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Petra Hinderer, Martina Kroth: Kinder bei Tod und Trauer begleiten

Cover Petra Hinderer, Martina Kroth: Kinder bei Tod und Trauer begleiten. Konkrete Hilfestellungen in Trauersituationen für Kindergarten, Grundschule und zu Hause. Ökotopia Verlag (Münster) 2005. 128 Seiten. ISBN 978-3-936286-72-4. 17,90 EUR.

Illustration: Sander, Kasia.
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Thema und erste Einschätzung

Zweifellos ist es verdienstvoll, sich Kindern, die Tod und Trauer zu verarbeiten haben, intensiv zu widmen. Absicht des genannten Buches ist es daher auch, konkrete Hilfestellungen und Anregungen hierzu in Trauersituationen bereitzustellen und das vor allem für Kindergärten, Grundschule und die häusliche Situation. Ob das Buch allerdings diesem Anspruch gerecht werden kann, erscheint mir in mehrfacher Hinsicht zweifelhaft. Ich muss gestehen, dass ich beim Lesen des Buches manchmal etwas ratlos geblieben bin. Zum einen liegt es daran, dass die Autorinnen offensichtlich im Besonderem Bemühen um praktische Hilfestellungen jeden Bezug zu wissenschaftlicher Fachliteratur vermeiden. Aber auch als mit dem Thema beschäftigte Kindergärtnerinnen oder als betroffener Elternteil könnte man ja sicher das Bedürfnis haben, zu erfahren, wieweit vielfach einfach in den Raum gestellte Meinungen in Einklang zu entsprechender Fachliteratur sind. So etwa, wenn bestimmte Phasen der Auseinandersetzung mit Tod und Sterben bei Kindern dargestellt werden oder wenn unter dem Abschnitt 'Kinder trauern anders' ausgeführt wird, dass es bei Kindern keinen in Phasen erkennbaren Verlauf des Trauerns gebe, ohne dass z.B. darauf hingewiesen wird, dass solche Verlaufsmodelle auch bei Erwachsenen äußerst umstritten und problematisch sind und es sich eher um idealtypische als konkret vorfindbare oder gar zwangläufig aufeinanderfolgende Phasen handelt.

Inhalt und Kommentar

Das Buch bietet zweifellos eine Fülle von Anregungen aus den verschiedensten psychologischen Ecken (etwa in Anlehnung an den leeren Stuhl von Fritz Perls konzipierte Übungen), die im Einzelfall verwertbar sein mögen. Das ist wohl auch ein Gewinn, den man mit dem Buch haben kann. Andererseits könnte der Leser allzu leicht dem Eindruck verfallen, dass die Anwendung entsprechender Übungen und Rituale erleichternd für die Trauerarbeit wirkt, ohne dass dabei die Vorgehensweisen im Einzelnen aus dem individuellen Trauerprozess und evtl. aus dem individuellen Betreuungsprozess heraus entwickelt worden wären. Allzu viel im Buch wirkt wie eine Ansammlung von Rezepturen, die ohne gründliches Wissen um Beratungstechniken und klinische Psychologie schnell falsch angewendet werden und nicht unbedingt den angestrebten Zweck erreichen.

Wenn der Leser aus den sicherlich mehr als 100 Anregungen ein oder zwei herausnimmt, um im konkreten Fall damit zu arbeiten, so denke ich, hat das Buch seinen Zweck erfüllt. Es sollte aber auf keinen Fall dahingehend missverstanden werden -  wogegen die Autorinnen sich leider nicht ungenügend verwahren -, dass das Durchexerzieren der genannten Übungen und Überlegungen den individuellen Trauerprozess und die individuelle Auseinandersetzung evtl. auch mit einem Berater ersetzen könnte. Somit krankt das Buch wie alle psychologischen Ratgeber daran, dass man in der psychologischen Beratung eben nichts über einen Kamm scheren kann.

Wenn dann Bestattungstechniken aus fremden Kulturen besprochen werden, so weiß ich nicht, was das den mit dem Thema beschäftigten Pädagogen oder Psychologen bringen soll. Es ist mir aber auch unklar, ob betroffenen Kindern etwa das Backen des ägyptischen Symbols ankh aus Brot wirklich einen Zugang zum Leben verschafft oder ob es hierbei nicht auf ganz andere Dinge ankäme wie z.B. die Beziehung zu dem, der mit einem irgendwelche Aktivitäten unternimmt, dessen eigene Lebensfreude, echte eigene Lebensfreude man sieht und dessen authentischen Umgang mit Tod und Trauer man an sich heranlassen oder evtl. sich zu Eigen machen kann.

Fazit

Zusammenfassend: Das Buch scheint deutlich all die Mängel vor Augen zu führen, mit denen praktische Trauerratgeber (für welchen Adressaten auch immer) belastet sind. Dies ist sicherlich nicht ein Manko der Autorinnen, auch nicht ein Problem des gut lesbaren Schreibstils, sondern eher ein Problem der Gefahr, die Individualität von Menschen und auch von Kindern zwar ausdrücklich zu betonen und zu konzedieren, dennoch aber dann so zu tun, als ob es ganz bestimmte Rituale, Rollenspiele usw. gäbe, die mehr oder weniger für alle passend sein sollten.


Rezensent
Prof. Dr. Arnold Langenmayr
Universität Duisburg-Essen, Standort Essen
FB Bildungswissenschaften


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Zitiervorschlag
Arnold Langenmayr. Rezension vom 17.01.2006 zu: Petra Hinderer, Martina Kroth: Kinder bei Tod und Trauer begleiten. Konkrete Hilfestellungen in Trauersituationen für Kindergarten, Grundschule und zu Hause. Ökotopia Verlag (Münster) 2005. ISBN 978-3-936286-72-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3004.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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