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Jürgen Howaldt, Miriam Kreibich u.a. (Hrsg.): Zukunft gestalten mit Sozialen Innovationen

Rezensiert von Prof. Dr. Herbert Schubert, 15.12.2022

Cover Jürgen Howaldt, Miriam Kreibich u.a. (Hrsg.): Zukunft gestalten mit Sozialen Innovationen ISBN 978-3-593-51590-8

Jürgen Howaldt, Miriam Kreibich, Jürgen Streicher, Carolin Thiem (Hrsg.): Zukunft gestalten mit Sozialen Innovationen. Neue Herausforderungen für Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Campus Verlag (Frankfurt) 2022. 390 Seiten. ISBN 978-3-593-51590-8. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR.

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Thema

Im Format eines Sammelbands werden aktuelle Perspektiven auf soziale Innovationen aus dem Blickwinkel von Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erörtert. Ihre Bedeutung für die transformativen Herausforderungen der Zukunft – z.B. in den Bereichen der sozialen Gerechtigkeit, des Klimawandels oder der Bildung – sollen transparent gemacht werden. Der Fokus wird auf Aspekte der Innovationspolitik, den Stellenwert sozialer Innovationen für gesellschaftliche Transformationsprozesse, Fragen der Governance und Finanzierung, die Rolle der Fachdisziplinen und der Zivilgesellschaft sowie auf die Wirkungsmessung und die möglichen unbeabsichtigten Nebenfolgen gerichtet.

Soziale Innovation wird definiert als „eine von bestimmten Akteuren bzw. Akteurskonstellationen ausgehende intentionale, zielgerichtete Neukombination bzw. Neukonfiguration sozialer Praktiken in bestimmten Handlungsfeldern bzw. sozialen Kontexten, mit dem Ziel, Probleme oder Bedürfnisse besser zu lösen bzw. zu befriedigen, als dies auf der Grundlage etablierter Praktiken möglich ist“ (S. 27).

Herausgabe

Jürgen Howaldt ist Professor an der Fakultät für Sozialwissenschaften der TU Dortmund und leitet dort die Sozialforschungsstelle. Er blickt auf eine langjährige, prominente Forschungserfahrung zum Thema der sozialen Innovation zurück.

Miriam Kreibich nimmt eine Schlüsselposition bei der VDI/VDE Innovation + Technik GmbH sowie im Institut für Innovation und Technik (iit) in Berlin ein.

Jürgen Streicher ist Projektleiter bei JOANNEUM RESEARCH – POLICIES in Wien.

Carolin Thiem gehört der VDI/VDE Innovation + Technik GmbH in Berlin an und ist gegenwärtig als Expertin der Förderung von sozialen Innovationen an das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ausgeliehen.

Entstehungshintergrund

An der Publikation der 22 Beiträge sind 47 Autorinnen und Autoren beteiligt. Sie repräsentieren die Scientific Community, die im deutschsprachigen Raum zu den Fragen der Sozialen Innovation forscht. Ihre Kooperation fußt u.a. in der internationalen Zusammenarbeit zwischen dem Wiener Zentrum für Soziale Innovation (ZSI) und der Sozialforschungsstelle der TU Dortmund. Die gemeinsame „Vienna Declaration“ von 2011 fokussiert die Konzeptionierung und Umsetzung von sozialen Innovationen in Politikfeldern wie Bildung, Beschäftigung, Umwelt und Klima, Energie, Mobilität, Gesundheit und Soziales, Armut und nachhaltige Entwicklung. Dieser Ansatz bildet das Fundament der Publikation. Das ZSI und die Dortmunder Sozialforschungsstelle nehmen die Funktion der zentralen Knotenpunkte im wissenschaftlichen Netzwerk ein, das sich im vergangenen Jahrzehnt weiter ausgedehnt hat.

Aufbau

Der Sammelband ist in vier Teile gegliedert. Im ersten Teil „Stand und Trends“ wird ein Überblick über den Stand der Diskussion und über das neue Innovationsverständnis gegeben. Im zweiten Teil „Gesellschaftliche Felder“ wird die Thematik in verschiedenen (Politik-) Feldern unter der Lupe genommen. Im dritten Teil „Governance und Akteure“ wird die partizipative Grundanlage im Kontext der Rollen verschiedener Akteursfelder beleuchtet. Und der thematische Radius des vierten Teils „Rahmenbedingungen und Infrastrukturen“ reicht von Fragen zu intermediären Strukturen über Aspekte der Finanzierung bis hin zur Wirkungsmessung.

