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Thomas Piketty: Eine kurze Geschichte der Gleichheit

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 21.11.2022

Cover Thomas Piketty: Eine kurze Geschichte der Gleichheit ISBN 978-3-406-79098-0

Thomas Piketty: Eine kurze Geschichte der Gleichheit. Verlag C.H. Beck (München) 2022. 264 Seiten. ISBN 978-3-406-79098-0. 24,00 EUR.

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Wir sollten es wissen…

„Ison“, das Gleiche (ίσον, aequuum), definierten bereits die antiken griechischen und römischen Philosophen als „definitorisches Merkmal der Gerechtigkeit“ (Aristoteles-Lexikon, 2005, S, 252f). Es ist das Wissen, dass alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren, mit Vernunft und Gewissen begabt sind. So lesen wir es in der allgemeingültigen, nicht relativierbaren Menschenrechtsdeklaration. Es ist zu fragen, warum es in der Menschheitsgeschichte immer wieder – bis heute – Entwicklungen gibt, die Ungerechtigkeiten, Ungleichheiten, Dominanzen und Machtmissbrauch schaffen. Der französische Ökonom und Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty setzt sich für eine individuelle und kollektive, lokal- und gesellschaftspolitische soziale Gleichheit und Gerechtigkeit ein. Er verweist darauf, dass Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten menschengemacht sind: Kapitalismus als ungerechte, ideologisierte Wirtschafts- und Lebensform muss deshalb auch von den Menschen überwunden werden (siehe Rezension zu: Thomas Piketty, Kapital und Ideologie, 2020).

Entstehungshintergrund

„Wir wissen, dass wir es besser machen können. Die Vergangenheit zeigt uns wie. Die Zukunft liegt an uns“. Mit dieser optimistischen Aussage richtet sich Thomas Piketty an einen größeren Leserkreis als den, den er mit seinen Forschungsberichten erreicht. Es ist eine populäre Fassung mit dem intellektuellen Anspruch, eine vergleichende Geschichte der Ungleichheiten vorzulegen, wie sie sich in den vergangenen Jahrhunderten vollzogen hat, mit Revolten, Revolutionen, Kriegen und Krisen. Der Blick in die Vergangenheit bietet ihm sogar die Möglichkeit festzustellen: Es gibt, so der Autor, „eine historische Bewegung hin zur Gleichheit“; erst einmal ein überraschender Ausspruch angesichts der aktuellen Situationen, dass die Reichen immer reicher und die Habenichtse immer ärmer werden; die demokratischen, friedlichen Entwicklungen weltweit zurückgehen und die undemokratischen, diktatorischen und populistischen zunehmen; es wieder Krieg gibt in Europa; der Klimawandel Ängste bewirkt; die zunehmende „Unwirtlichkeit“ der Welt humane Lebensmöglichkeiten einschränkt. Da ist Aufmerksamkeit und Interesse geweckt, wenn der Autor behauptet: „So ungerecht sie scheinen mag, die Welt der beginnenden 2020er Jahre ist egalitärer als von 1950 oder 1900, die ihrerseits in zahlreichen Hinsichten egalitärer war als die Welt von 1850 oder 1780“. 

Aufbau und Inhalt

Piketty gliedert sein Essay, neben der Einführung, in zehn Kapitel. Im ersten wird „der lange Weg zur Gleichheit“ skizziert; im zweiten reflektiert er „die allmähliche Dekonzentration von Macht und Eigentum“; im dritten wird an „das Erbe der Sklaverei und des Kolonialismus“ erinnert; im vierten wird „die Frage der Wiedergutmachung“ gestellt; im fünften erfolgt eine Auseinandersetzung mit „Revolutionen, Status, Klassen“; im sechsten wird „die große Umverteilung, 1914 – 1980“ thematisiert; im siebten werden soziale und politische Fragen und Perspektiven von „Demokratie, Sozialismus und progressive Einkommenssteuer“ formuliert; im achten wird diskutiert, wie sich „reale Gleichheit gegen Diskriminierung“ entwickeln kann; im neunten werden „Auswege aus dem Neokolonialismus“ aufgezeigt; und im zehnten Kapitel erfolgt ein Plädoyer „für einen demokratischen, ökologischen sowie ethnisch und kulturell diversen Sozialismus“.

