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Martin Donner, Heidrun Allert: Auf dem Weg zur Cyberpolis

Rezensiert von Arnold Schmieder, 05.10.2023

Cover Martin Donner, Heidrun Allert: Auf dem Weg zur Cyberpolis ISBN 978-3-8376-5878-1

Martin Donner, Heidrun Allert: Auf dem Weg zur Cyberpolis. Neue Formen von Gemeinschaft, Selbst und Bildung. transcript (Bielefeld) 2022. 496 Seiten. ISBN 978-3-8376-5878-1. D: 29,00 EUR, A: 29,00 EUR, CH: 35,70 sFr.
Reihe: Digitale Gesellschaft - 41.

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Thema

„Die gesellschaftliche Transformation durch vernetzte Technologien ist überall greifbar: in Lebenspraxen, Selbstentwürfen, Weltzugängen, Metaphern, Denkschemata, und allerlei propagierten Gesellschaftsvisionen.“ Verantwortlich dafür sei laut Hörl eine ‚„kybernetische Umwälzung der menschlichen Wirklichkeit‘“, der Donner und Allert nachgehen. (S. 7) Es geht, wie im Untertitel ausgewiesen, um neue Formen der Gemeinschaft und der Bildung, wesentlich aber auch um das ‚Selbst‘, wie und mit welchen Folgen es von Digitalisierung affiziert wird. Digitalisierung, Erbe früher Kybernetik (auf die eine ‚Counterculture‘ setzte), greift in soziale, kulturelle und politische Prozesse ein, womit sie, und darum kreist das Buch, neue Gemeinschafts- und Bildungsformen „denkbar werden lässt“, wie es auf der Rückseite des Covers heißt. Doch der Autor und die Autorin annoncieren gleich in ihrem Vorwort, dass sie feingliedriger ausloten, nämlich auch „konkrete Praktiken“ und „Lebensstile“ untersuchen, wie sie sich (auch) „im Kontext von historisch situierten soziotechnischen Konstellationen emergent entfaltet.“ Klar wird und ganz und gar nicht unterschlagen, „dass es sich beim Weg zu einer ‚Cyberpolis‘ um eine hochgradig polyvalente Entwicklung handelt, die von sozioökonomischen Bedingungen und Machtverhältnissen geprägt aber nicht determiniert wird.“ Was „Visionen“ betrifft, können sie demnach „emanzipatorisch-egalitäre als auch höchst totalitäre Züge“ tragen, was dann auch, so man die emanzipatorische Dimension favorisiert, die Frage aufwirft, „wie eine nachhaltige Polis unter den gegebenen technologischen Bedingungen aussehen könnte.“ Dann geht es um „alternative Gestaltungsmöglichkeiten“ (S. 7 ff.), die im letzten Kapital thematisch werden. Dort werden deutliche Töne angeschlagen: „Man kann nicht den individuellen Wettbewerb forcieren und dann erwarten, gemeinschaftlich-kollaborative und (sozial) nachhaltige Wertorientierungen zu generieren.“ (S. 439) Gegenkulturelle, emanzipatorisch ambitionierte Ansätze sind nicht vergessen – doch, und so lautet der Schlusssatz des Buches: „Die seit den 1990er Jahren dominierende Alternative einer schlichten Übersetzung der Counterculture-Versprechen in Marketing-Claims in Verbindung mit einer möglichst umfassenden ‚Reprogrammierung der Gesellschaft‘ unter dem Primat der Ökonomie hat zum Status quo mit seinen neuen Formen des Autoritarismus geführt.“ (S. 442) Sicherlich sind die all überall virulenten „neobehavioristischen Integrationsmodelle“ nicht zu unterschätzen, doch „(v)ollständig außenprogrammierbar sind Menschen (…) freilich nicht.“ (S. 283)

Autor:innen

Dr. Martin Donner promovierte als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem BMBF-Projekt zur Digitalisierung in der Kulturellen Bildung. Das Projekt ist an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg am Lehrstuhl für Pädagogik mit Schwerpunkt Kultur und ästhetische Bildung angesiedelt. Der Autor war einige Jahre als Medienkünstler und elektronischer Komponist tätig.

Dr. Heidrun Allert ist Professorin der Pädagogik mit Schwerpunkt Medienpädagogik und Bildungsinformatik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Inhalt

Nach der Einleitung folgen fünf, unterschiedlich umfangreich untergliederte Hauptkapitel, gefolgt von einem Abkürzungs- sowie Abbildungsverzeichnis, Dokumentationen und You Tube-Quellen, schließlich dem Literaturverzeichnis. Die Einleitung ist von beiden Autor:innen verfasst, das vierte Kapitel hat Heidrun Allert verfasst, für die anderen Kapital zeichnet Martin Donner.

