und der Einblick in die spezifischen Ansichten von Jugendlichen zum Thema der Berufsorientierung, trägt zu einem erweiterten Verständnis der Problematik bei und bietet konkrete Impulse für die zielgruppenorientierte Ausrichtung von Berufsorientierungsangeboten und damit zur Abschwächung sozialer Disparitäten und sonstiger ungleicher Zugänge zum Arbeitsleben.

Rezension von
Gisa Stich
Geschäftsführerin beim Institut für innovative Bildung, Lehrbeauftragte am Lehrstuhl für Sozialpädagogik der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg
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Es gibt 3 Rezensionen von Gisa Stich.

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Zitiervorschlag
Gisa Stich. Rezension vom 25.09.2023 zu: Christoph Schleer, Marc Calmbach: Berufsorientierung Jugendlicher in Deutschland. Erwartungen, Sorgen und Bedarfe. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2022. ISBN 978-3-658-38590-3. Reihe: SINUS-Studien. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29995.php, Datum des Zugriffs 20.04.2024.


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