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Andreas Schadauer: Wissen in Zahlen?

Rezensiert von Dr. Elitsa Uzunova, 10.04.2024

Cover Andreas Schadauer: Wissen in Zahlen? ISBN 978-3-8376-6398-3

Andreas Schadauer: Wissen in Zahlen? Zur Herstellung quantitativen Wissens in der Sozialwissenschaft. transcript (Bielefeld) 2022. 254 Seiten. ISBN 978-3-8376-6398-3. D: 45,00 EUR, A: 45,00 EUR, CH: 54,90 sFr.
Reihe: Science Studies.

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Thema

Das Buch „Wissen in Zahlen? Zur Herstellung quantitativen Wissens in der Sozialwissenschaft“ beschreibt den Einfluss von Zahlen und Statistiken als Ergebnis von Handlungen und Interaktionen vieler verschiedener Elemente in vielen verschiedenen Umgebungen: Politik, Wirtschaft, staatliche Einrichtungen, wissenschaftliche Arbeitsstätten, digitale Umgebungen u.v.m. Dadurch soll das Verständnis davon, wie Zahlen und Statistiken Einfluss nehmen können, greifbarer und nachvollziehbarer gemacht werden. Das Buch zielt darauf ab, näherzubringen, dass die Produktion von Zahlen und Statistiken und die Produktion ihres Einflusses die Folge unterschiedlicher Tätigkeiten und Verhältnisse sind, die weit über das hinausgehen, was in Methodenbüchern diskutiert und bei der Nutzung von Zahlen und Statistiken ersichtlich gemacht wird.

Autor

Dr. Andreas Schadauer forscht und lehrt an der Universität Wien, Institut für Soziologie und am FH-Campus Wien, Abteilung Soziale Arbeit zu den Themen Soziale Ungleichheit, Rassismus, Social Studies of Social Sciences und Sozialtheorien. Er ist Absolvent des Postgraduate Lehrgangs mit Schwerpunkt Praxistheorien am Institut für Höhere Studien. Seine Promotion erfolgt am Institut für Wissenschafts- und Technikforschung der Universität Wien.

Entstehungshintergrund

Das Buch stellt eine überarbeitete Fassung der Dissertation des Autors mit dem Titel „Verschlungene Wege sozialwissenschaftlicher Wissensproduktion“ dar, die 2016 abgeschlossen wurde. Sie baut auf einer Fallstudie auf, die in den Jahren davor entstanden ist.

Aufbau

Das Buch ist in zwei Teile unterteilt: Teil I umfasst die theoretischen und methodologischen Grundlagen, während Teil II die Fallstudie präsentiert.

Inhalt

Teil I behandelt die theoretischen und methodologischen Grundlagen. Hier werden verschiedene Aspekte der Sozialwissenschaften und deren Bedeutung untersucht. Kapitel 1 beschäftigt sich mit dem Stellenwert von Sozialwissenschaften, Zahlen und Statistiken in der modernen Gesellschaft. Es werden Fragen zur Versozialwissenschaftlichung der Gesellschaft, zur Forschung zu Statistik und Quantifizierung sowie zur Rolle und Bedeutung der Sozialwissenschaften in der europäischen Forschungsförderlandschaft diskutiert. Der Autor stellt einen Mangel an Abgrenzung zwischen Relevanz, Sichtbarkeit und Impact von Forschungsergebnissen fest und weist darauf hin, dass selbst das Einhalten strengster wissenschaftlicher Standards die richtige Einordnung von Wissensprodukten in der sozialen Realität nicht garantiert.

Kapitel 2 stellt das sozialtheoretische Fundament der Studie dar. Es werden Schatzkis Social Sites und Latours Akteur-Netzwerk-Theorie behandelt. Dabei wird herausgestellt, dass Schatzki die Bedeutung sozialer Praktiken und ihre Verbindung zu Ordnungen und materiellen Arrangements betont, während Latour die Rolle von Dingen und Objekten als relevante Akteure in sozialen Interaktionen hervorhebt. Beide theoretischen Ansätze betonen die Bedeutung von empirischen Analysen und die Rolle von textual accounts als Laboratorien der Sozialwissenschaften. Der Text schließt mit dem Vorschlag, dass soziale Phänomene als dynamisch, brüchig und situationsabhängig betrachtet werden sollten, und dass ihre Analyse eine empirische, nicht endgültig theoretisch fixierbare Frage ist.

In Kapitel 3 wird diskutiert, wie der Begriff Wissen in verschiedenen Forschungsansätzen gefasst wird und welche Bedeutung er in der empirischen Forschung einnimmt. Die Metapher des „Blutkreislaufs der Wissenschaft“ wird verwendet, um die verschiedenen Elemente und Akteur:innen zu veranschaulichen, die zur Produktion von wissenschaftlichem Wissen beitragen. Es wird betont, dass wissenschaftliches Wissen nicht unabhängig von sozialen und materiellen Praktiken betrachtet werden kann, dass Zahlen und Statistiken unterschiedliche „Härtegrade“ haben und dass die Relevanz und Bedeutung von Wissen in verschiedenen Kontexten und Situationen unterschiedlich ausfallen können.

