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Robert Bering, Sonja Thüm: Kompendium Traumafolgen

Rezensiert von Alexander Korittko, 29.06.2023

Cover Robert Bering, Sonja Thüm: Kompendium Traumafolgen ISBN 978-3-608-98406-4

Robert Bering, Sonja Thüm: Kompendium Traumafolgen. Traumafolgestörungen Bd. 2). Verlauf, Behandlung und Rehabilitation der komplexen PTBS. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2022. 360 Seiten. ISBN 978-3-608-98406-4. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR.

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Thema

In diesem Buch stellen die Autor:innen vor, wie die in ICD 11 neu eingeführte komplexe Posttraumatische Belastungsstörung in unterschiedlichen Verlaufsformen zu diagnostizieren ist und welche Aspekt von Behandlung und sozialer Unterstützung angemessen sind.

Autor:in oder Herausgeber:in

Beide Autor:innen sind in dem Feld der Psychotraumatologie erfahrene Mediziner:innen und lehren an Hochschulen in Nordrhein Westfalen. Robert Behring zeichnet zusammen mit Christine Eichenberg als Herausgeber einer Buchreihe „Traumafolgestörungen“, in der das vorliegende Buch den zweiten Band darstellt.

Entstehungshintergrund

Anlass zum Verfassen dieses Buches war einerseits die Definition der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung durch die WHO im ICD 11 (2019), die als Meilenstein für die Psychotraumatologie gilt, aber neue Herausforderungen für Diagnostik, und Behandlung erforderlich macht. Jetzt konnten auch Patient:innen traumatherapeutisch behandelt werden, die mehr als nur die klassischen Symptome einer PTBS entwickelt hatten. Anderseits waren nun auch „über die Behandlung hinaus Rehabilitationsplanung und Umsetzung erforderlich, um den psychosozialen Folgen der komplexen PTBS gerecht zu werden“ (S. 18).

Aufbau

In fünf Kapiteln wird auf 332 Seiten die komplexe posttraumatische Belastungssstörung beschrieben (1), ihre Diagnostik (2), ihre Therapie (3), bespielhafte Behandlungsverläufe (4) sowie die Bedeutung von Rehabilitation (5)

Inhalt

Schon im Untertitel des Buches wird deutlich, dass hier die Folgen von schweren sequenziellen Traumatisierungen, die oft in der Entwicklung von jungen Menschen stattfanden, fokussiert werden. Im ICD 11 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, gültig ab Januar 2022) werden diese Folgen als „komplexe posttraumatische Belastungsstörungen“ erstmals definiert.

Im ersten Kapitel wird das Störungsbild der kPTBS beschrieben, die neben den Symptomen einer klassischen PTBS (Intrusionen, Vermeidungsverhalten und anhaltendes Bedrohungsgefühl, nach ICD 11) zusätzlich

  • Probleme bei der Affektregulation (selbstgefährdendes oder selbstverletzendes Verhalten, dissoziative Zustände in

Belastungssituationen)

  • Negatives Selbstkonzept (Überzeugung der eigenen Minderwertigkeit, Scham-, Schuld- oder Versagensgefühle bezogen auf die

traumatischen Erfahrungen)

  • Beziehungsstörungen (Schwierigkeiten, Beziehungen aufrecht zu erhalten und sich anderen nahe zu fühlen)

Schon in diesem Kapitel wird ein biopsychosoziales Modells eingeführt, welches nicht nur Diagnose und Behandlung der kPTBS umfasst, sondern ebenso die im ICF (International Classification of Functional Health) beschriebenen Aspekte der funktionalen Gesundheit, der sozialen Beeinträchtigung und relevante Umweltfaktoren von Patient:innen zielführend einbezieht. Weiterhin zeigen die Autor:innen unterschiedliche Verlaufsformen der kPTBS auf, die allesamt als chronifizierte Überlebenszustände gesehen werden können, gleichzeitig Sonderfälle von Komorbiditäten darstellen. Es werden unterschiedliche Verlaufstypen beschrieben, die nicht nur getrennt voneinander auftreten:

