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Wolfgang Schindler, Gerhard Spangler (Hrsg.): Kollegiale Beratung

Rezensiert von Michael Mayer, 09.02.2023

Cover Wolfgang Schindler, Gerhard Spangler (Hrsg.): Kollegiale Beratung ISBN 978-3-525-63415-8

Wolfgang Schindler, Gerhard Spangler (Hrsg.): Kollegiale Beratung. Online und offline im Heilsbronner Modell. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2022. 3., vollständig überarbeitete Auflage. 195 Seiten. ISBN 978-3-525-63415-8. D: 25,00 EUR, A: 26,00 EUR.

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Thema

Es gibt verschiedene Modelle der Kollegialen Beratung. Viele lernen die Kollegiale Beratung während ihrer Ausbildung in sozialen, pädagogischen oder medizinischen Berufen kennen. Die Kollegiale Beratung oder Intervision gilt als einfache, aber wirkungsvolle Möglichkeit, in einer Gruppe von gleichgestellten Teilnehmerinnen und Teilnehmern Lösungen für berufliche Probleme zu entwickeln. Ein sehr klarer Moderationsleitfaden ermöglicht einen einfachen Einstieg ohne große Vorkenntnisse. Wesentlich für die Methode ist der Perspektivenwechsel, durch den andere Lösungsmöglichkeiten zugänglich werden.

Herausgeber

Wolfgang Schindler ist Diplom-Pädagoge und Supervisor mit analytischer Ausbildung. Er ist Gründungsmitglied und Vorsitzender des Instituts für Kollegiale Beratung und Onlineberatung, das seit 2008 besteht und das im Umfeld des Religionspädagogischen Zentrums Heilsbronn der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern entstand.

Gerhard Spangler ist Diplom-Religionspädagoge und Supervisor. Er ist maßgeblich für die Entwicklung des Heilsbronner Modells der Kollegialen Beratung verantwortlich. Beruflich war er unter anderem am Religionspädagogischen Zentrum Heilsbronn tätig. Er ist Gründungsmitglied des Instituts für Kollegiale Beratung und Onlineberatung.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband enthält zwölf Beiträge verschiedener Autorinnen und Autoren. Die Beiträge im ersten Teil des Sammelbandes befassen sich mit der Kollegialen Beratung als solcher. Zunächst gibt Wolfgang Schindler einen Überblick über die Entwicklungslinien der Kollegialen Beratung. Dabei vergleicht er vier häufig verwendete Modelle und führt die Unterschiede in den Moderationsleitfäden auf die zugrundeliegenden theoretischen Konzepte zurück. So finden sich psychoanalytisch geprägte Ansätze der Kollegialen Beratung ebenso wie systemisch Orientierte. Das Heilsbronner Modell sieht sich in einer psychoanalytischen Tradition. Gerhard Spangler stellt das von ihm entwickelte Modell ausführlich vor. Dabei geht er nicht nur auf mögliche Ziele, Anlässe und Themen für die Kollegiale Beratung ein, sondern stellt auch die zehn Schritte des Beratungsprozesses nach dem Heilsbronner Modell vor. Zugleich gibt er zahlreiche praktische Anregungen zu deren Umsetzung.

Auf die historischen Wurzeln des Heilsbronner Modells geht Martin Schimkus in seinem Beitrag näher ein. Als wesentliche Grundlage des Modells sieht er die von Michael Balint entwickelte Balintgruppe, bei der es vor allem um die Verbesserung der Arzt-Patient-Beziehung geht. Im Gegensatz zur Balintgruppe, die eine mehrjährige psychoanalytische Ausbildung voraussetzt, kann die Kollegiale Beratung nach dem Heilsbronner Modell ohne großen Aufwand durchgeführt werden. Dennoch bedarf die erfolgreiche Implementierung der Kollegialen Beratung in Institutionen einer systematisch geplanten Einführung, Übung und Reflexion. Wolfgang Schindler sieht darin ein Handlungsfeld für professionelle Beraterinnen und Berater.

Auf die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der Kollegialen Beratung in Unternehmen verweisen Axel Gogler in seinem eher journalistischen Beitrag über ein Konzept der Peer-to-Peer-Unternehmensberatung sowie der Personalentwickler Stephan Scholer, der seinen Ansatz zur Führungskräfteentwicklung in Unternehmen vorstellt. Er nutzt dabei eine Kollegiale Beratung in sieben Schritten, die er in seinem Beitrag ausführlich vorstellt.

Der zweite Teil des Buches beschäftigt sich mit Formen der Online-Beratung. Zu Beginn gibt die Hochschulprofessorin Dr. Patricia Arnold einen Überblick über die vielfältigen Formen der Onlineberatung sowie über grundlegende Forschungsergebnisse zur computervermittelten Kommunikation in der Beratung. Brigitte Koch beschreibt in ihrem Text, der bereits 2019 in einer Zeitschrift erschienen ist, sehr ausführlich die von ihr entwickelte Form einer textbasierten, asynchronen Supervision. Für ihre Form der Online-Supervision hat sie eine eigene Moodle-Lernumgebung im Internet eingerichtet. Anschließend stellt Wolfgang Schindler die Online-Beratungsplattform kokom.net vor. Er beschreibt die Plattform als eine Art Online-Beratungs- und Tagungshaus. Die Ursprünge gehen auf ein Projekt aus dem Jahr 2004 zurück. Seit 2012 ist die textbasierte, asynchrone Beratung auf einer eigens dafür entwickelten Internetplattform ein Regelangebot, das vom unabhängigen Institut für Kollegiale Beratung und Onlineberatung betrieben wird.

