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Cordula Schneider: Gewalt in Pflegeeinrichtungen

Cover Cordula Schneider: Gewalt in Pflegeeinrichtungen. Erfahrungen von Pflegenden. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2005. 110 Seiten. ISBN 978-3-89993-149-5. 22,90 EUR.

Reihe: Pflegebibliothek - Mainzer Schriften.
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Thema und Entstehungshintergrund

Thema des Buches, das ursprünglich als Diplomarbeit an der Katholischen Fachhochschule Mainz 2004/2005 vorgelegt wurde, sind Erfahrungen mit Gewaltsituationen und deren Wahrnehmung und Einschätzung aus der Perspektive von Pflegenden in stationären Einrichtungen der Altenhilfe, die ebenso Opfer als Täter von Gewalthandlungen sind. Anlass der Arbeit waren persönliche Erfahrungen der Autorin mit Gewaltsituationen in der Altenpflege, die den Wunsch entstehen ließen, dieses Thema wissenschaftlich zu bearbeiten. Zur Bearbeitung ihrer Fragestellung wählte die Autorin ein qualitatives Forschungsdesign, da es ihr um das Erfassen persönlichen Erlebens und dessen subjektive Verarbeitung ging, und als Methode das problemzentrierte Interview nach Witzel.

Aufbau und Inhalt

  • Die Arbeit beginnt mit einer kurzen Literaturübersicht zu den Begriffen Gewalt und Aggression, um zunächst zu einer Definition zu kommen. Leider ist dieser Teil etwas unbefriedigend, da die Autorin letztendlich zu keiner eigenen Definition der beiden Begriffe Gewalt und Aggression kommt, die sich auf den Kontext der Pflege beziehen müssten. Auch die Abgrenzung der beiden Begriffe Aggression und Gewalt fehlt, bzw. diese Begriffe werden im Weiteren als Synonyme behandelt. Gewalt kann aber keinesfalls mit Aggression gleichgesetzt werden, vor allem nicht in der Pflege, in der institutionelle Gewaltanwendung eben auch zugunsten des Patienten/Bewohners erfolgen kann bzw. zum eigenen und fremden Schutz und damit keine Aggression ist. Die Autorin führt zwar selbst an, dass die Abgrenzung auch in der Literatur bisher kaum gelungen ist, es gehört aber zu den Voraussetzungen und zu den Eigenleistungen einer Forschungsarbeit, mit klaren Begriffen zu arbeiten.
  • Es folgt eine Abhandlung mit den verschiedenen Erscheinungsformen von Gewalt, die später in acht Gewaltformen kategorisiert werden, mit jeweils zugeordneten Erscheinungsbildern. Der Gewaltbegriff erscheint hier sehr umfassend, wenn z.B. unter „struktureller Gewalt“ auch solche Erscheinungsformen wie „feste Essenszeiten“ oder „festgelegte Besuchszeiten“ neben Erscheinungsformen der physischen Gewalt wie „schlagen“ oder „Ohrfeigen“ stehen. Eine Gewichtung oder die Einführung weiterer abgrenzender Begriffe wäre hier angebracht gewesen. Es ist nicht hilfreich, wenn praktisch die gesamte Pflegetätigkeit und Pflegeorganisation als potenziell gewalttätig bezeichnet wird, dies verhindert den Blick auf die wirkliche Gewalttätigkeit, die es aufzuheben gilt.
  • Nach dem Versuch, Gewalt zu beschreiben, wird folgende Forschungsfrage entwickelt: „Inwiefern reflektieren examinierte Pflegekräfte ihre potenziellen Gewalterfahrungen in den stationären Pflegebeziehungen der Altenhilfe?“ Die Untersuchungsmethode des problemzentrierten Interviews wird beschrieben, ebenso wie die dazugehörigen Instrumente. Die Stichprobe bestand aus sechs Pflegefachkräften in der Altenhilfe. Die Datenauswertung wurde nach der Methode der Inhaltanalyse nach Mayring durchgeführt.