  • Persönlichkeitsstörungen, inklusive Borderline-Verlaufstyp
  • Dissoziativer Verlaufstyp
  • Depressiver Verlaufstyp
  • Abhängiger Verlaufstyp
  • Psychotischer Verlaufstyp
  • Ängstlicher Verlaufstyp
  • Zwanghafter Verlaufstyp
  • Essgestörter Verlaufstyp
  • Demenzieller Verlaufstyp
  • Schlafgestörter Verlaufstyp
  • Verlaufstyp sexuelle Störungen

In einem weiten Abschnitt wird die Neurobiologie der kPTBS beschrieben. Sie wird als Gedächtnisstörung gesehen, die sich mit einem dauerhaften Überlebensmechanismus im Gehirn auf den gesamten Körper überträgt.

Im zweiten Kapitel wird die Diagnostik der kPTBS vorgestellt. Eine Reihe von Testinstrumenten beziehen sich auf die Diagnose einer komplexen PTBS in Abgrenzung zu anderen belastungsbezogenen Störungen, auf spezielle psychotraumatologische Symptome, auf die Aufdeckung dissoziativer Anteile, auf Sozialisationsmerkmale, auf die Erfassung von funktionaler Gesundheit und auf die Bestimmung von Risiko- und Schutzfaktoren. Empfohlen wird eine längerfristige Verlaufsdiagnostik, um prä-post Vergleiche zu ermöglichen.

Im dritten Kapitel werden Aspekte von Therapie der kPTBS erörtert. Grundlage ist ein methodenübergreifender Ansatz mit modularem Aufbau, der seit über 20 Jahren am Zentrum für Psychotraumatologie Krefeld angewandt wird. Ziel unterschiedlicher Module ist die Verbesserung der Emotionsregulation, die Bearbeitung dysfunktionaler zwischenmenschlicher Muster und als weiterer Schwerpunkt die Verarbeitung traumatischer Erlebnisse und ihrer Bedeutung. Es wird für eine flexible „personalisierte Behandlung“ plädiert, die Elemente der Stabilisierung, der Traumakonfrontation und der Reintegration enthalten sollte, anstelle einer für alle Patient:innen einheitliche Methode. Es werden Elemente von psychodynamischen Therapieverfahren, kognitiv-behaviorale Ansätze und Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) ausführlich beschrieben. Ein weiterer Abschnitt zeigt differenziert Vor- und Nachteile von Pharmakotherapie der kPTBS. Auch hier wird je nach Verlaufstyp (s.o) unterschieden, welche Medikation ergänzend ratsam sein kann. In einem weiteren Abschnitt werden Varianten von Psychotherapie-Modulen vorgestellt, die je nach Verlaufstyp der kPTBS erfahrungsgemäß wirkungsvoll sind.

Im vorletzten Kapitel Behandlungsverlauf wird anhand eines Fallbeispiels (34-jährige Frau mit langjähriger Gewalterfahrung in der Kindheit) gezeigt, wie eine komplexe PTBS mit den Elementen a. psychodynamisch ausgerichtete Fallkonzeption, b. Trauma-Exposition c. Bedarfsfeststellung rehabilitativer Teilhabeleistungen und Lebensperspektive behandelt werden kann. Eine Reihe von „Tipps für die Praxis“ erleichtern Lesenden die Umsetzung der dargestellten Interventionen auf andere Fälle.

