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Agota Lavoyer, Anna-Lina Balke: Ist das okay?

Rezensiert von M.A. Stefan Freck, 14.06.2024

Cover Agota Lavoyer, Anna-Lina Balke: Ist das okay? ISBN 978-3-86321-621-4

Agota Lavoyer, Anna-Lina Balke: Ist das okay? Ein Kinderfachbuch zur Prävention von sexualisierter Gewalt. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2022. 73 Seiten. ISBN 978-3-86321-621-4. D: 22,95 EUR, A: 23,60 EUR, CH: 29,90 sFr.

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Thema

Die beiden Autorinnen widmen sich dem bis heute vielfach tabubesetztem Thema der sexualisierten Gewalt an Kindern und formulieren ihre Veröffentlichung als Fachbuch für Kinder zur Prävention sexualisierter Gewalt. Die Autorinnen beschreiben, dass Sie mit Ihrem Buch Kinder und Erwachsene sprachfähig machen wollen. Erwachsene sollen unterstützt werden, Verantwortung für den Schutz von Kindern zu nehmen und dem Thema mit Sicherheit begegnen zu können. 

Autorinnen

Agota Lavoyer ist Sozialarbeiterin und systemische Beraterin. In ihrer Tätigkeit bei der Opferhilfe unterstützte sie Betroffene sexualisierter Gewalt und deren Angehörige. Sie ist freie Referentin in Präventionsschulungen für Fachkräfte und Eltern.

Anna-Lina Balke hat das Buch illustriert. Sie ist selbstständige Illustratorin und Grafikerin für Magazine, Zeitungen und Musik-Labels

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist als Hardcoverversion im Rahmen eines Comicformates veröffentlicht und steigt direkt ohne Inhaltsverzeichnis in die Thematik ein. Die Autorin beginnt mit einer inhaltlichen Einordnung, wie das Buch aus ihrer Sicht zu lesen ist. Hier beschreibt sie, entgegen der Formulierung „Ein Kinderfachbuch“ auf dem Cover, dass das Buch sich sowohl an Kinder als auch an Eltern sowie Bezugspersonen und pädagogische Fachpersonen richtet. Im Folgenden ist ein Interview mit der Autorin selbst zu lesen, indem sie die Thematik von sexualisierter Gewalt an Kindern aus ihrer Perspektive beleuchtet. Diese ersten Seiten sind sprachlich und inhaltlich auf Erwachsenenlevel.

Das Buch wird untergliedert in Überschlagworten nach „Wissen schützt“, „Gemeinsam Grenzen entdecken“ und „Kein Geheimnis mehr“.

Die Unterüberschriften enthalten auf fast jeder Seite Schlagwörter, die durchs Thema führen sollen: Darüber reden – Gemeinsam den Körper entdecken – Was ist Sex – Was ist sexualisierte Gewalt – Umziehen – Baden – Fakten – Kitzeln – Küssen – Berühren – Gibt es Ausnahmen? – Necken – Trösten – Fotografieren – Chatten – Pornografie – Die Tricks der Täter*innen – Wie kannst du helfen?

Textlich und bildlich wird abwechselnd die Zielgruppe Kinder und Erwachsene adressiert. Die Sprache wird wiederkehrend auf derselben Seite gewechselt: Zwischen leichter, kindlich geprägter Sprache, die in direkter „Du-Ansprache“ stattfindet, und Erwachsenensprache bzw. der Adressierung von Textteilen an Erwachsene, bei der über „das Kind“ oder „mein Kind“ gesprochen wird. Die Schriftgrößen variieren ebenfalls von groß zu klein mit teilweise entsprechend viel Text dazu. In großen Teilen des Buches werden Fragen oder besser Diskussionsfragen an die Leser:innen bzw. die Kinder gestellt.

Zwischen den Themenseiten mit kindlicher/​leichter Sprache befinden sich Texteinheiten auf gänzlich in schwarz gehaltenem Untergrund mit fachlichem Input zum Thema.

Im ersten Abschnitt geht es um Körperlichkeit und der notwendigen Sprachfähigkeit dazu, Begrifflichkeiten zu prägen, der Klärung von Sexualität sowie sexueller Entwicklung von Kindern. Der Unterschied zu sexualisierter Gewalt wird erklärt und eine Begriffsdefinierung zu psychischer und körperlicher Gewalt beschrieben. Nähesituationen wie Umziehen, Baden, Kitzeln und Küssen, werden thematisiert und mit umfassenden Frageangeboten unterfüttert. Weiter geht es mit der Thematisierung von Berührungen und Fragen zu möglichen Ausnahmen notwendiger Berührungen in Gesundheit, Schutz- und Pflegesituationen. Die Autorin fragt nach Grenzverletzungen unter dem Begriff „Necken“ sowie dem Spenden von Trost.

