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Rolf Keller, Ulrich Frommberger u.a. (Hrsg.): Praxishandbuch Traumatherapie

Rezensiert von Dr. Jürgen Beushausen, 17.01.2023

Cover Rolf Keller, Ulrich Frommberger u.a. (Hrsg.): Praxishandbuch Traumatherapie ISBN 978-3-437-21581-0

Rolf Keller, Ulrich Frommberger, Joachim Graul (Hrsg.): Praxishandbuch Traumatherapie. Diagnostik, ambulante und stationäre Behandlung, Rahmenbedingungen und Anwendungsbeispiele. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2022. 592 Seiten. ISBN 978-3-437-21581-0. D: 49,99 EUR, A: 51,40 EUR.

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Thema

Mit diesem Praxisbuch wollen die Herausgeber eine Brücke zwischen Theorie und Praxis schlagen und einen therapieschulenübergreifenden Leitfaden und Material zur traumaspezifischen Diagnostik und der ambulanten und stationären Traumatherapie vorstellen. Zudem wollen sie eine praxisnahe Strukturierungshilfe für die Traumatherapie jeglicher Art bieten und Anregungen für weitere Forschungen und die Praxis im deutschsprachigen Raum geben.

Das umfangreiche Buch vermittelt ein valides Leitlinienwissen und informiert über die Methoden und Techniken, Rahmenbedingungen, Versorgungsstrukturen und Qualitätssicherung der Traumatherapie im gesamten deutschsprachigen Raum. Durch die vielen konkreten Handlungsempfehlungen, Anwendungsbeispiele und die zweispaltige prägnante Darstellung mit Kästen, Übersichten und einem umfangreichen Register unterstützt es die Traumatherapie. Es enthält zudem 30 (auch zusätzlich online verfügbare) Arbeitsblättern und Checklisten zur praktischen Durchführung einer Traumatherapie.

Zielgruppen der Publikation sind niedergelassene Ärzt*innen und psychologische Psychotherapeut*innen, Mitarbeiter*innen ambulanter und stationärer Einrichtungen mit traumatherapeutischem Schwerpunkt, die Mitarbeiter*innen von Beratungsstellen und nachsorgenden Einrichtungen, Kostenträger, weitere Fachleute des Gesundheitswesens und Patient*innen und Angehörige, die sich über Zugangswege, Ziele und Methoden ambulanter und stationärer Traumatherapie informieren möchten.

Herausgeber*innen und Autor*innen

Rolf Keller ist Psychologischer Psychotherapeut und arbeitet seit Sept. 2017 in einer eigenen psychotherapeutischen Praxis in Trier (Ruwer) mit Kassensitz/​KV-Zulassung. Zudem ist er als Dozent und Supervisor tätig.

Priv.-Doz. Dr. med. Ulrich Frommberger war Chefarzt der MEDICLIN Klinik an der Lindenhöhe, einer Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Offenburg und ist seit 2020 im Ruhestand. Er war der erste Präsident der DeGPT.

Dr. Joachim Graul ist Psychologischer Psychotherapeut und arbeitet in einer Praxis für Psychotherapie und Psychotraumatologie in Hamburg.

Fast alle der 20 Autor*innen sind Psychotherapeut*innen und Ärzt*, vier sind Vertreter*innen anderer Berufsgruppen.

Aufbau und Inhalt

Das 556-seitige Buch wird von der Arbeitsgruppe „Stationäre Traumatherapie“ der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT) herausgegeben. Es enthält nach der Einführung 6 Teile in 13 umfangreichen Kapiteln. Die Kapitel beinhalten jeweils zu Beginn eine Zusammenfassung, Kästchen, farbig gesetzte Tabellen, Praxistipps (z.T. auch Hinweise zu möglichen Nebenwirkungen). Wichtige Begriffe sind fett gedruckt. Das 41-seitige umfangreiches Literaturverzeichnis stellt der Verlag online zum Herunterladen zur Verfügung.

Im Folgenden werden die Inhalte und Themen der Beiträge kurz aufgeführt, kritische Aspekte werden erst im folgenden Gliederungspunkt benannt.

Das Buch beginnt mit einem Vorwort, mit fünfseitigen Auskünften über die Autor*innen und einem zehnseitigen differenzierten Inhaltsverzeichnis. Im ersten Teil des Buches wird ein kurzer Überblick über die Gliederung des Buches gegeben. Im kleinen zweiten Teil des Buches vermitteln die Herausgeber einen Überblick über die „Grundlagen der Traumatherapie“. Dieser Teil enthält Ausführungen über die geschichtliche Entwicklung der Traumafolgestörungen, der Klassifikation und eine sehr gute Übersicht über mögliche Komorbitäten.