Inhalt

Jürgen Howaldt und Christoph Kaletka skizzieren zu Beginn in der Einleitung internationale Trends und die anstehenden Herausforderungen. Die Relevanz sozialer Innovationen als eigenständiger Innovationstyp ergebe sich aus einer „neuen Konfigurationen sozialer Praktiken“ unter dem systematischen Einbezug zivilgesellschaftlicher Stakeholder (S. 23 ff.). Die alleinige Konzentration auf wirtschaftlich-technologische Innovationen besäße nur ein „eingeschränktes Problemlösungspotenzial“, wenn diese nicht auch soziale Bedürfnisse befriedigten und gesellschaftliche Herausforderungen in Angriff nähmen. Deshalb wird auf einen erweiterten Innovationsbegriff gesetzt, der nicht nur technologische, sondern auch soziale Innovationskomponenten beinhaltet (S. 30). Vor diesem Hintergrund werden die Anpassung von Programmen der Innovationspolitik, die Bereitstellung geeigneter Infrastrukturen und Ressourcen gefordert.

Jakob Edler, Katrin Ostertag und Johanna Schuler setzen sich mit der Rolle sozialer Innovationen im Rahmen staatlicher missionsorientierter und transformativer Innovationspolitik auseinander. Eine transformationsorientierte Politik setzt breit auf der Systemebene an; bei der Missionsorientierung geht es hingegen um die engere Definition konkreter Ziele, die über eine Mobilisierung innovativer Ansätze im Alltag der Menschen erreicht werden sollen (S. 45). Inwieweit soziale Innovationen ein Hebel für die politische Gestaltung von Transformationsprozessen sein können, wird in dem Beitrag kritisch reflektiert.

Miriam Kreibich und Carolin Thiem betrachten am Beispiel der „Hightech-Strategie“ sowie neuerer Förderprogramme der deutschen Bundesregierung den Förderungskontext von sozialen Innovationen. Seit 2010 seien auch gesellschaftliche Bedarfe Gegenstand der Innovationspolitik und im Jahr 2021 sei dazu erstmals ein ressortübergreifendes Konzept vorgelegt worden, das soziale Innovationen als eigenständiges Innovationsparadigma auffasst (S. 63). Die Autorinnen verweisen auf die „fehlende Indikatorik“, damit die Erfolge der Förderung transparent gemacht werden können (S. 68).

Jürgen Streicher und Klaus Schuch skizzieren die Rolle der sozialen Innovationen in der Innovationspolitik Österreichs. Sie thematisieren dabei den Einfluss der Gründung des Zentrums für Soziale Innovationen (ZSI) im Jahr 1990 in Wien auf die österreichische FTI-Strategie (Forschung, Technologie und Innovation). Dennoch fehle es in Österreich an einem breiten Innovationsverständnis und an dem notwendigen politischen Engagement (S. 82).

Martina Schraudner und Fabian Schroth verfolgen die Frage, wie sich das Potenzial verknüpfter sozialer und technologischer Innovationen zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen nutzen lassen. Aus der Perspektive von drei Forschungsprojekten werden deren methodischen Prozessgrundlagen veranschaulicht: Im Blickpunkt stehen die Gestaltung, Vermittlung und Übersetzung von Innovationen in transdisziplinären Teams, vor allem aber auch die Kollaboration mit Teilen der Zivilgesellschaft und deren Beteiligung (S. 89 ff.). Es wird das Fazit gezogen, eine Verschränkung von sozialen und technologischen Innovationen eigne sich, den Wirkungsgrad zu erhöhen (S. 103).

René Lührsen, Laura Thäter, Johanna Mair und Thomas Gegenhuber wenden sich dem Denk- und Lernprozess der „Open Social Innovation“ zu, bei dem die Personen und Institutionen aus verschiedenen gesellschaftlichen Feldern und Umwelten am Innovationsprozess beteiligt werden, um gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen. Am Beispiel der Entwicklung einer Lösung auf die Covid-19-Welle im Frühjahr 2020 wird dargelegt, wie der gesellschaftliche Problem-Lösungs-Raum mit der Methode erschlossen werden könne (S. 110 ff.).

