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Ulrike Christine Schleinschok: Werteorientierte Haltungen von Pflegenden in der stationären Langzeitpflege

Rezensiert von Dr. sc. mus. Monika Nöcker-Ribaupierre, 26.05.2023

Cover Ulrike Christine Schleinschok: Werteorientierte Haltungen von Pflegenden in der stationären Langzeitpflege ISBN 978-3-86321-637-5

Ulrike Christine Schleinschok: Werteorientierte Haltungen von Pflegenden in der stationären Langzeitpflege. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2023. 248 Seiten. ISBN 978-3-86321-637-5. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 33,95 sFr.
Reihe: Ethik - Pflege - Politik - 6.

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Thema

Dieses Buch, eine Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Pflegewissenschaften an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar, ist in der Reihe Ethik-Pflege-Politik erschienen, die von Prof. Dr. Helen Kohlen im Mabuse Verlag veröffentlich wird.

Sie schreibt in der Präambel: Ethik „berührt Fragen des Menschseins und die Sorge um ein gutes Leben. Gerade in Zeiten des Krankseins, der Gebrechlichkeit und des Sterbens kann auf eine kompetente Begleitung und Versorgung nicht verzichtet werden. Dazu gehört auch eine gute Pflege im Sinne von Care als eine kritische Alltagspraxis. Der Titel der Reihe eint die Auseinandersetzung mit pflegerischen Themen aus einer ethischen Perspektive, die Konflikte in den Blick nehmen und historischen Erfahrungen gerecht werden…“. Denk und Handlungsmöglichkeiten werden erarbeitet, die eine Behandlung auf Augenhöhe der Beteiligten, von Pflegenden und pflegebedürftigen Menschen, zum Ziel haben.

Autorin

Dr. rer. cur. Ulrike Christine Schleinschock, Pflegewissenschaftlerin MA, ist Hochschullehrerin für die Fächer Ethik, Palliative Care, Pflegewissenschaft und -forschung im BA Studiengang Gesundheits- und Krankenpflege an der Fachhochschule Vorarlberg/A. Darüber hinaus führt sie freiberuflich Schulungen in stationären Pflegeeinrichtungen durch.

Entstehungshintergrund

Der demographische Wandel in Deutschland macht deutlich, dass immer mehr Menschen ein immer höheres Alter erreichen. Damit wird auch die Zahl der Menschen steigen, die im Alter gepflegt werden müssen, sowie die Anzahl gerontopsychiatrischer Menschen in stationären Einrichtungen. Dadurch und durch den Strukturwandel im Gesundheitswesen wird die pflegerische und medizinisch-technische Versorgung in deren Pflege zunehmen und sich der Beruf der Altenpflege mehr und mehr spezialisieren. Der Pflege- und Betreuungsbedarf wird sich ändern und damit die Herausforderungen im Umgang mit den Betroffenen. Die Kernaufgaben, die Dr. Schleinschock daraus ableitet, sind zum einen, die Alltaggestaltung zum Wohlbefinden der morbiden und häufig dementen Pflegebedürftigen anzupassen – und zum anderen eine Kultur zu entwickeln, die Leben und Sterben gleichermaßen umfasst und integriert. Für die Autorin ergeben sich daraus ethische und wertorientierte Fragen, denen sie hier mit ihrer Dissertation in einer qualitativen Studie nachgeht:

  • Was kann zu einer Verbesserung der Pflege- und Lebensqualität von Pflegebedürftigen beitragen?
  • An welche Handlungsleitlinien orientieren sich Pflegende?
  • Welche impliziten Werte werden durch die Systeme vermittelt, in denen Pflegende agieren bzw. interagieren?
  • Wie beeinflussen sich Persönliches und Systemisches?

Die Autorin verbindet in der Auseinandersetzung mit diesen Fragen ihr praktisches Wissen mit ihren Erfahrungen aus der Pflegewissenschaft und -forschung zu Denk- und Handlungsmöglichkeiten, die den praktischen Pflegealltag anregend bereichern wollen.

Aufbau und Inhalt

Es handelt sich hier um eine qualitative Studie zur Darstellung und Entwicklung einer werteorientierten Organisationskultur und werteorientierten Haltung der Pflegenden in den stationären Pflegeeinrichtungen und in den Pflegeteams. Die beiden theoretischen bzw. strukturellen Grundlagen bilden der ökosystemischer Ansatz nach Bronfenbrenner (1981) und der international anerkannte Ethikkodex (ICN) für Pflegefachpersonen.