Der umfangreiche dritte Teil mit dem Titel „Praxisempfehlungen zu Diagnostik und Therapie“ enthält im dritten Kapitel „Praxisempfehlungen zur Diagnostik bei psychischen Traumafolgestörungen“ und im vierten Kapitel Hinweise über besondere Aspekte der Traumatherapie. Thematisiert werden übergeordnete Behandlungsprinzipien, hierbei wird insbesondere die Bedeutung der therapeutischen Beziehung betont und in einer zweiseitigen umfangreichen Tabelle ein Therapieleitfaden zum Monitoring einer Traumatherapie vorgestellt. Im fünften Kapitel finden sich Ausführungen zur Psychopharmakotherapie.

Das sechste Kapitel beschäftigt sich mit psychotherapeutischen Behandlungsmethoden. Einführend wird ein Überblick gegeben. Vorgestellt werden zehn verschiedene therapeutische Verfahren. Diese Vorstellung beinhalten jeweils eine Begriffsdefinition, eine Beschreibung der grundlegenden Annahmen und des therapeutischen Vorgehens, Hinweise über empirische Wirkungsnachweise und ein Fallbeispiel. Dargestellt werden die Prolongierte Exposition, Kognitive Therapie für PTSD, Skilltraining zur affektiven und interpersonellen Regulation: Narrative Therapie, Cognitive Processing Therapy, Dialektisch-behaviorale Therapie – PTBS, Imagery Resgery Rescripting and Reprocessing Therapy, Eye Movement Desensitization and Reprocessing, Narrative Expositionstherapie, Psychodynamische imaginative Traumatherapie, Mehrdimensionale psychoanalytische Traumatherapie und die Brief Eclectic Therapy. Die Autor*innen verfolgen hier nicht den Anspruch eine vollständige Auflistung zu erstellen, sondern wollen beispielhaft bewährte Ansätze schildern, deren Wirksamkeit empirisch nachgewiesen wurde.

Das siebte Kapitel thematisiert die ambulante Traumatherapie mit einer Beschreibung der Indikation, der Zugangswege und Besonderheiten dieses Settings in der Einzel- und Gruppenbehandlung. Diskutiert werden Indikationen und Kontraindikationen, mit einem Verweis auf die Prüfung, ob allgemein eine ambulante Psychotherapie ausreicht oder ob eine Traumatherapie notwendig ist. Diskutiert werden zudem Vor- und Nachteile von Gruppenbehandlungen. Betont werden die Auswahl und transparente Planung geeigneter Methoden und Techniken gemeinsam mit den Patient*innen. Im Kapitel über die Gruppenbehandlung werden nicht nur die Vor- und Nachteile diskutiert, sondern auch beispielsweise Praxistipps für Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter zum praktischen Vorgehen vermittelt und die Gruppenregeln benannt.

Die Autor*innen des achten Kapitels beschäftigen sich mit übergeordneten Aspekten der stationären Traumatherapie. Thematisiert werden die Indikationen und Zugangswege und Wirkfaktoren. Erörtert werden auch die Behandlungsplanung und strukturelle Aspekte bei der Koordination der Angebote einer stationären Traumatherapie, ebenso wie interkulturelle Besonderheiten, die Psychohygiene im Team und Aspekte der therapeutischen Beziehung im stationären Kontext.

Im neunten Kapitel werden Methoden stationärer Traumatherapie erörtert. Hierzu gehören die Einzeltherapie im stationären Kontext, die supportive Behandlung durch Pflegedienst bzw. pflegerische Co-Therapie, die Psychoedukation in Gruppen, das Stabilisierungstraining in Gruppen, die Traumabearbeitung in Gruppen, das Training sozialer Kompetenzen, Entspannung und Achtsamkeit, Bewegungstherapie, Physiotherapie, Ergotherapie, Kunsttherapie, Musiktherapie und die tiergestützte Therapie.

Im vierten Teil des Buches werden im zehnten Kapitel die Versorgungsstrukturen ambulanter und stationärer Traumatherapie in Deutschland, Österreich und der Schweiz diskutiert. Abschließend wird die Rolle der stationären Traumatherapie in einer Versorgungskette analysiert. Das elfte Kapitel beschäftigt sich mit der Qualitätssicherung und dem Wirkungsnachweis der Traumatherapie im deutschsprachigen Raum. Deutlich wird, dass für die Autor*innen Empfehlungen für Standards zur Qualitätssicherung und -verbesserung sehr wichtig sind. Abschließend werden in einer mehrseitigen Tabelle Publikationen zur Evaluation von Traumatherapien benannt.

