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George Lakoff, Mark Johnson: Leben in Metaphern

Rezensiert von Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf, 22.11.2022

Cover George Lakoff, Mark Johnson: Leben in Metaphern ISBN 978-3-8497-0232-8

George Lakoff, Mark Johnson: Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2021. 10. Auflage. 272 Seiten. ISBN 978-3-8497-0232-8. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: Systemische Horizonte.

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Autoren

George Lakoff, Ph.D. war bis 2016 Professor für kognitive Wissenschaft und Linguistik an der University of California, Berkeley, wo er seit 1972 lehrte.

Mark Johnson, Ph.D., ist Professor Emeritus of Philosophy and Philip H. Knight Professor of Liberal Arts and Sciences, Emeritus an der Universität Oregon.

Thema

Metaphern sind in unserem Alltag allgegenwärtig. Zumeist werden sie als so selbstverständlich aufgefasst, das kaum noch über sie nachgedacht wird. Dabei beeinflussen Metaphern unser Denken mitunter erheblich. Je nach Kontext, Kultur und persönlicher Präferenz nutzen Personen und Organisationen unterschiedliche Metaphern. Diese zu analysieren kann einiges über die Assoziationen und Wertmuster von Menschen verraten. Dem nehmen sich George Lakoff & Mark Johnson in ihrem Buch systematisch an. Dabei gelingt es ihnen, einen meist eher in Hochschulkontexten besprochenen Themenkomplex durch ihre Beispiele und Analysen so ansprechend darzustellen, dass die Lektüre auch für interessierte Nicht-Wissenschaftler:innen interessant sein kann. Metaphorisch ließe sich sagen, dass Metaphern eine »tragende Säule« (Metapher) unserer alltäglichen Kommunikation sind. Warum das so ist, was das bedeutet und welche Probleme damit »einhergehen« (Metapher) können, »beleuchten« (Metapher) die Autoren auf »erhellende« (Metapher) Art und Weise in ihrem Werk. Sie fundieren (Metapher) unser Verständnis dessen, wie wir unsere Welt und unser Agieren darin wahrnehmen und »begreifen« (Metapher).

Aufbau und Inhalt

Das 2021 in der 10. Auflage bei Carl-Auer erschienene Fachbuch hat 272 Seiten und ist in 30 Kapitel unterteilt, die jeweils einen Umfang von 3–11 Seiten haben. Lakoff & Johnson beginnen damit, darzulegen, dass Metaphern weit mehr seien als rein sprachliche Phänomene. Sie seien auch kulturelle Entitäten und aus unserem Alltagsleben nicht wegzudenken. Metaphern durchdrängten unsere Sprache und auch unser Denken und Handeln. „Unser alltägliches Konzeptsystem, nach dem wir sowohl denken als auch handeln, ist im Kern und grundsätzlich metaphorisch“, weshalb „unsere Art zu denken, unser Erleben und unser Alltagshandeln weitgehend eine Sache der Metapher“ seien (S. 11). Dessen seien sich die meisten Menschen aber nicht bewusst. Dieses Phänomen und seine zahlreichen Implikationen für unsere Kultur, Wirtschaft und Politik werden seitens der Autoren aufgegriffen und sprachwissenschaftlich analysiert. Im Rahmen dieser Rezension kann freilich nur auf eine Auswahl der vielfältigen Themenkomplexe eingegangen werden, derer sich Lakoff & Johnson annehmen.

Was es bedeute, dass unser Konzeptsystem metaphorisch geprägt ist, erläutern die Autoren beispielhaft anhand des Satzes „ARGUMENTIEREN IST KRIEG“. Argumentieren sei „keine Spielart der Kriegführung. Argumentation und Krieg sind zwei verschiedene Dinge – verbaler Diskurs und bewaffneter Konflikt –, und die jeweils ausgeführten Handlungen sind verschiedene Aktionsarten. Dennoch wird die ARGUMENTATION partiell in Begriffen des KRIEGES strukturiert, verstanden, ausgeführt und diskutiert. Das Konzept ist metaphorisch strukturiert, die Handlung ist metaphorisch strukturiert, und folglich ist die Sprache metaphorisch strukturiert“, erläutern Lakoff & Johnson (S. 13). Die Metapher sei nicht nur in den Worten präsent, die wir benutzen, sie ruhe vielmehr „in unserem gesamten Konzept von Argumentation“.