Eine Auseinandersetzung mit Medien zu Fotografien, Chats und Pornografie beschreibt die Autorin im gleichen Format. Ein weiteres Kapitel schafft Einblick in mögliche Täter:innenstrategien unter der Formulierung „Die Tricks der Täter:innen“. Zum Abschluss des Buches geht es um Handlungsmöglichkeiten, dem Hinschauen und Adressen zu Hilfsinstanzen in D-A-CH.

Das Buch ist durchgängig mit verschiedenen Bildern von Anna-Lina Balke illustriert.

Diskussion

Dem Buch ist das Ansinnen zur Thematisierung von sexualisierter Gewalt an Kindern und der Auseinandersetzung mit den Fragestellungen rund um das Thema eindeutig anzusehen. Es setzt den Anspruch einer Kommunikation mit Kindern auf Augenhöhe in demokratischer Grundhaltung. Es werden viele Fragestellungen, Informationen dazu und ein Einblick in Präventionsansätze angegangen. Der Autorin ist das Thema sehr wichtig, das ist spürbar. Das Buch führt durch viele grundlegende Themen zu sexualisierter Gewalt an Kindern und spricht im Prinzip alle Fragestellungen im Themenfeld sexualisierter Gewalt an Kindern an.

Gleichzeitig ist die Herangehensweise an Wissensvermittlung und Durchmischung der Adressaten nicht gut gelungen. Es ist meiner Meinung nach kein Kinderbuch. Eltern, die möglicherweise auch ein Thema mit dem Thema haben, sollen dieses mit ihren Kindern aufbereiten. Die Illustrationen sind für ein Thema, das bis heute tabubesetzt sowie für viele Menschen schwer im eigenen Erleben sowie in der Vermittlung ist, zu dunkel, nicht kindgerecht und eher angstfördernd. Auch wird in den Illustrationen mit Klischees gearbeitet, bunte Vulven und Penisse im Einstieg ohne nähere Auseinandersetzung in den Zeichnungen, große dunkle Hände, die unter den Rock schauen oder einem (so deute ich das) schreienden Kind eine Kitzelsituation aufzwängen. Gänzlich schwarze Seiten verdüstern den Inhalt, der auf den Seiten zu finden ist. Und eine ganze Seite mit roten, großen Kussmündern und Sternen dazwischen.

Es fallen Begriffe wie „Bedrohung“ oder „Necken“ (was ist mit Necken zu verstehen?) und auch Ausschließlichkeitsbegriffe wie „immer“ oder „muss/müssen“ tauchen wiederkehrend auf. Zitat. „(…) muss es alle Wörter kennen, die es braucht, um darüber reden zu können“ oder „Täter: innen reden dem Kind immer ein, dass ihm sowieso niemand glaubt“. Dem würde ich fachlich widersprechen, Täter:innenstrategien sind sehr differenziert.

Das Buch ist textlastig und enthält viele Informationen, die für Kinder im Alter von ab 6 Jahren sicherlich in dieser Form ohne erwachsene Begleitung und Einordnung kaum aufnehmbar sind. Der „Durchritt“ durch alle Themen und Schlagworte rund um sexualisierte Gewalt, z.B. auch der Unterpunkt Pornografie, zeugt für mich davon, dass das Buch keine ausreichende und aufmerksame Differenzierung im Rahmen der unterschiedlichen Altersklassen von Kindern vornimmt. Bei den Begriffsbestimmungen zu Gewalt werden körperliche und psychische Formen von Gewalt beschrieben, allerdings verbale und nonverbale Formen sexualisierter Gewalt nicht erwähnt – gerade unter Kindern ist das ein unheimlich wichtiger Aspekt, der der Erläuterung bedarf. Wenn in einem Buch für Kinder ab 6 von „Tricks der Täter*innen“ und Manipulation gesprochen wird, ist das für Kinder in diesem Alter nicht gut aufgearbeitet. Wie Kinder mit dieser Information ohne Problemtrance im Alltag umgehen sollen, erschließt sich mir nicht. Sicherlich ist die Thematik zu Täter:innenstrategien in Ansätzen gut beschrieben, nur sind im Buch fachliche Herangehensweisen für Fachpersonal oder Erwachsene vermengt mit Empowerment Anteilen (Kinder stark machen), wie der Teil über „Gute Geheimnisse/​schlechte Geheimnisse“. Die Textteile, die m.E. für Erwachsene zu lesen sind, und die Textteile in leichter Sprache sind auch von der Lesbarkeit (Größe, Informationsgehalt, Menge des Textes) nicht auf entsprechend verschiedene Kindesalter abgestimmt.

