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Karl Heinz Brisch: Bindungsstörungen

Rezensiert von Dr. phil. Ulrich Kießling, 27.01.2023

Cover Karl Heinz Brisch: Bindungsstörungen ISBN 978-3-608-94937-7

Karl Heinz Brisch: Bindungsstörungen. Von der Bindungstheorie zur Beratung und Therapie. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2022. 440 Seiten. ISBN 978-3-608-94937-7. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.

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Thema

Als Standardwerk der Bindungstheorie bezeichnet, gibt der Band den aktuellen Stand sowohl der Bindungsforschung als auch der bindungsbezogenen Therapie wieder. Die Bindungstheorie wurde in den späten 1960er-Jahren von John Bowlby inauguriert und durch Mary Ainsworth weiterentwickelt. Mary Main entwickelte mit dem Fremde-Situation-Test und dem Adult Attachment Interview valide Erfassungsmöglichkeiten für die differenzierten Bindungsstile. Das deutsche Ehepaar Klaus und Karin Großmann zeigte in großen Längsschnittstudien über Jahrzehnte, wie Bindungssicherheit generationsübergreifend weitergegeben wird und welche Bedeutung diese für die psychische Stabilität von Individuen hat. Peter Fonagy und Mary Target haben die Bedeutung der Bindungstheorie zu einer Grundlagenwissenschaft für die Psychoanalyse wieder sichtbar gemacht und knüpfen so an Bowlbys ursprüngliche Perspektive an.

Autor

Prof. Dr. med. Karl Heinz Brisch (*1955) ist verheirateter Vater von drei erwachsenen Kindern. Er war Inhaber des Lehrstuhls für „Early Life Care“ an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg, Kinder- und Jugendpsychiater und -psychotherapeut sowie Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychoanalytiker, langjähriger Leiter der Abteilung für Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie am von Haunerschen Kinderspital der Universität München (LMU). Sein Verlag apostrophiert ihn als führenden Bindungsexperten im deutschen Sprachraum. Auf seiner privaten Homepage findet sich das Motto: „Mit einer sicheren Bindung werden die Eltern große Freude an ihrem Kind haben, weil sicher gebundene Kinder eine bessere Sprachentwicklung haben, flexibler und ausdauernder Aufgaben lösen, sich in die Gefühlswelt von anderen Kindern besser hineinversetzen können, mehr Freundschaften schließen und in ihren Beziehungen voraussichtlich glücklichere Menschen sein werden“ (K.H. Brisch).

Entstehungshintergrund

Als psychosomatischer Konsiliararzt an der Sektion Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin des Universitätsklinikums Ulm auf das Schicksal sehr kleiner Frühgeborener aufmerksam geworden, hat der Autor zeitlebens am Thema der Bindungsforschung festgehalten. Für die Frühgeborenen hat er damals den Begriff des „Traumas der Frühgeburt“ gefunden. Gegen Ende dieser Zeit lernte Brisch Anna Buchheim kennen, die gerade von Klaus Großmann aus Regensburg kam und bindungswissenschaftliches Know-How nach Ulm mitbrachte. Später erlebte er als leitender Arzt für pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie am von Haunerschen Kinderhospital die Bedeutung des Bindungsparadigmas für breitere klinische Fragestellungen, bevor er als weltweit erster Professor für „Early Life Care“ an die Medizinische Privatuniversität nach Salzburg berufen wurde. Der zu besprechende Band, im Jahr nach seiner Emeritierung als erweiterte und überarbeitete Neuausgabe erschienen, kann als opus magnum von Brischs wissenschaftlichen Tätigkeit gelten.

