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Peter Wißmann, Christina Pletzer: Das Leben meistern

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 28.01.2026

Cover Peter Wißmann, Christina Pletzer: Das Leben meistern ISBN 978-3-7568-3630-7

Peter Wißmann, Christina Pletzer: Das Leben meistern mit Vergesslichkeit, ´Demenz´ & Co. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2022. 3. Auflage. 264 Seiten. ISBN 978-3-7568-3630-7. 23,95 EUR.

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Thema

Die Demenz ist in den letzten Jahrzehnten zusehends ein Alltagsthema geworden. So gibt es mittlerweile unzählige Bücher über diese Erkrankung, aber auch Filme und Fernsehspiele mit der Thematik Demenz verdeutlichen den wachsenden Stellenwert dieser Hirnerkrankung in einer alternden Gesellschaft. Die vorliegende Publikation wird als Ratgeber für Demenzkranke im frühen Stadium (so genannte „Frühbetroffene“) und ihre Angehörigen propagiert.

Autoren

Peter Wißmann ist Sozialpädagoge und Sozialarbeiter. Gemeinsam mit Christina Pletzer leitet er seit 2021 das Team WAL („Wachstum ab der Lebensmitte“) in Innsbruck. Von 2007 bis 2021 arbeitete er als Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter bei Demenz Support Stuttgart. Des Weiteren wirkte er zusammen mit Michael Ganß als Herausgeber der Zeitschrift „demenz. DAS MAGAZIN“. Peter Wißmann hat bereits einige Sachbücher zum Themenfeld Demenz veröffentlicht bzw. herausgegeben: u.a. „Werkstatt Demenz“ (2004) (www.socialnet.de/rezensionen/2212.php), „Demenz und Zivilgesellschaft – eine Streitschrift“ (zusammen mit Reimer Gronemeyer 2008) und„Nebelwelten“ (2015) (www.socialnet.de/rezensionen/​18161.php).

Christina Pletzer ist klinische und Gesundheitspsychologin.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist in sieben Teile mit insgesamt 34 Kapiteln unterteilt.

In Teil 1 (Das Vorspiel, Seite 14 - 22) werden u.a. die Begrifflichkeiten des Ratgeberbandes erläutert. So soll der Begriff „Vergesslichkeit & Co.“ den Begriff Demenz ersetzen, der von den Autoren als unpassend abgelehnt wird und dementsprechend nur in Anführungszeichen oder als „sogenannte Demenz“ verwendet wird. Anstelle des gängigen Begriffs Angehörige wird die Begrifflichkeit „Zugehörige“ verwendet, wohl um damit auch nichtverwandtschaftliche Bezugs- und Unterstützungspersonen benennen zu können. Mit dem Ratgeber wollen die Autoren die Betroffenen „befähigen, das Leben mit Vergesslichkeit und Co. zu meistern. Er will sie dazu ermutigen, sich aus einer passiven „Patientinnenrolle“ beziehungsweise einer überfordernden Helferinnenrolle zu lösen und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen“ (Seite 19).

Teil 2 (Wenn es anders wird, Seite 24 - 61) beschreibt zu Beginn, dass kognitive Beeinträchtigung sowohl zum Alterungsprozess gehören und auch bereits in jüngeren Jahren auftreten können: u.a. als Folge von Medikamentennebenwirkung, Stress, Drogenkonsum und Schlafmangel. Die Bedeutung organischer Erkrankungen als Ursache von deutlich wahrnehmbarer Vergesslichkeit wird dargestellt. Angeführt werden u.a. die folgenden Erkrankungen: Schilddrüsenerkrankung, Nierenschwäche, Leberversagen, Blutarmut und Herzschwäche. Anschließend setzen sich die Autoren eingehend mit dem „Monster“ Demenz oder genauer Alzheimerdemenz auseinander, indem sie u.a. behaupten, dass die Ursachen der Erkrankung bisher noch nicht bekannt seien. Des Weiteren wird der fortschreitende Abbauprozess der Alzheimerdemenz entgegengesetzt der Hirnreifung infrage gestellt, indem er als bloßes „theoretisches Gebilde“ relativiert wird: „Zum Glück sind Verläufe kognitiver Veränderungsprozesse individuell!“ (Seite 57). Ergänzend wird in diesem Zusammenhang die Demenz in Anlehnung an Peter J. Whitehouse als „Gehirnalterung“ klassifiziert (Whitehouse et al. 2009).