1. Kapitel

Nach einem ersten Einblick in das Thema wird das Spannungsfeld aufgezeigt, in dem sich die Pflegenden befinden.

2. Kapitel

Hier wird die Situation und Problematik der stationären Langzeitpflege anhand des ökosystemischen Ansatzes von Bronfenbrenner dargelegt. Dieser beschreibt detailliert die Auseinandersetzung mit den einzelnen Systemen (Makro-, Exo-, Meso-, Mikro- und Chronosysteme) auf, die zu Wachstum und Veränderung notwendig sind. Es folgt die Geschichte der Pflege anhand der christlichen Prägung der Krankenpflege, dem Einfluss der Medizin – gefolgt von der Geschichte der Altenpflege.

3. Kapitel: Stand der Forschung.

Dies beginnt mit einer Literaturrecherche zum Thema der Einstellung bzw. Haltung von Pflegenden gegenüber alten und pflegebedürftigen Menschen. Aus den von der Autorin gefundenen Arbeiten in der Literatur entwickelte sie ihre Forschungsfrage, in der sie der werteorientierten Haltung der Pflegenden nachgeht. Das Ziel der Arbeit ist, zunächst die Charakteristika der verschiedenen Haltungen bzw. Typen von Pflegenden in diesem Bereich aufzuzeigen und zu erläutern, wie mit diesem Wissen (Bedeutsamkeit und Verantwortlichkeit) Pflegende begleitet und gestärkt werden können, um die von der Autorin thematisierte Haltung zu entwickeln.

Weil es ihr darum geht, die Situation der Pflegenden aus deren Sicht zu beschreiben, entschied sich die Autorin für ein qualitatives Forschungsdesign.

4. Kapitel

Methodologie und Darstellung der dokumentarischen Methode. Gewählt wurde als methodologische Grundlage die dokumentarische Methode nach Bohnsack (2017): implizite Sinnzusammenhänge bzw. Orientierungsmuster, d.h. Haltungen von Pflegenden und das Aufspüren von Kontexten und Kontextbedingungen, die solche Haltungen prägen, werden anhand dieser Methode beforscht. Der zweite Fokus liegt auf der Bedeutung, die die Beziehung zwischen kommunikativen und konjunktivem Wissen für die Identität der Pflegenden hat.

Des Weiteren wird die dokumentarische Methode als Methode der praxeologischen Wissenssoziologie dargestellt. Darauf einzugehen, würde den Rahmen dieser Rezension sprengen. Es sei nur angemerkt, dass es hierbei um das Herausarbeiten der Gegenüberstellung von immanentem und dokumentarischem Sinngehalt in der formulierenden und reflektierenden Interpretation geht.

5. Kapitel

Bei der aktuellen Forschungsfrage im Sinne der dokumentarischen Methode geht es um die Frage nach Typologien bzw. den Typen von Pflegenden im Pflegeteam. Es geht der Autorin darum, herauszufinden, welche Haltungen beobachtbar sind und wie diese Haltungen entstehen. Ferner wird aufgezeigt, welche Orientierung das Handeln der Pflegenden strukturiert, prägt und ihre Haltung typisiert – verdeutlicht anhand von Abbildungen eines Orientierungsrahmens und dessen Erfahrungsraum. Daraus wird deutlich, dass der Begriff der Haltungen im Sinn einer vorgegebenen Struktur verwendet wird, der seine Typisierung in den daraus entstehenden Typiken findet.

In Kapitel 6 werden die forschungsethischen Prinzipien der vorliegenden Arbeit beschrieben.

Kapitel 7 stellt die wissenschaftlichen Kriterien einer qualitativen Forschung vor, wie sie Sarah Tracy (2010) in acht Gütekriterien formuliert hat. Die Autorin hält diese Kriterien als Leitlinien für ihre Arbeit für geeignet – sie werden im abschießenden Kapitel 14 reflektiert.

 Kapitel 8 bis 10 beschreiben das Forschungsdesign, die Datenerhebung durch Gruppendiskussion und die Datenauswertung mit der dokumentarischen Methode.

In Kapitel 11 folgt die Ergebnisdarstellung mit komparativer Analyse und genetischen Typenbildungen (Typus A: Pragmatisch Pflegende, Typus B: Pflegende in Rückzug und Resignation, Typus C: werteorientiert Pflegende) und deren Gesamtbetrachtung.