Aufbau/Inhalt

Das Werk gliedert sich in 5 Teile und einen ausführlichen Anhang (Anmerkungen, Bibliographie, Personen- und Sachregister)

Teil 1. Die Bindungstheorie und ihre Konzepte

  • Historischer Überblick S. 35/41
  • Entwicklung bindungstheoretischer Konzepte S. 42/92

Teil 2. Bindungsstörungen

  • Bindung und Psychopathologie (S. 109/111)
  • Bindung und Trauma (S. 112)
  • Theorie der Bindungsstörung (S 113/115)
  • Bindungsklassifikation in Diagnostischen Manualen (S. 116/119)
  • Diagnostik und Typologie von Bindungsstörungen (S. 120/128)
  • Diagnostisches Vorgehen und Methoden der Bindungsdiagnostik (S131/136)

Teil 3. Bindungsbasierte Psychotherapie

  • Definition und Abgrenzung (S139/140)
  • Therapie der bindungsbasierten Psychotherapie (S 141/146)
  • Technik der Behandlung (S 147/157)

Teil 4. Behandlungsbeispiele aus den klinischen Praxisfeldern

  • Präkonzeptionelle Bindungsstörung (S 161/169)
  • Pränatale Bindungsstörung (S. 170/184)
  • Postpartale Bindungsstörung (S. 190/206)
  • Bindungsstörungen im Kleinkind- und frühen Schulalter (S. 207/241)
  • Bindungsstörungen und Schule (S. 242/256)
  • Bindungsstörungen in der Adoleszenz (S. 257/278)
  • Bindungsstörungen bei Erwachsenen (S. 279/318)
  • Zusammenfassende Bemerkungen (S. 319)

Teil 5. Weitere Anwendungsgebiete der Bindungstheorie

  • Prävention (S. 325/344)
  • Familientherapie (S. 345/346)
  • Bindung und Gruppen (S. 347/349)
  • Pädagogik (S 350/351)
  • Kritischer Ausblick (S 352)
  • Anhang
  • Fragen des Adult Attachment Interviews (S. 357)
  • Anmerkungen/Bibliographie/Personenregister/Sachregister/Autor

Dieses Werk teilt sich in drei nahezu gleich umfangreiche Teile: Eine Einführung in die Bindungstheorie, dieser eigentümlichen Wissenschaft, die zwischen Verhaltensbiologie und Entwicklungspsychologie verortet ist, einer längeren Abhandlung über die Bindungsstörungen sowie deren Klassifikation in den gängigen diagnostischen Handbüchern von ICD und DSM inklusive den zugehörigen diagnostischen Prozeduren.

Der Beschreibung der bindungsbasierten Psychotherapie basiert sehr stark auf den Vorarbeiten John Bowlby‘s (1995), ist also eine psychoanalytisch orientierte Psychotherapie nach den Maßstäben der britischen Mittelgruppe, etwa Winnicott, Balint, Fairbairrn u.a., mit (gegenüber der klassischen Psychoanalyse) einer stärker interaktionell ausgerichteten Therapie, die die Beziehung zwischen Therapeutin und Patient als zentral bedeutungsvoll versteht. In diesen Kontext passt gut auch Daniel Stern, dessen Now Moment als moderierender Faktor emotionaler Veränderung (Reifung) gut zum bindungsbasieren Ansatz passt. Allgemeine Gesichtspunkte der Behandlungstechnik sind für Erwachsene ab Seite 147 aufgeführt und für Kinder und Jugendliche auf der Seite 151.

Nicht explizit dem bindungsbasierten Ansatz zuzurechnen ist nach Brisch der mentalisierungsbasierte Ansatz (Fonagy/Target), obwohl der eine wesentlich elaboriertere Agenda vertritt und einen evidenzbasierten Behandlungsansatz vor allem für viele Störungen, die offensichtlich mit Bindungsstörungen korrespondieren.

Als dritter großer Baustein folgen Kasuistiken bindungsbasierter Behandlungen, die naturgemäß einen Schwerpunkt in der Mutterschaftskonstellation finden, nicht erst im Fall der erfolgreichen Schwangerschaft; auch der Versuch dazu wird bindungbasiert durchdekliniert (vgl. präkonzeptionelle Bindungsstörung S. 161/169, pränatale Bindungsstörung S. 170/183, postpartale Bindungsstörung S. 190/206, Bindungsstörung im Kleinkind- und im frühen Schulalter).