Kybernetik (im entlehnten und eingedeutschten Wort ‚cyber‘ noch aufscheinend), einst als neue ‚Universalwissenschaft‘ mitsamt der mit ihr verbundenen Technologien verstanden, zog auch als Orientierung in die Sozialwissenschaften ein. Zu den Technologien zählten resp. zählen auch Computertechnologie bzw. die neuen ‚Elektronengehirne‘. Zunächst waren es Künstler, die sich fußend auf Erfahrungen mit Menschenprogrammierung durch Drogen mit der Aufnahme von kybernetischen Erkenntnissen auseinandersetzten.

Im ersten Kapitel, Zur Polyvalenz von Optimierungsspielen: Kybernetik und neue künstlerisch-ästhetische Medienpraktiken in der 1960er Jahren, wird gezeigt, dass und wie gemäß einem Verständnis, das Gehirn sei analog als System wie ein Elektronengehirn zu verstehen, eben Kunstschaffende kybernetisch inspiriert auf ‚„Selbst-Programmierungen‘“ zielten, „transformatorische Bildungserfahrungen“ provozieren wollten, gewendet gegen den „Protonormalismus ihrer Zeit“ und „antigouvernemental“. (S. 10) Wichtig ist, hier die „positiv konnotierte Adaption und Popularisierung kybernetischer Denkfiguren“ zu vermerken (S. 18), an denen die (künstlerische) Botschaft über die „posthumanistische Selbstermächtigung eines Subjekts“ orientiert war, „das existenziell prekarisiert wurde und in der Folge kein klassisch autonomes Subjekt mehr ist“. Doch ist „Vermächtnis der technophilen Counterculture“ (eben auch), den Menschen potentiell aus seinem „parasitären anthropozentrischen ‚Solipsismus‘ zu befreien, in dem ihn die Idee einer autonomen Subjektivität als Prämisse der modernen Politik gefangen hält.“ (S. 143) (Diese Argumentationsfigur hält der Autor in den von ihm verfassten Kapitel bei.)

Zur Genese der Cyberpolis-Medien Internet und Personal Computer lautet der Titel des zweiten Kapitels. Der Begriff ‚polis‘ im Kompositum geht auf „Poleis“ zurück, was „argumentative Rechtfertigungsordnungen von Gemeinschaften“ meint „und damit normative Quellen der Koordinierung sozialen Handelns.“ Als Regeln „hängen sie eng mit der Gerechtigkeitsproblematik zusammen“ (S. 273) – was damit zusammenhängen mag, dass in den USA bei der Einführung der Computerwissenschaft etliche Kriegsgegner beteiligt waren. Zugleich wurde ein dezentraler Managementstil entwickelt, was auch im Sinne der gegenkulturell orientierten Entwickler war. Allerdings ging dieser neue Managementstil „nicht ursprünglich auf die Counterculture und ihre ‚Künstlerkritik‘“ zurück. Ein „kommerzielles Netzwerk von Kleincomputern zum Aufbau eines neuen Konsummarktes“ war bereits angedacht. (S. 122) Doch an den Zweig gegenkultureller Aufnahme der Kybernetik schloss sich in den siebziger Jahren eine Computer-Counterculture an, woraus das gegenkulturell inspirierte ‚Hacking‘ entstand wie ebenso verschiedene Graswurzel-Netzwerktechnologien und erste ‚Soziale Netzwerke‘, worauf eine Kommerzialisierung erfolgte. Erhalten blieb, dass sich in „organisationsökonomischer Hinsicht“ Computer neben der Nutzung durch Militär und Wirtschaftsunternehmen „auch für das Management von Community-Projekten einsetzen“ lassen, wodurch sie – so der Autor – in dieser Nutzung „an einer Rekonfiguration des Sinnlichen beteiligt“ sind. (S. 134)

