Björn Vüst, Eva Meisenzahl: Suizidale Krisen
Rezensiert von Michael Mayer, 07.06.2023
Björn Vüst, Eva Meisenzahl: Suizidale Krisen. Das Manual für Einzel- und Gruppensettings. Schattauer (Stuttgart) 2022. 208 Seiten. ISBN 978-3-608-40075-5. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR.
Thema
Obwohl die die Zahl der Suizidtoten in den letzten 40 Jahren deutlich zurückgegangen ist, nehmen sich immer noch 9.000 bis 10.000 Menschen pro Jahr das Leben. In den psychiatrischen Kliniken gehören Krisen aufgrund suizidalen Erlebens und Verhaltens zu den häufigsten Gründen für eine stationäre Notfallaufnahme. Bisher fehlt eine medizinische Leitlinie zum Umgang mit suizidalen Krisen, die eine Orientierung für die Therapie von Menschen mit suizidalem Erleben und Verhalten geben könnte. Evidenzbasierte Therapieprogramme (wie z.B. das Attempted Suicide Short Intervention Program, ASSIP nach Gysin-Maillart & Michel, 2013) sind bisher eher selten. Mit ihrem Buch „Suizidale Krisen“ stellen Björn Vüst und Eva Meisenzahl ein wissenschaftlich fundiertes und praktisch erprobtes Therapiekonzept zur Verfügung.
Autor und Autorin
Björn Vüst ist Psychologe und psychologischer Psychotherapeut. Er promoviert derzeit zum Thema: „Metakognitive Diagnostik und Intervention unter Berücksichtigung erlebter sozialer Einbindung in suizidalen Krisen.” Außerdem schult er Fachkräfte im Umgang mit Suizidalität.
Eva Meisenzahl ist Professorin und Inhaberin des Lehrstuhls für Psychiatrie sowie Klinikleitung der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
Aufbau & Inhalt
Den Hauptteil des Buches bildet ein 16 Sitzungen umfassendes Therapiemanual für Menschen in suizidalen Krisen, das sowohl im Einzel- als auch im Gruppensetting durchgeführt werden kann. Zu Beginn geben Vüst und Meisenzahl einen Überblick über die Leitlinien der medizinischen Fachgesellschaften, in denen einzelne Hinweise zum Umgang mit suizidalen Krisen zu finden sind. Die weiteren Kapitel der Einführung befassen sich mit rechtlichen Aspekten und den besonderen Anforderungen an Behandelnde, die mit Menschen in suizidalen Krisen arbeiten. Etwas ausführlicher wird auf die theoretischen Grundlagen des vorliegenden Therapiemanuals eingegangen. Im Zentrum des Manuals stehen die Interpersonale Theorie suizidalen Verhaltens (Joiner, 2005) sowie das Konzept des suizidalen Modus (Rudd, 2000). Im Diagnostikkapitel werden verschiedene Tests zur Einschätzung von Suizidalität mit dem zugrunde liegenden Konstrukt, einer Beurteilung der Gütekriterien und Hinweisen zur Anwendung vorgestellt. Bevor Vüst und Meisenzahl ihr Behandlungskonzept vorstellen, gehen sie auf die Anwendung des Manuals im Gruppensetting ein. Dieses Behandlungssetting wird von ihnen empfohlen.
Die 16 Sitzungen sind detailliert beschrieben mit Angaben zu den psychoedukativ angestrebten Kompetenzen, den therapeutischen Interventionen, den Hausaufgaben und den verwendeten Arbeitsmaterialien. Alle Arbeitsblätter sind im umfangreichen Anhang abgebildet und stehen auch als Download zur Verfügung.
Das Behandlungsmanual enthält Therapiesitzungen zu folgenden Schwerpunkten:
- Beziehungsaufbau und Gruppenbildung in der Therapie
- Einführung in die theoretischen Grundlagen der Interpersonalen Theorie suizidalen Verhaltens
- Eine Beschäftigung der Teilnehmenden mit ihrer individuellen Suizidgeschichte
- Verhaltensanalyse des suizidalen Geschehens
- Umgang mit Stressoren, die den suizidalen Modus aktivieren
- Übungen zur Selbstregulation von Gefühlen und Bedürfnisbefriedigung
- Strategien zum Umgang mit Scham und Schuld
- Kennenlernen des eigenen suizidalen Modus zur Entwicklung individueller Regulationsstrategien
- Aufbau sozialer Kompetenzen und zielorientierter Problemlösefähigkeiten
- Erstellen eines individuellen Notfallkoffers für suizidale Krisen
- Bewusster Therapieabschluss und Abschiednehmen von Therapeuten und der Gruppe
Im abschließenden Kapitel zur Intervision und Supervision für Therapeutinnen und Therapeuten verweisen Vüst und Meisenzahl auf die Wahrnehmung der eigenen Grundbedürfnisse nach Bindung, Orientierung sowie Kontrolle und Erhalt des Selbstwerterlebens der behandelnden Person.
Diskussion
Das Buch folgt einem sehr strukturierten und systematisch nachvollziehbaren Aufbau. Die einführenden Kapitel sind sehr knapp gehalten, verweisen aber auf relevante Literatur, sodass die Inhalte selbstständig vertieft werden können. Im Behandlungsplan ist jede Sitzung sehr detailliert mit Minutenangaben beschrieben. Die psychoedukativen Elemente dienen dazu, die Patientinnen und Patienten im Sinne der Selbstmanagement-Therapie (Kanfer et al., 2012) darin zu unterstützen, eine Expertise für sich selbst zu entwickeln. Hier wird die wertschätzende Haltung deutlich, die dem Buch zugrunde liegt
Der Aufbau des Behandlungsmanuals und der einzelnen Sitzungen macht deutlich, dass das Programm nicht nur gut durchdacht, sondern auch wissenschaftlich fundiert ist. Grundsätzlich folgt das Behandlungsmanual dem Ansatz der „dritten Welle“ der Verhaltenstherapie und nutzt insbesondere Ansätze der Schematherapie sowie der Acceptance and Commitment Therapy (ACT). In den einzelnen Therapiesitzungen finden interessierte Leserinnen und Leser viele Anregungen für die eigene therapeutische Arbeit. Diese sind gut erklärt, setzen aber in der Regel psychotherapeutische Grundkompetenzen voraus. Insgesamt ist das Buch nicht nur eine wertvolle Quelle der Inspiration für die eigene psychotherapeutische Praxis, sondern kann auch dazu beitragen, die Versorgung von Patienten mit suizidalem Erleben und Verhalten zu verbessern.
Fazit
Mit „Suizidale Krisen“ legen Björn Vüst und Eva Meisenzahl ein umfassendes und gut strukturiertes Manual zur systematischen Therapie von Menschen mit suizidalem Erleben und Verhalten vor, das von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowohl im Einzel- als auch im Gruppensetting eingesetzt werden kann. Das Buch bietet eine wissenschaftlich basierte Anleitung zur Therapie und ist eine wertvolle Ressource für Leserinnen und Leser, die über fundierte Kenntnisse auf dem Gebiet der Psychotherapie verfügen.
Rezension von
Michael Mayer
M. A. soziale Verhaltenswissenschaften, Erziehungswissenschaften und Philosophie, Supervisor, Krankenpfleger für Psychiatrie, Leitung Akademie der Bezirkskliniken Schwaben.
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