Die Metapher sei als sprachlicher Ausdruck „gerade deshalb möglich, weil das menschliche Konzeptsystem Metaphern enthält. Deshalb ist, wann immer wir in diesem Buch von Metaphern wie z.B. ARGUMENTIEREN IST KRIEG sprechen, das so zu verstehen, daß mit dem Begriff Metapher ein metaphorisches Konzept gemeint ist“ (S. 14). Dass wir Argumentationsvorgänge als Kampf konzeptualisieren, beeinflusse die Art, wie wir über unser Handeln während des Argumentierens sprechen, sind die Autoren überzeugt (S. 15). Ausdrücke aus dem Kriegsvokabular stellten eine systematische Art dar, „in der wir über die Kampfaspekte des Argumentierens sprechen“. Es sei daher kein Zufall, dass „diese Ausdrücke kampfbezogene Bedeutungen annehmen, sobald wir sie benutzen, um über Argumentationsvorgänge zu sprechen. Ein Teil des umfangreichen Kampfkonzepts bestimmt partiell das Konzept einer Argumentation, und die Sprache bringt das zum Ausdruck“ (ebd.).

Ein weiteres Beispiel dafür, wie Metaphern unser Denken bestimmen, geben die Autoren mit dem Ausdruck „ZEIT IST GELD“, der bekanntlich oft benutzt werde. In unserer Kultur sei Zeit ein eine begrenzte Ressource. „Die Metapher ZEIT IST GELD wird in unserer Kultur vielfältig angewendet: Telefongebühren pro Einheit, Stundenlöhne, Preis pro Übernachtung, Jahresetat, jährlicher Darlehenszinssatz, ein paar Jahre im Gefängnis absitzen“ (S. 16). Dieser Umgang mit der Zeit strukturiere unsere Alltagsaktivitäten. Dass „wir handeln, als ob Zeit ein wertvolles Gut sei […], hat ihre Entsprechung in der Art, wie wir mit Zeit kognitiv umgehen. Folglich verstehen und erfahren wir die Zeit als etwas, das ausgegeben, verschwendet, kalkuliert, klug oder schlecht investiert, erspart oder vergeudet werden kann“, heben Lakoff & Johnson hervor (ebd.).

Dass Zeit Geld sei und dass sie eine begrenze Ressource sei, bilde ein Wertesystem, das auf der Subkategorisierung basiert, dass Geld eine begrenzte Ressource und dadurch kostbar sei. Konkludent wird geschlussfolgert: „Aus der Metapher ZEIT IST GELD können wir ableiten: ZEIT IST EINE BEGRENZTE RESSOURCE, woraus wir ableiten können: ZEIT IST EIN KOSTBARES GUT. Wir orientieren uns am Sprachgebrauch und benutzen das prägnanteste metaphorische Konzept, also ZEIT IST GELD, um das ganze subkategoriale System zu charakterisieren. Von den Ausdrücken, die unter der Metapher ZEIT IST GELD erwähnt sind, beziehen sich einige spezifisch auf Geld (vergeuden, investieren, haushalten, ersparen, kosten), andere auf begrenzte Ressourcen (nutzen, lohnen, umgehen, knapp sein) und wieder andere auf kostbare Güter (haben, geben, verlieren, danken für)“ (S. 17).

Welche Konsequenzen sich aus solchen Ableitungen ergeben, erläutern Lakoff & Johnson im Buch anhand dutzender Beispiele, die sich in fast allen Kapiteln finden. Sie unterscheiden dabei Struktur- und Orientierungsmetaphern. Strukturmetaphern seien „Fälle, in denen ein Konzept von einem anderen Konzept her metaphorisch strukturiert wird“. Daneben existierten Orientierungsmetaphern, die so genannt würden, weil sie „mit der Orientierung im Raum zu tun haben“ (S. 22). Orientierungsmetaphern gäben einem Konzept eine räumliche Beziehung, wie etwa „GLÜCKLICH SEIN IST OBEN. Die Tatsache, daß das Konzept GLÜCKLICH SEIN IST OBEN nach OBEN orientiert ist, führt zu Ausdrücken wie „Ich fühle mich heute obenauf“ (ebd.). Die Stimmung steigt. Oder sie sinkt. Man ist in Hochstimmung. Es gibt mir Auftrieb. Ich fühle mich niedergedrückt – so einige Beispiele für Orientierungsmetaphorik (S. 23).

