Ludger Kolhoff: Organisation der Sozialwirtschaft
Rezensiert von Prof. Dr. Paul Brandl, 07.04.2026
Ludger Kolhoff: Organisation der Sozialwirtschaft. Eine Einführung.
Springer
(Berlin) 2023.
130 Seiten.
ISBN 978-3-658-27890-8.
D: 19,99 EUR,
A: 20,55 EUR,
CH: 22,50 sFr.
Reihe: Basiswissen Sozialwirtschaft und Sozialmanagement.
Der Autor
Ludger Kolhoff war von 1993 bis 2025 Professor für Soziales Management an der Ostfalia Hochschule Braunschweig/​Wolfenbüttel und leitete dort von 2001 bis 2024 den Masterstudiengang Sozialmanagement. Er ist Mitbegründer und Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Sozialmanagement/​Sozialwirtschaft an Hochschulen und gibt zusammen mit Prof. Dr. Klaus Grunwald die Schriftenreihen „Basiswissen Sozialwirtschaft und Sozialmanagement“ und „Perspektiven Sozialwirtschaft und Sozialmanagement“ heraus.
Aufbau und Inhalt
Die Sozialwirtschaft wurde zu einem zentralen Element des modernen Wohlfahrtsstaates und bildet das organisatorische Fundament für die Bereitstellung sozialer Dienstleistungen in Deutschland. Sie umfasst ein dynamisches Zusammenspiel verschiedener Akteure – staatlicher, freier und mittlerweile auch gewinnorientierter Natur – und bewegt sich im Spannungsfeld zwischen gesetzlicher Verantwortung, gesellschaftlicher Teilhabe und ökonomischem Druck. Für Studierende der Sozialen Arbeit und des Sozialmanagements ist es erforderlich, die Strukturen, Funktionen und Steuerungsmechanismen dieses Systems zu verstehen, um professionelles Handeln kompetent, reflektiert und zukunftsorientiert zu gestalten.
Diese Einführung richtet sich an zukünftige Fachkräfte, die die Organisationen sozialer Dienstleistungen aktiv mitgestalten werden. Sie vermittelt ein fundiertes Verständnis der rechtlichen und institutionellen Grundlagen, analysiert die funktionale Logik der verschiedenen Trägerformen und beleuchtet die Entwicklung zentraler Steuerungsmodelle. Ziel ist es, theoretisches Wissen mit praktischen Anforderungen zu verknüpfen – also eine Brücke zwischen wissenschaftlicher Analyse und beruflicher Praxis. Der erste Teil des Buches vermittelt einen umfassenden Überblick über die Grundlagen der sozialen Sicherung sowie über die zentralen Akteure der Sozialwirtschaft und ihr Zusammenwirken innerhalb des Systems sozialer Sicherung. In der Bundesrepublik. Der erste Schwerpunkt liegt auf der Darstellung der sozialen Sicherungssysteme als Basis der Sozialwirtschaft. Anhand der Sozialgesetzgebung des 19. Jahrhunderts und der Verankerung des Sozialstaatsprinzips im Grundgesetz wird die institutionelle Genese des heutigen Systems nachvollziehbar gemacht. Ergänzt wird dies durch eine aktuelle Übersicht über das Sozialbudget, die Beitragssätze und die Verteilung der Mittel. Die Differenzierung zwischen sozialer Vorsorge, Entschädigung, Förderung und Hilfe eröffnet ein Verständnis für die vielen gesetzlich geregelten Anspruchsgrundlagen sowie deren organisatorische Verankerung. Der Autor geht auch auf die wechselseitigen Abhängigkeiten und abgestimmten Rollenverteilungen zwischen Staat, Wirtschaft und Wohlfahrt ein. Diese Strukturen verdeutlichen, dass soziale Dienstleistungen nicht nur rechtlich reguliert, sondern auch machtpolitisch und funktional eingebettet sind. So übernehmen etwa staatliche Akteure die Steuerungsverantwortung, während u.a. freie Träger die operative Leistungen erbringen. Ein Zusammenspiel, das sowohl produktive Synergien als auch strukturelle Spannungen mit sich bringt.