Mit der Krippenreife wird ein gesellschaftlich recht breit diskutiertes Thema aufgenommen: Sie sei stark vom Bindungsstatus des Kindes abhängig. Hier vertritt Brisch eher eine moderate Position (S. 89), wenn er „das Kind am Ende des ersten und Anfang des zweiten Lebensjahres eine emotional stabile, sichere Bindung zur Haupt-Bindungsperson entwickelt hat (eine Einrichtung die diese Kinder gut betreut, müsste aber eine strenge personale Kontinuität aufweisen, einen sehr guten Personalschlüssel“, vgl. https://www.gaimh.org/reader-veroeffentlichungen/positionspapier.html). Es folgen alle weiteren Altersstufen (vgl. Brisch Bd. 1/10).

Die bindungsbasierte Therapie und Beratung ist also eine Fokaltherapie für Menschen in allen Lebenslagen. Je schwerer eine Störung in der Persönlichkeit der Person verankert ist, desto eher dürften komplexere Behandlungsansätze nötig sein, wobei Brisch auch Trauma und Psychose ausdrücklich erwähnt.

Es folgen Anwendungen der Bindungstheorie auf Pädagogik, Soziale Arbeit, Gruppen-, Familien- und Suchttherapie.

Am Ende steht ein Serviceteil mit diversen Verweisen auf Literaturlisten etc. und – gewissermaßen zur Selbsterkundung – der Wortlaut des Adult Attachment Interviews von Mary Main & M. Goldwyn (1982). Eine echte unveröffentlichte Rarität. Diesen Test darf nur erwerben, wer (ursprünglich bei den Autorinnen) ein entsprechendes Training absolviert hat und eine ausreichend hohe Interrater-Reliabilität (Urteilsübereinstimmung) vorweisen kann. Es sei erwähnt, dass diese Trainings bis vor wenigen Jahren nur in Kalifornien angeboten werden.

Diskussion

Neben den großen Längsschnittstudien und anderen wissenschaftlichen Arbeiten von Karin und Klaus Großmann, ist der Beitrag Karl Heinz Brischs zur Bindungsforschung in Deutschland ganz wesentlich. Brisch schreibt anschaulich und gibt auch Studierenden eine gute erste Einführung in das Thema der Bindungstheorie. Angesichts der starken Aufmerksamkeit, die die Bindungsforschung in allen Humanwissenschaften vor allem in Sozialer Arbeit und Psychotherapie inzwischen beanspruchen kann, überrascht, dass Brisch einräumt: „Beim augenblicklichen Stand der Forschung geht man davon aus, das nur 12 % der Varianz der kindlichen Bindungsmuster durch mütterliche Feinfühligkeit erklärt werden können“ (S. 65). Wie die Wirksamkeit bindungsbasierter Therapie zu erklären ist bleibt somit dunkel. Ich vermute gravierendere Probleme müssen eher mentalisierungsbasiert behandelt werden

Brisch ist selbst ein wichtiger Protagonist der bindungsbasierten Behandlung [1] und hat diverse Präventionsprogramme wie >>sichere Ausbildung für Eltern (SAFE°)<<, und ein Trainingsprogramm zur Verbesserung der elterlichen Feinfühligkeit >>BASE° Babywatching<< entwickelt und vermarktet diese.

Die bindungsbasierte Therapie übernimmt wesentliche Anregungen von John Bowlby und adaptiert sie an hiesige Verhältnisse. Im Kern ist bindungsbasierte Therapie sicher eine psychodynamische Psychotherapie mit Bindung als zentralem Therapiefokus. Brisch betont die Nähe zur Personzentrieren Therapie Carl Rogers, den Kasuistiken ist eine große Nähe zu psychoanalytischen Richtlinientherapien anzumerken, die naheliegende Verbindung zur mentalisierungsbasierten Psychotherapie wird zwar anerkannt, Brisch ordnet sich dieser Richtung jedoch nicht zu.

Fazit

Die 19. Auflage von Karl-Heinz Brischs Standardwerk „Bindungsstörungen: Von der Bindungstheorie zur Beratung und Therapie“ liegt in einer völlig überarbeiteten und aktualisierten Form vor. Wie bei den bisherigen Auflagen spiegelt sich die neueste Entwicklung in der bindungstheoretischen Forschung und Klinik anschaulich wider.