Eine weitere Art von Metaphern, die Lakoff & Johnson ins Feld führen (auch das ist eine Orientierungsmetapher), sind ontologische Metaphern. „Unsere Erfahrung mit steigenden Preisen können wir z.B. mit dem Nomen Inflation metaphorisch als ein in sich geschlossenes Gebilde betrachten. Dadurch haben wir die Möglichkeit, uns auf die Erfahrung zu beziehen: INFLATION IST EINE ENTITÄT. Die Inflation verringert unseren Lebensstandard. Wenn die Inflation weiterhin so steigt, werden wir in größte Schwierigkeiten kommen. Wir müssen die Inflation bekämpfen. Die Inflation treibt uns in die Enge. Die Inflation schlägt an der Kasse im Supermarkt und an der Tankstelle zu“ (S. 36). Wenn die Inflation als Entität betrachtet werde, könnten wir uns „auf sie beziehen, sie quantifizieren, einen bestimmten Aspekt identifizieren, sie als Ursache sehen, sie in unserem Handeln berücksichtigen und vielleicht sogar glauben, daß wir ihre ökonomischen Implikationen verstehen“, schildern die Autoren (ebd.).

Ontologische Metaphern seien in unserem Denken selbstverständlich und allgegenwärtig. Dass sie sie metaphorisch sind, sei vielen Menschen nicht bewusst. Beispielhaft erläutern Lakoff & Johnson das u.a. an dem Satz: „Er ist unter dem Druck durchgeknallt“ (S. 39). Diesen Ausdruck hätten Journalisten benutzt, als sie von einem Mord an einem Politiker berichteten, den der „durchgeknallte“ Attentäter begangen habe. Kurzum benutzten wir „ontologische Metaphern, um Ereignisse, Handlungen, Tätigkeiten und Zustände verstehen zu können. Ereignisse und Handlungen werden metaphorisch als Objekte konzeptualisiert, Tätigkeiten als Substanzen und Zustände als Gefäße. Ein Autorennen beispielsweise ist ein Ereignis, das als separate Entität betrachtet wird. Das Rennen existiert in Raum und Zeit, und es hat wohldefinierte Grenzen. Folglich betrachten wir es als ein GEFÄSSOBJEKT“ (S. 41).

Wie schon erwähnt, postulieren die Autoren, dass der größte Teil unseres normalen Konzeptsystems metaphorisch strukturiert sei. „Die wichtigsten Vertreter für Konzepte, die wir direkt verstehen können, sind die einfachen Raumkonzepte wie z.B. OBEN. Wir entwickeln unser Raumkonzept OBEN aus unserer Erfahrung mit Räumen. […] Die Raumkonzepte des Menschen umfassen […] Orientierungen wie OBEN-UNTEN, VORNE-HINTEN, INNEN-AUSSEN, NAH-FERN, usw. Genau diese Orientierungen brauchen wir für unsere kontinuierlichen alltäglichen körperlichen Funktionsabläufe, und dieser Umstand macht – für uns – diese Raumkonzepte wichtiger als andere mögliche Strukturierungen des Raumes. Mit anderen Worten: Die Struktur unserer Raumkonzepte entwickelt sich aus unserer konstanten Raumerfahrung, d.h. aus unserer Interaktion mit der physischen Umgebung. Konzepte, die auf diese Art entstehen, sind Konzepte, nach denen wir im wahrsten Sinn des Wortes leben“, sind Lakoff & Johnson überzeugt (S. 71).

