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Marie-Therese Haj Ahmad: Von Ein- und Ausschlüssen in Europa

Rezensiert von Prof. Dr. Jens Wurtzbacher, 06.03.2023

Cover Marie-Therese Haj Ahmad: Von Ein- und Ausschlüssen in Europa ISBN 978-3-89691-078-3

Marie-Therese Haj Ahmad: Von Ein- und Ausschlüssen in Europa. Eine ethnographische Studie zu EU-Migration und Wohnungslosigkeit in Deutschland. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2022. 245 Seiten. ISBN 978-3-89691-078-3. 27,00 EUR.

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Thema

Die ethnographische Studie thematisiert die Schnittstelle zwischen innereuropäischer Migration und Wohnungslosigkeit. An unterschiedlichen Orten des Hilfesystems wird die Lebensrealität von wohnungslosen EU-Bürger*innen sichtbar gemacht. Frau Haj Ahmad begleitet eine fiktive Person ohne Unterkunft, der Sozialleistungen aufgrund sozialrechtlicher Leistungsausschlüsse weitgehend verwehrt bleiben, zum Sozialamt, zu Tagesstätten und Unterkünften sowie zu einer Arztpraxis und zeigt dabei Aushandlungsprozesse beim Zugang zu und der Aufrechterhaltung von rudimentären Unterstützungsleistungen. Die Autorin argumentiert aus der Perspektive der kritischen Migrationsforschung, welche versucht, nationalstaatliche Migrationspolitik(en) in Richtung unterschiedlicher ‚Grenzregime‘ aufzulösen, innerhalb derer Teilhabemöglichkeiten das Ergebnis machtbesetzter Aushandlungsprozesse darstellen.

Die Autorin

Marie-Therese Haj Ahmad forscht als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung (GISS) e.V. in Bremen. Nach einem Studium der Sozialen Arbeit in Berlin (Masterabschluss im kooperativen Masterstudiengang ‚Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession‘) promovierte sie am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin mit der vorliegenden Arbeit. Schwerpunktgebiete ihrer Forschung sind Armut und Wohnungslosigkeit sowie professionssoziologische Fragen der Sozialen Arbeit.

Aufbau und Inhalt

Ausgangspunkt der Studie ist die komplizierte Situation von Unionsbürger*innen, die in Deutschland in prekären Verhältnissen leben. In sieben Kapiteln untersucht die Autorin die Interaktionsprozesse zwischen Hilfesystem und betroffenen Personen auf der Basis einer aufwändigen ethnologischen Feldforschung:

Ausgehend von der Wohnungslosigkeit von Unionsbürger*innen in Deutschland (S. 20 ff.), die sich dadurch auszeichnet, dass ihnen so gut wie keine Zugänge zum Hilfesystem offenstehen, wird eine Forschungsperspektive entworfen, die nicht von bestehenden Subjekten ausgeht, sondern von Prozessen der Subjektivierung und der prozesshaften Zuschreibung bestimmter negativ konnotierter Eigenschaften. Es geht der Autorin um einzelne Konflikte und Aushandlungsprozesse, die unter Einbezug von Hilfearrangements die EU-Migration regulieren und in ihrer Gesamtheit ein ‚spezifisches inner-EU-europäisches Migrationsregime konstituieren‘ (S. 37). Die Exklusionsmaßnahmen, die das soziale Problem der Wohnungslosigkeit von Unionsbürger*innen erst hervorbringen, sind somit Teil eines exklusiven innereuropäischen Grenzregimes, welches sich insbesondere in den Großstädten als wirksam erweist.

Die Autorin zielt nun darauf, die Wohnungslosigkeit von Unionsbürger*innen ethnographisch zu erforschen (S. 48 ff.) und das darin wirksame Grenzregime anhand einzelner Maßnahmen und Policies sichtbar zu machen. Dafür wird sie selbst Teil des Feldes, begleitet Sozialarbeiter*innen, beobachtet die Praktiken des Hilfesystems, führt Gespräche und hospitiert in Notunterkünften. Ihre Ergebnisse verdichtet sie in der Kunstfigur Sasa Piemers, die die Leser*innen die konflikthaften Schnittstellen zwischen Wohnungslosigkeit und inner-EU-europäischem Grenzregime näherbringt.

Unter rechtlichen Ausschlüssen, differenzieller Inklusion und das Navigieren dazwischen (S. 64 ff.) zeigt sich die Kluft zwischen der Rechtslage und deren Umsetzung im Handlungsalltag der sozialen Sicherung. In der restriktiv geregelten Spannung zwischen nationalem Sozialrecht und Freizügigkeit innerhalb der EU sind Handlungsspielräume einzelner Akteur*innen erkennbar, innerhalb derer Sasa Piemers als Stellvertreter für EU-Migrant*innen in prekärer Lebenslage entweder als „Eindringling“ und „Fremdkörper“ in das Hilfesystem angesehen wird, oder als „hilfebedürftiger Unionsbürger“ auf der Basis der Grundrechtscharta. Gleichzeitig stehen aber auch ihm unterschiedliche Strategien und Praktiken frei, sich durch das Migrationsregime hindurch zu bewegen. Angelehnt an die vom US-amerikanischen Soziologen Michael Lipsky eingeführte street level bureaucracy zeigen sich große Variationsbreiten im professionellen Handeln.