Studierende der Sozialen Arbeit, Pädagogik, Psychologie, Psychotherapie und anderer Humanwissenschaften, aber auch Hebammen, Erzieher und alle interessierten Eltern sind mit dem Text bestens informiert und zum Handeln angeregt.

Literatur

Bowlby, John (1969): Attachment and Loss. Vol.1: Attachment.New-York: Basic Books. Dt.(1975):Bindung – Eine Analyse der Mutter-Kind-Beziehung. München: Kindler

Bowlby, John (1973): Attachment and Loss. Vol. 2: Seperation. Anxiety and Anger. New-York: Basic Books. Dt.(1976): Trennung. Psychische Schäden als Folge der Trennung von Mutter und Kind. München: Kindler

Bowlby, John (1980): Attachment and Loss. Vol 3: Loss, Sadness and Depression. New-York: Basic Books. Dt. (1983): Verlust, Trauer und Depression. München: Kindler

Bowlby, John (1988): A Secure Base: Clinical Implications of Attachment Theory. London: Roudledge. Dt. (1995): Elternbindung und Persönlichkeitsentwicklung. Therapeutische Aspekte der Bindungstheorie. Heidelberg: Dexter

Brisch, Karl Heinz (2013): Schwangerschaft und Geburt. Bindungsbasierte Psychotherapie und Beratung Bd. 1

Bd. 2 (2022): Säuglings- und Kleinkindalter. Bindungsbasierte Psychotherapie und Beratung

Bd. 3 (2015): Kindergartenalter. Bindungsbasierte Psychotherapie und Beratung

Bd. 4 (2016): Grundschulalter. Bindungsbasierte Psychotherapie und Beratung

Bd. 5 (2022): Pubertät. Bindungsbasierte Psychotherapie und Beratung

Peter Fonagy/György Gergely/Elliot L. Jurist/Mary Target (2002): Affektregulierung, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst. Stuttgart: Klett-Cott

Brisch, K. H., M. Mögel, H. Simoni, B. Von Kalckreuthund K. Kruppa (2009) Gesellschaft für Seelische Gesundheit in der Frühen Kindheit (GAIMH): Empfehlungen zur Betreuung und Erziehung von Säuglingen und Kleinhindern in Krippen. https://www.gaimh.org/reader-veroeffentlichungen/positionspapier.html

Mary Main & M. Goldwyn (1982): Adult Attachment Interviews. Scoring and classification, unveröffentlichtes Manual. Berkeley University of California, Departement of Psychology

Daniel Stern &The Boston Change Proces Study Group (2005):Der Gegenwartsmoment. Brandes & Apsel, Frankfurt a m Main 2005

Daniel Stern (2003): Die Mutterschaftskonstellation, Stuttgart: Klett-Cotta


[1] Bereits an der Psychotherapeutischen Abteilung des von Haunerschen Kindeshospitals der LMU entwickelte er eine modularisierte bindungsbasierte Behandlung für Kinder und Jugendliche (BBT°)

Rezension von
Dr. phil. Ulrich Kießling
Dipl.-Sozialarbeiter/Soziale Therapie, Analytischer Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, Familientherapeut und Gruppenanalytiker, tätig als niedergelassener Psychotherapeut in Treuenbrietzen (Projekt Jona) und Berlin, Dozent, Supervisor und Selbsterfahrungsleiter bei SIMKI und an der Berliner Akademie für Psychotherapie (BAP) von 2004 bis heute. Psychotherapiegutachter der KVB
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Es gibt 33 Rezensionen von Ulrich Kießling.

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Zitiervorschlag
Ulrich Kießling. Rezension vom 27.01.2023 zu: Karl Heinz Brisch: Bindungsstörungen. Von der Bindungstheorie zur Beratung und Therapie. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2022. ISBN 978-3-608-94937-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30084.php, Datum des Zugriffs 29.02.2024.


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