Beate Kamp schildert subjektive Eindrücke ihrer Teilnahme an einer asynchronen Kollegialen Beratung nach dem Heilsbronner Modell auf der Plattform kokom.net. Auch fünf Jahre nach ihrem Beratungsprozess berichtet sie von eindrücklichen Erinnerungen. Natalie Huttenlocher-Dachsler präsentiert die Ergebnisse einer Gruppendiskussion mit Studierenden, die ihre Erfahrungen mit asynchroner, textbasierter Kollegialen Beratung nach dem Heilsbronner Modell und synchroner Kollegialen Beratung auf einer Videoplattform vergleichend reflektiert. Abschließend stellt Kornelia Schlegel die curriculare Einbettung einer asynchronen, textbasierten Kollegialen Beratung in ein Zertifikatsprogramm zur transkulturellen Traumapädagogik für Fachkräfte in psychosozialen, pädagogischen oder therapeutisch-medizinischen Berufsfeldern vor.

Diskussion

Die beiden Herausgeber Wolfgang Schindler und Gerhard Spangler, die maßgeblich an der Entwicklung der asynchronen, textbasierten Form der Kollegialen Beratung nach dem Heilsbronner Modell beteiligt waren, blicken mit diesem Sammelband auf ihre langjährigen Erfahrungen mit dem Modell zurück. Den Herausgebern gelingt mit ihrem Sammelband eine vielfältige Perspektive auf die Kollegiale Beratung mit einem zusätzlichen Schwerpunkt auf der Online-Beratung.

Im ersten Teil stellen die Herausgeber Konzepte der Kollegialen Beratung in den Mittelpunkt. Die verschiedenen Autorinnen und Autoren gehen ausführlich auf Konzepte und Ziele, insbesondere für die Personalentwicklung in Unternehmen, ein. Darüber hinaus erhalten die Leserinnen und Leser einen Moderationsleitfaden für das Heilsbronner Modell. Zudem beinhaltet der Sammelband einen eher systemisch fundierten Leitfaden zur Kollegialen Beratung. Diese Offenheit für unterschiedliche Formen der Kollegialen Beratung tut dem Buch, das ansonsten sehr stark auf die positiven Erfahrungen mit dem psychoanalytisch fundierten Heilsbronner Modell fokussiert, gut.

Der zweite Teil des Sammelbandes ist den Online-Beratungen gewidmet. Nach zwei Jahren Pandemie könnte man erwarten, dass sich die Beiträge vor allem auf Online-Beratung per Videostream konzentrieren. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf asynchronen, textbasierten Formen der Online-Beratung. Und die Autorinnen und Autoren zeigen eindrucksvoll, dass auch diese Form der Beratung ihre Berechtigung hat. Die rein textbasierte Form der Beratung ist langsamer. Sie reduziert den Interaktionskanal auf reinen Text. Aber gerade die Erfahrungsberichte aus der Praxis machen deutlich, dass die textbasierte Online-Beratung einige Vorteile bietet.

Fazit

Der von Wolfgang Schindler und Gerhard Spangler herausgegebene Sammelband gibt im ersten Teil einen guten Überblick über Konzepte, Ziele und Umsetzungsmöglichkeiten der Kollegialen Beratung. Neben einem Leitfaden für das psychoanalytisch fundierte Heilsbronner Modell findet sich auch ein Leitfaden für eine systemisch orientierte Kollegiale Beratung. Die Beiträge im zweiten Teil konzentrieren sich auf die Online-Beratung. Sie vermitteln einen praxisnahen Eindruck von den Möglichkeiten asynchroner, textbasierter Formen der Kollegialen Beratung, die einleitend auch wissenschaftlich untermauert werden.

Insgesamt ist das Buch ein Plädoyer für die Kollegiale Beratung und vermittelt überzeugend, wie diese auch asynchron und textbasiert gelingen kann. Die vielfältigen Beiträge bieten eine wissenschaftliche Grundlage und geben praktisch Interessierten viele Anregungen. Ein lesenswertes Buch für alle, die sich mit Kollegialer Beratung beschäftigen.

Rezension von
Michael Mayer
M. A. soziale Verhaltenswissenschaften, Erziehungswissenschaften und Philosophie, Supervisor, Krankenpfleger für Psychiatrie, Leitung Akademie der Bezirkskliniken Schwaben.
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Es gibt 10 Rezensionen von Michael Mayer.

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Zitiervorschlag
Michael Mayer. Rezension vom 09.02.2023 zu: Wolfgang Schindler, Gerhard Spangler (Hrsg.): Kollegiale Beratung. Online und offline im Heilsbronner Modell. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2022. 3., vollständig überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-525-63415-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30004.php, Datum des Zugriffs 19.05.2024.


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