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Heinz-Jürgen Voß: Einführung in Sexualpädagogik und Sexuelle Bildung

Rezensiert von Prof. Dr. Dominik Mantey, 20.01.2023

Cover Heinz-Jürgen Voß: Einführung in Sexualpädagogik und Sexuelle Bildung ISBN 978-3-17-034717-5

Heinz-Jürgen Voß: Einführung in Sexualpädagogik und Sexuelle Bildung. Basisbuch für Studium und Weiterbildung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2022. 237 Seiten. ISBN 978-3-17-034717-5. D: 36,00 EUR, A: 37,00 EUR, CH: 43,20 sFr.
Reihe: Urban-Taschenbücher.

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Thema

Das Buch führt in Theorie und Praxis von Sexualpädagogik und Sexueller Bildung ein. Als „Basisbuch für Studium und Weiterbildung“ fokussiert es grundsätzliche Fragen, z.B. Begriffsklärungen, rechtliche Prämissen und Geschichte der Sexualpädagogik. Im Zentrum der Betrachtung steht die schulische Sexualpädagogik. Damit legt der Autor eine mit Uwe Sielerts Werk von 2015 vergleichbare Einführung zum Thema vor und setzt dabei eigene normative, historische und theoretische Akzente.

Autor

Heinz-Jürgen Voß ist Sexualwissenschaftler, Sozialwissenschaftler und Biologe. Er arbeitet an der Hochschule Merseburg als Professor für Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung.

Aufbau

Das Buch umfasst acht Kapitel. Die ersten vier umfassen Grundlagen der Sexualpädagogik, z.B. Begriffsklärungen und einen Blick in die Geschichte des Themas. Das fünfte Kapitel stellt einen Übergang dar, führt zunächst die Historie der schulischen Sexualpädagogik aus und stellt den aktuellen Stand der Sexualpädagogik an Schulen dar. Kapitel 6 greift erneut Grundlagen der Sexualpädagogik auf, z.B. die psychosexuelle Entwicklung von Kindern sowie die Unterscheidung erwachsener und kindlicher Sexualität. Zudem werden weitere Praxisfelder – insbesondere Kindertagesstätten – neben die Schule gestellt. Das siebte – im Vergleich sehr kurze – Kapitel betrachtet die Sexuelle Bildung Erwachsener. Das – ebenfalls kurze – achte Kapitel stellt Konzepte der Heterogenität und Intersektionalität als Entwicklungsaufgaben der Sexualpädagogik und ein in diesem Kontext interessantes Multiplikator:innenprojekt vor.

Inhalt

In der Einleitung des Buches benennt Heinz-Jürgen Voß vier Argumente für eine neue Einführung in das Themengebiet:

  1. neue Erkenntnisse zu sexuellen Grenzverletzungen und sexualisierter Gewalt,
  2. normative, gesellschaftliche Verschiebungen im Bereich sexueller Vielfalt,
  3. die gesellschaftliche „Banalisierung“ (S. 11 f.) und Pädagogisierung des Sexuellen,
  4. die notwendige Reflexion stereotyper Vorstellungen im Kontext von Sexualität sowie historisch sich wandelnder Funktionen der Sexualpädagogik.

Das zweite Kapitel stellt normative und theoretische Prämissen sowie Bezugspunkte der Sicht des Autors auf Sexualpädagogik und Sexuelle Bildung dar:

  1. Mit Bezug auf eine Definition der BZgA beschreibt Voß Sexualität als vielschichtiges Phänomen, das emotionale, psychosoziale und biologische Dimensionen umfasst und von jedem Menschen individuell empfunden und gelebt wird. Hierbei hebt er insbesondere die Individualität menschlichen Erlebens hervor. Ergänzend führt er die Definition sexueller Gesundheit der WHO an.
  2. Als weitere Grundlage beschreibt der Autor mit erneutem Bezug zur WHO die sexuellen sowie reproduktiven Rechte und ihre historische Entwicklung.
  3. Sexuelle Bildung charakterisiert er als selbsttätigen Prozess der Aneignung des Subjekts, der durch Angebote von Sexualpädagogik und Sexueller Bildung unterstützt werden kann.
  4. Eine weitere Prämisse stellen für ihn die empirisch nachzuzeichnenden gesellschaftlichen Veränderungen hinsichtlich Sexualität und Geschlechtlichkeit dar.
  5. Voß erhebt zudem den normativen Anspruch, stereotype Sichtweisen – wie geschlechtsbezogene, rassistische oder antisemitische – zu reflektieren.
  6. Als letzte Prämisse benennt er die besonderen Belastungsfaktoren für trans*-, intergeschlechtliche und geschlechtlich nicht-binäre Personen und belegt sie mit empirischen Daten.