  • Im Teil III der Arbeit werden die Forschungsergebnisse dargestellt, wobei die Autorin die Probandinnen wortgetreu zitiert. Auffallend ist hier die hohe Reflexionsfähigkeit der befragten Pflegekräfte, aber auch ihre immense Unsicherheit in Bezug auf das, was Gewalt ist und was nicht. Ein ausufernder Gewaltbegriff, der in den subjektiven Theorien der Proband/-innen deutlich wird, führt zu Handlungsunsicherheit und zu Schuldbewusstsein. Auch hier, in der praktischen Pflegetätigkeit, fehlt ein realistischer Gewaltbegriff, der z.B. „notwendige Einschränkungen unter den Bedingungen institutionellen Zusammenlebens “ von „Gewalt“ und „Aggression“ unterscheidet. Regeln des Zusammenlebens einhalten in einer Institution sind keine Gewalt, auch wenn diese gegen Bedürfnisse Einzelner sind.
    Die Unsicherheit über den Gewaltbegriff wird auch daran deutlich, dass die Proband/-innen die Zustimmung der Bewohner zu jeder einzelnen Pflegehandlung als notwendig erachten und dann natürlich zu dem Schluss kommen müssen, dass alles Gewalt ist, dem der Bewohner nicht zugestimmt hat. Dann wäre eben auch die „aktivierende Pflege“ Gewalt, wenn der Bewohner nicht ausdrücklich zustimmt, was er eben oft nicht tun wird. Nimmt man den freien Willen des Einzelnen als einziges Kriterium, dann ist tatsächlich alles Gewalt, dann endet aber damit auch die professionelle Pflege. Vor allem wären dann Gedanken darüber, was vermeidbare und was unvermeidbare „Gewalt“ ist, obsolet. Vermeidbar ist z.B., dass eine männliche Pflegeperson Intimpflege an einer Bewohnerin gegen deren Willen vornimmt; vermeidbar ist grobe Sprache oder körperliche Misshandlung. Nicht vermeidbar ist die Körperpflege, die Medikamentengabe oder das Essen und Trinken, u.U. auch gegen den Willen der Bewohner.
    Ein interessantes Ergebnis der Arbeit ist, dass die Unsicherheit über einen differenzierten Gewalt- und Aggressionsbegriff und seine Abgrenzung gegen andere institutionelle Einschränkungen, offensichtlich auch bei den praktizierenden Pflegekräften vorhanden ist.
  • Die Lösungsvorschläge am Schluss der Arbeit, nämlich über Pflegeleitbilder, Pflegekonzepte und Ausbildung darauf hinzuwirken, dass das Thema Gewalt angemessen behandelt wird, sind nur dann hilfreich, wenn sie das Thema Gewalt richtig angehen und nicht mit einem Gewaltbegriff arbeiten, der die gesamte Pflegetätigkeit in Frage stellt. Die Lösung wäre, zunächst einmal Gewalt und Aggression kontextgebunden zu definieren, diese Begriffe von anderen institutionellen Einschränkungen - notwendigen oder nicht notwendigen - zu unterscheiden und damit zu einem realistischen Gewaltbegriff zu kommen. Dieser könnte dann in der Ausbildung vermitteln werden. Damit würde die Professionalität gestärkt werden und Pflegekräfte in die Lage versetzt, zu unterscheiden, was eine unvermeidbare Beeinträchtigung ist und was Gewalt ist, die zu vermeiden wäre.

Fazit

Insgesamt ist die Arbeit sorgfältig durchgeführt und hat eine interessante Thematik, der Forschungsprozess ist verständlich und nachvollziehbar dargestellt, die Methodik ist der Thematik und Forschungsfrage angemessen. Die mangelnden Definitionen schränken die Gültigkeit der Arbeit aber ein.


Rezension von
Prof. Dr. Claudia Bischoff-Wanner
Professorin für Pädagogik und Pflegewissenschaft an der Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
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Zitiervorschlag
Claudia Bischoff-Wanner. Rezension vom 14.02.2007 zu: Cordula Schneider: Gewalt in Pflegeeinrichtungen. Erfahrungen von Pflegenden. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2005. ISBN 978-3-89993-149-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3012.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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