Zu betonen sei dabei, dass sämtliche solcher Konzeptionen kulturabhängig sind, dass wir also unsere selbst konstruierte Welt „in einer Weise erfahren, derzufolge die Erfahrung selbst unsere Kultur schon in sich trägt“ (S. 71). Was bei der Diskussion über unser Konzeptsystem betont werden müsse, sei die Unterscheidung zwischen unserer Erfahrung einerseits und der Art und Weise, wie wir diese konzeptualisieren. „Was die Verankerung unseres Konzeptsystems betrifft, behaupten wir, daß wir bezeichnenderweise das Nichtphysische in Begriffen des Physischen konzeptualisieren; das heißt, daß wir das weniger scharf Konturierte in Begriffen des schärfer Konturierten konzeptualisieren“ (73). Erläutert wird die Bedeutung dessen anhand der folgenden drei Sätze:

  • Harry ist in der Küche.
  • Harry ist in der Herrnhuter Brüdergemeine.
  • Harry ist in Rage.

Die Sätze bezögen sich auf drei verschiedene Erfahrungsbereiche, nämlich auf räumliche, soziale und emotionale Erfahrungen. Dabei gelte: „Keiner der genannten Sätze hat dem anderen gegenüber empirische Priorität; sie beziehen sich alle in gleichem Maße auf Grunderfahrungen.

Doch im Hinblick auf die konzeptuelle Strukturierung sind die drei Sätze unterschiedlich. Das unscheinbare Wort „in“ und das Konzept „in“ seien in allen drei Beispielsätzen gleich. „Wir haben hier ein emergentes Konzept IN, ein Wort dafür, und zwei metaphorische Konzepte, die partiell soziale Gruppen sowie emotionale Zustände definieren. An diesen Fällen sehen wir, daß man in gleichem Maße eine grundlegende Erfahrung machen kann, während man von diesen Erfahrungen Konzeptualisierungen haben kann, die nicht in gleichem Maße grundlegend sind“, schreiben die Autoren (S. 74).

Auf ähnlich analytische Art und Weise ziehen sich die Darlegungen zum Wesen bestimmter Metaphern und zur kulturellen Bedeutung dessen, wie wir Worte konzeptualisieren, durch die weiteren Kapitel im Buch. Lakoff & Johnson fokussieren dabei nicht nur rhetorisch auffällige Sprachbilder, sie analysieren bewusst auch unscheinbare, alltägliche metaphorische Bilder, welche das Gros der Leser:innen (den Rezensenten eingeschlossen) auf den ersten Blick wohl gar nicht als Metaphern erkennen würden. Betont wird, dass, obwohl wir in unserer Kultur z.B. „in den Metaphern ARBEIT IST EINE RESSOURCE und ZEIT IST EINE RESSOURCE leben“, dazu neigten, diese Ausdrücke gar nicht als metaphorisch zu erkennen. „Doch wie wir oben gezeigt haben, sind beide Metaphern in unserer Erfahrung verankert und dadurch Strukturmetaphern, die in westlichen Industriegesellschaften grundlegend sind“, erklären Lakoff & Johnson (S. 81).

Die beiden Metaphern „verbergen alle vorstellbaren Konzeptionen von Arbeit und Zeit, die in anderen Kulturen und in einigen Subkulturen unserer eigenen Gesellschaft existieren“ (S. 82). Summa summarum erläutern Lakoff & Johnson auf den 271 Seiten ihres Buches anhand unzähliger Beispiele, dass metaphorische Sprache wirkmächtiger ist, als viele Menschen sich vorzustellen vermögen. Sie legen dar, worin unser Konzeptsystem begründet ist, gehen ein auf ontologische Metaphern und Strukturmetaphern, auf Personifikation und Metonymie, auf die Kohärenz zwischen Metaphern und darauf, wie die Metapher der Form Bedeutung verleihen kann. Auch der Begriff der Wahrheit wird von ihnen aufgegriffen, mit konstruktivistischem Blick analysiert und hinsichtlich der Gefahren kommentiert, die aus dem Verständnis einer vermeintlich absoluten, objektiven Wahrheit erwüchsen.

