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Ulrich Lewe: Vorbeugende Anhaltung

Rezensiert von Martina Pistor, 27.01.2023

Cover Ulrich Lewe: Vorbeugende Anhaltung ISBN 978-3-89657-038-3

Ulrich Lewe: Vorbeugende Anhaltung. Der Maßregelvollzug. Das Schwarze Loch im Psychiatrieuniversum. Schmetterling Verlag GmbH (Stuttgart) 2022. 272 Seiten. ISBN 978-3-89657-038-3. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR.
Reihe: BLACK BOOKS.

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Thema und Autor

Das Buch „Vorbeugende Anhaltung. Der Maßregelvollzug – Das Schwarze Loch im Psychiatrieuniversium“ ist eine Abrechnung mit dem System der forensischen Unterbringung: Menschen, denen Schuldunfähigkeit oder eingeschränkter Schuldfähigkeit (§§ 20/21 StGB) attestiert wird, werden statt zu einer Gefängnisstrafe zur Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik – der Forensik – verurteilt. Der Autor Dr. Ulrich Lewe ist Psychologe und hat unter anderem als Bezugstherapeut auf einer geschlossenen forensischen Station gearbeitet. Darüber hinaus ist er Mitglied des Fachausschusses Forensik der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) und tritt als solcher für eine Reform des § 63 StGB ein. Material, das ihm während seiner Dissertation begegnet ist und dort keinen Platz fand, hat er zum vorliegenden Buch verdichtet. Es ist eine im Ton oft polemische Abrechnung mit einem System, in dem er selbst gearbeitet hat und dabei beobachten musste, wie die totale Institution sich ihm und seiner Arbeit einschrieb. Gleichzeitig ist es eine Untersuchung und Kritik der aktuellen Situation, getragen vom Willen, die Situation der Betroffenen zu verbessern.

Aufbau

Inhalt

  1. Vorwort
  2. Willkommen im Willkürstadel
  3. Kann denn Wissenschaft wahnhaft sein? Eine Untersuchung zu den zentralen Glaubensgrundsätzen der forensischen Psychiatrie
  4. Gefährlichkeits-TÜV: Orakelmaschinen und Gutachterei. Über den zweiten Glaubensgrundsatz
  5. Des Kaisers neue Kleider – oder die Frage, ob im Psychoknast gut therapieren ist. Über den dritten Glaubengrundsatz der forensischen Psychiatrie
  6. Das Rinderknecht-Rhizom. Die Frage, ob die Psychiatrie in Deutschland faschismusresistent ist
  7. Dekolonisierung I
  8. Dekolonisierung II
  9. Die hohle Nuss als schwarzes Loch des Psychiatrieuniversums

Glossar und Abkürzungsverzeichnis

Nach dem persönlich gehaltenen Vorwort weist der Autor in den Kapiteln 2–6 nach, dass die Forensische Unterbringung weder ihren eigenen Ansprüchern noch der UN-Behindertenrechtskonvention gerecht wird. In Kapitel 7 und 8 kommen collageartig andere Autor*innen zu Wort: Betroffene, Aktivist*innen, aber auch Reformperspektiven aus Italien und Kanada. Im letzten Kapitel bezieht er sich auf deutsche Autor*innen, um (als Nahziel) Vorschläge für eine Reform der (forensischen) Psychiatrie zu unterbreiten.

Die Zielgruppe des Buchens sind Betroffene:

  • Betroffene „Untergebrachte“, die ihre Erlebnisse verarbeiten wollen – ob als Aktivismus oder passiv,
  • Betroffene Angehörige, die verstehen wollen, was ihren untergebrachten Angehörigen widerfährt,
  • Betroffene Mitarbeitende der Forensik, die als Insassen der totalen Institution das System verstehen wollen, und eine
  • Interessierte – und von dem, was zu erfahren ist, betroffen gewordene – Öffentlichkeit.