Um „Wachstum und ‚Governance‘-Strukturen des privatisierten Internets“ geht es einleitend im dritten Kapitel Die 1990er Jahre – auf dem Weg zur Cyberpolis und damit zentral um Fragen der sog. Netzwerkgesellschaft sowie der New Economy, wichtigen Schritten auf dem Weg zur Cyberpolis. Einerseits rückt weltweite Kommunikation mit der Möglichkeit der Bildung neuer (Formen von) Gemeinschaften näher, andererseits sind abgeschattete privatisierte Wege zur Steuerung von Gesellschaft(en) und jenem im Untertitel so bezeichneten ‚Selbst‘ eröffnet. ‚Informationszeitalter‘ war und ist das Stichwort, in ihm auch Anbahnung profitabler Informationsökonomien. Anknüpfungen an die „Emanzipationsbestrebungen der (Computer- )Counterculture“ (S. 145) treten zurück bzw. verflüchtigen sich. In Politik und Ökonomie sickert „kybernetisches Gedankengut“ ein und präfiguriert „Steuerungshandeln“. (S. 159) Laut Hörl handelt es sich unter dem Strich um „eine ‚kapitalozäne Environmentalisierungsbewegung‘, in der Macht und Kapital durch medientechnologische Vermittlung auf ganz neue Weise zu den zentralen Umwelten werden“ (S. 169) – u.a. mit der Erscheinung, dass es oberhalb der leibhaftigen Kapitalist:innen einen „‚gesichtslosen kollektiven Kapitalisten (gibt), der aus Finanzströmen besteht, die durch elektronische Netzwerke in Gang gehalten werden‘“. (Castells, zit. S. 278) Schlussendlich haben auch damit die „aus dem Krieg geborene Kybernetik und ihre Technologien (…) das Potenzial, zum Menetekel des Menschen zu werden, sie haben jedoch auch das Potenzial den Keim zu bilden für eine neue Episteme, in welcher der Mensch keine ‚empirisch-transzendentale Dublette‘ mehr ist und auch nicht zur einer rein empirischen Entität degeneriert, sondern in der er sich seiner exklusiven transzendentalen Enthobenheit gedanklich entledigt, aber dennoch ein wertvolles Wesen neben anderen ebenso wertvollen Wesen bleibt, mit denen er responsiv verwoben ist.“ (S. 287)

Das von Heidrun Allert verfasste vierte Kapitel, 2022: Selbstregieren als Cyberpolis – eine Studie, führt mit einem Instagram-Post ein, das mit der Zeile endet, „das Leben sei die Summe der eigenen Entscheidungen.“ (S. 290) Der Beitrag wartet mit zahlreichen, erhellenden Dokumenten auf. Er basiert auf einer empirischen Studie über Digitale Nomad:innen, die in der Regel aus der privilegierten ersten Welt kommen und demokratische Staaten wie deren Institutionen ablehnen und sich für einen unregulierten, an Bedürfnissen orientierten Kapitalismus eben ohne Staat aussprechen. Das selbstfürsorgliche, selbstbestimmte Individuum ist ihr anzustrebendes und hic et nunc zu realisierendes Ideal. „Als eine Bewegung, die aus der Mitte der Gesellschaft heraus entsteht, stehen sie prototypisch für einen Trend hin zu einem esoterisch verbrämten, nicht mehr staatlich und demokratisch gerahmten Kapitalismus“ (S. 13 f.), fassen Donner und Allert in der Einleitung pointierend zusammen, wofür Allert in ihrem Beitrag ebenso ausführlich wie überzeugend Beweis führt: Sie zeigt (u.a.), dass und wie „ein Kapitalismus ohne Staat für Menschen in der Mitte der Gesellschaft anschlussfähig wird“ und „Digitale Nomad:innen (…) die Anforderungen der ‚New Economy‘ ideal“ erfüllen (S. 316 f.), und dabei kollektiv hervorgebrachte und gemeinschaftlich aufrecht erhaltene Errungenschaften von ihnen „durch eigene Arbeit und Leistung erst hervorgebracht werden“ muss. (S. 321) Der Mensch ist nicht „politisches Subjekt. Er ist Unternehmer:in und Investor:in, aber nicht Bürger:in“, worin und wobei „Unternehmer:innentum mit Menschsein“ gleichgesetzt ist. (S. 341 f.) Das heißt, dass – solches – „Individuum (…) schlicht (erwartet) und (…) bereits internalisiert (hat), in der Zukunft auf sich selbst gestellt zu sein und (…) nicht selbstverschuldet zurückbleiben (will).“ (S. 349) Die Autorin stellt die relevanten ideologischen Versatzstücke der Digitalen Nomad:innen und ihre Praktiken der Lebensgestaltung vor und nimmt sie kritisch auf, um zu resümieren, dass die „angenommene Autonomie eine Illusion (ist), denn digitale Nomad:innen verstricken sich in einen Technikutopismus, ohne den ihre Lebenspraxis gar nicht möglich wäre.“ (S. 360) Sie schließt mit den Worten, wir alle müssten unsere „Praktiken, Selbst- und Gemeinschaftskonzepte hinterfragen“, wobei die „Einübung von Praxen der Selbstfindung (…) nicht automatisch zu Praktiken der Gesellschaftlichkeit (führe), des Miteinander und der Zuwendung.“ (S. 366) Das scheint nach der vorherigen kritischen Inspektion der „Idee eines Kapitalismus ohne Staat“ (S. 351) unmöglich. Allert entlässt mit der Aufforderung und (angesichts ihrer Analyse: gemäßigten) Frage: „Demokratische, postdigitale Praxis muss stetig neu erprobt und reflektiert werden. Die Frage kann nicht sein, ob der ‚Cyberlibertarismus‘ für alle möglich wäre, sondern ob wir diesen wirklich leben wollen.“ (S. 366)