Kapitel 4 widmet sich der Situational Analysis und praxistheoretischen multi-sited Untersuchungen. Es werden das wissens- und sozialtheoretische Fundament der Grounded Theory sowie das sozialtheoretische Fundament der situational analysis mit dem Ziel erläutert, die Anschlussfähigkeit der Grounded Theory Methodology in der Erweiterung von Adele Clarke in Richtung situational analysis für das vorliegende Forschungsvorhaben herauszuarbeiten.

Kapitel 5 bietet eine Zusammenfassung der Kapitel 1 bis 4. Führend ist dabei die Frage danach, wie die Art, etwas wissenschaftlich zu wissen, Signifikanz und einen faktengleichen Status erlangt? Es wird darauf verwiesen, dass der aktuellen Forschungsaufgabe keine homogene und klar abgegrenzte theoretischen Aufstellung zugrunde gelegt werden kann, sondern immer wieder der dynamische und sich beständig entwickelnde Charakter sozialer Phänomene herausgestellt werden sollte. Weil Übereinstimmung zeigen die betrachteten Theorien darin, dass der Platz des Sozialen und damit der Platz der Sozialanalyse multipel, räumlich verstreut und temporär ist.

In Teil II der Fallstudie, wird eine konkrete Untersuchung präsentiert. Kapitel 6 befasst sich mit der Gegenstandsbeschreibung und Materialgenerierung der Fallstudie. Sie umfasst zwei von der österreichischen Nationalbank durchgeführte Erhebungen (den bis Ende 2012 laufenden Household Finance and Consumption Survey (HFCS) und die Immobilienvermögenserhebung von 2008), welche wegen der weitreichenden Berücksichtigung von Finanz- und Immobilienvermögen besonders geeignet für die Untersuchungszwecke erscheinen. Es wurden mit Absicht bereits abgeschlossene Erhebungen gewählt, damit der Beitrag von Akteur*innen der politischen und medialen Arena an der Generierung von Wissen über die Gesellschaft besser erfasst werden kann, was bei einer laufenden Erhebung unmöglich wäre. Das Datenmaterial schließt neben den Feld- und Erhebungsdaten Berichte, Zeitungsartikel und Mitschriften der Nationalratssitzungen ein, die nach dem Prinzip des theoretischen Samplings generiert wurden.

In Kapitel 7 geht es um die methodische Anlage der Studie. Es werden der Feldeinstieg, die Arbeit der Forscher:innen, die Instrumente, die Feldphase und die Datenkontrolle sowie die Durchführung der Erhebungen durch das Institut für empirische Sozialforschung (IFES) behandelt. Außerdem werden STATA und LaTex als Instrumente erwähnt. Laut Beobachtungen des Forschenden stellen beide Programme aktive Teilnehmende an der Erhebung dar und haben ihren Anteil an dem spezifischen Zustandekommen der Zahlen und Statistiken, aber auch an deren Festigkeit. Der Autor betrachtet die Entstehung der Daten als ein Wechselspiel verschiedener Bedingungen, bspw. miteinander konkurrierende Organisationen auf dem Markt für Markt- und Meinungsforschung, Dynamik von durchführenden Organisationen und Auftraggeber:innen von Erhebungen, Lernprozesse der Forscher:innen, alles vor dem Hintergrund fortlaufender technologischer Entwicklungen.

Kapitel 8 untersucht die wichtige Rolle der wissenschaftlichen Gemeinschaft in Bezug auf die Konstruktion und die Nutzung von Wissen, da die Erhebung als Teil eines größeren Netzwerks aus unterschiedlichen Forscher:innen und Expert:innen durchgeführt wird. Der Autor hebt die aktive und lebendige Natur der Daten hervor, die sich durch ihre Zugänglichkeit für weiterführenden Untersuchungen, nachdem die an der Produktion beteiligten Forscher*innen bereits anderen Projekten sich widmen, ergibt.

Kapitel 9 beschäftigt sich mit der Verwendung von Zahlen und Statistiken in der öffentlichen Repräsentation. Es werden die Modalitäten beim Argumentieren mit Zahlen und Statistiken behandelt, sowie die Themen der Koproduktion und des Public Understandings der Sozialwissenschaften. Wichtig ist das nach Ansicht des Autors, weil die Zahlen und Statistiken unausweichlich in Argumente für eine bestimmte wirtschaftspolitische Agenda umgewandelt werden, um von Aktivist:innen, Kommentator:innen und Journalist:innen in die aktuellen politischen Auseinandersetzungen eingebunden zu werden. Beim konkreten Beispiel zeichnet sich die Erhebung der österreichischen Nationalbank durch eine starke Verkürzung und Entproblematisierung der erhobenen Zahlen und Statistiken. Dabei werden die berichteten Zahlen und Statistiken vorwiegend als Abbildungen von Österreich anstatt als Produkte bzw. Konstruktionen, die auf bestimmten Forschungspraktiken basieren, dargestellt.