Anschaulich vertieft wird dieser Zugang am Beispiel der medizinischen Versorgung wohnungsloser Menschen in Berlin als Aushandlungsfeld des inner-EU-europäischen Grenzregimes (S. 108 ff.); ein stark umkämpftes Feld, in dem sich unterschiedliche Akteur*innen des Grenzregimes miteinander verwoben zeigen. Während reguläre Arztpraxen ohnehin für eine Versorgung ohne Krankenversicherungsschutz nicht zur Verfügung stehen, streben die öffentlichen Träger auf Bundes- wie auf Landesebene ebenfalls einen Ausschluss von EU-Migrant*innen aus der medizinischen Hilfsprojektlandschaft an, bis hin zum Entzug der Finanzierung. Dagegen arbeiten und positionieren sich Akteur*innen des zivilgesellschaftlichen Feldes und versuchen, Handlungsspielräume soweit es geht zu nutzen, um trotz allem eine rudimentäre Versorgung sicherzustellen. Verbunden bleiben die unterschiedlichen Institutionen jedoch aus Sicht der Autorin in der Anerkenntnis der Grundstrukturen des exklusiven Grenzregimes, den aufenthaltsrechtlichen Kategorien, die als solche nicht in Frage gestellt werden.

Diese konflikthaften Aushandlungsprozesse zur Regulation inner-EU-europäischer Migration werden im Kapitel zum Regieren von Migration im wenig regulierten Feld der leicht zugänglichen Wohnungslosenhilfe (S. 149 ff.) noch weiter aufgefächert. Es zeigt sich ein System der ‚differenziellen Inklusion‘ (S. 178), in dem die vom Grundsatz her zugänglichen Einrichtungen ihrerseits ein kompliziertes Geflecht unterschiedlicher Differenzierungen etablieren, was sich nicht zuletzt in der Umsetzung des Europäischen Hilfsfonds für die am stärksten benachteiligten Personen (FEAD) zeigt. Selbst das System der niedrigschwelligen Unterstützung kommt offenbar nicht ohne Ausschlussmechanismen aus; die Autorin sieht dies als letztliche Indienstnahme für die Aufrechterhaltung der hegemonialen Gesellschaftsordnung, die den Schutz menschenrechtlicher Standards von juristischen Zugehörigkeitsmerkmalen abhängig macht.

Abschließend verdichtet die Autorin unter der Überschrift Sasa Piemers in Europa (S. 179 ff.) ihre Perspektive der kritischen Migrationsforschung. Der Umgang mit Obdachlosigkeit in inner-EU-europäischen Migrationsprozessen zeigt sich in mannigfaltigen Othering- und Abwertungsprozessen. So bedeutsam sich die Lösung der anhand der fiktiven Kunstfigur dargestellten sozialen und gesundheitlichen Probleme für den Bestand der Europäischen Union als Wertegemeinschaft darstellen, so wirkmächtig bleiben die Begrenzungen der (nationalen) Sozialpolitiken und die daraus erwachsenden Ausschlüsse. Einen kritischen Blick wirft Frau Haj Ahmad dabei auch auf die Soziale Arbeit, die sie als aktiven Teil des Grenzregimes wertet, der lediglich im Einzelfall, nicht aber auf struktureller und politischer Ebene aktiv wird, und sich damit durch die Konzentration auf die Mikroebene kritiklos innerhalb neoliberaler gesellschaftlicher Verhältnisse positioniert.

Diskussion

Marie-Therese Haj Ahmad arbeitet am Tatbestand der Wohnungslosigkeit von Unionsbürger*innen in engagierter Weise die Wirkmächtigkeit eines Regimes heraus, welches zwischen der Arbeitnehmerfreizügigkeit einerseits und der nationalen Sozialpolitik andererseits vermittelt. Dabei wird offenbar, dass gerade die Unterstützung der vulnerabelsten Gruppen auf der Strecke bleibt und die Institutionen des Hilfesystems selbst in zwiespältige Prozesse humanitärer Ein- und migrationspolitischer Ausschlüsse verwickelt sind. Dort werden vielerlei Unterscheidungsprozesse vollzogen, die in eine fein ziselierte Teilhabehierarchie münden. Es ist ein großes Verdienst der Studie, dies mittels einer beindruckenden Datenfülle sicht- und greifbar zu machen. Der praxistheoretische Blick auf die tatsächlichen Alltagspraktiken in niederschwelligen Wohnungslosenhilfesystem zeigt die Ambivalenz wohlfahrtsstaatlicher Sicherungsleistungen auf, deren Zugang immer limitiert und an spezifische Kriterien gebunden bleibt. Die Lektüre der vorliegenden Studie weckt das Bedürfnis nach mehr empirischen Untersuchungen, die mit praxistheoretischer Perspektive versuchen, Licht in die Alltagspraxis sozialer Dienstleistungen zu bringen.

Fazit

Unabhängig davon, für wie tragfähig man letztlich die Perspektive der kritischen Migrationsforschung halten mag, liefert Frau Haj Ahmad eine überaus wichtige, empiriegesättigte und sehr anschauliche Analyse der Situation wohnungsloser EU-Migrant*innen und des damit verbundenen Hilfesystems. Die Autorin macht in sehr verdienstvoller Weise spezifische Praktiken des Ein- und Ausschlusses sichtbar, die die Wertebasis der europäischen Union herausfordern und der Sozialen Arbeit deutlich politischere Praktiken abverlangen.

Rezension von
Prof. Dr. Jens Wurtzbacher
Professor für Sozialpolitik, Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
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Es gibt 5 Rezensionen von Jens Wurtzbacher.

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Zitiervorschlag
Jens Wurtzbacher. Rezension vom 06.03.2023 zu: Marie-Therese Haj Ahmad: Von Ein- und Ausschlüssen in Europa. Eine ethnographische Studie zu EU-Migration und Wohnungslosigkeit in Deutschland. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2022. ISBN 978-3-89691-078-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30046.php, Datum des Zugriffs 22.06.2024.


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