Julia Wittmayer, Sabine Hielscher, Friederike Rohde und Karoline Rogge beschäftigen sich mit sozialen Innovationen im Kontext der Energiewende. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf das transformative Potenzial sozialer Innovationen und deren Wechselwirkung mit der bestehenden institutionellen Ordnung. Danach erfordere die Gestaltung der Energiewende sowohl ein Zusammenwirken verschiedener Akteure als auch die soziotechnische Etablierung neuer Denk- und Handlungsweisen, was mit einem konsequenten Abbruch bestehender Routinen verbunden sei (S. 133 f.).

Doris Schartinger behandelt „grüne soziale Innovation“, die im Klimadiskurs ein breites Spektrum – exemplarisch von umweltfreundlicher Lebensmittelproduktion über Recycling, Sharing und urbanes Gärtnern bis zur Wiederherstellung von Ökosystemen – umgreife. Die Autorin betont das Empowerment durch aktive und kollaborative Rollen der Akteure, statt nur schwach und passiv an Innovationsprozesse angebunden zu sein. Sie warnt aber davor, mit sozialen Innovationen fehlende Politik zu kompensieren. Die Politik müsse deshalb eine vermittelnde Rolle im Bereich Umwelt und Klima einnehmen und konkret das Entstehen sozialer Innovationen auf der zivilgesellschaftlichen Ebene fördern (S. 148 ff.).

Benjamin Ewert erörtert soziale Innovationen für den sozialen Zusammenhalt am Beispiel des Community Health Nursing in Deutschland, das eine Neuverteilung zwischen „Community Health Nurses“ und ärztlichen Fachkräften beinhaltet. Im Blickpunkt steht dabei ein Paradigmenwechsel in der gesundheitlichen Primärversorgung, um den sozialen Zusammenhalt im neuen Beziehungssystem zwischen den Nurses und den betroffenen Menschen in einer veränderten Koproduktion zu stärken (S. 162 ff.).

Im Beitrag von Rolf G. Heinze geht es um soziale Innovationen in der Sozialwirtschaft, die als „intendierte und zielgerichtete Neukonfiguration sozialer Arrangements“ – getragen durch Aktivitäten von unten – verstanden werden (S. 173). Exemplarisch wird auf die Revitalisierung und die Expansion gemeinnütziger sozialer Wirtschaftsformen wie Genossenschaften und gemeinwohlorientierte Initiativen, aber auch auf kollaborative Netzwerke von öffentlichen, zivilgesellschaftlichen und privaten Akteuren in der Sozialwirtschaft Bezug genommen. Die Hybridität, dass soziales Engagement mit wirtschaftlicher Rationalität und neuen Formen der Vernetzung auf der lokalen Ebene verknüpft werde, sei ein Ausdruck der Innovation. Zugleich werden in dem Beitrag einerseits die Schwerfälligkeit, Kooperationsunwilligkeit und Veränderungsresistenz von Sozialorganisationen sowie andererseits die hohe staatliche Regulierungsdichte als innovationsverhindernde Faktoren aufgeführt. Insgesamt prognostiziert der Autor aber eine „schleichende Transformation des traditionellen deutschen Wohlfahrtsstaatsmodells“ (S. 184).

Gabriela Christmann greift soziale Innovationen in der regionalen Entwicklung – im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Entwicklung, dem Arbeitsmarkt, demografischen Veränderungen und mit der Daseinsvorsorge in strukturschwachen ländlich geprägten Regionen – auf. Exemplarisch wird die Bürgeraktiengesellschaft Regionalwert AG vom Kaiserstuhl bei Freiburg genannt, in der Akteure in der Wertschöpfungskette von der ökologischen Landwirtschaft über den Handel und die Lebensmittelverarbeitung bis zum Verbrauch in den Privathaushalten miteinander verbunden sind. Als fördernde Faktoren im Innovationsprozess werden genannt: das Schaffen von Räumen für Treffen und Austausch, der Erwerb von Spezialwissen, die Organisation moderierter kommunikativer Formate unter Beteiligung der Bevölkerung vor Ort, agile Akteurskonstellationen, die Akquisition von Finanzmitteln und Öffentlichkeitsarbeit (S. 194 ff.). Damit in allen peripheren Regionen soziale Innovationen generiert werden können, schlägt die Autorin die Institutionalisierung von „Kompetenzzentren für sozial innovative Initiativen in der regionalen Entwicklung“ in allen Bundesländern und die Einrichtung einer Online-Plattform „Innovative Lösungen auf dem Land“ vor (S. 201).

