Heinrich Greving, Illona Hülsmann (Hrsg.): Gesprächsführung
Rezensiert von Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf, 27.12.2023
Heinrich Greving, Illona Hülsmann (Hrsg.): Gesprächsführung. Kommunizieren in psychosozialen Berufen.
Kohlhammer Verlag
(Stuttgart) 2023.
220 Seiten.
ISBN 978-3-17-036668-8.
32,00 EUR.
Reihe: Basiswissen Helfende Berufe.
Autor:innen
Heinrich Greving ist Erzieher, Diplom-Heilpädagoge und promovierter Erziehungswissenschaftler. Als Professor lehrt er Heilpädagogik an der Katholischen Hochschule in Münster.
Ilona Hülsmann ist Heilpädagogin sowie Trainerin und Beraterin in den Bereichen Führung, Kommunikation, Organisations- und Teamentwicklung.
Thema
Es existiert eine Vielzahl an (psycho-)sozialen, helfenden und pädagogische Berufen. Professionell helfende Tätigkeiten finden an etlichen Orten, zu unterschiedlichsten Zeiten, unter Nutzung vielfältiger Methoden und in Interaktion mit verschiedensten Menschen jedweden Alters und jedweder Ethnie statt. Doch ganz gleich, wo, wie, mit wem, wozu gearbeitet wird, gilt über alle Tätigkeitsbereiche hinweg, dass Gesprächsführungskompetenz essenziell ist. Sozialarbeitende, Heil- und Kindheitspädagog:innen, Erzieher:innen, Psycholog:innen u.v.m. arrangieren, animieren, informieren, beraten, und begleiten Klient:innen, deren Lebensführungs- und Bewältigungskompetenz es zu stärken gilt. Sprache ist das für die Interaktion und professionelle Hilfeleistung maßgeblich Medium. Da heil- und sozialpädagogische Arbeit ko-konstruktiv verläuft und weil pädagogische Settings sich zumeist durch eine hohe Komplexität und Nicht-Trivialität auszeichnen, müssen die dort tätigen Fachkräfte beständig daran arbeiten, mit ihren Klient:innen in Austausch zu gehen, Informationen zu vermitteln, diese zu erhalten und darauf basierend adäquat zu handeln. Wie das gelingen kann und welche Herausforderungen es mit sich bringt, beleuchten Heinrich Greving und Ilona Hülsmann in ihrem Buch.
Aufbau und Inhalt
Das 2023 in der Reihe „Basiswissen Helfende Berufe“ bei Kohlhammer erschienene Werk hat 131 Seiten und ist in 5 Kapitel unterteilt. Darüber hinaus finden sich ein „Ausblick“ und „nützliche Adressen“ im Buch. Im ersten Kapitel befassen sich die Autor:innen mit kommunikationswissenschaftlichen und -praktischen Grundlagen. Sie nehmen Bezug auf neurologische Forschungsergebnisse und schildern, wie Sprachverarbeitung im Gehirn stattfindet.
Auf die stete Ausweitung von Forschungsergebnissen rekurrierend machen die Autor:innen klar, dass die Verbindungen zwischen neurolinguistischen Ereignissen und sprachwissenschaftlichen Phänomenen heute besser verstanden und differenzierter betrachtet werden könnten als noch vor wenigen Jahrzehnten, wo primär mit psychologischen und soziologischen Modellen gearbeitet wurden (S. 13).
Diese Modelle, wie etwa der Konstruktivismus, seien aber weiterhin bedeutende Grundlagen, die es zu kennen gelten, um effektiv kommunizieren und Fehlkommunikation verstehen zu können. Denn wenn Kommunikationshandlungen immer eine konstruierte Realität zugrunde liegen, bedeutet das, dass diese Realität auch dekonstruiert und anders konstruiert werden kann (S. 21 ff.). Jedwedes Tun sei letztlich sozial eingebunden und primär von der Geschichte und Befindlichkeit der Gesprächspartner:innen abhängig (S. 22). Diesen Darlegungen an schließt sich eine Auseinandersetzung der Autor:innen mit den 5 Axiomen der Kommunikation von Paul Watzlawick. Diese werden ob ihrer Bedeutung für kommunikatives Handeln reflektiert. Ebenso setzen sich Greving & Hülsmann mit dem 4-Ohren-Modell von Schulz von Thun auseinander, das sie ebenfalls erklären. Die Autor:innen schildern, dass Kommunikation als „roter Faden“ des Lebens verstanden werden können und beschreiben divergente Kommunikationssettings im Sozial- und Gesundheitswesen, in denen kommunikative Achtsamkeit und Sensibilität für die eigene Art des Sprechens, Zuhörens und Beobachtens essenziell seien.