Inhalt

Der Titel des Buches entstammt einer Österreichischen Bezeichnung für Menschen, die im Maßregelvollzug untergebracht werden: Vorbeugend Angehaltene, Menschen, deren Leben präventiv – aufgrund einer unterstellten Gefährlichkeit – angehalten wird. Im Text nennt der Autor die Betroffenen, die von der Justiz als „Untergebrachte“ und in der Forensik als „Patient*innen“ bezeichnet werden, deswegen durchgehend „Angehaltene“.

Die Relevanz des Themas wird allein durch die Zahlen deutlich, die der Autor im zweiten Kapitel referiert: So stehen mittlerweile ¼ der stationären Psychiatrie-Betten in Forensischen Kliniken (S. 14). Während nach den Zahlen des Autors die Quote der Inhaftierten und die Dauer der Inhaftierung sinken, steigt parallel die Zahl der im Maßregelvollzug untergebrachten Menschen und die Dauer der Unterbringungen steigt (S. 17ff) – was der Autor als Beleg für eine gestiegene Punitivität, also „Straflust“ der Gesellschaft interpretiert.

Er zeigt bei Vergleichen innerhalb Deutschlands eine große Willkür auf: So verteilen sich die Zahlen der „Angehaltenen“, Unterbringungsdauern und die Zahl der Beurlaubungen regional sehr unterschiedlich und zum Teil sind die Lockerungen, die „Angehaltene“ erfahren, von (rechtswidrigen) Vereinbarungen zwischen Klinik und Kommune abhängig (S. 29–35). Insgesamt betrachtet er die Unterbringung im Maßregelvollzug als Schlechterstellung gegenüber anderen Sanktionen. Die Dauer der Unterbringung entspricht beispielsweise nicht der Schwere der Tat, sondern einer unterstellten Gefährlichkeit und ist daher nicht abzusehen. Somit widerspricht die forensische Unterbringung der UN-Behindertenrechtskonvention, die eine Schlechterstellung von Menschen mit (auch seelischer) Behinderung verbietet (S. 25 ff.).

In Kapitel 3 setzt sich Lewe mit drei Glaubensgrundsätzen der Forensik auseinander:

  1. Der Verrückte ist gefährlicher als der Normale.
  2. Die Gutachterei ist Wissenschaft und keine Spökenkiekerei.
  3. Im Psychoknast ist gut Therapieren (S. 41).

Dafür konzentriert er sich auf schizophren etikettierte Menschen, unter anderem, weil ihr Anteil an forensisch „Angehaltenen“ seit 1990 überproportional gestiegen ist (ebd.).

Für diese Auseinandersetzung macht er einen Exkurs und verortet die Ursprünge der „Kartographierung der Seelenlandschaft“, wie er die psychiatrische Diagnostik und Gefährlichkeitsprognostik nennt, in der spanischen Inquisition und ordnet sich mit Bezug auf Klaus Theweleit und Stefan Weinmann in eine kritische Denktradition ein (S. 42–44).

Im nächsten Unterkapitel nimmt der Autor die Leser*innen in die Welt der Daten mit. Zunächst untersucht er einen Zusammenhang zwischen psychischer Störung und Delinquenz und findet einen Gender-Bias und eine Handvoll kriminologischer „attributable risks“, die die Straffälligkeit besser prognostizieren können als die psychiatrische Diagnostik. Diese monokausale Zuordnung von einer psychiatrischen Diagnose zu einer Delinquenz wird noch haltloser, wenn man die biographische und gesellschaftliche Historizität in Rechnung stellt. Die Betroffenen zahlen dafür einen hohen Preis. (S. 44–47). In einem Exkurs wirft er einen Blick in die Boulevardpresse und weist nach, dass dort Statistiken aus dem Zusammenhang gerissen werden. Für Körperverletzungen kommt er beispielsweise zu dem Schluss, „dass die Verrückten sich bei dieser Deliktart ziemlich normal verhalten“ (S. 49).