Im dritten Kapitel werden zentrale Begriffe definiert:

  1. Sexualpädagogik versteht der Autor als „Theorie und Praxis, die sich mit der Bildung und Erziehung insbesondere von Kindern und Jugendlichen im Themenfeld des Sexuellen befasst“ (S. 30). Im Kontrast zu Sielert (2015, S. 12) will er sie als Fachrichtung und nicht als Aspektdisziplin der Pädagogik verstanden wissen.
  2. Sexualerziehung begreift er als „Teilbereich der Sexualpädagogik“ (S. 32), der sich auf die schulische und institutionell organisierte Einflussnahme auf Umgangs- und Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen bezieht.
  3. Sexuelle Bildung definiert Voß als einen lebenslangen Prozess der „Selbstaneignung von Wissen und Kompetenzen durch jeden einzelnen Menschen im sexuellen Bereich“ (S. 34), der pädagogisch begleitet werden kann.
  4. Des Weiteren entfaltet er einen eigenen Ordnungsentwurf bezüglich historischer und aktueller Konzepte der Sexualpädagogik. Während bislang in der Regel schein-affirmative, pragmatisch-aufklärende, emanzipatorische und neo-emanzipatorische Konzepte unterschieden wurden, differenziert der Autor „negative bzw. vorehelicher Sexualität vorbeugende Sexualpädagogik“ (S. 41) und „positive bzw. Sexualität bejahende Sexualpädagogik“ (ebd.). Letztere unterteilt er wiederum in „heteronormativ-fortpflanzungsorientierte“ und „vielfaltsbewusste, Selbstbestimmung fördernde“ (ebd.) Konzepte.

Im vierten Kapitel, das mit 50 Seiten relativ lang ausfällt, fasst Heinz-Jürgen Voß die „Geschichte des Sexuellen und seiner ‚Erziehung‘“ (S. 43) zusammen:

  • Antike,
  • Christentum,
  • Zeit nach 1500,
  • bürgerliches Sexualitätsverständnis,
  • europäische Moderne,
  • Onanie-Debatten,
  • Zeit um 1900,
  • Magnus Hirschfeld und Ewald Bohm,
  • Zeit des Nationalsozialismus.

Das fünfte Kapitel setzt mit einem Blick auf die schulische Sexualpädagogik die historische Betrachtung fort und leitet zur aktuellen schulischen Sexualpädagogik über:

  • Zeit nach dem Nationalsozialismus in der BRD, in Westberlin und der DDR,
  • bis in die 1980er-Jahre reichende Gewalt von Lehrkräften gegen Schüler:innen,
  • spätere sexualpädagogische Entwicklungen in Westberlin und der BRD,
  • spätere sexualpädagogische Entwicklungen in der DDR,
  • heutige schulische Sexualpädagogik.

Im sechsten Kapitel werden weitere Grundlagen der heutigen sexualpädagogischen Praxis ausgeführt:

  1. Die Rolle der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und ihr Rahmenkonzept zu Sexualaufklärung werden erläutert.
  2. Weitere rechtliche Grundlagen, z.B. die UN-Konvention über die Rechte des Kindes, werden ausgeführt.
  3. Es folgt eine Unterscheidung von Kinder- und Erwachsenensexualität sowie eine Skizze der kindlichen Sexualentwicklung.
  4. Handlungskontexte der Sexualpädagogik werden (z.T. ergänzend) konkretisiert: Kita, Schule insgesamt inkl. sexualpädagogischer Gewaltprävention, Grundschule, Sekundarstufe, Kinder und Jugendliche mit Behinderungen sowie Kinder- und Jugendarbeit (sehr kurz).

Im siebten Kapitel betrachtet Voß sexuelle Bildungsprozesse im Erwachsenenalter. Sexuelle Bildung wird beschrieben als Prozess der Selbstaneignung, der institutionell und gesellschaftlich gerahmt ist. Einflussfaktoren auf die sexuellen Bildungsprozesse bzw. die sexuelle Entwicklung von Erwachsenen sowie lebensalterspezifische Themen der sexuellen Entwicklung werden aufgeführt.

Im achten Kapitel wird mit dem Konzept der Intersektionalität Weiterentwicklungsbedarf der Sexualpädagogik aufgezeigt. Der Autor fordert die sexualpädagogischen Akteur:innen auf, Heterogenität stärker wahrzunehmen und die eigenen Ansichten intensiv zu reflektieren. Als ein Beispiel für ein intersektional angelegtes sexualpädagogisches Konzept führt er das interkulturelle und intersektionale Rahmenkonzept des Burgenlandkreises aus. Abschließend regt er an, in den Hintergrund gerückte Theorien wieder aufzunehmen, z.B. die jüdische Theoriebildung der „Geschlechtermischung“ (S. 211).

Diskussion

Die Einführung in Sexualpädagogik und Sexuelle Bildung von Heinz-Jürgen Voß ist aus meiner Sicht insgesamt sehr gut gelungen.

