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Verena Gärtner, Melanie Gräßer u.a.: Leben ohne Mama Maus

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 09.02.2023

Cover Verena Gärtner, Melanie Gräßer u.a.: Leben ohne Mama Maus ISBN 978-3-86321-600-9

Verena Gärtner, Melanie Gräßer, Annika (Illustratorin) Botved: Leben ohne Mama Maus. Ein Kinderfachbuch über Suizid in der Familie. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2022. 107 Seiten. ISBN 978-3-86321-600-9. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 26,90 sFr.

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Thema

Dieses Kinderfachbuch versucht, sich anhand von Mama Maus und ihrer Familie ohne Tabuisierung dem Thema Suizid in der Familie zu nähern, und so Kindern ab vier Jahren und auch Erwachsenen Worte für etwas zu geben, was doch so unbeschreiblich und unbegreifbar zu sein scheint.

Autor:innen

Verena Gärtner arbeitet als Marketingmanagerin und hat durch den Suizid ihrer Mutter eigene Erfahrungen mit dem Thema Selbstmord gemacht. Melanie Gräßer ist Psychotherapeutin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit eigener Praxis in Westfalen. Außerdem ist sie Buchautorin und entwickelt therapeutische Materialen und Spiele. Annika Botved ist Illustratorin, Grafikerin und Künstlerin.

Entstehungshintergrund

Die Idee zum Buch kam aus der eigenen Betroffenheit, der eigenen Sprachlosigkeit, die die Autorin Verena Gärtner erlebte. Als ihre eigene Tochter anfing, Fragen über den Suizid von Gärtners Mutter zu stellen, fiel Gärtner auf, wie schwer es für sie war, das Thema kindgerecht zu erklären.

Aufbau und Inhalt

Neben der eigentlichen Geschichte gibt es einen Fachteil für Kinder, in dem eines der Mäusekinder ausführlich berichtet, wie es den Verlust der Mutter erlebt, wie es sich angefühlt hat, so unendlich traurig zu sein; aber das Mäusekind findet auch Worte der Hoffnung und erzählt, wie die Familie ihren Weg zurück ins Leben gefunden hat, ohne dabei Mama Maus und die Liebe zu ihr zu vergessen. Dem Teil folgt ein von der Psychotherapeutin Melanie Gräßer verfasster Teil für Erwachsene, die als Bezugspersonen für betroffene Kinder fungieren. Sie beleuchtet alle wichtigen Aspekte, die mit dem Thema Tod durch Suizid zusammenhängen: Schuldgefühle der Angehörigen, den Abschiedsbrief aber auch die eventuell fehlende Möglichkeit, von einem geliebten Menschen Abschied nehmen zu können. Ganz praktische Tipps gibt die Therapeutin mit Beispielen für kindgerechte Antwortmöglichkeiten auf Fragen zu den Todesumständen. Um diese Bereiche weiter zu vertiefen, stehen viele Arbeitsmaterialien auch zum Download über die Verlagshomepage zur Verfügung.

Den Kern des Buches bildet jedoch die liebevoll gezeichnete Geschichte der Familie Maus, bei der doch alles so schön und in Ordnung zu sein scheint. Dass es Mama Maus jedoch gar nicht gut geht, merkt zunächst niemand in der Familie. Erst als gar nichts mehr geht und die geliebte Mama in die Dunkle-Wolken-Spezialabteilung des Mäuseskrankenhauses eingeliefert wird, versteht die Familie, dass etwas ganz und gar nicht gut ist. Zunächst sieht alles nach einem Happy-End aus, denn die Spezialärzte können Mama Maus stabilisieren, sie kann nach Hause entlassen werden. Die schwere Depression kommt allerdings zurück. Und diesmal holt Mama Maus sich keine Hilfe. Von Tag zu Tag geht es ihr schlechter, die dunklen Wolken schieben sich vor alles Schöne. Das führt eines Tages dazu, dass Mama Maus keinen anderen Ausweg mehr sieht, als sich durch einen Hieb der Katze von ihren düsteren Gedanken befreien zu lassen. Die Mäusekinder sind schrecklich traurig darüber, dass ihre Mama tot ist und sie nun ohne sie weiterleben müssen. Jeden Tag sprechen sie mit Papa Maus über die geliebte Mutter, gehen zusammen zum Mäusefriedhof und lernen, was ihnen in dieser schrecklichen Situation guttut, was sie von ihrer eigenen Traurigkeit Stück für Stück befreien kann. Am Ende ist der Verlust immer noch unbeschreiblich schlimm, aber die Traurigkeit verblasst jeden Tag ein bisschen mehr – ganz im Gegensatz zu der Liebe für Mama Maus, denn die bleibt.