Im Gegenteil, so weist Lewe im nächsten Abschnitt nach, sind schwer psychisch kranke Menschen einer viel höheren Gefährdung ausgesetzt, Opfer von Gewalt zu werden – und sind gleichzeitig unterdurchschnittlich gefährlich. Ein geschichtlicher Abriss weist nach, dass die Diagnose und Therapie häufig lebensgefährlich war: Vom Verhungernlassen in den Anstalten im ersten Weltkrieg über die Zwangssterilisierungen und Morde des deutschen Faschismus und Verlegungen mit Todesfolge im Rahmen von Reformen im Anschluss an die Psychiatrie-Enquête bis hin zu Morden an Heimbewohner*innen in den vergangenen Jahrzehnten (S. 54–55).

Aktuell sind schwer psychisch kranke Menschen durch soziale Exklusion und gesundheitliche Risiken bedroht, außerdem werden sie häufiger Opfer von Körperverletzungen, Unfällen und Tötungsdelikten sowie Suiziden: Ihre Lebenserwartung ist um über 14 Jahre verringert (verglichen mit dem Durchschnitt der Bevölkerung) und sie sterben häufiger eines unnatürlichen Todes (S. 56–57).

Daraufhin untersucht Lewe unter der Überschrift „Wie bastle ich mir einen gefährlichen Irren?“ die wissenschaftliche Literatur zum Thema Forensik. Dabei weist er einer Ko-Autorin der „Standards für die Behandlung im Maßregelvollzug“ unredlichen Umgang mit wissenschaftlichen Quellen nach. Zahlen würden aus dem Zusammenhang gerissen, die Schlussfolgerungen der Quellen und anderslautende Untersuchungen ignoriert und andere Faktoren als die psychiatrischen Diagnosen komplett unter den Tisch fallen gelassen. So stellten die Standards die Gefährlichkeit von schizophren etikettierten Menschen deutlich überhöht dar, um die Existenz forensischer Einrichtungen zu rechtfertigen – aber ebenso gut könnte man einen Knick-Senk-Spreizfuß, der im jungen Erwachsenenalter auftritt, mit Delinquenz korrelieren und darauf aufbauend eine „Forensische Orthopädie“ (S. 64) begründen (vgl. S. 59–67).

Anhand weiterer Studien und eigener Berechnungen, die der Autor einschließlich der zugrundeliegenden Zahlen nachvollziehbar darstellt, kommt er zu dem Schluss, dass einerseits die Behauptung, schizophren etikettierte Menschen seien gefährlich, so klar nicht belegt werden kann (z.B. fallen Gender-Bias und Alters-Bias groß aus, gleichzeitig werden meist andere, bspw. soziale Faktoren – Confounders – nicht mit untersucht). Gleichzeitig sind schizophren etikettierte Menschen ihrerseits gefährdeter, Gewalt zu erfahren und getötet zu werden. Außerdem erfahren sie durch Stigmatisierungen, aber auch konkret durch Justiz und Forensik ein viel größeres Leid als die Gesellschaft vermeintlich durch sie (S. 67–79).

Im vierten Kapitel beschäftigt sich Lewe mit forensischen Gutachten. Der Unterbringung liegen einerseits die Schuldunfähigkeit bzw. verminderte Schuldfähigkeit, andererseits die anhaltende Gefährlichkeit der Angeklagten zugrunde. Diese Bewertung treffen Gerichte aufgrundlage von Gutachten (S. 88). Zunächst untersucht Lewe algorithmenbasierte Vorhersagen, deren Veröffentlichungen ihm als Werbung erscheinen – wobei finanzielle Interessen von den Autor:innen zumeist nicht angegeben werden. Er empfiehlt als Alternative mit OxRisk ein kostenloses Risk-Assessment-Programm, das nach den zugrundegelegten Kennzahlen besser abschneidet als die beworbenen kommerziellen Produkte und zititert gleichzeitig die Einschränkung der Autor:innen, dass das Instrument bei der Bewertung einzelner Individuen zu ungenau ist (S. 92). Für ein Instrument mit einer Spezifität und Sensitivität von je 0,7 – gängige Werte in dem Bereich, die Begriffe erklärt der Autor genauer – rechnet Lewe vor: Um eine einzige Person zu sichern, die tatsächlich für die Gesellschaft gefährlich werden könnte, werden fünf ungefährliche Personen ebenfalls eingesperrt (S. 96).