Das abschließende fünfte Kapitel hat als Titel Formen von Gesellschaft, Selbst und Bildung. Donner argumentiert, dass angesichts ökologischer Fragen, die auf den Nägeln brennen, und einem gleichzeitigen technologischen Machtzuwachs die demokratische gesellschaftliche Ordnung in Erosion zu geraten drohe. In der Einleitung ist dazu die These formuliert, dies „korreliert nicht zuletzt mit der kybernetischen Dekonstruktion der historischen Grundlage dieser Ordnung, nämlich dem Konzept einer autonomen und oft transzendental begründeten Subjektivität, auf der die liberalen Gesellschaftsordnungen der vorkybernetischen Moderne beruhen.“ (S. 14) Der Autor referiert kritisch Debatten zum Thema und er trägt Argumente für einen „posthumanistisch reflektierten Liberalismus“ vor (S. 399), um Vorschläge zu dessen Umsetzung zu machen. In der Gestaltung einer „inklusiven und partizipativen Cyberpolis“ könne es nicht um die „Aufrechterhaltung und Optimierung der herrschenden ökonomischen Logik gehen“, ein Wertekanon müsse von einer „Reflexion des Angewiesen-Seins auf Andere(s) und des Verwoben-Seins mit einer Mannigfaltigkeit von menschlichen und nichtmenschlichen Wesen“ gekennzeichnet sein, „Partizipation“ gelte es zu stärken und der „Vertrauensverlust in die Demokratie“ müsse bekämpft werden, wobei er daran erinnert: „Die digitalen Sozialen Netzwerke sind dereinst von Ausläufern der Counterculture erfunden worden und die damit verbundenen gesellschaftlichen Probleme begannen erst, als deren Ideen und Ideale kommerzialisiert und zu globalen Großunternehmen ausgebaut wurden.“ (S. 439 ff.) Donner beendet seinen Beitrag mit dem Resümee: „Die seit den 1990er Jahren dominierende Alternative einer schlichten Übersetzung der Counterculture-Versprechen in Marketing-Claims in Verbindung mit einer möglichst umfassenden ‚Reprogrammierung der Gesellschaft‘ unter dem Primat der Ökonomie hat zum Status quo mit seinen neuen Formen des Autoritarismus geführt.“ (S. 442)

Diskussion

Beklagenswert, doch nicht mit einem Schulterzucken abzutun, ist das (weitestgehende) Versiegen der Impulse aus der Counterculture sicherlich. Dass formale und inhaltsaffine Bildsprache des Dadaismus, des kritischen Zweiges der Pop Art, von Fluxus, um nur diese zu nennen, ein vergleichbares Schicksal der Kommerzialisierung erfuhren, was Donner und Allert bekannt sein dürfte, tröstet nicht und scheint der ganz normale Gang der Dinge. So gesehen ist Kunst und Kommerz kein eigenes Thema, ist business as usual; da wie hier sind es Standardfunktionsabläufe, kontrastieren noch durch Adaption das, was zu Veränderungen führen könnte – ein sattsam bekanntes Muster. Kommerzialisierung und Ökonomie, auch Macht sind Begriffe, die häufiger in den einzelnen Kapiteln bemüht werden und einen fundierten Kritikpfad einschlagen. Dass die Autorin und der Autor nicht das schwerere Geschütz einer Kapitalismuskritik zumindest in Stellung bringen, kann, aber muss nicht irritieren. Hinweisschilder sind zumal da aufgestellt, wo die Rede davon ist, den Menschen potentiell aus seinem „parasitären anthropozentrischen ‚Solipsismus‘ zu befreien“ (s.o.), wo von Anfang an ein „kommerzielles Netzwerk von Kleincomputern zum Aufbau eines neuen Konsummarktes“ (s.o.) ins Kalkül genommen war, wo „Unternehmer:innentum mit Menschsein“ (s.o.) gleichgesetzt wird, wo die „Aufrechterhaltung und Optimierung der herrschenden ökonomischen Logik“ (s.o.) gleichsam als Damoklesschwert und mehr noch als no go angeprangert wird. Die „kapitalistische Anwendung der Maschinerie“ (Marx) und auch, dass und wie in technologische Entwicklungen eine Perspektive der Profitabilität anleitend ist, ist das eigentliche Problem. Zugleich bleibt das Problem bestehen, „die Maschinerie von ihrer kapitalistischen Anwendung (zu) unterscheiden und (…) Angriffe vom materiellen Produktionsmittel selbst auf dessen gesellschaftliche Exploitationsform (zu) übertragen“. (Marx)