Die anthropologische Selbstverständlichkeit, wie auch die Vision, dass der Mensch in seiner evolutionären, kulturellen und ethischen Entwicklung ein Lebewesen ist, das als Individuum einmalig und als Kollektiv vielfältig gleich ist, gilt es immer wieder neu sich bewusst zu machen und zu aktivieren. Der Mensch ist zwar ein unvollständiges, verletzliches Subjekt (Angela Janssen, 2018), doch er ist fähig, sich sozial und kulturell weiter zu entwickeln (Jürgen Wilhelm, 2010). Es sind die demokratischen Werte – Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Gemeinsamkeit – die es immer wieder zu erringen gilt, engagiert, en détail und en gros. „Wer strebend sich bemüht…“, die Faust’sche Formel verdeutlicht die Anstrengung, die notwendig ist, um weder Veränderung als automatischen Prozess zu verstehen, noch sie als absolut von Menschen machbar zu registrieren: „Soziale Kämpfe spielen eine Schlüsselrolle in der Geschichte der Gleichheit, aber die Frage der gerechten Institutionen und der egalitären Debatten… muss ebenso ernst genommen werden“. Es ist die immerwährende Frage, wie es gelingen kann, den Menschen bewusst zu machen, dass ein individueller und kollektiver, lokaler und globaler Perspektivenwechsel notwendig ist, damit die Menschheit human überleben kann, die Piketty in vielfältigen Argumenten und Analysen stellt und nachweist. Etwa mit der Überzeugung, dass „ohne Messung von Ungleichheit keine nachhaltige Entwicklung“ möglich ist; mit den Hinweisen, dass „der lange Weg zu mehr Einkommensgleichheit“ intellektuell anstrengend, aber notwendig ist; mit dem historischen Bewusstsein von hegemonialen, nationalistischen, rassistischen, eurozentristischen Machtmissbrauch; mit Fragen nach „Wiedergutmachung“; mit Aufforderungen zum revolutionären, partizipativen Denken und Handeln; mit der Paradigmenveränderung, dass „mehr wird, wenn wir teilen“ (Elinor Ostrom, 2011); mit der Überzeugung, dass nur demokratisch-freiheitliche und soziale Strukturen einen „demokratischen, selbstverwalteten und dezentralen Sozialismus“ schaffen; mit dem Willen, die „sozialen und rassistischen Diskriminierungen und insbesondere auf die Gleichheit des Zugangs zur Bildung und Beschäftigung“ wirkenden Einflüsse abzuwenden; mit dem Ziel, die ungleichen, neokolonialen und menschenfeindlichen Einflüsse zu stoppen und einen Wandel vom „National-Sozialstaat (hin) zum Föderal-Sozialstaat“ zu bewirken.

Diskussion

Pikettys Bemühen, die schwierigen, komplizierten und nicht mit einfachen Ja- oder Nein-Reaktionen zu durchschauenden lokalen und globalen ökonomischen, kulturellen und politischen Entwicklungen, populär zu erklären, ist anzuerkennen und auch, dass er dabei nicht in die kakophonen, populistischen, ideologischen Klagen einstimmt, sondern sich befleißigt, die humanen Ziele einer „Menschheitserrettung“ optimistisch und machbar zu formulieren: „Der Weg zur Gleichheit tut sich in einem Kampf auf, der lange zurückreicht und auch im 21. Jahrhundert weitergehen wird, immer vorausgesetzt, dass wir ihn alle aufnehmen und uns von den Spaltungen zwischen Identitäten, aber auch zwischen Disziplinen freimachen, die uns oft genug nicht vorwärts kommen lassen“ (siehe Rezension zu Andrea Komlosy, Zeitenwende. Corona, Big Data und die kybernetische Zukunft, 2022).

Fazit

„Ungleichheit ist eine soziale, historische und politische (eig. Anmerkung: menschengemachte) Konstruktion“. Sie kann weder von einer „Himmelsmacht“, noch per Ordre du Mufti, sondern nur vom Menschen verändert werden. Der bemerkenswerte und anerkennenswerte Versuch von Thomas Piketty, einen Paradigmenwechsel mit allgemeinverständlichen Argumenten anzuregen und „Gleichheit“ als den höchst anzustrebenden, natürlichen Menschheitswert auszurufen, gelingt. So ist zu empfehlen, seine „Geschichte der Gleichheit“ in den öffentlichen, humanen Diskurs um globalen Frieden, Freiheit, Sicherheit und Gerechtigkeit und im schulischen und Erwachsenenbildungsprozess einzubringen.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1560 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 21.11.2022 zu: Thomas Piketty: Eine kurze Geschichte der Gleichheit. Verlag C.H. Beck (München) 2022. ISBN 978-3-406-79098-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30029.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


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