Aber vielleicht kommen die Gutachten, die Psychiater:innen nach Gesprächen mit den „Angehaltenen“ zu besseren Ergebnissen? Dieser Frage widmet sich Lewe im nächsten Abschnitt. Ein experimentelles Design zum Vergleich von Rückfallquoten unter verschiedenen Prognosen kann nicht gezielt vorgenommen werden, aber historische Ereignisse, in denen forensisch untergebrachte Personen unabhängig von ihrer Legalprognose entlassen wurden, gab es und sie wurden wissenschaftlich untersucht. Dabei ergab sich beispielsweise, dass über vier Fünftel der als gefährlich untergebrachten Menschen nach ihrer Entlassung nicht rückfällig wurden. Außerdem ist die Rückfalldelinquenz bei Entlassung aus dem stationären Setting höher als aus dem ambulanten Setting, den entscheidenden Unterschied macht offenbar der soziale Empfangsraum. Alles in Allem rät Lewe, den Gutachten genauso zu misstrauen wie den Prognoseinstrumenten (S. 99–103).

Im nächsten Abschnitt untersucht Lewe, wie wichtig die Forensik als Wirtschaftsfaktor ist. Offensichtlich sichert sie Justizangestellten, Gutachter:innen und Mitarbeiter:innen der Forensik ihren Lebensunterhalt, aber auch Bau und Unterhalt der Einrichtungen sind nicht zu vernachlässigen: Er überschlägt, dass pro untergebrachter Person 1,5 Menschen beschäftigt werden. Im Fortgang des Kapitels weist er nach, wie wirtschaftliche Abhängigkeiten wirken: Beispielsweise fällt das Ergebnis eines Gutachtens unterschiedlich aus, je nachdem, ob das Gericht oder die Verteidigung es bestellt. Auch haben Richter:innen oder Mitarbeitende die Möglichkeit, beispielsweise durch die Wahl der Gutachter:innen das Ergebnis schon im Voraus zu beeinflussen. Und auch habituelle Unterschiede zwischen Untergebrachten und Gutachter:innen drücken das Machtgefälle aus, in dem sie sich befinden (S. 105–120).

Unterstellt, dass die Menschen in Forensischer Unterbringung tatsächlich aufgrund ihrer Erkrankung straffällig geworden sind, und unterstellt, dass sie tatsächlich aufgrund der Erkrankung für die Gesellschaft gefährlich sind untersucht Lewe im nächsten Kapitel „die Frage, ob im Psycho-Knast gut therapieren ist“ (S. 126). Dabei verweist er zunächst darauf, dass Hospitalisierung bzw. Prisonisierung im Gegenteil weitere Probleme erst entstehen lassen. Und selbst unter der Maßgabe, dass die Unterbringung in einer Klinik den „Angehaltenen“ – verglichen mit einer Strafe – zugutekommen sollte, gibt Lewe mit den Worten des Oxford Handbook of Criminology zu bedenken: „Wenn psychisch gestörte Straftäter aus Gründen der Wohltätigkeit als spezielle Gruppe behandelt werden, setzt sie das in einer Zeit, in der der Wechsel zu risikobasierter Aburteilung die Politik dominiert, einer härteren Behandlung aus“ (Peay, 2007, zit. n. S. 126).

Im ersten Unterkapitel beschäftigt sich der Autor einerseits mit den Kosten und andererseits mit den Ergebnissen der Forensiken, die erstaunlicherweise nicht gut untersucht sind. Er nimmt dabei die medikamentöse Behandlung unter die Lupe und kommt zu dem Schluss, dass die gängige Praxis, Menschen nicht zu entlassen, wenn sie keine Psychopharmaka nehmen, wissenschaftlich nicht zu halten sei (S. 127–129).