Auch diese Tastatur der „Exploitationsform“ wird im Buch angeschlagen und auf den Gegenstand gewendet, wobei das Heil zwar nicht in einem nahtlosen Anknüpften an die Computer-Counterculture gesucht wird, deren Vermächtnis allerdings erinnerungswürdig ist, und ganz und gar nicht bei den Digitalen Nomad:innen zu finden ist, welche Funktion und Rolle des Staates (was auch diskussionswürdig wäre) auf z.T. esoterischer Rutschbahn ins Jenseits des kapitalistischen Spielfeldes exilieren. Drei kybernetische Selbstkonzepte können laut Donner und Allert als Vermächtnis der Hippie- und Computer-Counterculture gelten, dass es sich nämlich beim PC um eine „genuine Selbstbildungstechnologie handeln soll“, dann das „technophile romantische Subjekt, das glaubt, sich mit technologischer Hilfe etablierten sozioökonomischen Machtstrukturen entziehen zu können“, und schließlich das „gegenkulturell infizierte Hacker:innen-Selbst, das eine Art Joker der Digitalisierung darstellt.“ (S. 10 f.) Es liegt durchaus nicht neben der Spur, an diese im Buch nicht unkritisch vorgestellten Selbstkonzepte zu erinnern. Schon bei Marx und auch in der Kritischen Theorie bei Horkheimer und Adorno ist andere Nutzung technologisch gebotener Möglichkeiten vor allem in Hinblick auf durch sie schaffbaren, nicht nur materiellen Reichtum visioniert. Man mag sich an den ‚arabischen Frühling‘ erinnern (auf den inzwischen ‚Winterstarre‘ folgte), man mag aktuell an (insbesondere weiblichen) Widerstand gegen das Regime im Iran denken, all dies war und ist bekanntlich möglich und wurde und wird beflügelt durch digitale Technologie. Dann aber spielen die am Fortbestand ihrer Herrschaft Interessierten, notfalls den ‚Machtjoker‘ aus und ziehen sprichwörtlich den Stecker. Oder aber man lässt gewähren und späht selbst läppischste Publikationen im Netz auf Inopportunes bis Rebellisches aus, was leicht machbar und ein umkämpftes Feld ist, um es kompatibel mit etablierten (oder dekretierten) demokratischen Werten zu halten. Ein fluides Geschmäckle der Überwachung bleibt. Und jene „‚Reprogrammierung der Gesellschaft‘“, der „Primat der Ökonomie“, diese „neuen Formen des Autoritarismus“ (s.o.), all das durchseucht (auch) das Alltagsleben. Nur gut scheint es, wenn dem (auch) mit den technologisch gebotenen, digitalen Möglichkeiten Paroli geboten wird.

Fazit

Donner und Allert haben mit „Cyberpolis“ eine bemerkenswerte Studie vorgelegt, in der sie auf der Basis einer sehr breiten Literaturkenntnis auch wesentliche, das Thema berührende Aspekte nicht nur benennen, sondern kritisch ausbuchstabieren. Andere Gestaltungsmöglichkeiten der sogenannten digitalen Gesellschaft werden diskutiert, allerdings ohne affirmative Scheuklappen und immer mit kritischem bis skeptischem Blick auf das, was ‚andere‘ Gestaltung und ‚anderer‘ Nutzung entgegensteht oder sie konformierend vereinnahmt. Daher ist das Buch, und zwar nicht nur wegen seines hohen Informationsgehaltes, nachdrücklich zu empfehlen.

Rezension von
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 05.10.2023 zu: Martin Donner, Heidrun Allert: Auf dem Weg zur Cyberpolis. Neue Formen von Gemeinschaft, Selbst und Bildung. transcript (Bielefeld) 2022. ISBN 978-3-8376-5878-1. Reihe: Digitale Gesellschaft - 41. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30019.php, Datum des Zugriffs 27.02.2024.


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