  1. Der Text ist sehr gut zu lesen und klar argumentiert.
  2. Gleichzeitig ist er ausreichend wissenschaftlich fundiert und hält zahlreiche Quellenbezüge vor.
  3. Die Überschriften sind gut gewählt, die Zusammenfassungen zu den Kapiteln passend.
  4. Als hilfreich erweisen sich viele Empfehlungen für weiterführende Literatur und Materialien.
  5. Im Vergleich zu den bestehenden Einführungen von Sielert (2015) und Hierholzer (2021), die den langjährigen Status quo eher wiederholen, bietet Heinz-Jürgen Voß interessante und passend begründete Anstöße zur Weiterentwicklung des Diskurses. So wird u.a. die Konzeptgeschichte der Sexualpädagogik neu strukturiert und die Bedeutung bzw. Rolle Helmut Kentlers sowie der emanzipatorischen Sexualpädagogik neu bewertet.
  6. Ebenfalls positiv hervorzuheben ist aus meiner Sicht die klar zum Ausdruck gebrachte rechtebasierte, normative Haltung gegenüber Diskriminierung sowie der Anschluss an das Konzept der Intersektionalität.

Nicht ganz optimal gelungen sind aus meiner Sicht die folgenden Punkte:

  1. Die Grundstruktur erscheint nicht ganz konsistent. So finden sich in verschiedenen Kapiteln Prämissen und theoretische Grundlagen, die gut hätten zusammengefasst werden können. Beispielsweise bietet das zweite Kapitel eine Definition von Sexualität sowie die Darstellung sexueller und reproduktiver Rechte, das sechste Kapitel wiederum Kinderrechte und mit der Unterscheidung von Erwachsenen- und Kindersexualität eine nochmalige Erläuterung von Sexualität. Auch irritiert der Übergang zwischen historischen und aktuellen Betrachtungen im Rahmen des fünften Kapitels. In der Folge finden sich Ausführungen zur heutigen Sexualpädagogik in der Schule sowohl in Kapitel 5 als auch 6.
  2. An sehr wenigen Stellen wäre aus meiner Sicht mehr theoretische Tiefe wünschenswert gewesen, und es hätten zwei bis drei Seiten Theorie ergänzt werden können. So wird z.B. der Begriff Sexuelle Bildung in Kapitel 2 wie auch 7 eher oberflächlich erläutert. In beiden Fällen bleibt es bei der (unreferenzierten) Benennung des Aneignungskonzepts, die damit möglicherweise verbundenen Annahmen u.a. über Bildungsprozesse, Bildungssubjekt oder Bildungsgegenstände – und damit bildungstheoretische Annahmen – werden nicht expliziert. Auch die in diesem bildungstheoretischen Zusammenhang wichtige Verknüpfung von Gesellschaft und Individuum wird eher vage als Wirkungszusammenhang skizziert.
  3. Inhaltlich irritiert der Sexualerziehungsbegriff von Heinz-Jürgen Voß. Während Sielert (2015, S. 12) hierin die Praxis der Sexualpädagogik sieht, versteht Voß hierunter die „schulische und darüber hinaus institutionell organisierte prozesshafte Einflussnahme auf die Umgangs- und Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen im sexuellen Bereich“ (S. 34) und schließt eine elterliche sexualitätsbezogene (Erziehungs-!)Praxis explizit aus. Hiermit widerspricht er dem erziehungswissenschaftlichen Grundsatz, Eltern-Kind-Interaktionen als Erziehung zu theoretisieren.
  4. Inhaltlich erstaunt des Weiteren, dass die (sexual)pädagogischen Kontexte jenseits von Schule und Kindertagesstätte wie offene Kinder- und Jugendarbeit oder Heimerziehung kaum angesprochen werden. Zwar ist es historisch nachvollziehbar, dass die Schule im Vordergrund steht, doch gerade in den letzten Jahren wurde in den besagten Bereichen viel geforscht und publiziert.

Fazit

Das vorliegende Buch von Heinz-Jürgen Voß stellt eine sehr gelungene Einführung in das Themengebiet der Sexualpädagogik und Sexuellen Bildung dar. Es klärt die wichtigsten Begriffe, betrachtet zentrale Grundlagen, historische Bezüge sowie den aktuellen Stand der Forschung im Themengebiet. Der Band ist gut zu lesen, klar argumentiert, wissenschaftlich fundiert und setzt im Vergleich zu bestehenden Einführungen interessante neue Akzente.

Literatur

Hierholzer, Stefan (2021). Basiswissen Sexualpädagogik. München: Reinhardt.

Sielert, Uwe (2015). Einführung in die Sexualpädagogik (Reihe: Beltz Pädagogik; 2., erw. u. aktual. Aufl.). Weinheim: Beltz.

Rezension von
Prof. Dr. Dominik Mantey
Professor für Soziale Arbeit
Studiengangsleiter Master Soziale Arbeit
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Es gibt 3 Rezensionen von Dominik Mantey.

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ISSN 2190-9245