Die Ergebnisse einer (kleinen) Studie zum Behandlungserfolg und Patient:innenzufriedenheit nach vier Jahren Unterbringung vergleicht er mit einer kleinen Studie einer allgemeinpsychiatrischen stationären Behandlung, wo vergleichbare Ergebnisse bereits nach 24 Tagen der Behandlung erzielt wurden. Dabei verweist er immer wieder auf die vorher gefundene Feststellung, dass forciert Entlassene (ohne positive Legalprognose) nicht stärker rückfällig werden als regulär Entlassene oder Entlassene aus dem Strafvollzug (S. 127–133). Untersuchungen der Korrelationen zwischen Personalausstattung der Kliniken und Kennzahlen des Maßregelvollzugs (Entlassungen, Beurlaubungen, Zwangsmaßnahmen) lassen keine klaren Trends erkennen. Allerdings meint Lewe, in den Zahlen eine Reaktanz von Trägern und Leitungen auf die Reform der Verhältnismäßigkeit 2016 zu erkennen (S. 134–138). [1]

Im nächsten Kapitel mit dem an Kafka erinnernden Titel „In der Strafkolonie“ geht es um die „Kolonisierung“ der Angehaltenen (S. 139). Zeitversetzt zur De-Institutionalisierung von Teilen der Psychiatrie durch die Psychiatrie-Enquête bemerkt Lewe einen gegenläufigen Prozess der Exklusion durch die Forensik. Mit Foucault ordnet der Autor die Psychiatrie und die Forensik historisch in Entwicklungen der Industrialisierung ein und spart – im Rückgriff auf Dörner und Jantzen – den Faschismus in Deutschland nicht aus. Eine Anekdote aus seiner eigenen theaterpädagogischen Arbeit mit „Angehaltenen“ leitet ins nächste Unterkapitel über (S. 139–142).

Dort weist er nach, dass die Konstruktion der Schuldunfähigkeit auf eine Entmündigung hinausläuft – obwohl die meisten Untergebrachten kurz nach der Tat erkennen, dass sie Unrecht getan haben. Straftäter:innen, die das – als psychische Schutzfunktion – nicht anerkennen, sitzen im Strafvollzug ihre Strafe genauso ab. In der Forensik hingegen führt mangelnde Strafeinsicht zur Verlängerung der Unterbringung (S. 143). Dazu kommt, dass die Unterstellung einer Schuldunfähigkeit häufig in ein, wie Lewe es nennt, „soziales Koma“ (S. 144) führt.

Die Schuldunfähigkeit aufgrund einer Erkrankung findet eine biologische Ursache für Reaktionen auf soziale Situationen und schiebt sie völlig den Betroffenen zu. Die Unterbringung in einer totalen Institution reißt die Betroffenen dann aus ihren sozialen Gefügen und verfestigt als Hilfe und Fürsorge ihre Lage (ebd.). Eine Psychose kann dann möglicherweise als Flucht aus der sozialen Isolation durchaus angenehmer erscheinen als die Realität der Forensischen Klinik (S. 145).

Im Folgenden wirft er einen Blick darauf, wer die Diagnose „Psychopathie“ zugeschrieben bekommt: Entscheidend sei „die Klassenzugehörigkeit“ (S. 146). Darauf beschreibt Lewe Überlebensstrategien und Zwangsmaßnahmen in der Forensik (beispielsweise Isolierung, im Extremfall mehr als ein Jahr). Auf die Doppelrolle, das Forensik-Mitarbeitende als „Schließer und Therapeut“ (S. 146) haben [2], lässt er in einem collagierten Interview Sigmund Freud antworten und lehnt den Sicherungsauftrag als unvereinbar mit der Therapeutenrolle ab (S. 147). Und warum gibt die Gesellschaft so viel Geld für ein offenbar nutzloses System aus? Ebenfalls collagiert antwortet Karl Marx, dass der Nutzen des Systems dann wohl nicht in der Therapie der Betroffenen, sondern in seiner Wirkung auf den Rest der Gesellschaft liege (S. 153–154).