Im Kapitel Behandlung und Rehabilitation wird der oben geschilderte Fall erneut aufgegriffen, um deutlich zu machen, wie ein Teilhabemanagement gestaltet werden kann. Der biomedizinische Kontext des ICD 11 wird durch die Sprache des ICF ergänzt. Sie umfasst eine Analyse der Schädigungen von körperlichen Funktionen und Strukturen des Tagesablaufs, Einschränkungen an Aktivität und Teilhabe an sozialem Leben, sowie einschränkende und positive Umweltfaktoren. Die genaue Analyse dieser Komponenten dient dazu, zusammen mit anderen Akteuren Teilhabeplanung umzusetzen. Anhand von weiteren Fallbeispielen werden Behandlungs- und Teilhabeplanung exemplarisch verdeutlicht.

  • Herr K.: Zeuge eines Unfalls, bei dem ein Mädchen zu Tode kam (PTBS)
  • Frau S., 65 Jahre, Missbrauchserkenntnis (komplexe PTBS depressiver Verlaufstyp)
  • Frau B., massive innerfamiliäre Gewalterfahrungen (komplexe PTBS, schwere Persönlichkeitsstörungen, Borderline-Muster,

Täterintrojekte)

  • Frau O., sexueller Missbrauch (dissoziative Identitätsstörung)
  • Herr P., Tod des Vates (Alkoholabhängigkeit, komplexe PTBS)
  • Herr F., Gasexplosion (psychotische Störung, chronische PTBS)
  • Herr Z., massive innerfamiliäre Gewalterfahrungen (Schizophrenie, komplexe PTBS)

Mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis schließt das Buch.

Diskussion

Keine Frage: das Buch „Kompendium Traumafolgen“ ist als äußerst aktueller und umfassender Band sehr empfehlenswert. In seinem Aufbau ist es auch als Nachschlagewerk geeignet, wenn man sich zunächst mit seiner Struktur vertraut gemacht hat. Eine Reihe von Grafiken, sowie gesondert angeführte Definitionen, Statements und Praxistipps geben in der komplexen Thematik eine zusätzlichen Orientierung. Die Autorin und der Autor können ohne Zweifel aus dem Schatz jahrelanger stationärer Praxis schöpfen, in Diagnostik, Behandlung und Rehabilitation. Hier liegt jedoch auch ein geringer Mangel. Durchgehend wird eine am klinisch-medizinischen Kontext orientierte Sprache genutzt, die für Menschen aus anderen Berufsfeldern gewöhnungsbedürftig ist. Kleine Fehler haben sich bei den Fallbeschreibungen eingeschlichen, kann passieren. Dieses alles verringert allerdings nicht den herausragenden Wert des Buches, welches sich ausdrücklich an Therapeut:innen wendet, die schnittstellenübergreifend mit komplex traumatisierten Patienten arbeiten möchten. Mit einem Preis von 45 € zählt es leider zu den weniger preiswerten Büchern zur komplexen PTBS.

Fazit

Ein äußerst gut differenziertes Buch, welches sich für Theoretiker:innen und Praktiker:innen eignet, die sich bereits schon vorher mit den Basics der PTBS befasst haben. Der besondere Schwerpunkt der komplexen PTBS nach ICD 11 mit unterschiedlichen Verlaufsformen zieht sich als roter Faden durch viele Kapitel und stellt einen bedeutenden Unterschied zu anderen umfassenden Trauma-Büchern dar. Für Fragen der Rehabilitation wird hier ergänzend auch die WHO Klassifikation für Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) einbezogen, die eine biopsychologische Sichtweise um die soziale Perspektive abrundet.

Rezension von
Alexander Korittko
Dipl. Sozialarbeiter, Systemischer Lehrtherapeut, Autor von zahlreichen Zeitschriftenartikeln zum Trauma-Thema und vier Fachbüchern.
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Es gibt 3 Rezensionen von Alexander Korittko.

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Zitiervorschlag
Alexander Korittko. Rezension vom 29.06.2023 zu: Robert Bering, Sonja Thüm: Kompendium Traumafolgen. Traumafolgestörungen Bd. 2). Verlauf, Behandlung und Rehabilitation der komplexen PTBS. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2022. ISBN 978-3-608-98406-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30032.php, Datum des Zugriffs 18.07.2024.


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