Katja Mayer, Stefanie Schürz, Barbara Kieslinger und Teresa Schäfer behandeln soziale Innovationen durch Partizipation in der Wissenschaft – insbesondere in Evaluationsprozessen – am Beispiel der Citizen Science. Sie listen dazu verschiedene Arten der Teilhabe von „Co-Forschenden“ auf (S. 211). Es wird empfohlen, in der Evaluation vermehrt partizipative Methoden einzusetzen, damit die Erwartungen und Interessen der Beteiligten hinreichend eingebunden werden können.

Die Autorinnen Annette Zimmer und Katharina Obuch fragen nach der Governance im Prozess der Entwicklung von sozialen Innovationen. Sie thematisieren die Unschärfe des Governancebegriffs und versuchen sie mit einem Überblick über unterschiedliche Governanceansätze auszuräumen. Was Governance im Kontext von sozialen Innovationen kennzeichnet, wird einerseits am Beispiel des Familienbüros der Stadt Münster veranschaulicht, das als One-Stop-Einrichtung konzipiert wurde, andererseits am Aktionsprogramm MAMBA erläutert, mit dem migrantische Menschen im Münsterland unterstützt werden, und drittens mit dem Lernförderkonzept „Lernkaskade“ des Vereins Chancenwerk dargelegt (S. 232 ff.). Die Autorinnen kommen zu dem Ergebnis, dass sich bisher kein stabiles Governance-Arrangement herausgebildet hat, innerhalb dessen soziale Innovationen nachhaltig abgesichert werden können.

Reinhard Millner und Peter Vandor rücken Social Entrepreneurship (SE) als Konzept in den Blickpunkt, mit unternehmerischen Mitteln gesellschaftliche Probleme zu lösen. Sozialunternehmerischen Aktivitäten wird eine hohe Bedeutung zuerkannt, mit innovativen sozialen Dienstleistungen gesellschaftliche Herausforderungen bewältigen zu können (S. 251). Die Autoren stellen Lücken im „Social-Entrepreneurship-Ökosystem“ In der Praxis fest. In den öffentlichen Förderprogrammen müsse daher das soziale Unternehmertum stärker berücksichtigt werden.

Liane Schirra-Weirich widmet ihren Beitrag der Bedeutung und Rolle der Hochschulen im Kontext sozialer Innovationen. Sie sehen sich einem Anspruch gegenüber, die wissens- und forschungsbasierten Grundlagen zu liefern, damit soziale Innovationen zur Bearbeitung gesellschaftlicher Herausforderungen entwickelt werden können. Vor diesem Hintergrund erklärt die Autorin die Hochschulen zu „Kristallisationsorten für soziale Innovation“ (S. 264) und trägt zusammen, was erforderlich sei, damit „schöpferische und evolutionäre Innovationsprozesse“ gelingen können. Exemplarisch hebt sie „S_inn“ hervor, das „Transfernetzwerk soziale Innovationen“ der Katholischen Hochschule NRW (KatHo) in Köln und der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen in Bochum. Im Zentrum dieses Netzwerks steht die „Agentur für Transfer und Soziale Innovation“, das verbunden ist mit sechs dezentralen „Innovation_Labs“ an mehreren Hochschulstandorten in Nordrhein-Westfalen. Als Themen werden bearbeitet: alternde Gesellschaft, Inklusion von Menschen mit Handicaps, Integration von Menschen mit einer Migrationsgeschichte und Segregation.

Eva Wascher beschäftigt sich mit dem Stellenwert von Kollaborationen wie Problemlösungskooperationen, sektorübergreifenden Partnerschaften und neue Netzwerke – d.h. intermediäre Strukturen – für soziale Innovationen. Solche „Zusammenarbeitsräume“, in denen sich Lernprozesse ereignen, seien sowohl als physischer und/oder virtueller Raum als auch als Organisationsform eine Grundbedingung für die Entwicklung neuer Praktiken und Institutionen in den Feldern der sozialunternehmerischen, zivilgesellschaftlichen, verwaltungs- und hochschulbezogenen sozialen Innovationen (S. 274 ff.). Die Autorin betont die wichtige Rolle von vermittelnden Personen und Institutionen (bridging agents) in dem Prozess (S. 281). Daher empfiehlt sie die Einrichtung intermediärer Labore und Zentren sozialer Innovation, damit Innovationsprozesse begleitend moderiert und methodisch gestaltet werden können.