Im sechsten Kapitel „Das Rinderknecht-Rhizom“ wechselt der Tonfall noch einmal. In Anlehnung an die Methodik des Rhizoms nach Deleuze und Guattari (S. 160) sammelt und assoziiert Lewe Schnipsel und Fragmente, um Vernichtungs- und Absonderungstendenzen in den Vorläufern der heutigen Psychiatrie aufzuspüren. Er findet eine prinzipielle Anfälligkeit für autoritäre Entwicklungen und beschreibt exemplarisch eine berührende Fallgeschichte eines Patienten, wo die zugeschriebene paranoiden Psychose im lebensgeschichtlichen Kontext einen Sinn als Verarbeitung von familiengeschichtlichen NS- und eigenen Autoritätserfahrungen bekommt.

Auch in dieser Geschichte erkennt Lewe ein Versagen der Psychiatrie (S. 168). Außerdem vergleicht er Deutschland im internationalen Kontext: Hier gibt es im europäischen Vergleich die höchsten Raten an Heimunterbringungen und sehr viele Zwangseinweisungen, hohe Zahlen an forensisch Untergebrachten und eine hohe Unterbringungsdauer. Rhizomatisch assoziiert Lewe Regelungen zur Schuldunfähigkeit, die auf das „Gewohnheitsverbrechergesetz“ von 1934 zurückgehen mit Täter- oder Tatstrafrecht (S. 170), aktuelle Debatten über Folter mit Zwangsmaßnahmen wie Elektroschocks und Isolation (die auch vom CIA als Foltermethoden untersucht wurden), Gefährder in Polizeiaufgabengesetzen mit Rückfallprognosen. Sein Fazit ist, dass Psychiatrien „aktiver Teil dieser autoritären und restaurativen Rechtsentwicklung“ sind und schließt dieses Kapitel mit einem Zitat von Basaglia und Basaglia-Onaro.

Die nächsten zwei Kapitel widmen sich der Dekolonisierung. Unter der Überschrift „Die Kraft der Schwachen“ bringt Lewe wiederum collageartig seine Rezension eines Buches einer Angehörigen, die für ihren forensisch untergebrachten Bruder kämpft und den Erfahrungsbericht einer psychiatrie-erfahrenen Frau, die nach einer Abwärtsspirale von Stalking, Verleumdung und Stigmatisierung für ein halbes Jahr in der Forensik landete (S. 178–192). Er zitiert Berichte eines Mitglieds der Besuchskommission, die über die Jahre der Erfahrung in dieser Rolle immer kritischer und immer eindringlicher werden (S. 193–210). Und er wirft einen Blick auf den Strafvollzug mit der eigenen Rezension eines Buchs von Thomas Galli und dem Erfahrungsbericht eines Strafgefangenen (S. 210–216). Den Abschluss dieses Kapitels bilden Gedichte aus der Forensik, die hier unter Pseudonym unter dem Titel „Souls for Sale“ veröffentlicht werden (S. 216–223).

Kapitel acht wirft einen Blick über den nationalen Tellerrand und dokumentiert mit einem Beitrag einer Aktivistin und dem Bericht über die Folgen der Reformen die Lage in Italien (S. 230–257). Es folgt eine kurze Beschreibung der „Circles of Support and Accountability“, in denen kanadische Mennoniten Sexualstraftäter in die Gesellschaft integrieren und begleiten – mit sehr guten Ergebnissen für die Betroffenen wie für die Gesellschaft (S. 258–260).

Im knappen letzten Kapitel zitiert Lewe juristische und gemeindepsychiatrische Perspektiven zu einer möglichen Reform des Systems der Forensik, die auf einer Trennung von Sicherungs- und Behandlungsaufgaben und einer guten psychiatrischen Versorgung auch in Haftsituationen sowie der absoluten Freiwilligkeit der Therapie beruhen.