Kapitel 12 widmet sich der Ergebnisdiskussion. Hier werden die Typen der Pflegenden im Kontext des Ökosystems nach Bronfenbrenner im Einzelnen dargelegt: die Typen im Kontext des ICN (internationalen Ethikkodex für Pflegefachpersonen) der gesellschaftlichen Vorgaben und Werte, der Medien sowie im Rahmen der Einrichtungen, in ihrer Identität, im Team.

Kapitel 13 formuliert als Fazit drei Thesen zur Palliative Care, zur Pflegeausbildung und zur gesellschaftlichen Anerkennung des Pflegeberufs.

Kapitel 14 widmet sich dem Resumée. Die Reflexion ihrer Arbeit, des Forschungsprozesses und der Forschungsarbeit gestaltet Dr. Schleinschock anhand der acht Gütekriterien für qualitative Forschung von Tracy (worthy rigor – rich rigor – sincerity – credibility – resonance – significant contribution – ethics – meaningful coherence). Anschließend werden Limitation und Forschungsdesiderate beschrieben.

Kapitel 15 formuliert Fazit und Ausblick zur professionellen und gesellschaftlichen Relevanz

Die Arbeit enthält Tabellen, ein Abkürzungsverzeichnis, sowie umfangreiche Literatur, Anhang und Abbildungsverzeichnis.

Diskussion

Das vorliegende Buch ist eine wissenschaftliche Dissertation in Form einer qualitativen Forschung. Dies wirft die Frage auf, inwieweit es sinnvoll ist, diese an sich interessante Thematik in der Form einer wissenschaftlichen Arbeit einem breiten Publikum zu präsentieren, auch wenn die Sprache der Autorin klar und verständlich, der Inhalt übersichtlich strukturiert ist. Dr. Schleinschock verfügt über ein breites wissenschaftliches und vor allem praktisches und theoretisches Wissen. Der erste Teil stellt umfassend und klar formuliert die Geschichte der Pflege, die derzeitige Situation und die daraus erwachsenen Probleme in Pflegeheimen dar. Interessant ist auch die Literaturrecherche zur internationalen Forschung der Pflegenden in Pflegeeinrichtungen. In ihrem ethischen Werte- und Denkstruktur vermitteln diese ersten Kapitel ein hohes Maß an Verständnis dafür, wie sich die Probleme in der Altenpflege zeigen und wie sich die daraus erwachsenen Fragen methodisch und strukturell näherkommen können. Die letzten Kapitel fassen überblicksartig die Ergebnisse zusammen und formulieren weitere bedenkenswerte Gedanken, Aufgaben und Vorschläge für die Entwicklung der Pflege in der Gesellschaft.

Wie schon angedeutet: Schwieriger verhält es sich mit der Gesamtdarstellung der qualitativen Studie. Eine qualitative Studie so vorzustellen, dass sie für ein breites Publikum interessant und lesbar bleibt, erscheint der Rezensentin fragwürdig. Ohne Frage ist das vorliegende Buch wertvoll sowohl für die Lehre, als auch für die Praxis in den Pflegeeinrichtungen. Für weitere Interessent:innen, aber auch für Politiker, empfiehlt die Rezensentin eine wenigstens in Teilen zusammenfassende überarbeitete Fassung.

Fazit

Der Titel der Reihe Ethik – Pflege – Politik hat die Auseinandersetzung mit pflegerischen Themen zum Thema, die die heutigen Herausforderungen und Konflikte aus einer ethischen Perspektive betrachten und diese in einen Zusammenhang mit der Historie der Pflegepraxis stellen. Daraus werden für die Praxis im Gesundheitswesen Denk- und Handlungsmöglichkeiten mit dem Anspruch formuliert, eine angemessene Pflege auf Augenhöhe zwischen den Pflegenden und den pflegebedürftigen Menschen zu entwickeln. In der vorgelegten Form ist dies ein Buch für Fachleute aus der Wissenschaft.

Rezension von
Dr. sc. mus. Monika Nöcker-Ribaupierre
Dipl. Musiktherapeutin DMtG, Vice President der International Society for Music in Medicine ISMM.
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Es gibt 28 Rezensionen von Monika Nöcker-Ribaupierre.

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Zitiervorschlag
Monika Nöcker-Ribaupierre. Rezension vom 26.05.2023 zu: Ulrike Christine Schleinschok: Werteorientierte Haltungen von Pflegenden in der stationären Langzeitpflege. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2023. ISBN 978-3-86321-637-5. Reihe: Ethik - Pflege - Politik - 6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30097.php, Datum des Zugriffs 17.07.2024.


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