Angelika Reich: Kreative Traumatherapie mit Kindern und Jugendlichen
Rezensiert von Dipl.-Päd. Petra Steinborn, 13.12.2022
Angelika Reich: Kreative Traumatherapie mit Kindern und Jugendlichen. Übungen zur Verarbeitung von Belastungen und zur Ressourcenaktivierung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2022. 83 Seiten. ISBN 978-3-17-041859-2. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR.
Thema
Erfahrungen von Traumatisierung können zu enormen physischen und psychischen Beeinträchtigungen führen und sich in Traumafolgestörungen ausdrücken. In der therapeutischen Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen zeigt sich die Notwendigkeit, erfahrene Belastungen/​Traumata zu verarbeiten, zu integrieren und die Bildung von Ressourcen zu fördern. In diesem Büchlein werden 23 Übungen vorgestellt, von der Autorin selber entwickelt und in der praktischen Arbeit erprobt, sie sind einfach, schonend und machen Spaß.
Autorin
Angelika Reich ist Diplom-Sozialpädagogin, arbeitet als Kinder- und Jugendpsychotherapeutin mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie. Zudem ist sie Traumatherapeutin (OPK, DeGPT) und EMDR-Therapeutin sowie Supervisorin in eigener Praxis.
Aufbau und Inhalt
Das vollständige Inhaltsverzeichnis findet sich auf der Homepage der Deutschen Nationalbibliothek. Das hier vorgelegte Buch ist im DIN A 5 Softcover Format erschienen und hat einen Umfang von 83 Seiten, die sich in drei Kapitel gliedern. Am rechten oberen Seitenrand befindet sich die Kapitelüberschrift, am linken oberen Rand die Überschrift des Unterkapitels. Fallvignetten und Erklärungen zu Übungen sind durch grau hinterlegte Textboxen vom Fließtext hervorgehoben. Die Übungen sind nummeriert und im Aufbauschema einheitlich: Eine kurze Einführung umschreibt die Zielrichtung der Übung, danach folgen Anleitung und ggf. Erweiterungen/​Varianten.
Kapitel eins erläutert, wie Interessierte mit diesem Buch und den Übungen umgehen können.
Die Arbeitsweise und das Verständnis darüber, was es heißt therapeutisch zu arbeiten sind Gegenstand des zweiten Kapitels. Reich betitelt ihre Arbeit mit den Begriffen Leichtigkeit und Tiefe. Die Therapie beginnt damit, die Eltern bzw. Bezugspersonen (bei Klient:innen bis zum Alter von 14 Jahren) zu einem Vorgespräch einzuladen, um eine kurze Anamnese vor allem in Bezug auf die Symptome, Traumatisierungen oder Belastungen, den Sichtweisen der Eltern über Zusammenhänge und Leiden sowie die Lebensgeschichte aufzunehmen. Mithilfe eines Fragebogens (abgefragt werden positive leichte Fragen, Hobbys und Vorlieben) widmet sie sich dann der Sichtweise der Kinder. Das Kapitel endet mit dem therapeutischen Ablauf und damit, was sie grundsätzlich zu den Kindern und Jugendlichen sagt: dich trifft keine Schuld!
Die Therapie verläuft nach vier Schritten: 1. Verarbeitung des Traumamaterials, 2.Schauen, wie es dem Kind im Alltag geht, 3. Weitere Verarbeitung von Traumatisierungen/​Belastungen und 4. Regelmäßige Überprüfung, wie es dem Kind im Alltag geht.
Das dritte Kapitel enthält 23 Übungen wie Distanzierungsübungen, Übungen zur Verarbeitung von Belastungen und Traumatisierungen sowie Übungen zur Ressourceninstallation, von der Autorin selbst entwickelt und in der therapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen erprobt. Reich möchte Anregungen geben und Mut machen, sich mehr auf die Verarbeitungen von Belastungen und Traumatisierungen einzulassen. Oft beginnt Reich mit der Übung „Der Fluss“ und nicht selten endet sie mit der Übung „Grüne Wiese“, regelhaft beendet sie Sitzungen mit der Aktivierungsübung „Innere Farbe“. Humor ist Bestandteil der Therapie (z.B in der Übung Polizei, Polizei).
Diskussion
Erfahrungen von Traumatisierung können zu enormen physischen und psychischen Beeinträchtigungen führen und sich in Traumafolgestörungen ausdrücken. In der therapeutischen Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen zeigt sich die Notwendigkeit, erfahrene Belastungen/​Trauma zu verarbeiten, zu integrieren und die Bildung von Ressourcen zu fördern. Die Autorin hat 23 Übungen entwickelt und in ihrer praktischen Arbeit erprobt. Jede Übung steht für sich. Die Übungen sind einfach, schonend und machen Spaß. Sie dienen der Distanzierung von belastenden Themen, wollen die damit einhergehenden Gefühle abbauen und Ressourcen aufbauen.
Das Buch ist kein wissenschaftliches Buch, es ist ein Praxisbuch, das praxiserprobte Übungen enthält. Reich arbeitet vornehmlich mit einfachen, schnellen, effektiven Therapiemethoden, sie setzt z.B. TRIMP, EMDR oder ihre selbst entwickelte Übung 6, der sog. Münzenmethode (S. 39ff) zur Ermittlung des Belastungsgrad „SUD“ ein. TRIMP steht für „Trauma Recapitulation with Imagination, Motion and Breath“, dabei werden intensive schädigende Gefühle mit Atmung, Bewegung und Imagination lösungsorientiert verändert, ohne alle Details der Traumata aufzurufen, EMDR steht für „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“, was übersetzt Desensibilisierung und Neubearbeitung mit Augenbewegungen bedeutet. EMDR ist als Methode zur Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen wissenschaftlich anerkannt und sehr erfolgreich.
Die Übungen in diesem Büchlein sind kreativ gestaltet und leicht durchzuführen, sodass sie – nach Einschätzung der Autorin – in sämtlichen therapeutischen Verfahren integriert werden können und auch für die Arbeit mit Erwachsenen geeignet sind.
Fallvignetten und Erklärungen zu Übungen heben sich vom Fließtext ab, sie sind durch grau hinterlegte Textboxen hervorgehoben. Die Übungen müssen nicht chronologisch durchgeführt werden. Die Autorin führt kurz und knapp in die Übung ein, benennt die Zielrichtung der Übung und gibt konkrete Anleitungen, so kann ohne viel Aufwand begonnen werden.
Für das Prozessieren (Durcharbeiten) kommt ein EMDR-Gerät zum Einsatz (S. 43), das Kind hält die Pulsatoren in den Händen, neben Imaginationsübungen setzt Reich auch Übungen mit Haptik ein z.B. durch das Anfassen und Verschieben der Münzen bei der Bestimmung des SUD, durch Malen von Bildern oder durch das Legen von Gegenständen in eine Tüte.
Wünschenswert wäre eine Übersicht mit allen Übungen gewesen, ohne sie muss das Buch durchgeblättert und nach der jeweiligen Übung gesucht werden.
Fazit
Dieses schmale Büchlein ist prall gefüllt mit Beispielen aus der Praxis für die Praxis. Es wird kein wissenschaftlicher Anspruch erhoben, es ist ein Erfahrungsbuch. Authentisch, verständlich, freundlich, humorvoll und voller Respekt vor dem, was Kinder und Jugendliche einbringen..
Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
Website
Mailformular
Es gibt 322 Rezensionen von Petra Steinborn.