In Teil 3 (Bahnungsphase, Seite 63 - 126) stehen die ersten Symptome der Demenzerkrankung im Mittelpunkt, wobei die Autoren bewusst von „kognitiven Veränderungen“ ausgehen. Angeführt werden Aufmerksamkeitsstörungen und die damit verbundenen emotionalen Belastungen und Ängste. Diesbezüglich wird den Betroffenen empfohlen, mit vertrauten Personen über die belastenden Empfindungen zu sprechen. Angehörigen wird in diesem Zusammenhang die Empfehlung gegeben, Entlastungsstrategien wie z.B. die „Technik des Loslassens von negativen Gefühlen“ zu praktizieren. Des Weiteren wird u.a. der Rat erteilt, sich der Einbußen an geistigen Fähigkeiten nicht zu schämen („Überflüssig wie ein Kropf“ Seite 107). Auch sollten die Erkrankten nicht am „Früher kleben“, also loslassen und sich auf einen neuen Lebensabschnitt einstellen: „Schalten Sie um und sagen Sie: Jetzt beginnt ein neues Leben!“ (Seite 118).

Teil 4 (Spotlight „Demenz“, Seite 128 - 146) befasst sich mit den Auswirkungen der Demenzdiagnose bei den Betroffenen, was zu Verunsicherung und Stigmatisierung führen kann. Anschließend wird kurz auf die medikamentöse Behandlung mit Antidementiva nebst Nebenwirkungen mit der Empfehlung eingegangen, diese Medikamente trotz begrenzter Wirkkraft auf ärztlichen Rat hin einzunehmen. Es folgen Ausführungen zur „Nonnenstudie“ aus den USA, die nicht mit Studienergebnissen übereinstimmen. So geben die Autoren an, dass die Lebensumstände in dem Kloster dazu geführt hätten, dass einige Nonnen zu Lebzeiten keine geistigen Minderleistungen gezeigt haben, obwohl ihre Gehirne post mortem histologisch hochgradig neuropathologisch abgebaut waren.

In Teil 5 (Handeln, Seite 148 - 243) werden Ratschläge und Empfehlungen hinsichtlich der Lebensführung bei einer beginnenden Demenz oder einer Demenz in den leichteren Stadien gegeben: Aktiv sein (Altes bewahren und Neues Entdecken) u.a. in Form von Schwimmen, Wandern; soziale Beziehungen pflegen und neue Kontakte aufbauen (Vereine, Bürgertreffs und Kirchengemeinden); sich einer Selbsthilfegruppe von Demenzkranken anschließen oder eventuell auch selbst eine zu initiieren; das so genannte „Leibgedächtnis“ fördern („Sinnes- und Leibkompetenz trainieren“ u.a. in Gestalt von Malen, „Waldbaden“, Klänge lauschen und Meditieren); Hinweise zur Alltagsbewältigung (u.a. schriftliche Notizen, Orientierungstraining in der näheren Umgebung); Formen des Gedächtnistrainings; gesunde Lebensführung (Ernährung, Bewegung und Sozialkontakte); Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung; Kontakte zu Ärzten und Beratungsstellen und anderen Helfergruppen aufrechterhalten.

In Teil 6 (Schwere Zeiten, Seite 245 – 252) wird auf wenigen Seiten auf das fortgeschrittene Stadium der Demenz eingegangen, wobei vorab darauf hingewiesen wird, dass der Ratgeberband nicht auf die Lebenssituation „schwerbetroffener“ Menschen ausgerichtet sei. Des Weiteren erwähnen die Autoren zu Beginn, dass nicht jede kognitive Minderleistung zu einer Demenz führt. Es folgen kurze Ausführungen zur „so genannten schweren Demenz“. Hier erwähnen die Autoren ihre beruflichen Erfahrungen im Umgang mit dieser Personengruppe, indem sie u.a. auf die Hilflosigkeit und die damit verbundene erhöhte Pflegebedürftigkeit mitsamt den demenzspezifischen Krankheitssymptomen (u.a. Apathie, Unruhe, Wut und Aggression) verweisen. Auch erlebten sie „Schwerstdemente“, die sie wie folgt beschreiben: „Doch diese Menschen schienen glücklich zu sein! … In einer für außenstehenden unverständlichen Sprache redeten und sangen sie fröhlich vor sich hin. Sie lächelten, lachten und zeigten auf allen Ebenen, dass sie sich wohlfühlten.“ (Seite 247). Im Gegensatz zu diesem Forschungsstand stellen die Autoren die These auf, durch Übung diesen Abbauprozess positiv zu beeinflussen: „Wer gelernt hat, alle Dimensionen seines Menschseins gut auszubilden, hat bessere Chancen, ein gutes Leben mit schweren kognitiven Einbußen zu realisieren“ (Seite 250).

Teil 7 (Hinter den Kulissen, Seite 254 – 264) enthält Hinweise über das „Drei-Bausteine-Paket“ (Ratgeber als Buch, Wissensschatzkammer und digitale Austausch- und Informationstreffen), die Autoren, das „Team WaL“ („Wachstum ab der Lebensmitte“), Zitiernachweise und die verwendete Literatur.