Der Beitrag von Georg Mildenberger und Gorgi Krlev behandelt die Finanzierung von Sozialen Innovationen. Die bestehende Finanzarchitektur sei diesbezüglich nicht hinreichend aufgestellt, weil sie weder den gesamten Prozess noch den Bedarf nicht-marktorientierter Organisationen berücksichtige. Es werden auch nichtmonetäre Förderangebote vermisst, die beispielsweise den notwendigen Kompetenzaufbau unterstützen. Die oftmals vorherrschende Dominanz des kommerziellen Blicks verdecke den Blick auf soziale und ökologische Wirkungen, die das Hauptentscheidungskriterium sein sollten (S. 294). Vor diesem Hintergrund wird angeregt, die Finanzierungsquellen zu bündeln, statt zu fragmentieren, Synergien statt Wettbewerb zu fördern und mit staatlichen Ausfallgarantien (z.B. kommunale Bonds) der Unsicherheit im Entstehungsprozess von sozialen Innovationen entgegenzuwirken.

Judith Terstriep, Gorgi Krlev, Georg Mildenberger, Simone Strambach, Jan-Frederik Thurmann und Laura-Fee Wloka reflektieren, welchen Beitrag die Innovationsmessung leisten kann. Von Interesse sei dabei, ob sie erfolgreiche – d.h. nachhaltige und weit reichende – Beiträge zur notwendigen gesellschaftlichen Transformation leisten können. Für die Messung, ob soziale Innovationen die Gesellschaft nachhaltig transformieren, werden ein Rahmenmodell und seine Indikatoren vorgestellt (S. 314 ff.).

Stefan Böschen, Christoph Kaletka, Ralf Kopp, Peter Letmathe und Bastian Pelka skizzieren die Konturen einer Folgenabschätzung sozialer Innovationen. Sie nehmen Bezug auf die schon seit längerem verfügbaren Methoden der Technikfolgenabschätzung. Ein fundiertes Modell der Abschätzung von Folgen müsse erstens die Zeitperspektive sowie die damit verbundenen Pfadabhängigkeiten aufgreifen und zweitens die Ebenen der Ermöglichung, des Handelns und der Auswirkung differenzieren (Mikro-, Meso-, Makroperspektive). Exemplarisch wird das anhand der Digitalisierung in der Sozialwirtschaft umrissen (S. 333). Die Autoren leiten weitergehend Anforderungen an eine „Transformationsindikatorik“ der Folgenabschätzung ab (S. 337 ff.).

Susanne Giesecke stellt den Foresight-Ansatz am Beispiel sozialer Innovationen im Bildungsbereich vor. Durch den Einbezug wichtiger Akteuren aus der Zivilgesellschaft, aus Nichtregierungsorganisationen, sozialen Bewegungen und aus der sozialen Unternehmerschaft wird eine bessere Qualität der Bildung innerhalb des traditionellen Bildungssystems angestrebt, damit die Bildungseinrichtungen im Ergebnis zu „Orten für soziale Innovationen“ entwickelt werden können (S. 347). Mit der Foresight-Methode hat die Autorin Trends analysiert, die nach wirkungsmächtigen und Unsicherheit erzeugenden Entwicklungen differenziert werden. Sie berichtet, dass auf dieser Grundlage Zukunftsszenarien für den Bildungsbereich entstanden seien; diese habe sie anschließend in Szenario-Workshops mit interdisziplinärer Zusammensetzung vertieft. Das Verfahren biete einen Kontext, „um besser auf die Zukunft vorbereitet zu sein“ (S. 351). So seien beispielsweise verschiedene Rollen identifiziert worden, die Bildungseinrichtungen in der bevorstehenden Dekade spielen können.

Am Schluss des Sammelbands betrachten Florian Holzinger, Sybille Reidl, Helene Schiffbänker und Sarah Beranek die Gleichstellungspläne in Forschungsorganisationen als „gleichstellungsorientierte soziale Innovationen“, die zu neuen politischen, organisationalen und soziotechnischen Lösungen führen (S. 372). Sie seien ein Instrument sozialer Innovation, weil sie Veränderungen in Organisationen auslösen können. Allerdings müssen sie sich dazu von einem Top-down-Instrument zu einem partizipativen Verfahrensprozess weiterentwickeln.