Die Autorin führt durch das ganze Thema „Sexualisierte Gewalt“ teilweise im Spezifischen und fachlich Konkretem, vielfach angeschnitten und mit mehr Fragen als Antworten. Konzeptionell ist das Buch sogar auf Fragestellungen als Gesprächsvorschläge mit Kindern ausgerichtet. An einigen Stellen werden unpräzise Aussagen zum Ausmaß sexueller Gewalt getroffen und Strategien von Täter:innen nur in Teilen beschrieben. Auch der Begriff „Trick“ für Strategien von Täter:innen halte ich genauso wie Kinder thematisch mit Täter:innen zu konfrontieren, für nicht passend. Kinder entwickeln im Wesentlichen andere, viel plakativere Bilder von Täter:innen als Erwachsene, die Differenzierung von Grenzverletzungen, Übergriffen oder Straftaten ist Kindern eben nicht so leicht möglich. Dazu kommen genutzte Begrifflichkeiten vom „bösen Menschen“, die sich im Kinderbild vom menschlichen Gegenüber prägen und ein Schwarzweißdenken prägen können. Das Narrativ, dass sexualisierte Gewalt nicht im Rahmen von Peer-Gewalt stattfinden kann, ist auch fachlich nicht passend. „Kinder sind NIE schuld an sexualisierter Gewalt. Die Schuld ist IMMER bei den Täter:innen“ S. 63. Das ist zu einfach gestrickt, da Kinder im Rahmen ihrer sexuellen, emotionalen und körperlichen Entwicklung auch sexuell übergriffig sein können. Die Verantwortung des Umgangs damit liegt in den Händen von Pädagog:innen oder Erziehunsberechtigten. Grundsätzlich gilt es, bedingungslos an der Seite des Wohls aller Kinder zu stehen, ihre Rechte zu wahren und ihnen ein gesundes Aufwachsen zu ermöglichen.

Kinder brauchen Antworten statt vieler Fragen, die beispielsweise in den Passagen für Eltern gestellt werden. Fragen, die sie dann allein mit ihren Kindern analysieren sollen, ohne ihre eigenen Affekte, Erlebnisse oder Haltungen zum Thema dazu vorher reflektiert zu haben. Ein Buch zur Prävention sexualisierter Gewalt sollte ein schweres Thema leicht(er) machen, mit einer gewissen Leichtigkeit an die Zielgruppe gebracht werden. Kompetenzen zu starkem Schutz für starke Kinder konkret machen sowie Lösungen, kindgerechte Handlungsanweisungen, positive Ausblicke zur Stärkung von Kindern und Verantwortungsübernahme Erwachsener bieten.

In einem Test mit Fachpersonen, denen ich dieses Buch an die Hand gab, waren die Rückmeldungen sehr verhalten bis hin zu „nicht geeignet für Kinder ab 6“, „zu dunkel“, „lesbar und inhaltlich nicht auf Kinder- sondern auf Erwachsenenniveau“, „Illustrationen zu finster und bedrückend“, „einmal quer durchs Thema – alle wichtigen Begrifflichkeiten angeschnitten, jedoch sprachlich nicht gut eingeordnet“.

Fazit

Ein Präventionsbuch für Kinder braucht eine ansprechend, illustrative leichte auf Kinderköpfe ausgerichtete, altersangemessene und zeitgemäße Ausarbeitung zur Thematik sexualisierter Gewalt, die nicht verschiedene Adressatenkreise kommunikativ vermischt und die Grenzen zwischen den Generationen achtet. Ein entscheidendes Kriterium ist, dass Gewaltprävention Spaß macht und ermutigt, statt Angst zu machen und dunkle Bilder zu präsentieren. Dieser pädagogische Standard findet sich im Buch nicht wieder, da Kinder durch Informationen, die nicht ihrem emotionalen und kognitivem Entwicklungsstand entsprechen, überfordert werden. Gute Prävention versteht die Kunst, komplexe Inhalte und umfangreiches Wissen so zu vermitteln, dass Lösungswege und Ansatzpunkte im eigenen Leben sichtbar werden.

Rezension von
M.A. Stefan Freck
Diplom-Sozialpädagoge, M.A. of Supervision (DGSv), Fachberater zur Prävention von und dem Umgang mit Gewalt in sozialen Einrichtungen
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Es gibt 6 Rezensionen von Stefan Freck.

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Zitiervorschlag
Stefan Freck. Rezension vom 14.06.2024 zu: Agota Lavoyer, Anna-Lina Balke: Ist das okay? Ein Kinderfachbuch zur Prävention von sexualisierter Gewalt. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2022. ISBN 978-3-86321-621-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30102.php, Datum des Zugriffs 25.07.2024.


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