Diskussion

Der Autor nimmt die Leser:innen mit auf eine schauerliche Reise in das „schwarze Loch im Psychiatrie-Universum“. Dabei ist der polemische Ton und der zynische Humor angesichts des Themas zwar gewöhnungsbedürftig, aber nicht unangemessen. Das Buch ist abwechslungsreich geschrieben: Nach einer Positionsbestimmung versucht der Autor, wissenschaftliche und statistische Verfahren auch für Laien nachvollziehbar zu machen. Später wird der Text assoziativer und gegen Ende geradezu collageartig, indem der Autor Betroffenenberichte und Diskursbeiträge ins Buch einbindet. Der Autor selbst nimmt dabei eine Perspektive der Sozialpsychiatrie zwischen Wissenschaft und Aktivismus ein und nähert sich dabei der Forderung: Nothing about us without us.

Lewe kritisiert das System Forensik in seinen Grundfesten, ohne allerdings auch das System von Strafen, Justiz und Gesellschaft zu hinterfragen, wie dies beispielsweise im Sammelband von Malzahn (2018, S. 94) aus demselben Verlag geschieht. [3] An einigen Stellen gibt es Ansätze für eine solche Weiterführung, etwa wenn er mit Foucault und Marx das Strafsystem historisch und gesellschaftstheoretisch einordnet. Diese Ansätze verfolgt der Autor aber nicht weiter. Stattdessen beruft er sich auf den Diskurs der UN-Behindertenrechtskonvention und greift das System Forensik insofern sowohl moralisch als auch juristisch als illegitime Diskriminierung von psychisch kranken Menschen an.

Der Autor konzentriert sich auf schizophren etikettierte Menschen, die nach § 63 StGB forensisch untergebracht sind. Diese Fokussierung ist nachvollziehbar, lässt aber Lücken im Hinblick auf die Rolle der Forensik im Bereich der suchtkranken Personen. Hier bleibt offen, wie der Vergleich zwischen Strafhaft und forensischer Unterbringung (die nach § 67d StGB maximal zwei Jahre betragen darf) für die Betroffenen ausfällt. Gleichzeitig wandelt sich die Belegung forensischer Kliniken: Bei rückläufigen Zahlen für §-63-Untergebrachte steigt die Zahl der nach § 64 untergebrachten suchtkranken Menschen, sodass insgesamt die Zahl der Menschen im Maßregelvollzug steigt. Insofern diskutiert das Buch nur einen Teil des „Universums Forensik“.

Für die betrachtete Gruppe rüttelt Lewe an dem Paradigma, dass die Gefährlichkeit der Betroffenen aus ihrer psychiatrischen Erkrankung (mono-)kausal begründet werden kann und die (oft medikamentöse) Therapie in Verbindung mit dem Setting der Totalen Institution diese Gefährlichkeit reduzieren kann. Aus sozialpsychiatrischer Perspektive plädiert er für freiwillige Behandlung und ggf. sichernde Begleitung im ambulanten Setting. Gleichzeitig verweist er auf Beharrungskräfte eines (ähnlich wie die Strafhaft: vordergründig nicht sehr erfolgreichen) Systems einerseits in gesellschaftlichen Funktionen und andererseits im Selbstverständnis und wirtschaftlichen Interesse der professionellen Akteur*innen.

Stattdessen fordert er eine absolute Freiwilligkeit psychiatrischer Behandlungen. Das ist nachvollziehbar aus der Perspektive der Betroffenen, die – wie er sehr eindrücklich aufzeigt – unter Zwang und Hospitalisierung leiden. Es ist aber auch nachvollziehbar aus der Perspektive der Mitarbeitenden, die möglicherweise die Arbeit in der Totalen Institution nicht mit ihren privaten Werten und ihrem beruflichen Ethos verbinden können (vgl. Goffman, 2018, S. 94). Damit verlagert er den Zwang allerdings in den Bereich des Strafvollzugs.