Diskussion

Der Sammelband gibt einen eindrucksvollen Überblick über die aktuellen wissenschaftlichen Perspektiven auf soziale Innovationen und thematisiert, welche Bedeutung sie für die transformativen Herausforderungen im Rahmen einer Zukunftsvorsorge haben. In Anlehnung an Heisenbergs Unschärferelation liegt das Urteil nahe, dass eine Serie von Überblicksbeiträgen nicht tiefenscharf sein kann. In den Beiträgen werden quasi Abstraktionen vorgenommen, um markante oder als wesentlich erachtete Aspekte im Diskurs über soziale Innovationen hervorzuheben. Die Vielfalt der dabei tangierten Handlungsfelder und thematischen Perspektiven ist beeindruckend. Die Sammlung der Kernaspekte in den Feldern der sozialen Innovationsforschung leistet die Publikation überzeugend. Dabei bleibt aber zwangsläufig die Tiefenschärfe auf der Strecke, was den Konstruktionsprozess der einzelnen sozialen Innovation betrifft.

Die Ausgangsdefinition von Jürgen Howaldt, die soziale Innovation als zielgerichtete Neukonfiguration sozialer Praktiken auffasst, die von bestimmten Akteuren in spezifischen Handlungsfeldern mit dem Ziel ausgeht, Probleme besser zu lösen und Bedürfnisse besser zu befriedigen, als dies etablierte Praktiken leisten, zieht sich als roter Faden durch nahezu alle Beiträge. Auch das Verständnis im Beitrag des Autors Heinze fokussiert eine „intentionale Neukonfiguration sozialer Praktiken“ spezifischer Akteursgruppierungen „in bestimmten Regelungsfeldern“, um bestehende Herausforderungen sozialintegrativer zu bewältigen (S. 174). Etwas abweichend definiert die Autorin Christmann soziale Innovationen als neuartige Praktiken in Gestalt von Organisationsformen und Regulierungen. Und für den Bildungsbereich werden soziale Innovationen definiert als „neue Dienstleistungen (…); die ‚nichttraditionelle‘ Bildungsakteure einbeziehen“ (S. 346). Solche – hier nur exemplarisch aufgeführten – definitorischen Differenzen müssen bei der Rezeption selbst herausgearbeitet werden. Die Einleitung leistet keine systematische Aufarbeitung der verschiedenen definitorischen Annäherungen an soziale Innovationen. So betrachtet wäre statt einer kurzen Einleitung ein theoretischer Rahmenbeitrag wünschenswert gewesen. Dies betrifft auch die notwendigen gesellschaftlichen Transformationen, die in nahezu allen Beiträgen als Black Box angeführt werden, aber nicht weiter transparent gemacht werden. Auch unter dieser Perspektive wäre ein systematischer Überblick hilfreich, welche „neuen Herausforderungen für Politik, Gesellschaft und Wirtschaft“, wie es im Untertitel der Publikation heißt, in den nächsten Dekaden anstehen und welche sozialen Innovationen dafür erforderlich sind. Diesen Bedarf repräsentiert auch die Frage, was den Unterschied zwischen sozialem Wandel (längerfristige Veränderung) und sozialer Innovation (kurzfristige Veränderung?) markiert, die die Autorin Schirra-Weirich aufwirft. Solche terminologischen Schlüsselfragen hätten ebenso in einem einführenden Rahmenartikel aufgeklärt werden können.

Bei der Durchsicht der zitierten Literatur entsteht der Eindruck, bei der Community, die sich mit sozialen Innovationen beschäftigt, handele es sich um einen hermetisch abgeschlossenen Kreis. Die aufgeführte Literatur öffnet sich kaum zu interferierenden benachbarten Theoriefeldern. Wenn Kooperationen und Netzwerke „als zentrale Determinanten des Erfolgs sozialer Innovationen“ gelten (S. 311) und die intermediäre Vermittlung als eine Bedingung der Neukonfiguration von Praktiken dargestellt werden, dann sind enge Verbindungen zur relationalen Soziologie (Kollaborations- und Netzwerkperspektive) und zur soziologischen Praxistheorie (Verkettung sozialer Praktiken und materieller Artefakte zu Praxisformen) offensichtlich. (siehe z.B. socialnet-Rezensionen: Hilmar Schäfer [Hrsg.]: Praxistheorie, 2016 und Andreas Reckwitz, Hartmut Rosa: Spätmoderne in der Krise, 2021.) In diesem Zusammenhang hätte der erweiterte Innovationsbegriff, der Innovation in Verbindung von technologischen und sozialen Komponenten auffasst, in der Publikation durchaus prominenter ausgearbeitet werden können.