Im fünften kurzen Teil, dem zwölften Kapitel, werden Anwendungsbeispiele und exemplarische Wirkungsnachweise benannt, die online heruntergeladen werden können. In diesen Texten werden verschiedenste traumatherapeutische Angebote im deutschsprachigen Raum beschrieben. Das sechste Kapitel gibt im 13. Kapitel einen kurzen abschließenden Ausblick auf die zukünftige Therapielandschaft mit Überlegungen zur künftigen Rahmenbedingung der Versorgung, Empfehlung für die (Weiter-)Entwicklung traumatherapeutischer Behandlungskonzepte, Anmerkungen zum Bedarf an zukünftiger Forschung und Empfehlungen für einen Mindeststandard stationärer traumatherapeutischer Behandlungen. Hervorgehoben wird, dass das Versorgungsangebot sich auf vermutlich steigende Patientenzahlen einstellen muss und dass trotz einer schwierigen Versorgungssituation die Notwendigkeit für differenzierende Maßnahmen zur Verbesserung der Versorgungsstrukturen besteht. Umfangreich werden verschiedene Maßnahmen zur Verbesserung der Versorgungsstrukturen -prozesse vorgeschlagen (S. 474 f.). Diese reichen von einer niederschwelligen Frühintervention, mehr ambulanten Therapieangeboten insbesondere für komplex traumatisierte Menschen, einer Vielfalt von Behandlungsstrukturen, dem Ausbau des ambulanten und teilstationären Versorgungsangebots bis hin zu Empfehlungen für die Gesundheitspolitik und die Kostenträger. Dem schließen sich Empfehlungen über den Aufbau von Behandlungspfaden im Gesundheitswesen und zur Weiterentwicklung traumaspezifischer Behandlungskonzepte ebenso an, wie Überlegungen für zukünftige Forschungen.

Das Buch schließt mit einem umfangreichen Anhang mit Arbeitsblättern und einem 16-seitigen Register.

Diskussion

Sehr umfangreich und gleichzeitig differenziert und kompakt wird in diesem Standardwerk ein Überblick über die Traumatherapie geboten. Positiv ist z.B. die hohe Fachlichkeit der Autor*innen hervorzuheben und dass mehrfach die Bedeutung der Risiken und Nebenwirkungen thematisiert wird. Das Buch ergänzt somit systematisch unser Wissen über die Traumatherapie.

Vielfältige Themen werden behandelt. Gleichwohl soll angemerkt werden, dass bedeutsame Aspekte nicht thematisiert werden. Hierzu gehören z.B. mögliche Täteranteile der traumatisierten Menschen. Dies ist gerade bei komplex traumatisierten Personen ein bedeutsames, aber auch sehr konfliktreiches Thema (insbesondere im stationären Kontext). Hierzu findet sich in dem umfangreichen Buch nur eine kleine Anmerkung im Kontext der Thematik interkultureller Besonderheiten.

Aus einer systemischen Perspektive fehlt mir die Fokussierung des sozialen Kontextes. Es entsteht der Eindruck, als sei ein Mensch alleine traumatisiert. Nicht problematisiert werden die Folgen für die Angehörigen und deren sekundäre Traumatisierungen, die wiederum Einfluss auf die Behandlung der traumatisierten Person haben. Familientherapeutische Therapieansätze werden nicht vorgestellt.

Zudem wird auch die besondere Situation bestimmter Gruppen nicht thematisiert, dies sind insbesondere Flüchtlinge, JVA-Insassen, Obdachlose oder geistig eingeschränkte Menschen. Der Zugang dieser Personengruppe zur Traumatherapie wird nicht erörtert. Nicht thematisiert wird auch die Bedeutung der sequenziellen Traumatisierung im Umgang mit dem Trauma durch die Angehörigen oder Mitarbeiter*innen der Polizei und Behörden, Ärzt*innen oder auch durch die Situation in den Kliniken. Mir fehlen zudem Reflexionen über die Zusammenarbeit mit Angehörigen anderer Berufsgruppen, die ebenfalls mit diesem Personenkreis konfrontiert sind, z.B. in Frauenhäusern, im Jugendamt oder der Suchtkrankenhilfe.

Fazit

Den Leser*innen wird mit diesem Band sehr kompakt eine umfassende, sehr gut strukturierte Darstellung über die Traumatherapie geboten. Ärzt*innen und psychologische Psychotherapeut*innen, Mitarbeiter*innen ambulanter und stationärer Einrichtungen mit traumatherapeutischem Schwerpunkt und die Mitarbeiter*innen von Beratungsstellen und nachsorgenden Einrichtungen erhalten kompakt wichtige Informationen. Patienten und Angehörige sind hingegen m.E. in der Regel mit der Beschreibung der verschiedensten Methoden ohne spezielle Fachkenntnisse überfordert. Den Autor*innen ist eine sehr hohe Behandlungsqualität bei einer gleichzeitigen Differenzierung im Einzelfall wichtig. Deutlich wird, dass sie sehr an einer wirkungsorientierten Behandlung interessiert sind, die auch kritisch problematische Strukturen in der Behandlung benennt.

Rezension von
Dr. Jürgen Beushausen
studierte Soziale Arbeit und Erziehungswissenschaft und absolvierte Ausbildungen als Familientherapeut und Traumatherapeut und arbeitet ab 2021 als Studiendekan im Masterstudiengang „Psychosoziale Beratung in Sozialer Arbeit“ an der DIPLOMA Hochschule
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 17.01.2023 zu: Rolf Keller, Ulrich Frommberger, Joachim Graul (Hrsg.): Praxishandbuch Traumatherapie. Diagnostik, ambulante und stationäre Behandlung, Rahmenbedingungen und Anwendungsbeispiele. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2022. ISBN 978-3-437-21581-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30153.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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