Damit Kommunikation gelänge, sei zunächst der Beziehungsaufbau (Rapport) von fundamentaler Bedeutung, schildern die Autor:innen. Von besonderer Relevanz sei dabei „die Wahrnehmung des Kommunikationspartners im Rahmen organisatorischer Kontexte“ (S. 44). Fragen wie die, wie sich das Gegenüber fühle, welche Ängste ggf. bestünden, welche Macht-, Nähe/Distanz- und Abgrenzungsprobleme sichtbar würden, seien zu stellen und zu reflektieren. Des Weiteren sei es probat, Fragen wie die folgenden zu reflektieren: Wodurch agiert das Gegenüber im Gespräch? Wie agiere ich selbst? Was ist die Motivation im Gespräch? Wie und wodurch erfolgt Wertschätzung im Gespräch? Wie offen und nicht-wertend trete ich dem/der anderen gegenüber (ebd.)? Neben der Notwendigkeit des Beziehungsaufbaus werden Fokussierung, Evokation und Planung als bedeutend für den Erfolg im Kommunikationsprozess hervorgehoben. Was das bedeutet und was die Autor:innen mit diesen Begriffen assoziieren, wird beschrieben.
Im zweiten Kapitel legen Greving & Hülsmann den Fokus auf die Bedeutung des Zuhörens. Sie machen deutlich, dass – und warum – zu schweigen ebenfalls ein bedeutender Aspekt von Kommunikationskompetenz ist, dass dies aber mitnichten gleichzusetzen sei mit Passivität, denn non-verbal könne und sollte zurückgespiegelt werden, dass dem Gegenüber aufmerksam zugehört wird. Zudem sei Schweigen auch bedeutsam, weil es signalisiere, dass das Gegenüber mit seinen/ihren Fragen, Problemen, Wünschen usw. im Mittelpunkt des Geschehens stehe – und nicht der/die Berater:in. Wie die „Hermeneutik des Hörens“ aussehen kann, wird dargelegt (S. 58 f.). Abgesehen vom Hören sei ferner auch das Sehen, das Beobachten von Umgebung und Körpersprache bedeutsam für gelingende Kommunikation, da über para- und nonverbale Kommunikation wichtige Informationen generiert werden, mit denen achtsam sehende Beratende arbeiten könnten. Auf was genau zwecks dessen der Fokus gelegt werden und wie bestimmte Handlungen, Gestiken, Mimiken etc. ggf. gedeutet werden könnten (aber nicht müssten), wird beschrieben.
Ebenfalls stellen die Autor:innen klar, dass Zuhören gelernt werden könne und dass es nicht immer selbstverständlich sei, dass Menschen dies gut beherrschen. Wie es gelernt werden kann, wird im Text anhand diverser zu reflektierender Fragen sowie mittels Beispielen und Aufgaben beschrieben (S. 75 ff.). Greving & Hülsmann heben hervor, dass Zuhören auch manipulativ eingesetzt werden könne. „Die Auseinandersetzung mit Machtfragen bezieht sich auch auf die Art und Weise, wie gesprochen wird bzw. wie sich Sprechen und Zuhören aufeinander beziehen“ (S. 80). Diesen Aspekt, die Bedeutung des Sprechens in der Kommunikation, beleuchten die Autor:innen im dritten Kapitel. Das Sprechen bilde „die Spiegelseite des Zuhörens“ (S. 81). Mit dieser Spiegelseite setzen sie sich systematisch auseinander, indem erläutert wird, was neurologisch und kognitiv passiert, wenn Menschen sprechen. Darüber hinaus gehen die Autor:innen im dritten Kapitel auf anthropologische Besonderheiten und Bedeutungen von Sprache ein (S. 87 ff.). Sie legen dar, was Sprache transportiere und was über den Sprachprozess signalisiert werden könne. Ferner geben Greving & Hülsmann einige Hinweise dazu, wie ein besseres Sprechen gelernt werden kann.
Im vierten Kapitel steht die interaktive Komponente der Kommunikation, das Führen von Gesprächen, im Zentrum der Aufmerksamkeit der Autor:innen. Sie legen zunächst ihre Grundannahmen dar, indem sie erneut auf die Bedeutung einer konstruktivistischen Sichtweise eingehen und die Bedeutung von Offenheit und Authentizität im Kommunikationsprozess verdeutlichen. Warum ist die angenehme Gesprächsatmosphäre so bedeutend? Wie kann eine solche gut hergestellt und beibehalten werden? Wie werden Gespräche gelingend geführt? Auf was ist dabei zu achten? Welche Gefahren bestehen und welche Möglichkeiten gibt es, mit Widerstand oder geringer Kooperationsfähigkeit des Gegenübers adäquat umzugehen? Solche Fragen werden thematisiert und praxisgerecht beantwortet.