Wie vorzugehen ist, um soziale Praktiken gezielt neu zu konfigurieren, wird im Sammelband zwar nur teilweise angedeutet, aber in der Zusammenschau lassen sich solche Hinweise ansatzweise extrahieren – wie z.B.:

  • die soziotechnische Etablierung neuer Denk- und Handlungsweisen zur Vorbereitung;
  • die Betrachtung sozialer und technologischer Innovationen im Zusammenhang;
  • das Empowerment durch die Beteiligung im Rahmen kollaborativer Netzwerke von öffentlichen, zivilgesellschaftlichen und privaten Akteuren (mit moderierten kommunikativen Formaten und partizipativen Methoden);
  • die Verknüpfung von sozialem Engagement mit wirtschaftlicher Rationalität;
  • die Bereitstellung von Zusammenarbeitsräumen – sowohl als physischer und/oder virtueller Raum als auch als Organisationsform;
  • die Hochschulen als mögliche Kristallisationsorte in der Region;
  • die wichtige Rolle von vermittelnden Institutionen und die notwendige vermittelnde Rolle der Politik im Bereich Umwelt und Klima;
  • die Einrichtung intermediärer Labore und Zentren sozialer Innovation für die Begleitung der Innovationsprozesse.

Verunsichernd fällt bei der Rezeption eine uneinheitliche Schreibweise auf: Das Adjektiv „sozial“ wird in Verbindung mit dem Innovationsbegriff in vielen Fällen klein geschrieben: soziale Innovation. Aber in einige Beiträgen wird das Adjektiv „sozial“ substantivisch großgeschrieben. Der Term erhält dadurch den Charakter eines Eigennamens: Soziale Innovation. Wenn keine Vereinheitlichung im Rahmen des Redaktionsprozesses und des Lektorats möglich war, hätten die beiden Schreibweisen eine transparent nachvollziehbare Begründung erfordert.

Fazit

Der Sammelband gibt einen ausführlichen Überblick, welchen Stand die Forschungen über soziale Innovationen gegenwärtig erreicht haben. Das Innovationsverständnis wird auf einem hohen Syntheseniveau mit Blicken in verschiedene gesellschaftliche (Politik-) Felder dargestellt. Darüber hinaus werden Aspekte der Governance, der Akteurskonstellationen, der Rahmenbedingungen und Infrastrukturen, die bei der Entwicklung sozialer Innovationen eine Rolle spielen, ausführlich entfaltet. Für diejenigen, die sich mit der Thematik umfassend beschäftigen (möchten) – sei es in eigener Forschung, in Leistungsnachweisen an der Hochschule oder in der Praxis von NGO und zivilgesellschaftlichen Initiativen, stellt die Publikation eine Pflichtlektüre dar. Wer jedoch tiefenscharfe Hinweise sucht, welche Schritte notwendig sind, um eine soziale Innovation zu generieren, wird eher in Einzelfallstudien mit einem höheren Konkretisierungsgrad fündig. Aber es kann sich auch lohnen, solche Hinweise aus der Vielzahl der Beiträge des Sammelbandes zusammenzusuchen.

Rezension von
Prof. Dr. Herbert Schubert
Ehem. Direktor des Instituts für angewandtes Management und Organisation in der Sozialen Arbeit (IMOS) an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Technischen Hochschule Köln
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Zitiervorschlag
Herbert Schubert. Rezension vom 15.12.2022 zu: Jürgen Howaldt, Miriam Kreibich, Jürgen Streicher, Carolin Thiem (Hrsg.): Zukunft gestalten mit Sozialen Innovationen. Neue Herausforderungen für Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Campus Verlag (Frankfurt) 2022. ISBN 978-3-593-51590-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30157.php, Datum des Zugriffs 07.02.2023.


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