Offen bleibt für mich, welche Auswirkungen die Reform der Verhältnismäßigkeit im Jahr 2016 auf die §-63-Patienten hat. Im Rahmen eines Praktikums in einer bayerischen Forensischen Ambulanz habe ich mehrere Menschen kennengelernt, die nach langjährigen Unterbringungen aufgrund der Verhältnismäßigkeit entlassen und im lebensweltlichen Setting nachbetreut wurden. Hier spricht Lewe vage von einer Reaktanz der Institutionen (S. 135–139), die mir kein deutliches Bild gibt. Auch an anderen Stellen hätte ich mir in Kleinigkeiten eine sorgfältigere Argumentation gewünscht: Beispielsweise fehlt eine Erklärung, warum Delinquenz bei Medikation sinkt, aber nicht komplett auf 0. Vielleicht hätte das aber auch den Rahmen des Buches gesprengt – sowohl an Umfang, als auch an Aufwand des Verfassens.

Meine Eindrücke aus erwähntem Praktikum sind im Übrigen anschlussfähig an den Tenor des Buches. Beispielsweise orientieren sich die Lockerungen (also die schrittweise Wiedererlangung der Handlungs- und Bewegungsfreiheit bis hin zur Beurlaubung), Verlegungen auf andere Stationen und Entlassungen nicht nur daran, welcher Therapieverlauf den (in dem Fall nur männlichen) Patienten zugeschrieben wurde, sondern auch an der (Über-)Belegung der Stationen. 3-Bett-Zimmer, die mit 4 Patienten belegt waren, waren die Regel. Andererseits kontrastiert die Arbeitsweise der (Nachsorge-)Ambulanzen mit den Totalen Institutionen der Forensischen Kliniken.

Im Rahmen des Praktikums hat mir mein Mentor, der Leiter der Ambulanz, ein Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) vorgelegt. Er war empört über die Forderung der DGSP, die Forensik abzuschaffen und das Personal im Strafvollzug arbeiten zu lassen. Das war mit seinem Selbstverständnis als professionell Helfender nicht vereinbar. Damals war ich angesichts des Positionspapiers recht ratlos: Wie sollte der Strafvollzug die bessere Wahl für die Betroffenen wie für das Personal sein? Verbunden mit der Forderung nach besserer medizinischer und psychiatrischer bzw. psychologischer Versorgung leuchtet mir diese Forderung nach der Lektüre dieses Buches eher ein.

Insofern ist das Buch trotz kleinerer Schwächen ein hilfreicher, wichtiger und unbedingt parteilicher Beitrag zu einer Debatte, die dringend geführt werden sollte. Ich habe es mit großem Gewinn gelesen.

Fazit

Das Buch analysiert die Zustände in forensischen Kliniken für Untergebrachte nach § 63 StGB und insbesondere für Menschen, denen Schizophrenie diagnostiziert wurde. Es thematisiert schwerwiegende Fehlentwicklungen und fordert mindestens eine Reform, möglicherweise aber auch eine Abschaffung der forensischen Unterbringung. Ein spannender Diskussionsbeitrag, der sich vorbehaltlos für die Rechte der Untergebrachten einsetzt.


[1] Damals wurde § 67d Abs. 6 StGB reformiert, sodass eine Vielzahl von Menschen aus Gründen der Verhältnismäßigkeit auch aus forensischer Unterbringung entlassen wurden (oder hätten werden sollen).

[2] analog zum doppelten Mandat in der Sozialen Arbeit

[3] vgl. die Rezension von Helmut Kury unter https://www.socialnet.de/rezensionen/​24761.php

Rezension von
Martina Pistor
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Zitiervorschlag
Martina Pistor. Rezension vom 27.01.2023 zu: Ulrich Lewe: Vorbeugende Anhaltung. Der Maßregelvollzug. Das Schwarze Loch im Psychiatrieuniversum. Schmetterling Verlag GmbH (Stuttgart) 2022. ISBN 978-3-89657-038-3. Reihe: BLACK BOOKS. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30129.php, Datum des Zugriffs 18.04.2024.


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