Ein weiterer inhaltlicher Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung sozialwirtschaftlicher Steuerungsmodelle. Es wird der Wandel hin zu wettbewerbsorientierten Steuerungsformen nachgezeichnet. Die Einführung von Leistungsentgelten, die Veränderungen von Sach‑ zu Geldleistungen sowie die zunehmende Bedeutung von öffentlichen Ausschreibungen zeigen, wie sich die Bedingungen für soziale Dienstleistungen verändert haben. Diese Entwicklungen stellen die Sozialwirtschaft vor immer neue Herausforderungen: Die Vereinbarkeit von Qualität, Wirtschaftlichkeit und sozialer Verantwortung wird zur zentralen Steuerungsfrage. Im Anschluss werden die verschiedenen Trägerformen sozialer Dienstleistungen erläutert. Öffentliche Träger wie Jugend‑ und Sozialämter werden hinsichtlich ihrer Organisationsstruktur und Zuständigkeiten vorgestellt. So wird das Jugendamt behandelt, das durch seine doppelte Struktur aus Verwaltung und Jugendhilfeausschuss eine besondere Rolle einnimmt. Auch das Sozialamt wird als verwaltungsorientierter Träger existenzsichernder Leistungen dargestellt, wobei auf Unterschiede im Aufgabenprofil und institutioneller Einbindung eingegangen wird. Freie Träger unterteilt in gemeinnützige und gewinnorientierte Organisationen werden hinsichtlich ihrer Rechtsformen, Entstehungslogik und Bedeutung auf dem Sozialmarkt beleuchtet.
Der zweite Teil dieser Publikation widmet sich der methodisch-systematischen Analyse und strategischen Weiterentwicklung sozialwirtschaftlicher Organisationen. Zentrale theoretische Bezugspunkte bilden dabei die Konzepte der Techno-, Sozio‑ und Systemstruktur, die unterschiedliche Perspektiven auf Organisationen eröffnen und damit ein differenziertes Verständnis organisationaler Abläufe, Entscheidungsprozesse sowie struktureller Spannungsfelder ermöglichen. Auf dieser theoretischen Grundlage wird die Organisationsanalyse als ein mehrdimensionaler Diagnoseprozess verstanden, der strukturelle, prozessuale und kulturelle Merkmale in ihrer Wechselwirkung untersucht. Ausgangspunkt bildet die präzise Klärung des Analyseauftrags sowie die frühzeitige Einbindung relevanter Akteursgruppen, beispielsweise durch Steuerungsgremien oder partizipative Beteiligungsformate. Im Rahmen der Analyse erfolgt eine umfassende Betrachtung sowohl der Aufbauorganisation als auch der Ablauforganisation. Ein besonderes Augenmerk gilt der Analyse formeller und informeller Verhaltensstrukturen. Während formale Regelwerke in Organigrammen, Stellenbeschreibungen oder Verfahrensanweisungen dokumentiert sind, entfalten informelle Strukturen implizite Normen, informelle Führungsrollen oder Kommunikationsmuster, eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf das tatsächliche Organisationshandeln. Die Sichtbarmachung dieser Dynamiken sei entscheidend für ein realistisches Verständnis der Organisationspraxis. Ergänzend werden Kosten‑ und Wettbewerbsanalysen durchgeführt, um die Verwendung ökonomischer Ressourcen, die Marktpositionierung sowie strategische Entwicklungsoptionen zu erfassen. Diese Analysen bilden eine zentrale Grundlage für zielgerichtete Entscheidungen im Rahmen geplanter Veränderungsprozesse. Im Anschluss an die Diagnose rücken Modelle der Organisationsentwicklung in den Fokus, die sich mit der Gestaltung gezielter Veränderungsprozesse in sozialen Organisationen befassen. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Organisationen der Sozialwirtschaft zunehmend einem volatilen, unsicheren, komplexen und mehrdeutigen Umfeld ausgesetzt sind. Vor diesem Hintergrund wird Organisationsentwicklung als ein strategischer, langfristig angelegter Prozess begriffen, der auf die nachhaltige Verbesserung organisationaler Strukturen, Prozesse und Kulturen abzielt. Zunächst wird das klassische Modell der Organisationsentwicklung vorgestellt, das unter anderem auf Aktionsforschung und zyklische Veränderungsprozesse setzt. Im Mittelpunkt steht dabei die kontinuierliche Reflexion des organisationalen Handelns sowie die gemeinsame Entwicklung von Zielen und Maßnahmen. Darauf aufbauend werden die neueren systemischen Modelle der lernenden Organisation und der lebensfähigen Organisation vorgestellt. Die lernende Organisation basiert auf der Idee eines kontinuierlichen organisationalen Lernens, das durch systemisches Denken, Teamlernen und eine lernfördernde Organisationskultur getragen wird. Die lebensfähige Organisation hingegen betont strukturelle Merkmale wie Autonomie, Selbststeuerung und rekursive Kommunikation, die es Organisationen ermöglichen, auch unter instabilen Bedingungen handlungs‑ und entwicklungsfähig zu bleiben. Beide Modelle liefern Impulse für die Organisationspraxis, da sie auf eine ganzheitliche, adaptive und reflexive Gestaltung von Veränderungsprozessen abzielen. Der Autor sieht hier die Effizienz und Effektivität organisationalen Handelns gefördert. Die Modelle tragen auch zur Stärkung der Humanität und Partizipation innerhalb von Organisationen bei. Diese Einführung in die Organisation der Sozialwirtschaft schließt mit einer kurzen Schlussbetrachtung, die die zentralen Erkenntnisse zusammenführt.