Kapitel 10 beleuchtet Allianzen und Konflikte im Zusammenhang mit der Erhebung und Nutzung von Zahlen und Statistiken. Anhand von Beispielen und Interviewdaten demonstriert der Autor wie die politische Situation nicht die Handlungsmöglichkeiten der Forscher:innen (z.B. Veröffentlichungen) einschränken, sondern auch gewisse weitere Handlungen und Praktiken im Forschungsprozess erzwingen und mitformen kann.

Im Kapitel 11 werden für die Darstellung ausgewählter Inhalte, Begriffe, Formulierungen und Ergebnisse der Erhebungen der OeNB präsentiert, die sie sich an eine breitere Leser:innenschaft richten: der Kapitel „Aspekte der Vermögensverteilung“ des Sozialberichts 2009–2010 sowie der Kapitel „Fakten zur Vermögensverteilung in Österreich“ des Sozialberichts 2011–2012.

Abschließend werden die sozialen Welten und Arenen von Zahlen und Statistiken diskutiert, sowie der Nutzen der Anerkennung der Wege sozialwissenschaftlicher Wissensproduktion hervorgehoben. Das Buch endet mit dem Appell, die Komplexität der Wissensproduktion anzuerkennen und stets die Verantwortung aller beteiligten Akteure und Aktanten zu berücksichtigen.

Diskussion

Der Autor weist darauf hin, dass die Sozialwissenschaften oft von der Wissenschaftsforschung ignoriert wurden und ihre Arbeitsweise und ihr Verhältnis zu anderen sozialen Bereichen nur sporadisch untersucht wurde. Mit seinem Text diskutiert er die komplexe Natur der quantitativen sozialwissenschaftlichen Wissensproduktion anhand von Fallstudien und betont die politische Dimension der Produktion und des Umgangs mit Wissen in Form von Zahlen. Er schlägt vor, ein ethnografisches Verständnis zu nutzen, um die mannigfaltigen Beziehungen, die in Zahlen und Statistiken verfestigt sind, offenzulegen. Darüber hinaus betont er die Verantwortung der beteiligten Akteur:innen und Aktanten für die von ihnen produzierten Realitäten.

Die einzelnen Methoden werden ausführlich dargestellt und mit anschaulichen Beispielen hinterlegt. Dabei werden einzelne Schritte, vor allem auch in der Methodenwahl, ausführlich beschrieben und begründet. Zudem bieten die ausführlichen Literaturangaben Unterstützung bei der zielgerichteten Suche nach vertiefender Literatur. Die Anwendungsbeispiele selbst vermitteln deutlich, welche Erkenntnisse durch den Methodeneinsatz gewonnen werden können.

Eine Stärke des Buches liegt in seiner klaren Strukturierung, die in zwei Teile unterteilt ist: Teil I umfasst die theoretischen und methodologischen Grundlagen, während Teil II eine Fallstudie präsentiert. Diese strukturierte Herangehensweise ermöglicht es den Lesenden, sich in das komplexe Thema einzuarbeiten und die Zusammenhänge besser zu verstehen.

Die dynamische und situative Natur sozialer Phänomene verlangt entsprechende methodische Herangehensweise. Die detaillierte Darstellung der Methodenwahl und die Anwendung anschaulicher Beispiele veranschaulichen den Prozess der Wissensproduktion und ermöglichen den Lesenden, ethnographische Einblicke in die gewonnenen Erkenntnisse zu erhalten. Zudem werden die politischen Dimensionen der Nutzung von Zahlen und Statistiken eingehend diskutiert, was zur Sensibilisierung für die Verantwortung der beteiligten Akteure und Aktanten beiträgt.

Insgesamt liefert das Buch nicht nur einen Einblick in die komplexe Welt der quantitativen Wissensproduktion in den Sozialwissenschaften, sondern regt auch dazu an, die Dynamik und Verantwortung dieser Prozesse zu reflektieren. Es ist eine wertvolle Ressource für Studierende und Forschende, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen möchten, da es nicht nur theoretische Konzepte vermittelt, sondern auch praktische Anwendungen und Reflexionen bietet.

Fazit

Das Buch „Wissen in Zahlen? Zur Herstellung quantitativen Wissens in der Sozialwissenschaft“ von Dr. Andreas Schadauer bietet eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit der Produktion quantitativen Wissens in den Sozialwissenschaften. Durch die Betrachtung von Zahlen und Statistiken als Ergebnis vieler verschiedener Einflüsse und Handlungen in diversen Umgebungen vermittelt der Autor ein tieferes Verständnis für ihre Bedeutung und Auswirkungen.

Rezension von
Dr. Elitsa Uzunova
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Es gibt 2 Rezensionen von Elitsa Uzunova.

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ISSN 2190-9245