Diskussion

Auf den ersten Blick mag es befremdlich wirken: ein Bilderbuch über den Suizid der Mama? Für Kinder ab vier Jahren? Kann das sein? Muss das sein? Ganz klar, ja, das kann und muss sein. Denn für Kinder ist es oft noch schwerer zu trauern, wenn das Thema bei den Erwachsenen tabuisiert wird. Die Bilder, die dann im Kopf entstehen, sind meist noch viel schrecklicher als die Realität. Und so kann dieses liebevoll gezeichnete und getextete Buch einen wichtigen Beitrag auch für Kinder leisten, das Thema Selbstmord zu verstehen. So ehrlich muss man sein: Beim Lesen dürfte auch ohne Kind das eine oder Tränchen bei Erwachsenen im Auge erscheinen, aber das ist nicht schlimm, sondern zeigt eher die Qualität dieses Buches. In der Geschichte stecken sehr viel Schwermut, Traurigkeit und Entsetzen – aber am Ende eben auch unendlich viel Liebe. Dass im Anschluss daran eines der Mäusekinder erzählt, wie es diese schlimme Zeit überstanden hat, und dabei auch den Leser:innen Möglichkeiten zur aktiven Beteiligung aufzeigt, ist eine der großen Stärken dieses Bilderbuchs. Denn es macht Hoffnung, ohne zu beschönigen. Und es macht deutlich, dass am Ende viele Gefühle bleiben für den geliebten Menschen – und die ganz individuell sein können, so wie Trauer eben ist.

Der Erwachsenenteil, der Bezugspersonen mit wichtigen Informationen und Tipps versorgt, ist nicht weniger ansprechend gestaltet. Ohne belehrend zu wirken, können die Leser:innen viel darüber erfahren, wie sie mit kindlichen Gefühlen nach einem Suizid umgehen können, ohne die eigenen Emotionen zu verleugnen. Dass dabei auch – ohne jeden Voyeurismus – kindgerechte Antwortmöglichkeiten über die mit Sicherheit aufkommenden Fragen zu den Todesumständen präsentiert werden, ist ein weiterer Pluspunkt dieses beeindruckenden Buches.

Und so ganz nebenbei erfahren die Leser:innen jeden Alters viel über die den meisten Menschen verborgen bleibende Welt der Depressionen. Wie diese Erkrankung sowohl textlich als auch bildlich vermittelt wird, entfaltet unglaublich viel Kraft und macht das schier Unbeschreibliche auf recht einfache Art und Weise verständlicher.

Fazit

Um es direkt zu sagen: Eigentlich möchte man ein solches Kinderbuch nicht zuhause haben, denn das würde bedeuten, dass man in engen Kontakt mit dem Thema Depression oder Suizid gekommen ist. Wer es aber hat, der sollte es unbedingt nutzen, denn die beeindruckend intensiv gezeichnete und getextete Geschichte um Mama Maus und ihre Lieben geht ans Herz, aber schafft es auch, ohne jedes Tabu Erklärungen zu liefern, die das Leben „danach“ im besten Falle etwas erträglicher machen können. Dass die Geschichte nicht für sich steht, sondern sowohl für Kinder als auch Erwachsene eingeordnet wird, ist eine weitere große Stärke dieses Kinderfachbuchs – ein beeindruckendes Bilderbuch, in jeder Hinsicht!

Rezension von
Wolfgang Schneider
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Zitiervorschlag
Wolfgang Schneider. Rezension vom 09.02.2023 zu: Verena Gärtner, Melanie Gräßer, Annika (Illustratorin) Botved: Leben ohne Mama Maus. Ein Kinderfachbuch über Suizid in der Familie. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2022. ISBN 978-3-86321-600-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30103.php, Datum des Zugriffs 16.04.2024.


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