Diskussion
Im ersten Teil des Buches erhält man die notwendige Orientierung im Sinne einer Einführung in die Sozialwirtschaft über die Grundlagen der sozialen Sicherung, die Akteure der Sozialwirtschaft sowie das Zusammenspiel der öffentlichen und freien Träger sozialer Sicherung in Deutschland. Der zweite Teil des Buches steht unter dem Titel „Organisationsanalyse und ‑entwicklung“ und beginnt mit den Organisationen im Spannungsfeld sowie den Organisationstheorien. Hier beschreibt der Autor die historische Entwicklung der Organisationstheorien (Techno-, Sozio‑ und Systemstruktur) und beginnt damit die Ausführungen zur Organisationsanalyse beginnend bei der Auftragserteilung und der Beteiligtenanalyse mit dem Ziel der Bildung einer Steuerungsgruppe. Tiefergehende Aussagen zur Sozialwirtschaft im Hinblick auf anstehende Herausforderungen wären wünschenswert.
Es folgen relativ allgemein gehaltene Ausführungen zur Analyse der funktionalen Aufbauorganisation sowie ein Abschnitt zur Ablauforganisation. Das Eingehen auf die vermehrt eingesetzte Prozessorganisation und die anstehenden Digitalisierungsschritte wären ein zukunftsweisender Beitrag.
Es folgt die Analyse formeller und informeller Verhaltensstrukturen sowie der Verhaltensstrukturen der Führungskräfte und Mitarbeiter:innen. Die Kostenanalyse, Wettbewerbsanalyse, Stärken-Schwächen-Analyse und die Portfolioanalyse sind weitere Aspekte. Sind hier Gemeinsamkeiten mit Profitorganisationen zu finden?
Anschließend werden Ziele aus der Organisationsanalyse abgeleitet, differenziert und fordernde bzw. hemmende Bedingungen aufgelistet. Hier wäre noch Platz für Zielbilder und strategische Leitsätze, da ja die zu bewältigenden Herausforderungen in naher Zukunft bereits auf der Hand liegen.
Abschließend wird noch die Realisierbarkeit der Ziele geprüft. Das nächste Kapitel widmet sich den Methoden der Organisationsentwicklung in der Sozialwirtschaft.
Im letzten Kapitel des zweiten Teils werden noch zwei neuere Modelle der Organisationsentwicklung vorgestellt. Unter dem Titel der lernenden Organisation finden sich eingangs die Methoden der lernenden Organisation, die Stärkung der individuellen Handlungskompetenz sowie die Veränderung der Organisationskultur in Richtung der lernenden Organisation. Weitere Ausführungen zur lernenden Organisation als Modell und ihre Auswirkungen auf die Arbeitsabläufe wären interessant. Weiter wird das Modell der lebensfähigen Organisation vorgestellt, wobei die Gestaltungsprinzipien lebensfähiger Organisationen den Anfang machen und das systemische Handeln in lebensfähigen Organisationen den Abschluss bildet. Die Überlebensfähigkeit von sozialen Organisationen ist bei den vielfältigen Herausforderungen ein spannendes Thema im Hinblick auf die agile Organisation.
Fazit
Der Schwerpunkt der Publikation liegt mit den Besonderheiten der Sozialwirtschaft auf dem ersten Teil der Publikation. Der zweite Teil ist eher allgemein gehalten der Organisationsentwicklung gewidmet, wobei Aspekte der nahen Zukunft wie das Prozessmanagement und Transformationsmanagement noch nicht angesprochen werden. Bemerkenswert ist der Ansatz der lebensfähigen Organisation.
Rezension von
Prof. Dr. Paul Brandl
war Professor für Organisationsentwicklung und Prozessmanagement an der FH Oberösterreich, Department für Sozial- und Verwaltungsmanagement und ist Berater insbesondere für die prozessbasierte Optimierung und Neugestaltung von sozialen Dienstleistern
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