Im fünften Kapitel skizzieren die Autor:innen verschiedene Handlungsfelder der Gesprächsführung und geben weitere Hinweis darauf, was beim Kommunizieren zu beachten sei. Sie stellen bezugnehmend auf Gordon (1970) 12 Aspekte vor, die Kommunikation erschweren oder gar blockieren könnten, darunter Anweisen, Befehlen, Ermahnen, Drohen, Belehren, Moralisieren und Beschämen, aber auch weniger intuitiv erscheinende Aspekte wie Diagnostizieren, Nachforschen, Aufheitern, Trösten und Sympathien äußern (S. 110 f.). Problematisch könne auch der „Wissensvorsprung“ der- oder desjenigen sei, der/die das Gespräch leitet, denn damit gehe eine Machtposition einher, aus der heraus es nötig sei, sich zurückzunehmen, „damit der andere in diesen Gesprächen sein und ihr Thema benennen und beschreiben kann“ (S. 111).
Im sechsten Kapitel wagen die Autor:innen einen Ausblick, indem sie nochmals reflektieren, welche Anforderungen und Herausforderungen sich aus dem ergeben, was sie auf den vorangestellten ca. 120 Seiten beschrieben und erläutert haben. Im Wesentlichen komme es darauf an, so schildern Greving & Hülsmann, willens und fähig zu sein, „im Antlitz des anderen Menschen seine und ihre Geschichte wahrzunehmen, um daraus Verständnisprozesse ableiten zu können“ (S. 125). Die achtsame Deutung und Bedeutungsaufladung von Informationen sei dabei von entscheidender Bedeutung. Die kommunikativen Hilfsmittel, welche die Autor:innen in ihrem Buch vorgestellt haben, könnten dazu beitrügen, dies zu meistern, erklären sie. Es gehe stets darum, einzelfallgerecht vorzugehen, Hypothesen zu hinterfragen, sich vor einem allzu schnelle Verstehen in Acht zu nehmen und dem Gegenüber keine vermeintlich fertigen Lösungen für wie auch immer geartete Probleme und Fragen zu präsentieren, sondern Handlungsalternativen aufzuzeigen und damit den Möglichkeitsraum zu erweitern. Das Buch schließt mit dem siebten Kapitel, in dem einige Adressen von Fort- und Weiterbildungsinstituten sowie von Verbänden und Vereinen aufgelistet sind, an die sich Leser:innen wenden können, die ihr Wissen zu Beratungs- und Kommunikationsprozessen systematisch erweitern wollen.
Diskussion
Was ist nun zu halten von dem hier vorgestellten Buch? Für wen ist es verfasst und inwieweit ist es lesenswert? Der Rezensent meint dazu folgendes: Das Buch ist in Folge der relativen Kürze und des Schreibstils problemlos an 1–2 Abenden durchzulesen. Es richtet sich primär an Fach- und Führungskräfte im Sozial-, Erziehungs- und Gesundheitswesen, kann aber auch in der hochschulischen Lehre Verwendung finden. Wer schon mehrere Bücher zum Thema Gesprächsführung gelesen hat, erfährt im Werk von Greving & Hülsmann nichts Neues. Für Menschen, die mit der Thematik noch kaum vertraut sind, kann die Lektüre indes erkenntnisreich sein. Ihnen kann das Buch empfohlen werden. Didaktisch positiv hervorzuheben ist, dass sich im Werk zahlreiche Aufgaben und Übungen finden, die Leser:innen die Möglichkeit bieten, das Gelesene einzuüben und durch praktisches Tun besser zu begreifen.
Ein Kritikpunkt ist aus Sicht des Rezensenten lediglich, dass das siebte Kapitel hinsichtlich der Auswahl von Fort- und Weiterbildungsinstituten und Verbänden arg beliebig anmutet. Es gibt hunderte solcher Organisationen in Deutschland und Österreich – und warum gerade der TÜV Nord nun als eines der Weiterbildungsinstitute herausgestellt wird, obgleich es Institute gibt, die weit stärker fokussiert sind auf Kommunikationsweiterbildungen, ist nicht nachvollziehbar. Das gleiche Bild zeigt sich bei der Auflistung von Vereinen und Verbänden, wo zahlreich Gesellschaften, die sich sehr engagiert mit Beratung befassen, ungenannt bleiben. Infolge dessen, dass Leser:innen Informationen zu solchen Institutionen heutzutage über eine simple Recherche im Internet schnell selbst finden können, scheint das siebte Kapitel dem Rezensenten schlichtweg überflüssig zu sein. Nichtsdestotrotz kann das Werk in der Gesamtschau als gelungen beschrieben werden.
Fazit
Greving & Hülsmann haben ein gut verständliches, einfach zu lesendes Buch verfasst, in dem diverse Handlungsfelder der Gesprächsführung im Sozial- und Gesundheitswesen skizziert werden und konkrete Beispiele die professionelle Gesprächsführung veranschaulichen. Menschen, die in professioneller Gesprächsführung erst wenig erfahren sind, können sich durch die Lektüre ein hilfreiches Basiswissen aneignen.
Rezension von
Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf
Sozialwissenschaftler, Diplom-Sozialarbeiter/-pädagoge (FH), Sozial- und Organisationspädagoge M. A., Case Management-Ausbilder (DGCC), Systemischer Berater (DGSF), zertifizierter Mediator, lehrt Soziale Arbeit an der IU Internationale Hochschule in Braunschweig.
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