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Daniel Walker (Hrsg.): Design Thinking Hospital

Rezensiert von Prof. Dr. Paul Brandl, 07.07.2023

Cover Daniel Walker (Hrsg.): Design Thinking Hospital ISBN 978-3-95466-754-3

Daniel Walker (Hrsg.): Design Thinking Hospital. Das patientengerechte Krankenhaus. Mit einem Geleitwort von Falk Uebernickel. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2022. 200 Seiten. ISBN 978-3-95466-754-3. D: 59,95 EUR, A: 61,75 EUR, CH: 72,00 sFr.

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Der Herausgeber

Daniel Walker hat viel Erfahrung in der Implementation von innovativen Konzepten in Gesundheitsunternehmen, im strategischen Management und der organisationalen Resilienz. Er ist auch in der Aus- und Weiterbildung in Gesundheitseinrichtungen tätig sowie im Weiterbildungsprogramm der Universität Bern und weiteren Bildungseinrichtungen des Gesundheitswesens. Darüber hinaus haben weitere sechs Verfasser von nicht namentlich gekennzeichneten Beiträgen mitgewirkt: www.walkerproject.com/autorenprofile/.

Thema und Zielsetzung

Das Buch beschäftigt sich mit dem innovationsfördernden Ansatz des Design Thinking. Für den komplexen Bereich des Gesundheitswesens ist dieser klient:innenzentrierte Ansatz gerade jetzt nach der Corona-Krise sowie in Zeiten des Personalmangels eine hervorragende Unterstützung. Der Herausgeber verweist darauf, dass die beteiligten Autor:innen im Gesundheitsbereich tätig waren. Das Buch führt in 10 Kapiteln in das Thema „Design Thinking“ ein:

  1. Den Alltag und das Erleben verändern
  2. Es geht um den Menschen
  3. Das Gesundheitswesen ist menschenzentriert
  4. So funktioniert Design Thinking
  5. Das Problem verstehen
  6. Bedürfnisse identifizieren
  7. Ideen generieren
  8. Ideen prototypisieren
  9. Prototypen testen
  10. Veränderung und Fortschritt als einzige Konstante

Im 2. Kapitel wird ein Fallbeispiel eingeführt; die Geschichte der Patientin Laura Ernst zieht sich zwecks Veranschaulichung durch das gesamte Buch. In diese Geschichte ist das gesammelte Wissen der Verfasser:innen eingebracht worden. Im 3. Kapitel wird problemorientiert die Schwierigkeit von Veränderungen im komplexen Gesundheitswesen erläutert, gefolgt von der theoretischen Grundlage des „Design Thinking“. Ab dem 5. Kapitel folgen anwendbare Methoden des Design Thinking entsprechend den fünf Schritten der Design Thinking Entwicklungszyklus. Am Ende der Publikation steht eine Reflexion der beteiligten Personen. Sie schildern e.u., was nach der Umsetzung geblieben ist und wie es den Beteiligten jetzt geht.

Inhaltlicher Überblick

Nach einem kurzen Problemaufriss wird im zweiten Kapitel ein Fallbeispiel beginnend bei der Notaufnahme vorgestellt. Aus der Notaufnahme wird ein Notfallzentrum, das für die Patient:innen schon ganz anders klingt. Die tagtäglich auftretenden Mängel sind allseits bekannt. Das Gesundheitswesen ist „speziell“ und komplex, mit großer gesellschaftlicher Verantwortung und Expertenorganisation in Silostrukturen. Zudem ist Innovation kein Bestandteil des Kerngeschäfts. Der Herausgeber kommt zum Schluss, dass das komplexe Gesundheitswesen speziell behandelt werden muss. Team- und Innovationskultur erhalten dabei eine zentrale Bedeutung. Dem folgt im dritten Kapitel die Darstellung des Design Thinking mit dem Lern- und Entwicklungsprozess: Problem verstehen – Bedürfnisse evaluieren – Ideen generieren – Prototypen bauen – Prototypen testen. Die Erfolgsfaktoren eines Design Thinking Projekts sind folgende acht Faktoren:

  1. Der Fokus braucht einen klaren Auftrag hinsichtlich des zu lösenden Problems.
  2. Diversität – Interdisziplinarität, interprofessionell und hierarchiestufenübergreifend
  3. Kulturwandel: Aufbau einer innovations- und kreativitätsfördernden Kultur
  4. Die Unterstützung der Beteiligten durch die Führung ist ausschlaggebend für eine erfolgreiche Umsetzung.
  5. Governance braucht regelmäßige Information der Entscheidungsträger
  6. Klare Projektstruktur und -planung
  7. Kreativer Arbeitsort und Kommunikationsplattform
  8. Erfolgsnachweis: Daten helfen Probleme, Thesen und Ideen zu plausibilisieren

Des Weiteren wird auch auf die personelle Besetzung im Projekt eingegangen, wobei die funktionale Begründung manchmal nicht ganz nachvollziehbar ist.

Entsprechend dem Lern- und Entwicklungsprozess des Design Thinking beschreibt der Autor anhand der 5W-Fragen das Problem. Als Methoden werden u.a. vorgestellt: die Problemformulierung, das Interview, die Beobachtung, die Datenanalyse bzw. Recherche bis hin zu den Kennzahlen.

