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Sabine Trenk-Hinterberger: Das Zusammenspiel der Generationen

Rezensiert von Dr. Alexander Brandenburg, 27.02.2023

Cover Sabine Trenk-Hinterberger: Das Zusammenspiel der Generationen ISBN 978-3-8379-3147-1

Sabine Trenk-Hinterberger: Das Zusammenspiel der Generationen. Von der Bedeutung der Großeltern in psychoanalytischen Behandlungen. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2022. 118 Seiten. ISBN 978-3-8379-3147-1. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.

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Thema

Heute haben die Großeltern in der Regel eine hohe Lebenserwartung, und sie bleiben dabei immer häufiger bis ins hohe Alter in der Lage, ihre Enkelkinder auf die eine oder andere Weise zu begleiten. Je nach Intensität und Dauer dieser Beziehungen werden die Enkelkinder von den Großeltern vielfältig beeinflusst und geprägt. Diese Situation hat Auswirkungen auf die gegenwärtige Praxis der Psychoanalyse, die sich heute viel intensiver als in früheren Zeiten der Frage nach den Auswirkungen der Großelterngeneration auf die Psyche ihrer Klientel stellen muss. Reichte es vormals aus, bei der Analyse die Kleinfamilie – Mutter, Vater, Geschwister- in den Fokus zu stellen, so bedarf es heute auch einer systematischen Beachtung der Rolle und Funktion der Großeltern in der Familienkonstellation. Welche Bedeutung haben die Großeltern für die psychoanalytische Behandlung ihrer Enkelkinder? Wann kann gesagt werden, ob das behandelte Enkelkind Übertragungen bzw. Gegenübertragungen der Großeltern äußert? Gleichzeitig stellt sich auch die Frage, ob der „Analytiker“ aufgrund seines Alters überhaupt im Stande ist, die Aufarbeitung früherer Erfahrungen aus der Großelterngeneration bei seiner Klientel korrekt einzuschätzen.

Autorin

Sabine Trenk-Hinterberger ist Psychologische Therapeutin, Psychoanalytikerin sowie Lehr- und Kontrollanalytikerin. Sie ist in eigener Praxis in Marburg niedergelassen und als Dozentin und Supervisorin tätig. Ein besonderes Fachgebiet sind die mit der Übertragung/​Gegenübertragung verbundenen Fragen.

Aufbau und Inhalt

Die psychoanalytische Forschung hat sich immer schon mit den Beziehungen zwischen Eltern und Kind befasst, vor allem mit der Mutter-Kind-Beziehung. Nach den Prozessen des demografischen Wandels in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde es bis in die Anfangszeiten des 20. Jahrhunderts jedoch versäumt, die aufgrund der längeren Lebenszeit der Großeltern eigetretenen Veränderungen in ihren Auswirkungen auf die gesamte Familienstruktur zu untersuchen. Der Einbezug einer weiteren Generation in das Familienmodell ist mittlerweile für den Analytiker eine Notwendigkeit, will er seine Klientel – die Generation der Enkelkinder – verstehen und ihnen helfen. Die längere Lebenszeit der Großeltern macht intensive Kontakte zwischen der Generation der Enkel und den Großeltern möglich. Der Nachwuchs erfährt also von den Großeltern eine Prägung, in der alle vier Großeltern eine Bedeutung haben können. Das familiäre Miteinander hat sich neu reguliert.

Zum Verständnis der neuen Situation der Familie werden folgende Themen bearbeitet:

  • die „Großmutter-Hypothese“ in der Evolutionsbiologie,
  • die frühe Mutter-Kind-Beziehung
  • Ödipus und die Großelterngeneration
  • Laios-Komplex: kein Raum für Großeltern

Es folgt eine Auseinandersetzung mit der Rolle der Großeltern in der psychoanalytischen Literatur seit 1913:

  • Großvater-Komplex (Abraham, Ferenczi, Jones)
  • Grandparent Syndrome (Rappaport)
  • Mutterschaftskonstellation (Stern)
  • Grandparent Syndrome (Tucker)

In dem Kapitel über die „Generationenzugehörigkeit und psychoanalytischer Prozess“ wird der Frage nachgegangen, wie sich der Einfluss des demografischen Wandels speziell auf Übertragung und Gegenübertragung auswirkt.

Übertragungsmodelle und die Entwicklung von Übertragung und Gegenübertragung werden darüber hinaus in eigenen Kapiteln abgehandelt.

Einen Blick in die psychoanalytische Praxis wird dem Leser dadurch eröffnet, dass die Erfahrungen unserer Autorin mit der Bedeutung der Großeltern für ihre Klientel und den daraus resultierenden Übertragungen und Gegenübertragungen dargelegt werden.

Diskussion

Die Erweiterung des Spektrums der psychoanalytischen Praxis über Eltern-Kind-Geschwister hinaus auf die Großeltern dürfte wohl nicht der Endpunkt der Suche nach den Einfluss-Faktoren sein, die auf einen Patienten eingewirkt haben könnten. Es gibt zu den verschiedenen Zeiten und Lebensphasen eine große Anzahl von möglichen Begegnungen und Einflussnahmen, die Wirkungen gezeigt haben oder noch zeigen. So wirken die Medien heute mit unvorstellbarer Raffinesse auf uns und unser Innenleben ein und bestimmen dadurch Denken und Handeln mit. Sicherlich bleibt es eine hohe Kunst des Analytikers, solche Einflussnahmen aufzuspüren und zum Thema des Dialoges zu machen.

Fazit

Dieses kleine Buch ist ein großes Plädoyer für den Einbezug der dritten Generation in die psychoanalytische Behandlung. Es ist überfällig, die Konsequenz daraus zu ziehen, dass Großeltern durch ihre vermehrte Präsenz die Enkelgeneration entscheidend geprägt haben und prägen. Die Großeltern-Übertragung zu bearbeiten, kann zu neuen und wichtigen Ergebnissen führen.

Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
Leiter der Abteilung Gesundheitsförderung und Gesundheitsplanung bei der Stadt Herne
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Es gibt 99 Rezensionen von Alexander Brandenburg.

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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 27.02.2023 zu: Sabine Trenk-Hinterberger: Das Zusammenspiel der Generationen. Von der Bedeutung der Großeltern in psychoanalytischen Behandlungen. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2022. ISBN 978-3-8379-3147-1. Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30093.php, Datum des Zugriffs 17.07.2024.


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