 So schreiben die Autoren, „daß Wahrheit immer in Relation zu einem Konzeptsystem steht, das in weiten Teilen metaphorisch definiert ist. Die meisten Metaphern, die wir benutzen, haben sich in unserer Kultur über einen langen Zeitraum hinweg entwickelt; viele Metaphern werden uns jedoch aufgedrängt von Personen mit Macht und Einfluß – Politikern, religiösen Führern, Wirtschaftsbossen, Werbeexperten, Medienvertretern usw. In einer Kultur, in der der Mythos Objektivismus außerordentlich lebendig ist und Wahrheit immer als absolute Wahrheit verstanden wird, haben die Personen, die aufgrund ihrer Machtposition ihre Metaphern dieser Kultur überstülpen können, die Definitionsgewalt darüber, was wir letztlich als wahr – als absolut und objektiv wahr – zu betrachten haben“ (S. 184). Konkludent verstehen Lakoff & Johnson den Objektivismus als einen Mythos in der abendländischen Kultur und plädieren für eine erfahrungsbasierte Alternative, um alten Mythen neue Bedeutung zu geben.

„Die Überlegung, daß alle diese Aspekte in den Verstehensprozeß einfließen, steht in Einklang mit dem Mythos der Erfahrung. Sein Nachdruck liegt auf der Interaktion und den interaktionellen Eigenschaften, wodurch deutlich wird, daß Bedeutung immer Bedeutung für eine Person ist. Und wenn die auf menschlicher Erfahrung gegründete Sichtweise die Bildung von Kohärenz mit Hilfe von erfahrenen Gestalten hervorhebt, erklärt sie, was es für ein Objekt bedeutet, in bezug auf ein Individuum wichtig zu sein“, schreiben die Autoren (S. 261), die daher „den Mythos der Erfahrung für die geeignete Vorgehensweise [halten], um den realen und berechtigten Interessen, die die Mythen Subjektivismus und Objektivismus geleitet haben, zu genügen“ (S. 261). Das objektivistische Streben nach absoluter Wahrheit sei nicht zielführend, sind Lakoff & Johnson überzeugt.

Diskussion

In Anbetracht der großen Fülle dessen, was die Autoren in ihrem Werk alles behandeln, ließe sich hier vieles finden, was diskutiert werden könnte. Es ließen sich diverse sprach- und kulturwissenschaftliche Analysen vornehmen. Der Rezensent selbst hat das Werk allerdings nicht aus sprachwissenschaftlichem Interesse heraus gelesen, sondern deshalb, weil er sich des Nutzens metaphorischer Sprache in Beratungs-, Lehr- und Lernkontexten bewusst ist, das eigene Wissen dazu fundieren wollte und sich weitere Anregungen zum Nutzen von Metaphorik erhoffte. Als Nicht-Linguist kann er hier lediglich aus der Perspektive eines interessierten Laien heraus darlegen, wie das Buch auf ihn gewirkt hat und was er daraus – metaphorisch gesagt – »mitnimmt«. Zu vermuten ist allerdings, dass die meisten Leser:innen an einer sprachwissenschaftlichen Reflexion wahrscheinlich ohnehin weniger interessiert sein dürften als an der Darlegung dessen, wie verständlich das Werk auch für Nicht-Linguisten ist und welche Erkenntnisse sich – auch für Laien – aus der Lektüre ziehen lassen.

Das kann der Rezensent wie folgt beantworten: Zunächst einmal ist hervorzuheben, dass die Tatsache, dass das Werk, dessen englische Originalausgabe bereits 1980 erschienen ist, heute in deutscher Übersetzung in der 10. Auflage (2021) vorliegt, deutlich macht, dass das, was die Autoren thematisieren, offensichtlich noch immer zahlreiche Leser:innen auch außerhalb des universitären Milieus findet. Es gibt also offenkundig Interesse daran, mehr erfahren zu wollen über das Wesen und Wirken metaphorischer Sprachbilder, die nicht nur in Kultur, Wirtschaft und Journalismus allgegenwärtig sind, sondern wie selbstverständlich heute auch in wissenschaftlichen Texten anzutreffen sind. Lakoff & Johnson bedienen dieses Interesse. Ihr Buch über Theorien und Analysen von Metaphern kann neben Paradigmen zu einer Metaphorologie von Hans Blumenberg (1960;1999) durchaus als Referenzwerk bezeichnet werden.