Die Ursachenanalyse ist ein Tool, um die Probleme zu identifizieren; ein weiteres ist die Arbeit mit Persona sowie die Empathy-Map-Canvas und die Patient Journey, mit der das Patientenerlebnis im Verlauf dargestellt wird. Schließlich gilt es auch die Anspruchsgruppen darzustellen. Mit diesen Methoden kann man die Bedürfnisse der Patient:innen identifizieren.

Darauf aufbauend folgt die Phase „Ideen generieren“, die z.B. mit der „How might we …“-Methode angegangen werden kann. Alternativ kann das altbekannte „Brain Writing“ oder „Brain Storming“ eingesetzt werden. Dies kann auf einer „Inspiration Wall“ clusterartig zusammengefasst werden. Alle Elemente können anschließend für eine demokratische Bewertung durch die jeweilige Projektgruppe genutzt werden.

In Rollenspielen können in der nächstfolgenden Phase Ideen ausprobiert oder in Wireframes dargestellt werden. Auch Mock-ups zur Simulation von Benutzeroberflächen sind eine interessante Methode, ebenso das Business Model Canvas zur strukturierten Beschreibung von neuen Geschäftsmodellen. Auch kurze Videos können die Prototyping-Ideen einfangen. Schließlich können Prototypen auch simuliert werden.

Schließlich gilt es, die Prototypen zu testen, sei es im Sinne einer Simulation durch realitätsnahe Rollenspiele oder/und anschließend durch begrenzte „Reality Checks“. Eine teilnehmende Beobachtung, kollegiale Beratung oder die Befragung von Testpersonen können in der Entwicklung weiterhelfen.

In der nachfolgenden Reflexion wird klar, dass die einzige Konstante im Veränderungsprozess die Veränderung ist. Insbesondere aus der Sicht der Patient:innen lassen sich neue, wegweisende Erkenntnisse für das komplexe Gesundheitswesen gewinnen.

Diskussion

Aus vielen Erfahrungen im Bereich der Einführung von neuer Software kommend darf die Frage der Anpassung der Design Thinking Methode auf Dienstleistungsentwicklungen gestellt werden. Es braucht in der Entwicklung eines neuen Servicemodells zunächst ein fast fertiges Modell, das beim Ausprobieren zu einem erheblichen Prozentsatz bereits funktioniert und kleinere Fehler im Gehen beheben lässt. Die grundsätzliche Vorgangsweise des Design Thinking ist hilfreich, interessant und nachvollziehbar, ebenso die Anwendung der in der Publikation vorgeschlagenen Methoden. Bei den Personas wäre eine Kombination mit den Customer Journeys hilfreich. Deren Anwendung im Sinne einer Prozessanalyse erweist sich in der Praxis als sehr hilfreich und deutet auch in Richtung des Service Design, also der Dienstleistungsentwicklung – aus der Sicht von Kund:innen respektive Klient:innen – hin. Dieses Denken weg von der Kund:innenorientierung hin zur Ausrichtung auf die Kund:innenbedürfnisse aus der Sicht der Kund:innen verlangt von langjährigen Mitarbeiter:innen ein Umdenken.

Etwas eigenartig wirkt die Nennung des Herausgebers mit Text und Bild verbunden mit dem lapidaren Verweis auf weitere Autoren mittels Link.

Das Fallbeispiel eignet sich hervorragend entlang des Design-Thinking-Entwicklungsprozesses, da so die Anwendbarkeit für die Leser:innen gut gegeben und nachvollziehbar ist. Einzig das schnelle Testen bei der Softwareentwicklung scheint im Zuge der Entwicklung von Gesundheitsdienstleistungen mit etwas geringerer Geschwindigkeit angebracht. Schneller als bisher wäre machbar.

Das relativ schmal gehaltene Literaturverzeichnis weist hauptsächlich auf englischsprachige Literatur hin, was im Hinblick auf die Leser:innen nicht besonders „userfriendly“ ist. So bleibt nur den Leser:innen ausreichend Mut zu wünschen, um ein derartiges Projekt anzugehen.

Fazit

Man kann die Phasen des Design Thinking-Modells recht gut nachvollziehen und gedanklich umlegen. Wichtig ist, derartige Projekte auch selbst anzugehen oder mitzumachen. Noch mehr Impact in Richtung Service Design wäre mit weiteren Anwendungsbeispielen aus verschiedenen Abteilungen etwa in einem Krankenhaus zu generieren. Wenn dann noch deutschsprachige Literatur zum Nachschlagen dazukäme, wäre dies eine großartige Erweiterung der Publikation.

Rezension von
Prof. Dr. Paul Brandl
war Professor für Organisationsentwicklung und Prozessmanagement an der FH Oberösterreich, Department für Sozial- und Verwaltungsmanagement und ist Berater insbesondere für die prozessbasierte Optimierung und Neugestaltung von sozialen Dienstleistern
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Es gibt 115 Rezensionen von Paul Brandl.

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Zitiervorschlag
Paul Brandl. Rezension vom 07.07.2023 zu: Daniel Walker (Hrsg.): Design Thinking Hospital. Das patientengerechte Krankenhaus. Mit einem Geleitwort von Falk Uebernickel. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2022. ISBN 978-3-95466-754-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30148.php, Datum des Zugriffs 25.02.2024.


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