Diskussion

Die vorliegende Publikation enthält einen grundlegenden Widerspruch, der die Leserschaft aller Wahrscheinlichkeit nach verwirren wird: Warum werden Demenzen als Krankheit und zugleich auch als bloße Hirnalterung klassifiziert? Ein medizinhistorisches Faktum kann diesbezüglich als Erklärung dienen. Vor einigen Jahrzehnten wurde empirisch belegt, dass nicht immer ein kausaler Zusammenhang zwischen demenzspezifischer Hirnpathologie und den Krankheitssymptomen besteht. Dieser Sachverhalt veranlasste u.a. Whitehouse und vor allem auch Kitwood (Kitwood 2000) zu der Annahme, dass es sich bei der Demenz um keine Krankheit im eigentlichen Sinne handelt (zu Kitwood siehe Lind 2021a, b, c). Allgemeiner Stand der neurologischen Forschung war damals noch nicht der Erklärungsansatz der kognitiven Reservekapazität, der die Genetik als potenziellen Schutzmechanismus gegen den krankhaften Abbauprozess nachwies (Dekhtyar et al. 2015, Snowden 2001, Whalley et al. 2000). Ergänzend bedarf es des Hinweises, dass eine resistente Genetik (u.a. das ApoE-2-Allel – Karaca et al. 2018) allein nicht vor Demenzerkrankungen zu schützen vermag, wenn neben der Alzheimerpathologie zusätzlich eine vaskuläre Komponente (Infarkte) hinzukommt (Hamann 2018, Snowden 2001). Diesen Sachverhalt hätten die Autoren in dem Ratgeberband der Vollständigkeit halber anführen sollen.

Ein weiterer Kritikpunkt besteht darin, dass Demenzkranke im frühen und mittleren Stadium psychisch sehr belastet sind. Das Erleben der zunehmenden Vergesslichkeit, das Begreifen, dass alltägliche Handlungen wie Stricken oder Kuchen backen nicht mehr so recht gelingen wollen, all das verunsichert und verängstigt die Betroffenen. Die hier vorliegenden Ratschläge wie zum Beispiel „Jetzt beginnt ein neues Leben!“ (Seite 118) sind aus der Sicht des Rezensenten diesbezüglich nicht angemessen.

Fazit

Mit dem Ratgeber ist der Anspruch verbunden, das „Selbstbewusstsein und die Selbsthilfekräfte der betroffenen Menschen und ihrer Zugehörigen“ zu stärken (Klappentext). Dieser Erwartungshaltung wird die vorliegende Publikation aufgrund der angeführten Kritikpunkte nicht gerecht.

Literatur

Adler, G. (2021) Handbuch Demenzvorsorge. Stuttgart: Kohlhammer https://www.socialnet.de/rezensionen/​28887.php

Dekhtyar, S. et al. (2015) A life-course study of cognitive reserve in dementia – from childhood to old age. American Journal of Geriatric Psychiatry, 23 (9): 885 – 896.

Hamann, G. F. (2018) Vaskuläre Demenz. In: Jessen, F. (Hrsg.) Handbuch Alzheimer-Krankheit. Berlin: Walter de Gruyter (353-366)

Hampel, H. et al. (2008) Alzheimer-Demenz: klinische Verläufe, diagnostische Möglichkeiten, moderne Therapiestrategien. www.socialnet.de/rezensionen/948.php

Jessen, F. et al. (Hrsg.) (2018) Handbuch Alzheimer-Krankheit. https://www.socialnet.de/rezensionen/​24698.php

Karaca, I. et al. (2018) Genetik der Alzheimer-Krankheit. In: Jessen, F. (Hrsg.) Handbuch Alzheimer-Krankheit. Berlin: Walter de Gruyter (86-121)

Kitwood, T. (2000) Demenz. Der personenzentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. Bern: Verlag Hans Huber.

Lind, S. (2021a) Das Demenzmodell von Tom Kitwood (Teil 1). https://www.svenlind.de/2021/05/09/das-demenzmodell-von-tom-kitwood/

Lind, S. (2021b) Das Demenzmodell von Tom Kitwood (Teil 2). https://www.svenlind.de/2021/05/16/das-demenzmodell-von-tom-kitwood-teil-2/

Lind, S. (2021c) Das Demenzmodell von Tom Kitwood (Teil 3). https://www.svenlind.de/2021/05/23/das-demenzmodell-von-tom-kitwood-teil-3/

Reisberg, B. et al. (1999) Toward a science of Alzheimer’s disease management: a model based upon current knowledge of retrogenesis. International Psychogeriatrics, 11 (1): 7–23).

Snowden, D. (2001) Lieber alt und gesund. Dem Alter seinen Schrecken nehmen. München: Karl Blessing Verlag.

Tacik, P. (2018) Molekulare Mechanismen der Tau-Pathologie. In: Jessen, F. (Hrsg.) Handbuch Alzheimer-Krankheit. Berlin: Walter de Gruyter (64-79)

Whalley, L. J. et al. (2000) Childhood mental ability and dementia. Neurology, 55: 1455 – 1459.

Whitehouse, P.J. et al. (2009) Mythos Alzheimer. Bern: Verlag Hans Huber. https://www.socialnet.de/rezensionen/7643.php

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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ISSN 2190-9245