Die Autoren greifen zwar einen genuin sprach- und kulturwissenschaftlichen Themenkomplex auf, ihre Darlegungen und Beispiele aber auch für interessierte Nicht-Wissenschaftler:innen interessant sein können. Wer sich dafür interessiert, warum wir so formulieren, wie wir es tun und was das über unsere Kultur aussagt, erfährt bei Lakoff & Johnson viel dazu. Da Metaphern so allgegenwärtig sind, können nicht nur Studierende und Absolvent:innen der Linguistik, Germanistik und Philosophie von der Lektüre profitieren, sondern z.B. auch Personen, die im Marketing, im Journalismus, in der Politikberatung oder im Campaigning tätig sind. Auch für Personen, die als Organisationsberater:innen, Mediator:innen, Coaches und Supervisor:innen arbeiten und in ihrer Interaktion mit Klient:innen gerne mit Bildern und Gleichnissen arbeiten, die helfen, bestimmte Gegebenheiten verständlich(er) und greifbarer zu machen, zählen zu denjenigen, für die die Lektüre ein Mehrgewinn sein kann. Wenn sie bereit und fähig sind, sich auf die Analysen der Autoren einzulassen, können auch sie vom Lesen des Textes profitieren.

Die Lektüre des Werkes macht deutlich, dass – und warum – metaphorische Sprache gut geeignet ist, um auch komplexe fachwissenschaftliche Phänomene praktisch begreifbar zu machen. Wenn passende Bilder gewählt und anschlussfähige Assoziationen geweckt werden, kann das gelingen. Freilich ist das nicht immer unproblematisch. Es besteht schließlich immer die Gefahr, dass durch Metaphorik auch solche Assoziationen geweckt oder verstärkt werden, die negativ wirken und Menschen (bewusst) manipulieren können. Das geschieht etwa, wenn die durch Krieg bedingte Zuwanderung als „Flüchtlingswelle“ beschrieben wird, was ein Gefühl der Bedrohung vor dieser „Naturgewalt“ evozieren kann. Es geschieht auch, wenn das soziale Sicherungssystem als „sozialen Hängematte“ diskreditiert wird, was Ressentiments gegenüber Sozialleistungsempfangenden bedient.

Lakoff & Johnson machen auf viele solcher möglichen Folgen und Gefahren aufmerksam, wodurch gut deutlich wird, wie wirkmächtig Metaphern im Guten wie im Schlechten sein können und welch großer Einfluss auf das gesamte kulturelle Leben von ihnen ausgeht. Das macht das Buch lesenswert. Die Häufigkeit, mit der in anderen Werken auf Lakoff & Johnson verwiesen wird, indiziert den Expertenstatus der Autoren. Sie wissen offenkundig sehr gut, worüber sie schreiben. Zu erwähnen ist allerdings auch, dass das Buch – metaphorisch gesagt – wahrlich keine leichte Kost ist. Der Text lässt sich eindeutig nicht mal eben so zwischendurch an einem Abend oder Nachmittag zur Hand nehmen. Er strotz vor sprachwissenschaftlichen Analysen und Ableitungen, bei denen Nicht-Sprachwissenschaftler manches Mal fragen dürften, welche Relevanz das nun bitte für den Gebrauch und die Konzeption metaphorischer Alltagssprache hat.

Der wissenschaftlich-analytische Sprachstil bedingt, dass diverse potenzielle Leser:innen von der Materie überfordert sein können. Leser:innen, die mit philosophischen und (sprach-)wissenschaftlichen Texten gut vertraut sind, dürften mit dem Text trotz mancher Fremdwörter und der mitunter willkürlich erscheinenden Kursivsetzung mancher Worte wenige Probleme haben. Wer mit solche Texten wenig vertraut ist, dem kann es aber schwer fallen, die von den Autoren aufgezeigten Analysen nachzuvollziehen und deren Relevanz zu erfassen. Diverse Beispiele sind interessant und verständlich, andere aber wirken auf den ersten Blick längst nicht immer intuitiv logisch. Zumindest geht es dem Rezensenten so. Personen, die sich nicht für Sprachphilosophie interessieren und das Buch primär deshalb lesen, um Metaphern in ihrem Beratungs- und Coaching-Alltag effektiver einzusetzen, könnten die Lektüre als (zu) anstrengend erleben.

Um auch sie anzusprechen, hätte es dem Werk gut getan, wenn besonders relevante Erkenntnisse in irgendeiner Form visuell hervorgehoben worden wären. Eine Anpassung der Sprache an die neue deutsche Rechtschreibung wäre ebenfalls angezeigt. Darüber hinaus könnten Zusammenfassungen zentraler Erkenntnisse am Ende des Buches oder einleitende Worte in den Kapiteln dazu, was Leser:innen darin erwartet, das Verständnis und die Orientierung erleichtern. Gleiches gilt für ein paar mehr Absätze und ein größerer Zeilenabstand, was auch den Lesefluss positiv beeinflussen würde. Zu guter Letzt wäre ein Glossar wünschenswert gewesen. Aufgrund der genannten Punkte ist die Einschätzung des Rezensenten, dass Personen, die sich konkrete Anregungen für den Nutzen metaphorischer Sprache in ihrem Arbeitsalltag erhoffen, mit weniger wissenschaftlichen Werken metaphorisch gesagt besser »fahren« dürften.

Was den Anwendungsbezug metaphorischer Sprache anbelangt, sind hier zu nennen z.B. Holger Lindemanns Die systemische Metaphern-Schatzkiste (2021), Gareth Morgans Bilder der Organisation (2018), Metaphern in Psychotherapie und Beratung (2019) von Rudolf Schmitt & Thomas Heidenreich, Sprachbilder, Metaphern & Co. von Regina Mahlmann (2010) oder auch Metaphorik und Handeln von Andreas Huber (2008). All diese Bücher sind schlichtweg einfacher zugänglich und weisen für Nicht-Linguisten einen weit höheren Anwendungsbezug auf. Auch Elisabeth Wehlings Politisches Framing (2016), in dem reflektiert wird, wo sich Metaphorik in politischen Positionen findet, kann für Leser:innen interessant sein, die sich eher aus politischem Interesse mit Metaphorik befassen möchten. Gleiches gilt interessanterweise auch für das 2016 ebenfalls bei Carl-Auer erschienene Auf leisen Sohlen ins Gehirn: Politische Sprache und ihre heimliche Macht, das George Lakoff zusammen mit Elisabeth Wehling verfasst hat. Auch dieses Werk ist deutlich zugänglicher als das hier rezensierte Buch.

Summa summarum gilt trotz der oben genannten Kritik: Wer sich wirklich auf die Lektüre einlässt, dessen Leben kann Leben in Metaphern insofern positiv beeinflussen, als er/sie durch systematisch dazu angeregt wird, über diverse wie selbstverständlich erscheinende, alltäglich genutzte Sprachmuster kritisch(er) nachzudenken. Wer sich auf die Lektüre einlässt, wird dafür sensibilisiert, Metaphorik besser zu erkennen und ihre Bedeutung umfassender zu deuten. In Folge der Fülle von Metaphern in unserer Welt kann das ein positiver Erkenntnisgewinn sein.

Fazit

George Lakoff & Mark Johnson legen mit Leben in Metaphern ein höchst informatives, erkenntnisreiches Werk vor, das vor sprachwissenschaftlichen Analysen dessen, was gewisse Wortbilder über unsere Gesellschaft aussagen, nur so strotzt. Es macht durchaus Spaß, das Buch zu lesen. Nicht-Linguist:innen dürfte die Lektüre aufgrund der diversen Fremdwörter und bedingt durch die nicht immer intuitiv verständlichen Analysen indes nicht ganz leicht fallen. Nichts desto trotz gilt: Wer sich auf das Buch einlässt, schult das eigene Wahrnehmen im Hinblick darauf, wie wirkmächtig Metaphern unser aller Leben beeinflussen.

Rezension von
Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf
Sozialwissenschaftler, Diplom-Sozialarbeiter/-pädagoge (FH), Sozial- und Organisationspädagoge M. A., Case Management-Ausbilder (DGCC), Systemischer Berater (DGSF), zertifizierter Mediator, lehrt Soziale Arbeit und Integrationsmanagement an der Hochschule der Wirtschaft für Management (HdWM) in Mannheim.
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Zitiervorschlag
Christian Philipp Nixdorf. Rezension vom 22.11.2022 zu: George Lakoff, Mark Johnson: Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2021. 10. Auflage. ISBN 978-3-8497-0232-8. Reihe: Systemische Horizonte. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30030.php, Datum des Zugriffs 02.12.2022.


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